Sex

Truthahn-Männer und Pony-Girls: Fetischisten sind die verantwortungsvolleren Sexpartner

Seit Jahrzehnten dokumentiert Katharine Gates obskure Nischen-Fetische. Sie hat uns erklärt, was #MeToo von der Kink-Community lernen kann.

von Matt Baume
31 Januar 2018, 5:00am

Eine Inflatable-Fetischistin | Foto: Mark McQueen | Alle Bilder stammen aus Deviant Desires von Katharine Gates, erschienen bei powerHouse Books

"Unglaublich außergewöhnlicher Sex" – so beschreibt die Autorin Katharine Gates den Inhalt ihres Buches Deviant Desires, das sie vor 18 Jahren veröffentlicht hat. Der Umschlag zeigt einen anzüglich grinsenden Clown, einen nackten Mann auf einem Ballon und eine Person auf allen Vieren mit High Heels und einem Pferdesattel. Drinnen erwartet dich eine sexuelle Traumwelt voller Roboter, Riesinnen, aufgeblähter Körper und vielem mehr.

Seit knapp zwei Jahrzehnten dient das Buch als eine Art anthropologischer Kompass, der selbsternannte Perverse, Experimentierfreudige und schlicht Neugierige mit Kinks und Neigungen bekannt macht, die sich die meisten Menschen in ihren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können. Aber auch sexuelle Geschmäcker befinden sich in einem ständigen Wandel und so hat Gates Ende 2017 eine aktualisierte und erweiterte Version ihres Buchs veröffentlicht. Darin gibt es neue Interviews mit ihren alten Gesprächspartnern und ein zusätzliches Kapitel über Kannibalenspiele – fingierte natürlich.

Vielleicht fragst du dich jetzt: "Wie sehr kann sich Sex in den vergangenen 20 Jahren schon verändert haben?" Ziemlich stark – und das haben wir vor allen dem Internet zu verdanken. 2000 hatte die Onlinewelt gerade erst begonnen, die westliche Gesellschaft zu durchziehen. Videos im Netz hatten meistens noch unterirdische Qualität und so etwas wie Social Media gab es kaum. Heute aber stellt der eigene Wohnort nicht länger ein Hindernis für sexuelle Erkundungstouren dar. Um selbst Videos oder Fotos zu produzieren und hochzuladen, braucht man kaum mehr als ein Smartphone, und selbst Menschen mit den obskursten Vorlieben finden im Internet leicht zueinander.

Die Mainstream-Debatte um Zustimmung und einvernehmliches Handeln beim Sex hat in den letzten Jahren einen Quantensprung gemacht.

Zusätzlich dazu hat die Mainstream-Debatte um Zustimmung und einvernehmliches Handeln beim Sex seit der ersten Veröffentlichung von Deviant Desires einen Quantensprung hingelegt. Gerade im vergangenen Jahr ist die Diskussion über korrektes und inkorrektes Verhalten beim Sex in den Mittelpunkt gerückt. Innerhalb der Fetisch-Community spielte Einvernehmlichkeit allerdings schon immer eine prominente Rolle. Selbst die ausgefallensten sexuellen Geschmäcker fußen auf einer Kultur der Achtsamkeit und Rücksichtnahme, in der kommuniziert wird, lange bevor die ersten Hüllen fallen.

Die überarbeitete Auflage von Deviant Desires nimmt diese Veränderungen auf und passt damit zeitlich perfekt in die aktuelle #MeToo-Debatte. Von den Fetisch-Gemeinschaften – egal, wie speziell sie auch sein mögen – können wir alle etwas lernen, wie Katharine Gates uns im Interview erklärt hat.

Foto: Ron H.

VICE: Woher stammt dein Interesse an der Fetisch-Community?
Katharine Gates: Ich war in den späten 1980ern und frühen 90ern in der Punkrock-Zine-Szene aktiv. Außerdem hatte ich in meinem Freundeskreis einen Haufen Sexarbeiterinnen, normale Freaks und Außenseiter. Um mein eigenes Magazin zu vertreiben, bin ich damals immer in diese kleinen Zine-Shops in New York gegangen. Viele dieser Läden hatten ganze Regale nur für Kink. Das waren Zines, die irgendeine Person über eine spezielle Leidenschaft gemacht hatte – zum Beispiel Frauen mit rasierten Köpfen, Ponygirls oder Sploshing.

Es gab zum Beispiel ein Zine mit dem Namen The Tickler, in dem es nur um Kitzeln ging. Oder es gab eines nur für Spanking, in dem du nichts als rote Pobacken gesehen hast. Durch die Sexarbeiterinnen in meinem Freundeskreis und weil ich selbst etwas Sexarbeit gemacht habe, hatten wir öfter mit Kunden zu tun, die sehr spezielle Anfragen stellten. Ein Typ wollte zum Beispiel eine nackte Frau, auf der wie beim Metzger in gestrichelten Linien die Fleischstücke eingezeichnet waren.

Immer wenn ich solche Geschichten mitbekam, wollte ich zwei Sachen wissen. Erstens: Was geht hier eigentlich vor und warum ist das für manche Menschen anziehend? Und zweitens: Ist das total exotisch und ausgefallen oder erscheint es nur als exotisch und ausgefallen und kann auch von Menschen nachvollzogen werden, die dieses Interesse nicht teilen? Oder anders formuliert: Gibt es etwas, das wir alle als Menschen in unserem erotischen Baukasten teilen?

