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Meinung

Justin Timberlake ist jetzt offiziell uncool

Justin Timberlakes neue Single "Filthy" ist der aktuelle Tiefpunkt seines Abstiegs. Wie konnte das passieren? Hier sind vier weitere Stufen, die der Superstar auf dem Weg in die Wackness genommen hat.

von Yusuf Tamanna
08 Januar 2018, 11:44am

Foto: imago | Agencia EFE

Erinnert ihr euch an die Zeit, als Justin Timberlake noch als cool galt? In den Nullerjahren war er einer der größten Stars der Welt. Er hat gesungen, konnte ziemlich gut tanzen – und diese großartigen Songs! Ein Hit nach dem anderen. Aber mit der Zeit ist der Künstler, der einst als The Trousersnake bekannt gewesen ist, immer uncooler geworden. Seitdem er seine Pseudo-Jheri-Locken abrasiert hat und mit einem Seitenscheitel rumläuft, hat seine Coolness stetig abgenommen. Und jetzt, da er mit einem kurzen Teaser sein neues Album Man of the Woods angekündigt hat, ist er scheinbar endgültig bereit, in die Liga derer aufzusteigen, die "total ehrlich sind und denen es vollkommen egal ist, ob sie noch als cool gelten oder nicht."

Einst hat Justin gesagt, dass wir am Ende des Songs nackt sein würden ("And I’ll have u naked by the end of this song" aus Rock Your Body) und wir haben es ihm abgekauft. Jetzt ist er aber ein altmodischer Schleimer, der am 1. Mai mit dem Rest des Internets einen Ausschnitt aus dem Video zu "It’s Gonna Be Me" seiner ehemaligen Band N*Sync feiert, in dem er selbst zu sehen ist.

Das ehemalige Mickey Mouse Club-Mitglied hat in besagtem Album-Teaser nun nahegelegt, dass er sich auf seinem neuen Album thematisch mehr seiner Heimat zuwendet, im Videoclip streift er melancholisch durch Maisfelder und sagt, dass das Projekt sein bisher persönlichstes sei. Fast ein bisschen wie sein eigenes Lemonade – nur eben die billigere ... und weiße Version davon.

Ende letzter Woche ist mit "Filthy" die erste Single des Albums erschienen, der wir uns später zuwenden werden. Aber zuerst die Frage aller Fragen: Was hat dazu geführt, dass der "Cry Me A River"-Sänger so uncool geworden ist? Hier erklären wir es denen unter euch, die es immer noch nicht ganz nachvollziehen können, in fünf Schritten.


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Er hat sich nie bei Janet Jackson entschuldigt

Das Schlimmste, das Justins Glaubwürdigkeit passieren konnte, war, dass seine Fans aufgewacht sind und sich bewusst gemacht haben, welche gesellschaftlichen und strukturellen Vorteile er als heterosexueller, weißer Mann in den USA durch seine Karriere hinweg genossen hat. Es sind fast 14 Jahre vergangen, seitdem Timberlake vor den Augen Tausender Zuschauer und etlicher Kameras während der Halbzeitpause des Super Bowls 2004 Janet Jacksons Brust entblößt hat. Während Janet, eine schwarze Frau, daraufhin harsche Kritik erntete, kam die Karriere von Justin danach so richtig in Fahrt. Das People Magazine hat ihn sogar als ‘Teflon Man’ betitelt, weil nichts von dem "Nipplegate"-Skandal an seinem sauberen Image haften blieb. Schön, wenn man so privilegiert ist, oder?

Und nach all den Jahren hat Timberlake bis heute nicht den Mut dazu aufgebracht, sich bei Janet dafür zu entschuldigen, dass er sie damals damit im Grunde vor den Zug geschubst und dann einfach liegen gelassen hat. Selbst auf Twitter wird er in regelmäßigen Abständen dazu aufgefordert, sich endlich bei ihr zu entschuldigen. Das, was einer Entschuldigung am nächsten kam, war seine Aussage während eines Interviews mit MTV im Jahr 2006, in dem er zugegeben hat, zehn Prozent der Schuld dafür zu tragen, was passiert war: "Ich glaube, dass die USA mit Frauen härter ins Gericht gehen. Und ich glaube auch, dass die USA Menschen aus ethnischen Gruppen gegenüber besonders unfair sind."

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Er war nie wirklich von sich aus cool

Justins offensichtliche Aneignung aller Dinge aus der afro-amerikanischen Kultur ist durch seine Karriere hinweg gut belegt, vor allem, da das Internet keine seiner ehemaligen Modesünden sterben lassen will. Wie könnten wir seine Cornrows aus den N*Sync-Zeiten vergessen, oder als er für dieses Photoshooting einen Tommy Gear-Durag und einen schlecht sitzenden Trainingsanzug getragen hat? Später hat er mal beteuert, dass er seine Cornrows total bereut und sich wünscht, er hätte sie nie getragen. Das tun wir auch.

