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'FukTopia': Berliner Indie-Entwickler muss hilflos zusehen, wie seine Arbeit auf Steam plagiiert wird

Seit drei Jahren bastelt Stephan Hövelbrinks an seinem Videospiel "Death Trash", bis er plötzlich seine Ideen und Grafiken in einem anderen Spiel auf Steam wiederfindet – geklaut. Eine richtige Chance auf Gerechtigkeit hat er aber wohl nicht.

von Dominik Schott
05 März 2018, 1:28pm

Bild: Screenshot | Death Trash | crafting legends

Hinter Stephan Hövelbrinks liegen nervenaufreibende und anstrengende Tage. Der Berliner Indie-Entwickler arbeitet seit 2015 an seinem noch nicht veröffentlichten Videospiel namens Death Trash, ein Rollenspiel in einer heruntergekommenen, post-apokalyptischen Welt. Fast täglich dokumentiert er seine Fortschritte vor allem via Twitter und hat sich damit innerhalb der letzten drei Jahre eine engagierte Community aufbauen können: Die neuesten Screenshots von Death Trash werden regelmäßig hundertfach geteilt, der detailreiche Pixel-Stil scheint den Geschmack der Spieler zu treffen.

Der Art Style von Death Trash strotzt vor Details – trotz der groben Pixel-Optik | Bild: Screenshot Death Trash | crafting legends

Nun allerdings musste Hövelbrinks feststellen, dass diese Transparenz auch ärgerliche Nachteile mit sich bringen kann. Sein Fall demonstriert klaffende Lücken im Steam-System – und zeigt, wie Nachwuchsentwickler dreisten Plagiaten anderer Studios hilflos ausgeliefert sind: "Jemand hat mich auf Twitter darauf hingewiesen, dass es ein Spiel auf Steam gebe, dessen Stil meinem recht ähnlich sei", – so schildert der Indie-Entwickler gegenüber Motherboard, wie er über das schon zum Verkauf stehende Spiel FukTopia stolperte, das Erstlingswerk eines bis dato unbekannten Entwicklerteams namens FreeMinds.

Hövelbrinks staunte nicht schlecht, als er das Spiel fand: Zwar ist FukTopia kein Rollen-, sondern ein simples Prügelspiel, doch davon abgesehen sind eklatante Ähnlichkeiten zu Death Trash nicht von der Hand zu weisen: Der Grafikstil ist überaus ähnlich, einzelne grafische Hintergründe wurden offenbar direkt übernommen, die Spielbeschreibung fast komplett von Death Trash kopiert und der Name des Spiels, FukTopia, ist gleichzeitig auch der Name einer großen Stadt in Hövelbrinks post-apokalyptischer Spielwelt. Kann das also wirklich noch Zufall sein?

Die Copycat-Entwickler bleiben uneinsichtig

"Was immer ihr tut, seid nicht so scheiße wie diese Leute", ärgert sich Hövelbrinks auf Twitter und stellt die plagiierten Szenen gegenüber. Kurz darauf ändert FreeMinds die Spielbeschreibung von FukTopia kommentarlos ein wenig ab. Trotzdem entschließt sich der Berliner Indie-Entwickler dazu, die Macher auf die erstaunlichen Übereinstimmigkeiten anzusprechen. Er schreibt im Community-Hub von FukTopia, einer Art öffentlich einsehbarer Pinnwand, an die Entwickler und bittet sie darum, ihr Spiel umzubenennen.

Kurz darauf erhält er eine Antwort von FreeMinds in gebrochenem Englisch, die sich nicht etwa reumütig oder entschuldigend, sondern vielmehr vorwurfsvoll liest: "Als wir uns für einen Namen entscheiden mussten, haben wir zuerst mal Google gecheckt. Dort haben wir über 11,500 Ergebnisse (für FukTopia) gefunden [aus Deutschland sind es nur 1800, d.Red.]. Death Trash hat sich diesen Namen also nicht ausgedacht (...) oder war es womöglich etwa doch so, dass dein Spiel das Wort erschaffen und 11,500 mal von Anderen kopiert wurde?"

Wie FreeMinds selber stolz erklären, zeigt ihr Spiel deutliche Ähnlichkeiten zu einem weiteren Indie-Titel namens "Mother Russia Bleeds". Deren Entwickler fühlen sich allerdings von den auffälligen Gemeinsamkeiten geehrt. | Bild: Screenshot | Freemind Games

Außerdem holt sich FreeMinds von unerwarteter Seite Rückendeckung — nämlich von einem anderen Entwicklerteam, das ebenfalls bereits auf FukTopia aufmerksam geworden ist, weil FreeMinds auch von ihrem Spiel namens Mother Russia Bleeds Elemente kopiert und übernommen hat. Für diese Entwickler seien diese Ähnlichkeiten aber keine Probleme, wie Freeminds gegenüber Hövelbrinks erklärt: "Einer der Entwickler von 'Mother Russia Bleeds' kontaktiere uns vor Monaten und sagte, dass er unser Projekt mag und wir gerne so weitermachen können", erklärt das Team stolz. Die Entwickler von Mother Russia Bleeds betrachten die Gemeinsamkeiten von FukTopia nicht etwa als Ideenklau, sondern als eine Art Hommage — das bestätigen sie auch noch einmal gegenüber Stephan Hövelbrinks via Twitter.