Und hast du Antworten auf diese Fragen gefunden?
Ich glaube, wir sind alle darauf getrimmt, auf verschiedene Arten erregt zu werden – physisch, emotional und psychisch. Das können Dinge sein, die sich besonders anfühlen oder riechen, die mit Macht zu tun haben, mit Geborgenheit, Intimität oder Angst. All das können wir dazu verwenden, um eine erotische oder sexuelle Erfahrung zu intensivieren. Allerdings haben viele von uns das alles verdrängt, weil wir Angst davor haben, irgendetwas zu tun, das über den üblichen Genitalienkram hinausgeht, und wir plötzlich als komisch rüberkommen könnten. Ich habe daraus zum Beispiel gelernt, dass wirklich alles erotisches Material liefern kann.


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Haben dich irgendwelche Vorlieben trotzdem besonders überrascht?
Eine der Storys, die mich überhaupt erst auf die Idee zum Buch gebracht haben, kam von einer befreundeten Domina. Sie hatte einen Kunden, den sie nur den Truthahn-Mann nannte. Immer wenn er in ihrer Stadt vorbeikam, bestellte er sie zu sich ins Hotelzimmer. Dort zog sie ihn aus, fesselte ihn, steckte ihn in eine Kiste und sagte, dass sie ihn braten würde. Kurz darauf hatte der Truthahn-Mann dann einen Orgasmus. Ich fand diesen Wunsch, ein Thanksgiving-Truthahn zu sein, anfangs noch extrem einzigartig und speziell. War er vielleicht der einzige Mensch auf der ganzen Welt mit dieser Fantasie? Dank des Internets können sich die Truthahn-Männer auf dieser Welt aber leicht finden – selbst, wenn es insgesamt nur zehn gibt. Vielleicht bist du der einzige Truthahn-Mann in New York, aber dann gibt es noch einen in Australien und einen in Irland. Tatsächlich gibt es auf der ganzen Welt Truthahn-Männer und echte Gruppen, in denen sich über sogenanntes Cannibal Play, also Kannibalenspiele, ausgetauscht wird.

Wie sieht Cannibal Play konkret aus?
Das ist eine Szene, in der viele für andere Menschen in Essen verwandelt werden wollen. Sie wollen objektiviert werden und lassen sich dementsprechend zu einem Objekt transformieren. Dazu wollen sie intensiv begehrt werden, also wählen sie ein Objekt, das andere Menschen so gut finden, dass sie es verschlingen wollen. Sie wollen in eine kleine Kiste gesteckt werden, weil diese Form der Einengung für manche Menschen sehr aufregend sein kann. Vielleicht finden sie aber auch die Vorstellung erregend, in einem Kochtopf gegart zu werden – wie in einem Cartoon.

In meinem Buch geht es viel um Menschen, die quasi aus der Not heraus ihr eigenes pornografisches Material erschaffen. Viele von ihnen sind Künstler geworden, um die Bilder machen zu können, die ihre erotischen Bedürfnisse befriedigen.

Gibt es gefährliche und weniger gefährliche Arten, einem Fetisch nachzugehen?
Manche Vorlieben sind von sich aus schon gefährlich genug, um in jeder Spielart unsicher zu sein. Es gibt Menschen, die sich sehr nach dem Gefühl sehnen, extrem stark von einem schweren Gewicht gedrückt zu werden. Manche von ihnen wollen immer schwerere und schwerere Gewichte verwenden. Es gibt auch einen Kink dafür, sich vom Partner oder der Partnerin mit dem Auto überfahren zu lassen. Das ist etwas, das sich kaum sicher praktizieren lässt.

Was ist mit emotionalen oder ethischen Risiken?
Das ist gerade natürlich ein riesen Thema. Wir sprechen hier von Situationen, in denen Menschen nicht auf ein "Nein", "Bitte langsamer" oder "Bitte hör auf" gehört haben. Kommunikation und Aushandeln sollte im Vordergrund jeder zwischenmenschlichen Interaktion stehen. Meiner Meinung nach ist besonders deutlich geworden, dass die BDSM-Community dabei einen Vorbildcharakter hat.

Wenn du einen Kink für etwas hast, wie jemanden zu mumifizieren oder mumifiziert zu werden, dann wirst du mit der anderen Person darüber sprechen müssen. Was genau gefällt dir und was gefällt dir nicht. All das beruht auf dem Ethos des BDSM. Anders ginge das auch gar nicht. Damit BDSM und die Community funktionieren, kannst du nicht einfach getroffene Abmachungen verletzten – vor allem nicht, wenn du noch einmal mit der gleichen Person spielen willst, beziehungsweise überhaupt mit jemandem. Wenn du dich nicht an die Abmachungen hältst, war das vielleicht dein letztes Mal. Auf diese Weise hat die Fetisch-Community ein gewisses Gefühl für Verantwortung und Kommunikation entwickelt. Auch dort hat es Probleme damit gegeben, aber es wurde angesprochen, kommuniziert und sich ernsthaft damit auseinandergesetzt. In meinen Augen sollte das uns allen ein Vorbild sein.

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