Popkultur

Ich habe eine Woche lang nach dem 'Heute'-Horoskop gelebt

Wie man mit sich mit Astrologie durch Sinnkrisen und die allgemeine Weltuntergangsstimmung bringt.
Foto von der Autorin

Das Leben als Mittzwanzigerin ist von Unsicherheiten und Desorientierung geprägt: Die Uni ist vorüber und das ernste Leben, von dem immer alle reden, droht jeden Moment in Form von Selbstversicherung und Kinotickets zum Normalpreis über uns hereinzubrechen. In Anbetracht der Arbeitsmarktsituation hätten wir im Nachhinein alle lieber Medizin studiert und selbst die Flucht ins kleinbürgerliche Familienleben ist für viele keine zufrieden stellende Option mehr.

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Auch die globale Weltordnung scheint durch den gelbhaarigen Grapscher aus Übersee endgültig ins Wanken geraten zu sein, was aber spätestens dann egal sein dürfte, wenn wir demnächst alle durch Roboter ersetzt werden. In dieser Welt, in der jegliche Wertesysteme zwischen verschwörerischem Wissenschaftsskeptizismus, autoritären Tendenzen und individualisiertem Konsumwahnsinn aufgerieben werden, muss man manchmal auf ungewöhnliche Mittel zurückgreifen, um sich durch die Woche zu bringen.

Ich halte zwar normalerweise von Astrologie und Esoterik so viel wie von Malaria-infizierten Blutegeln, und auch die roten Boulevard-Boxen im U-Bahn-Eingangsbereich umkreise ich normalerweise mit Sicherheitsabstand. Aber in Anbetracht meiner Lebensphase und der Lage der Welt insgesamt, kann es mir eigentlich wirklich niemand übelnehmen, dass ich eine Woche lang das Heute-Horoskop zu meinem Lebens-Guide gemacht habe. Desperate Zeiten, drastische Mittel und so. Hier mein Protokoll von einer Woche Astro-Hörigkeit:

Montag

"Überlegen Sie sehr gut, für welches Projekt Sie sich engagieren möchten. Sie verstehen von vielem etwas. Und klären Sie Finanzielles."

Ich überlege sehr gut und gebe meinem Chefredakteur kurz vor Redaktionsschluss bekannt, dass ich mich doch nicht für diesen Artikel engagieren möchte. Vielleicht verstehe ich von vielem etwas, aber von Horoskopen verstehe ich sicher nichts. Außerdem will ich mich auf einen Artikel über Schwarz-Blau konzentrieren, damit ich mich kritisch und klug fühlen kann.

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Er antwortet: "Wie ein guter Freund von mir auf die Frage 'Willst du ein Bier oder ein Glas Whisky?' sagt: 'Es ist keine Entweder/Oder-Welt" und meint, ich solle einfach beides machen. OK, Fail. Mein Horoskop und ich haben eindeutig Startprobleme. Von Durchsetzungskraft steht nämlich nichts drin. Ich füge mich meinem überirdischen Schicksal und sage auch nichts mehr zu meinem bescheidenen Verdienst als Journalistin.

Zum Glück bekomme ich an dem Tag noch einmal die Chance, Finanzielles zu klären. In der Bar meines Vertrauens erkläre ich dem Kellner nach zwei Bier und einem Toast, dass meine finanzielle Lage momentan eher eng ist. Er starrt mich entgeistert an, ich werde rot, er rollt die Augen und sagt: "OK, dann zahl halt nur ein Bier und den Toast". Ich werde noch röter, piepse sowas wie "Danke" und meine Freundin zischt "Oh Gott, wie peinlich". Aber immerhin gehe ich mit vier Euro nach Hause und bin zufrieden, weil mein Horoskop-Lebensstil erste Früchte zu tragen beginnt.

Dienstag

"Dank Saturn haben Sie alles im Blick und überlegen Ihre Schritte genau. In der Liebe hilft jetzt aber auch mal Spontaneität. Also los."

Den Schritt aus meinem Bett zu meinem 8:20-Uhr-Zahnarzttermin, bei dem mich eine Wurzelbehandlung erwartet, überlege ich mir tatsächlich sehr genau. Und das sogar noch, bevor ich mein Horoskop gelesen habe – magisch! Was ich allerdings nicht im Blick hatte, war, dass mein Versicherungsschutz abgelaufen ist.

