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Flüchtlingsboote

Alibaba und die vielen Flüchtlingsboote

Die chinesische Handelsplattform 'Alibaba.com' bietet unter dem Suchbegriff "Refugee boat" Schlauchboote an. Die EU hat China bereits Anfang Mai gebeten, den Export zu stoppen.

von Paul Donnerbauer
10 Juli 2017, 5:15am

Screenshot via alibaba.com

Es sind Firmen wie Dama Yacht, Hider Boat Factory und Zhejiang Anji Huayu Boat Development, die Schlauchboote wie das "High Quality Refugee Boat", das "Inflatable Rescue Refugee Boat" oder das "28ft Safety Assurance Refugee Boat" über das chinesischen Online-Händlerportal Alibaba.com feilbieten. Die Boote werden natürlich nicht nur dort verkauft, sie finden sich auch auf den offiziellen Homepages der Firmen – aber zumindest ist dort nicht von Flüchtlingsbooten die Rede.

Zwischen 170 und 1.150 US-Dollar kostet ein Boot, abhängig von der Stückzahl und Größe. Versandkosten sind inbegriffen. Zur Grundausstattung fast aller auf Alibaba.com unter dem Suchbegriff "Refugee Boat" angebotenen Schlauchboote gehören ein Paar Ruder, ein Sitz aus Sperrholz, ein Reperaturkit und eine Fußpumpe.

Optional können noch Schwimmwesten, faltbare Anker, ein Sonnenschutz oder ein stabilerer Boden aus Sperrholz oder Aluminum, anstatt des serienmäßig verwendeten PVC-Bodens, vom Kunden bestellt werden.


Auch bei VICE: Europe or die – gestrandet auf Kos


Die Kunden sind neben privaten Käufern aus aller Welt auch Schlepper aus Libyen, wie aus einem im Februar 2017 von WikiLeaks veröffentlichten, geheimen EU-Dokument hervorgeht. Laut dem Bericht über die EU-Mission "Sophia" im Mittelmeer werden von den Schleppern in Libyen zu gut einem Drittel Holzboote und zu zwei Dritteln Plastikschlauchboote verwendet.

Die Holzboote kommen dabei vor allem westlich von Tripolis zum Einsatz und werden von libyschen Fischern zu Verfügung gestellt oder aus Tunesien und Ägypten importiert. Östlich von Tripolis werden hingegen meist die wesentlich gefährlicheren, chinesischen Schlauchboote eingesetzt, die über Malta und die Türkei nach Libyen gelangen.

"Berichte über aus China importierte Gummiboote, die in Malta und der Türkei umgeladen werden, werden durch 20 verpackte Gummiboote gestützt, die der maltesische Zoll kürzlich in einem für Misrata/Libyen bestimmten Container abgefangen hat", heißt es in dem EU-Bericht. "Da es keine rechtlichen Gründe für ein Zurückhalten einer solchen Sendung gibt, wurde die Auslieferung an den Empfänger freigegeben." Tatsächlich handelt es sich bei der östlich von Tripolis gelegenen Küstenstadt Misrata um einen Dreh- und Angelpunkt von Flüchtlingen in Libyen und damit auch der Schlepper.

Screenshot via Alibaba.com

Dass Schlauchboote von libyschen Schleppern über Länder der Europäischen Union aus China importiert werden können und die Behörden dagegen machtlos sind, die EU gleichzeitig aber eben diese Boote in Libyen mit UN-Mandat bombardieren will, ist wohl nur eine der vielen Absurditäten der Mission "Sophia".

Trotz der über 2.100 Menschen auf der Flucht, die seit Jahresbeginn im Mittelmeer ertrunken sind, werden die Schlauchboote auf Alibaba.com weiterhin verkauft und beworben. "Der aufblasbare Schlauch ist in mehrere Kammern unterteilt. Geht eine der Kammern kaputt, garantieren die anderen genug Auftrieb. Selbst wenn zwei Kammern nebeneinander kaputt gehen, hat das Boot noch genug Auftrieb", heißt es in einer der Beschreibungen eines "Refugee Boat" auf Alibaba.com.

In einer weiteren Beschreibung erfährt man, dass das Boot gut gegen eventuelles Sinken gerüstet sei: "Selbst wenn das Boot maximal beladen und mit Wasser voll gelaufen ist, kann es immer noch auf dem Wasser schwimmen."

Die Verkaufsmotivation scheint jedenfalls klar: Einem Bericht von Malta Today zufolge wurden allein zwischen den Jahren 2012 und 2016 5.092 Schlauchboote mit einem Gesamtwert von 1,3 Millionen Euro nach Malta exportiert.

Doch nicht nur Flüchtlingsboote, auch Zelte mit UNHCR-Aufdruck und Containerhäuser für Refugees werden auf Alibaba.com angeboten und in die ganze Welt exportiert, wie Export-Daten, die das Unternehmen selbst veröffentlicht, zeigen.

In Europa sollen zumindest nach Deutschland, Großbritannien, Belgien, Portugal und Spanien Containerhäuser geliefert worden sein, die zwischen 30 und 100 US-Dollar pro Quadratmeter kosten. So soll etwa von der gleichen Firma zuerst Ende März 2016 eine Bestellung für Kosten im fünfstelligen Bereich nach Deutschland (29. März 2016) und Belgien (30. März 2016) geliefert worden sein und wenige Tage später eine weitere Lieferung im sechsstelligen Bereich ebenfalls in Deutschland (8. April 2016) und Belgien (7. April 2016) gelandet sein. Wer die Adressaten der Sendungen waren, ist nicht bekannt.

Screenshot via Alibaba.com

Nach Deutschland – ebenso wie nach Spanien (20. Oktober 2015), Österreich (19. Dezember 2015), Italien (sechs Sendungen zwischen 2. März 2015 und 15. Juni 2017) und Belgien (drei Sendungen zwischen 22. April 2015 und 8. Oktober 2015) – sollen laut Alibaba.com am 2. März 2015 mehrere Hundert Zelte mit der Aufschrift "UNHCR" geliefert worden sein. Auch in diesen Fällen wird von Alibaba.com kein Adressat angegeben.

Im Falle der aus China nach Libyen importierten Schlauchboote für die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer soll die EU nun aber erste Schritte zur Unterbindung dieses Handels unternommen haben. Laut Reuters hat Dimitris Avramopoulos, EU-Migrationskommissar, Anfang Mai in Peking den chinesischen Sicherheitsminister Guo Shengkun um Hilfe beim Kampf gegen in China fabrizierte Schlepperboote gebeten.

"Die Gummiboote, die von Schleppern im Mittelmeer eingesetzt werden, werden irgendwo in China prodzuziert", so Avramopoulos. "Also ersuche ich die chinesischen Behörden um Unterstützung und Kooperation, um diese Unternehmen aufzuspüren und auseinanderzunehmen, denn das, was sie produzieren, dient nicht dem Gemeinwohl dieses Landes. Es ist ein sehr gefährliches Werkzeug in den Händen rücksichtsloser Schlepper."

Klar ist aber auch, dass mit einem reinen Vertriebsverbot von Schlauchbooten das Sterben im Mittelmeer wohl nicht beendet werden kann. Was es braucht, sind legale Fluchtrouten nach Europa, die mittlerweile nicht mehr nur von Aktivisten, NGOs und Flüchtlingsorganisationen gefordert werden, sondern etwa auch der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofes, Paolo Mengozzi, einmahnt.

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