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Angeln

Das ist ein Ding: Street Fishing

Weit entfernt von jeglicher Anglerromantik ziehen sie mit ihrer Angel durch die Häuserschluchten der Metropolen.

von Clarissa Wei
13 Juli 2017, 1:01pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Ich gehe durch die belebten Straßen von Paris, vor mir laufen zwei Franzosen stolz mit ihren Angeln in den Händen. Wir gehen an Patisserien und Antiquitätenläden vorbei und ernten neugierige Blicke. Am Canal Saint-Martin halten wir schließlich an. Dieser Kanal ist eine historische Wasserstraße aus dem 19. Jahrhundert, die sich durch den Nordosten der französischen Hauptstadt schlängelt und schließlich in die Seine mündet.

Heute ist das einer der beliebtesten Angelspots von Paris – inmitten der Stadt und dem dichten Verkehr, auf den Stufen des Kanals sitzen Jugendliche und rauchen. Auf dem Wasser schwimmt ein Stück Plastik und Fred Miessner, der mir heute die Stadt aus Anglerperspektive zeigt, wirft seine Angel aus. "Das hier ist kein Abwassersystem, sondern ein Fluss", meint er. "Hier leben Fische und vermehren sich."

Fred Miessner

Die fünftgrößte Stadt der EU auf den ersten Blick ein ziemlich ungewöhnlicher Ort, um Fische zu fangen. Doch Fische sind schon lange ein Teil der Geschichte von Paris. Schon die ersten Siedler waren Fischer und im 17. Jahrhundert lebten in der Seine mehr als 50 Fischarten, darunter auch Lachse. Sogar so viele, dass Lach der Legende nach als Armeleuteessen galt.

Irgendwann verschmutzten die Abwässer von Industrie und Landwirtschaft die Flüsse und Kanäle – die ursprünglich zur Trinkwasserversorgung der Städter angelegt wurden. Um 1900 waren die Lachse komplett aus den Pariser Gewässern verschwunden. 1995 gab es nur noch vier Fischarten: Aale, Rotaugen, Brassen und Karpfen.

Die Regierung pumpte 10 Milliarden Euro in die Säuberung der Pariser Gewässer. Und das hat funktioniert: Heute wimmelt es in der Seine nur so von Lebewesen, gut 32 Fischarten gibt es hier.


Auch im VICE-Netzwerk: Die 'Go-Zonen' von Paris


Anfang der Nullerjahre fiel Miessner, der Anglerzubehör verkauft, auf, dass immer mehr Fische in der Seine schwimmen. Und so entschieden er und seine Freunde sich spontan, ihr Glück beim Angeln in der Seine zu versuchen.

"Es war unglaublich: So viele Fische! Und sie waren so einfach zu fangen", erzählt er. Was als kleine Gruppe aus Anglern begann, entwickelte sich schnell zu einer eigenen Subkultur: dem Street Fishing.

Jeden Tag, so Miessner, sieht er mindestens einen Angler an dieser Stelle am Canal Saint-Martin. Heute haben mehr als 6.500 Pariser einen Angelschein. Beim Street Fishing machen vor allem junge Männer mit, die locker in Jeans und T-Shirt und mit einer kleinen Tüte mit Ködern herumlaufen – und damit vom Klischee der Angler mit Fischerhut und Anglerweste der Generation ihrer Eltern ab. Abgesehen von ihrer Angel sehen die Jungs vollkommen unauffällig aus und unterscheiden sich kaum vom Rest der Stadt.

Foto mit freundlicher Genehmigung der Autorin

"Anfangs hielten mich viele Leute für einen Trottel. Sie meinten, ich wäre komplett verrückt", erinnert sich Miesssner. "Doch mittlerweile geht das seit über zehn Jahren. Die Leute sind nicht mehr so überrascht."

Obwohl es viele Fische gibt, sollte man sie trotzdem nicht essen. Die Gewässer von Paris sind immer noch stark verschmutzt und die meisten Lebewesen sind verseucht mit Schwermetallen und PCB [polychlorierte Biphenyle].

Das ist manchen jedoch egal. Wie Miessner erzählt, neigen einige Einwohner von Paris, insbesondere aus den asiatischen und osteuropäischen Communitys, dazu, solche Hinweise zu ignorieren und den Fisch trotzdem zu essen. "Sie lieben einfach jeden Fisch, besonders Karpfen und Aal." Doch um die Fischbestände zu erhalten, setzen die meisten Stadtangler ihre gefangenen Fische wieder zurück ins Wasser.

"Wenn du den Fisch nimmst und isst, dann verschwindet er", meint Miessner, der in Umweltökonomik promoviert hat. "Es ist besser, den Fisch zu fangen, ein Foto zu machen und ihn dann wieder zurückzusetzen. Es ist ja so, dass wir [die Angler] die Pioniere waren, die gezeigt haben, dass die Fische zurück sind."

Zusammen mit Miessner und seinem Praktikanten verbringe ich eine gute Stunde am Kanal, doch kein Fisch beißt an. Einmal fangen wir beinahe einen Barsch, doch der kann wegschwimmen, bevor wir ihn einholen können. Es ist um die 30 Grad heiß heute, wenn es warm ist, schwimmen die Fische eher nicht an der Oberfläche.

Angeln am Canal Saint-Martin | Foto mit freundlicher Genehmigung von der Autorin

Doch es herrscht kein Mangel an Fischen: Deutlich kann ich von der Straße aus ihre Silhouetten im Wasser sehen. Im Kanal wimmelt es nur so vor Leben: Verschiedene Wasserpflanzen wachsen am Rand, die Libellen schweben tänzelnd über dem Kanal. Miessner erzählt, dass er oft Krebse sieht. Die Flora und Fauna der Seine ist in der Tat ziemlich robust.

Im Januar 2015 hat die Stadt den Kanal leergepumpt, die Fische kurzzeitig umgesiedelt, den ganzen Müll entfernt und den Kanal dann wieder mit Wasser gefüllt.

"Einen Monat später sahen wir, wie das Leben wieder blühte" , erzählt Miessner.

Die Reinigung der Gewässer ist eine kontinuierliche Aufgabe. Die Stadt hat vor Kurzem verkündet, dass sie es bis 2024 schaffen will, dass man in der Seine schwimmen kann. Ob das auch bedeutet, dass die Fische dann essbar sind, wurde jedoch nicht gesagt.

Ich frage Miessners Praktikanten Hugo Philippon, ob er schon mal Fische aus dem Fluss gegessen hat. Er wird rot.

"Einmal", gesteht er. Er wechselt schnell das Thema und betont, dass es nicht darum ginge, die Fische zu essen, sondern um den Prozess als solches. Für viele Pariser Angler ist ihr Sport auch eine Art Meditation. Inmitten der hektischen Stadt treten sie so mit der Natur in Verbindung.

"Das ist dein Augenblick. Er gehört dir allein", sagt er.

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