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Nein, du musst 2Pac nicht vergöttern

Lil Xan findet 2Pacs Musik "langweilig", 03 Greedo sagt "Tupac sucks" und wir fragen uns, ob unsere Helden immer unantastbar sein müssen.
Foto: imago | ZUMA Globe

Es gibt im HipHop wahrscheinlich keine Figur, die alles dermaßen überstrahlt wie Tupac Shakur. Kein Leben und kein künstlerisches Werk der Rapwelt sind so gründlich seziert worden wie seins – um es zu kritisieren oder anzupreisen gleichermaßen. Niemand hat zu Lebzeiten oder nach seinem Tod stärker polarisiert als 2Pac.

Nicht zuletzt auch dank seiner Familienverbindungen sehen manche in ihm eine revolutionäre Fortführung der Black Panther-Bewegung. 2Pac hatte aber auch die Fähigkeit, die Probleme schwarzer Amerikaner so zu artikulieren, dass er damit gleichermaßen den Mainstream wie die Menschen erreichte, deren Erfahrungen er in seiner Musik reflektierte. Andere sahen in ihm einen Angeber, der unverantwortlich die Kultur der Straße romantisierte, um sich selbst großzumachen, während er gleichzeitig seine Vorbildfunktion für die amerikanische Jugend vernachlässigte.

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Diesen Vorwurf ließ er aber nicht auf sich sitzen. "Die sagen, 'Der Typ ist Mr. Heuchler. Der sagt ständig dieses gute Zeug zu Frauen. Dann sagt er wieder Schlampe und dies und jenes.' Da liegen die falsch", sagte er in einem Interview mit VIBE sechs Monate vor seinem Tod. "Was will die Welt? Die sollen sich auf ihren politisch korrekten Arsch setzen und sich überlegen, was sie wollen. Die labern nämlich Scheiße."

Als er 1995 für Village Voice über Shakurs Gerichtsprozess wegen eines Vergewaltigungsfalls von 1993 berichtet, gibt HipHop-Journalist Touré zu bedenken, dass Pac zwar einer der berühmtesten Rapper auf dem Planeten, aber "ein gerademal durchschnittlicher Vocalist und Texter" sei. Er müsse "erst noch einen ästhetisch wichtigen Song" aufnehmen. Craig Jenkins buddelte 2016 für einen Artikel über Rap-Beef einen Thread aus dem Forum Rec.Music.Hip-Hop von 1996 aus, in dem User Pacs Diss-Track "Hit Em Up" diskutieren. Einige werfen ihm vor, nach dem Signing bei Death Row seine Gangsta-Persona ausgebaut zu haben. Andere argumentieren wiederum, dass seine Schüsse auf zwei Polizisten in Georgia ihn zum realsten aller Rapper machen.

Tracks wie "Brenda's Got a Baby" und "Dear Mama" gehören zu 2Pacs bekannteren Werken, die Tourés Kritik an seinen künstlerischen Fähigkeiten widerlegen. Trotzdem war nicht jeder zu Tupacs Lebzeiten bedingungslos von seiner schieren Existenz begeistert. Pacs früher Tod und sein anhaltender Einfluss haben allerdings jedes Abweichen von der allgemeinen Heldenverehrung unter Strafe gestellt.

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Je weiter wir uns jedoch von 2Pacs tatsächlichen Lebzeiten entfernen, desto unrealistischer wird es, von Szene-Neulingen zu erwarten, jemanden anzubeten, der weit vor ihrer aktiven Zeit gestorben ist. Nur wenige Menschen, die in den frühen 90ern auf die Welt gekommen sind, dürften fanatische EPMD-Fans sein. Genau so wenig werden Menschen, die erst nach der Jahrtausendwende auf die Welt kamen, Lupe Fiasco und Kid Cudi anbeten. Und für alle, die erst Mitte oder Ende der 90er geboren wurden, gilt das gleiche für Biggie und 2Pac.