Auch andere Gamer, teils Twitter-Follower von Hövelbrinks, teils zufällige Beobachter des Vorfalls, schalten sich in die Diskussion auf Steam ein. Viele schließen sich dem Wunsch des Death Trash-Machers an, dass der Spielname des kopierten Spiels geändert werden soll — doch FreeMinds bleiben weiterhin uneinsichtig: Sie verweisen immer wieder auf die schiere Anzahl an Fuktopia-Nennungen in den Google-Suchergebnissen und ignorieren ansonsten die Argumente von Hövelbrinks. Schließlich bieten sie dem Berliner Indie-Entwickler absurderweise sogar die Zusammenarbeit an.

Motherboard hat wiederholt versucht, mit FreeMinds in Kontakt zu treten und mehr über deren Perspektive auf diese Diskussion zu erfahren, doch unsere Anfragen wurden bisher ignoriert.

Das Problem hinter der dreisten Kopie: Die Vertriebsplattform Steam entscheidet im Zweifel gegen die Opfer

Doch für Hövelbrinks geht es um noch mehr, als "nur" das Problem eines möglichen Ideenklaus: FukTopia wird bereits für rund 15 Euro verkauft, verdient also mit Teilen der Arbeit des Indie-Entwicklers Geld. Noch dazu, so erklärt Hövelbrinks via Twitter, befürchte er nun, dass unzufriedene Käufer von FukTopia sein Spiel mit der Copycat in Verbindung bringen könnten — und womöglich das Original für den Klon halten. Wie viele Menschen das Prügelspiel bisher gekauft haben, ist für Motherboard nicht einsehbar.

Stephan Hövelbrinks ist nun in einer Sackgasse gelandet: Da FreeMinds sein Spiel nicht zu 100% identisch kopiert haben, kann er das Beschwerdeformular, das die Vertriebsplattform Steam für solche Fälle bereitliegt, nicht gebrauchen. Denn dass große Teile eines Designprozesses einfach plagiiert wurden, dafür sehen Steams Regeln keine Konsequenzen vor.

"Ein schwerer Schlag für die Moral"

Der Indie-Entwickler ist mehr oder weniger machtlos, seine Beschwerden geltend zu machen und zieht daraus die Konsequenz, den Entwicklungsprozess seiner künftigen Projekte nicht mehr derart transparent zu machen. Außerdem ändert er den Namen seiner Spiel-Metropole, die von FukTopia übernommen wurde — kein einfacher Schritt für Hövelbrinks: "Es ist wirklich nur 'ne kleine Sache, aber es nervt mich ungemein, dass damit von außen in meinen Designprozess eingegriffen wurde", so der Entwickler.

Dieser Fall zeigt, wie hilf- und machtlos vor allem kleinere Entwickler ohne Rechtsabteilung im Rücken gegenüber anderen Entwicklerteams sind, die sich bislang ungestraft großzügig an der eigenen Arbeit bedienen können. Hövelbrinks unterdessen will diese ärgerliche Episode beiseite schieben und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren, wie er gegenüber Motherboard erklärt: "Die ganze Situation ist vor allen Dingen ein schwerer Schlag für die Moral gewesen. Es bündelt Gedanken und Energie, die ich besser zum konstruktiven Arbeiten am Projekt gebrauchen könnte", so der Entwickler. "Das ist dann auch der Grund, warum ich weiter keine aktiven Schritte getan habe: Ich möchte mit dem Projekt vorankommen."


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Anderen Entwicklern, die in einer ähnlichen Situation zum Opfer einer Copycat werden könnten, empfiehlt Hövelbrinks vor allem ruhig zu bleiben, alle Ähnlich- und Gemeinsamkeiten zu dokumentieren und Ratschlag bei Menschen zu suchen, denen man vertrauen kann: "Ich denke, es ist wichtig, das nicht alleine zu verarbeiten. Sowohl um den emotionalen Schlag zu überstehen, aber auch um nicht übereilt zu handeln." Schließlich sollen Entwickler mögliche Konsequenzen mit jemandem abklären, der einen juristischen Hintergrund hat, ergänzt Hövelbrinks – denn auf die Rückendeckung von Vertriebsplattformen wie Steam, die auch auf die Rückfragen von Motherboard bisher nicht reagiert hat, können sich diese jungen Entwickler leider nicht verlassen.

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