Mindfulness? Eure Achtsamkeit muss man sich erstmal leisten können

Mal ganz bewusst eine Avocado befühlen oder ein Mandala malen: Moderne Entspannungstrends richten sich primär an privilegierte Menschen und sorgen oft für noch mehr Stress.

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24 Dezember 2017, 7:33am

Foto: Lena Bell | Unsplash | CC0

"Genieße die Hausarbeit!", "Akzeptiere Menschen, so wie sie sind. Auch dich selbst!", "Mach weniger, bemerke mehr!": Mindfulness ist der strahlende Stern am "Wie werde ich ein besserer Mensch?"-Himmel. Tipps zum besseren, entspannteren Leben gibt es in Zeitschriften wie der Cosmopolitan oder dem REWE-Magazin, sie haben es aber auch schon auf Tassen und Kalender geschafft.

Die Präsentation ist immer Instagramfilter-hip, gleichzeitig schwingt aber auch mit, dass es sich um uralte Prinzipien und Ansätze handelt, die euch dabei helfen sollen, euer Leben stressfreier zu gestalten. Stressfrei ist gut, gerade in Anbetracht der Tatsache, wie viele Menschen sich immer jünger ausgebrannt fühlen. Das Problem: Entspannt sein kann eben nur der, der es sich leisten kann. Das Versprechen von Stressbewältigung und Entspannung richtet sich an ein privilegiertes Zielpublikum.

Der Mindfulness-Begriff, der in den Medien herumgeistert, beruht zumeist auf der Definition von Jon Kabat-Zinn. Für den Wissenschaftler, der auch die Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) erfunden hat, bedeutet Mindfulness "auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein, bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen". Klingt ein wenig nach dem Heilpraktiker um's Eck? Nicht so verwunderlich, basiert doch auch Kabat-Zinns Begriff und Methode auf uralten Techniken aus anderen, vermeintlich exotischen Kulturen: Mindfulness hat ihre Wurzeln etwa im Hinduismus (Yoga), Daoismus (Qi Gong) und Buddhismus (Atemtechniken).

Heute kann man dank Kabat-Zinns Arbeit die Früchte fremder Kulturen nutzen, ohne sich intensiv mit ihren Theorien oder gar Regeln auseinandersetzen zu müssen. Wurzellos und auf Nützlichkeit reduziert, ist Mindfulness ein Begriff geworden, der mittlerweile als Mitarbeiter-Goodie gehandelt und Schwangeren zur Stressreduktion empfohlen wird. Außerdem lässt sich damit auch abseits von Entspannungsseminaren Geld verdienen. Sei es als lebensverändernder Terminplaner oder hipper Ratgeber in schönster Tumblr-Ästhetik.

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