Zwei aktuelle Fälle von 2Pac-Kritik kommen von gegenüberliegenden Enden des HipHop-Spektrums. Einmal ist da der Kalifornische Rapper Lil Xan. In einem Interview mit Revolt TV bezeichnete er 2Pacs Musik als "langweilig". Waka Flocka nahm diese Aussage zum Anlass, ein HipHop-Verbot für Lil Xan vorzuschlagen. L.A.-Newcomer 03 Greedo eilte Xan im Shitstorm bald darauf zur Hilfe. Nicht nur äußerte er seine Abscheu für selbsternannte Rap-Ältere, die den Kontakt zur Realität verloren hätten, sondern zweifelte auch Pacs Skills und Thug-Credentials an. "Tupac sucks … Der ist wahnhaft. Er ist ein toller Schauspieler. Teil seines Musik-Dings war Schauspielerei", sagte er im Interview mit Billboard. "Tupac war ein Weichei." Wenn man dieses Interview etwas im Kontext betrachtet, ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass Greedos Diss zwar ernst gemeint, aber auch von dieser intrinsischen Abwehrhaltung motiviert war, die einen überkommt, wenn von dir als Künstler erwartet wird, etwas zu verehren, das du selbst total irrelevant findest. Diese konstante Spannung verursacht unweigerlich Ablehnung auf beiden Seiten.

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Wenn wir verstehen wollen, welchen Stand er bei der neuen Generation hat, müssen wir uns anschauen, was 2Pac so einflussreich gemacht hat. Was hat dazu geführt, dass sein Einfluss seinen musikalischen Output weit überstieg? Ähnlich wie bei Kanye West und seinem aktuellen Stand in der Popkultur konnten 2Pacs Fans damals mit ihm wachsen, weil er mutig jeden seiner Schritte mit der Welt teilte – Rückschläge wie Erfolge. Shakur legte bei seinen Überzeugungen eine solche Furchtlosigkeit an den Tag, dass man sie als Durchschnittsbürger nur bewundern konnte. Er war ein Meister des Charismas, gefährlich charmant und ein fantastischer öffentlicher Redner.

Zu seinen Lebzeiten konnten diese Eigenschaften helfen, Shakurs Rolle und Musik noch eher wertzuschätzen. Auf konventionelle Art waren sie nämlich nicht unbedingt großartig. 2Pac war nicht der begnadete Texter, den sein späterer Erzrivale Biggie Smalls darstellte. Menschen haben ihn nicht gehört, um sich von seiner Bar-Struktur und seinen Wortspielen umhauen zu lassen. Pacs Markenzeichen war seine Leidenschaft. Er zeigte wie kein anderer, wie man Menschen mit ungeschliffenen Emotionen erreicht. Auf diese Weise war Pac viel innovativer als seine Zeitgenossen, weil sein Einfluss sich nicht allein auf seinen Skills gründete. Heute, Jahre nach seinem Tod und in anderen gesellschaftlichen Umstände, erschließt sich seine Musik nicht für jeden automatisch.

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"Er war wie ein Performancekünstler und das meine ich nicht negativ", sagte Touré vor Kurzem in einem Interview mit Vlad TV. "In jedem Moment war er voll dabei, er war lebendig, er verkörperte Pac-ness. Viele gönnen sich eine Pause. Die gehen auf die Bühne, machen ihr Ding, dann gehen sie runter und ruhen sich ein bisschen oder viel aus. Pac war aber immer voll dabei."

Es gibt Gründe, warum 2Pacs Erbe im HipHop so vergöttert wird. Während seiner kurzen Zeit im Zentrum der Öffentlichkeit gab Shakur alles, was er hatte. Ihm war es egal, ob das seine Bestrafung oder seinen Tod nach sich ziehen würde. Er war sich bewusst, dass er bei seinem Weg ein klareres Ziel vor Augen hatte als die meisten. Er machte Songs, die Gewalt und die Hypersexualisierung von Frauen unterstützten. Viel besser als seine Zeitgenossen zeigte er allerdings, dass er Anteil nahm und ihn die Situation Schwarzer in Amerika interessierte. Das machte er zu einer Zeit, in der sich herauskristallisierte, dass die Rolle eines Rappers nicht länger darin besteht, die Stimme missverstandener und schlecht behandelter Menschen zu verkörpern, sondern die eines Entertainers, der die Industrie melken und unfassbar reich werden kann, ohne auch nur eine Zeile über gesellschaftliche Missstände zu texten.

Dafür sind wir 2Pac für immer dankbar und manchmal geht dieses Gefühl in direkte Anbetung über. Wir sollten aber von Menschen, die damals noch zu jung oder gar nicht geboren waren, nicht erwarten, dass sie ihn ähnlich wertschätzen. Gleichermaßen würde es aber einiges zur generationenübergreifenden Eintracht beitragen, wenn man sein Erbe mit zumindest etwas Respekt behandelt. Tupac Shakur war ein Held, aber wir müssen ihn nicht vergöttern, um seinen Platz in der Geschichte zu festigen. Wenn wir das tun, missachten wir die Menschlichkeit, die ihm seine Strahlkraft verliehen hat.

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