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Ich mache Saturn dafür verantwortlich und suche den Bastard auch gleich im Internet. Zu meiner Enttäuschung sieht Saturn echt sympathisch aus für einen Planeten, mit seiner violetten Farbe und den schönen Ringen.

Ich mache den Planeten Saturn für meine abgelaufene Krankenversicherung verantwortlich.

Die einzige Schnittstelle, die ich bis zu dieser Woche mit dem Sonnensystem und seinen Planeten hatte, war Sailor Moon. Darum suche ich jetzt auch nach Sailor Saturn, um den wahren Charakter dieses Planeten hinter seiner hübschen Fassade kennenzulernen. Dabei wird mir schnell alles klar. Laut meiner Quelle (sailormoon.wikia) wird Sailor Saturn mit Ruin und Stille, Tod und Zerstörung in Verbindung gebracht. Kein Wunder also, dass mir Saturn meine Krankenversicherung stiehlt.

Um den Rest meines Tages etwas angenehmer zu gestalten, halte ich mich an das Motto, das mir die Heute für diesen Dienstag zur Verfügung gestellt hat: "Also los." Ich schicke meinem Freund eine Nachricht mit den magischen Worten: "Also los." Er: "Mit küssen? Kommst du zu mir?" Ich: "Ich bin in der Arbeit!!" Er: "Schade."

Die mystischen Worte des Universums dürften ihn dennoch inspiriert haben, denn ich bekomme für den Rest des Nachmittags schnulzige Liebesnachrichten. Heißer Tipp, liebes Horoskop. Danke!


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Mittwoch

"Ein Sparprogramm ist prima. Dennoch dürfen Sie sich auch was Schönes gönnen. Auch ihre Lieben können sie mit etwas Besonderem überraschen."

Mein Horoskop kommt mir in seiner Maßlosigkeit langsam ein bisschen weltfremd vor: mir was Schönes gönnen? Meine Lieben mit etwas Besonderem überraschen? Es ist Mittwoch, nicht Nationalfeiertag. Einfach Mittwoch.

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Das Wort Sparprogramm passt da schon eher zu meiner Lebensrealität. Dass es "prima" sein soll, ist natürlich Schwachsinn. Trotzdem wende ich diese Binsenweisheit gleich auf meine Mittagspause an. Die einzig sinnvolle Interpretation meines Horoskops scheint mir in dem Fall, mir statt Nahrung ein schönes Feuerzeug zu kaufen und so viel zu rauchen, dass mein sparprogrammbedingtes Hungergefühl überdeckt wird. Wenn ich zwischendurch doch hungrig werde, erfreue ich mich einfach an den appetitlichen Farben auf meinem neu erstandenen Lieblingsprodukt.

Die großen Fragen des Lebens drängen sich auf: Wie kann eigentlich eine Boulevardzeitung in den Genuss der Presseförderung kommen?

Während ich im Laufe des Tages immer weiter in ein Hungerdelirium verfalle, meditiere ich über die vermeintliche Widersprüchlichkeit meines Lebensguides, dem Heute-Horoskop. Wie soll ich sparen und gleichzeitig mich und die Welt beschenken? Wie kann ich mich als vernunftbegabter Mensch bezeichnen und trotzdem eine Woche lang die Astrologie mein Leben bestimmen lassen? Wie kann eine Boulevardzeitung erst so viel Steuergeld aus Inseraten erhalten, und dann auch noch in den Genuss der Presseförderung kommen? Und wer zur Hölle sagt bitte "prima"?

Mir wird schwindelig und ich weiß nicht, ob das an den großen Fragen des Lebens liegt, die mein Horoskop aufwirft, oder ob ich einfach zu hungrig bin. Weil ich zunehmend grantig werde, beschließe ich diesem Irrsinn ein Ende zu bereiten, und lade eine Freundin zum Abendessen ein. Somit hat der geheimnisvolle Zweizeiler wieder einmal recht behalten.

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Donnerstag

"Sie verbreiten gute Laune und gewinnen einen Kollegen für ein Projekt, das Sie unbedingt umsetzen möchten. Planen Sie alles gemeinsam."