Es ist auch erwähnenswert, dass er seinen Erfolg als Solokünstler vor allem der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich bei Größen wie Timbaland, Pharrell Williams, JAY-Z und Beyoncé eingeschmeichelt und sich so die erste Zusammenarbeit mit Clipse zu "Like I Love You" geangelt hat. Erkennt ihr das Muster? Es hat mit der Zeit dazu geführt, dass Justin von einigen Leuten als Anhängsel bezeichnet wurde, das nur vom Talent anderer getragen wird.

Dieses eine Mal, als er gesagt hat, dass "wir alle Teil der Menschheit sind"

Als Künstler, der so gut wie seine ganze Solokarriere über von Kollegen wie Pharrell und Timbaland unterstützt wurde, hat Justin bewiesen, dass er sich erschreckend wenig bewusst ist, welchen Problemen schwarze Frauen und Männer in den USA jeden Tag durch strukturellen Rassismus begegnen.

Das wäre wohl auch niemandem aufgefallen, hätte Justin 2016 nach Jesse Williams’ emotionaler Rede bei den BET-Awards 2016 nicht einen bereits gelöschten Tweet rausgehauen. Jesse hatte darüber gesprochen, wie wichtig es sei, die schwarze Kultur zu beschützen. Als Justin tweetete, dass er Jesses Rede bewundere, und jemand daraufhin kommentierte, dass er sich mehrfach Dinge aus der schwarzen Kultur angeeignet habe, stellte Justin sich selbst bloß und antwortete darauf (statt einfach mal die Klappe zu halten) “realise that we are the same.” Genau!

Offensichtlich ist Ethnizität ein soziales Konstrukt, das benutzt wurde, um uns zu unterdrücken, zu trennen und pseudo-wissenschaftliche Stereotype zu verbreiten. Es soll uns glauben machen, dass wir nur auf der Grundlage unserer Hautfarbe anders sind, was einfach nicht stimmt. Im Alltag gibt es aber leider noch viel zu viele Vorurteile und die Menschen müssen das tagtäglich erleben. Justin tweetete daraufhin schnell eine Entschuldigung, in der nur wieder dasselbe wiederholte.

Er hat aufgehört, sexy zurück zu bringen

Justin gefällt uns am besten, wenn er einfach nur singt und nichts anderes macht. Man kann nicht leugnen, dass er uns so einige Megahits beschert hat, vom smoothen R&B seines Debütalbums Justified bis hin zu den härteren HipHop-Sounds und Dance-Beats auf FutureSex/LoveSounds. Jeder von uns war doch schon mal in einem Club und ist sofort auf die Tanzfläche gestürmt, als die ersten Töne von "Like I Love You" oder "Sexy Back" erklungen sind. Und genau deswegen tut es mir umso mehr weh, dass sein letzter richtiger Hit aus dem Soundtrack zum Kinderfilm Trolls stammt.

"Can't Stop the Feeling" ist ein Song, den niemand in seinem Leben braucht. Trotzdem gibt es ihn, und 2016 wurde er auf Mainstream-Radiostationen bis zum Gehtnichtmehr rauf und runter gespielt. Was ist mit den coolen Tanz-Choreographien passiert? Oder den beeindruckenden Videos? Es war aber nicht alles schlecht. Immerhin hat Justin den Song auf der größten Bühne der Welt performt, nämlich, ähm, beim Eurovision Songt Contest.

Dieser neue Song

Jetzt kommen wir zum neuen Album: die lang ersehnte Auskopplung seiner neuen Single "Filthy". Während im Teaser von Anfang letzter Woche angedeutet wurde, dass Justin seinen Sound und Image generalüberholt hat, klingt "Filthy" im Grunde genauso wie alle anderen JT-Songs aus den letzten zehn Jahren – R&B-Melodien gemischt mit Dance- und Funk-Fusion-Elementen. Er klingt ein bisschen so, als wäre Dubstep etwas ganz neues, und der Beat könnte ewig so weitergehen. Eine Zeile aus “Filthy” hat mich aber besonders fasziniert, und zwar "What you gonna do with all that meat?", die er total überzeugt singt. Sie erinnert mich an sein Comedy-Song "Dick in a Box" mit Lonely Island, nur dass er es diesmal ernst zu meinen scheint.

"Filthy", das von Justins langjährigen Kollegen Timbaland und Danja Hills produziert wurde, erinnert irgendwie an ein Überbleibsel aus der Zeit der Future Sex/Love Sounds-Sessions von 2006 und ist immerhin der Versuch, die Magie von damals zurückzubringen. Wie er das mit dem Versprechen von authentischerem Sound vereinbaren will, weiß ich nicht, aber da müssen wir wohl abwarten und erstmal mehr von dem neuen Album hören, um uns eine echte Meinung bilden zu können.

Im Musikvideo, das am selben Tag wie die Single veröffentlicht wurde, schlüpft Justin in die Rolle von Steve Jobs und präsentiert einen tanzenden Roboter, der auf der Bühne die anderen Tänzer erotisch antanzt. Es fühlt sich ein bisschen an wie die 2018-Version von Robbie Williams’ "Rock DJ", und das ist kein Kompliment, egal, wie man es sieht.

Ach Justin, was ist nur passiert?

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