Die Donnerstagsausgabe dieses Sternstundenproduktes des österreichischen Journalismus bereitet mir mit sofortiger Wirkung Stresszustände. Denn auf Druck gut drauf sein, ist schwieriger als die Mathe-Zentralmatura. Das weiß ich aus meiner Zeit als gut gelaunte, Flyer verteilende Osterhäsin im Ganzkörper-Kostüm. Ich schaue also auf und lächle gequält – weil erzwungen – mein Gegenüber in der U-Bahn an. Sie lächelt zurück. Vielleicht hat sie dasselbe Sternzeichen wie ich und muss.

Weil mir eigentlich kein Projekt einfällt, das ich umsetzen möchte ­– schon gar nicht mit einem Kollegen –, stürzt mich mein Horoskop wieder einmal in tiefe Ratlosigkeit. Zum Glück bemerkt das in der Arbeit aber niemand, weil ich allen, die auch nur ihren Kopf in meine Richtung drehen, ein gut gelauntes "HALLO" entgegen brülle.

Osterhasen in Ganzkörper-Kostümen wissen, dass gute Laune auf Druck schwierig ist.

Um dennoch zu verstehen, was mir die Sterne sagen wollen, wende ich mich an ein ExpertInnenforum in Internet, in dem Astrologie-Fans Horoskope zu aktuellen Weltereignissen erstellen. Derzeit hoch im Kurs: Der Einfluss der Gestirne auf die Personalrochaden bei den deutschen Sozialdemokraten.

"Jetzt, wo Schulz die Bahn freigemacht hat, wartet mit Mars im Schützen und nur 5 Grad hinterm Horizont der Richtungsstreit", prophezeit hier jemand. Eine andere Userin erklärt mittels Horoskop den Charakter der neuen SPD-Parteichefin Andrea Nahles: "Nahles ist ja eine 'Greiferin' mit Sonne-Pluto-Quadrat (zum MC orientiert). Drum zieht sie auch so durch". Für diese Profis sollten meine Interpretationsschwierigkeiten also kein Problem darstellen.

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Ich warte stundenlang auf eine Antwort von meinen Astro-KollegInnen. Nichts. Als dann endlich doch eine Antwort kommt, ist es dieses GIF: "Astrologie ist keine Wissenschaft!!!!" Ich bin verwirrt.

Freitag

"Heute werden Sie etwas sehr Wichtiges vergessen, das mit Österreichs N°1-Qualitätsmedium aus roten Schuhschachteln zu tun hat. Darum erwartet Sie heute und den Rest des Wochenendes Hass und Verderbnis. Probieren Sie mal was Neues."

So oder so ähnlich stelle ich mir mein Freitags-Horoskop vor, nachdem ich realisiere, dass ich meinen überlebensnotwendigen Astro-Ratgeber heute vergessen habe. DESHALB fühle ich mich also heute so leer und orientierungslos. In meiner Angst vor der Rache der Sterne gehe ich am Abend nochmal zur U-Bahn-Station, um eine übriggebliebene Ausgabe zu ergattern. Kein Glück. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Heute-Redaktion zu kontaktieren.

Ich adde am Tag darauf das erfolgreichste Boulevardblatt Österreichs seit der Familie Dichand auf Facebook und tippe eine verzweifelte Nachricht.

Ich: "Hi liebes Heute-Team! Ich les jeden Tag mein Heute-Horoskop! Leider hab ich es letzten Freitag verpasst und finde es im Internet nicht! Könnt ihr mir helfen? Steinbock bin ich!"

Heute: "Servus, Miriam!"

20 Minuten Funkstille.

Ich: "Hallo!"

Heute: "Servus, Miriam!"

20 Minuten Funkstille.

Ich: "Könnt ihr mir jetzt helfen mit dem Horoskop?"

Heute: "Sorry, ich verstehe dich nicht."

Langsam dämmert mir, dass ich hier mit einem Computer spreche. Einerseits bin ich beruhigt, dass diese Begriffsstutzigkeit nicht von einem Heute-Mitarbeiter kommt. Andererseits ist die Situation dramatisch, denn ich muss wohl oder übel akzeptieren, dass ich aus der Gunst der Sterne gefallen bin.

Doch wieder einmal hält mein Horoskop – wenn auch diesmal mein selbst ausgedachtes – die Lösung parat. "Probieren Sie mal was Neues" nämlich. Ich überlege, was mich im Leben mehr weiterbringen würde als die Horoskope aus der Heute. Die erstbeste Idee reicht meiner genügsamen Seele. Ich gehe in mein Zimmer und falte Origami.

Miriam auf Twitter: @miriam_ohsophia

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