10 Fragen

10 Fragen an eine Jobcenter-Mitarbeiterin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Sind Arbeitslose Schnorrer? Bekommen Flüchtlinge wirklich alles von euch geschenkt? Wie schummelst du Leute aus der Arbeitslosenstatistik?

von Niclas Seydack
03 August 2017, 7:52am

Alle Fotos: Ingmar Björn Nolting

Seit drei Jahren arbeitet Nina, 23, in einem Jobcenter in Nordrhein-Westfalen. Sie heißt eigentlich anders, aber weil sie offen erzählen will, bleibt sie für diese Geschichte anonym. Nina betreut ausschließlich Menschen, die Arbeitslosengeld II beantragen. Das, was viele "Hartz IV" nennen. Zufrieden ist mit dem System niemand. Empfänger nennen sich selbst "Sklaven" der Bundesagentur für Arbeit und selbst der Erfinder und Namensgeber Peter Hartz sagte wenige Jahre nach der Einführung: "Herausgekommen ist ein System, in dem Arbeitslose bestraft werden."

Mit den Hartz-Reformen hieß das Arbeitsamt plötzlich Jobcenter. Diese "Center" sollten Dienstleister sein, zu denen keine Arbeitslosen kommen, sondern Kunden, die sich wohlfühlen. Die Mitarbeiter wiederum sollten die dann bestmöglich fördern. Das war die Vorstellung. Die Wahrheit ist: In kaum einer anderen Branche werden Mitarbeiter öfter krank. Überstunden, Stress, psychische Probleme. In manchen Jobcenter betreut ein Mitarbeiter 600 Arbeitssuchende und jeder vierte Jobcenter-Mitarbeiter wurde schon mal tätlich angegriffen.

Was denkt Nina, wenn jemand reinkommt, von dem sie sofort weiß: Das ist ein Arschloch. Hat sie Mitleid, wenn ihr Gescheiterte gegenübersitzen?

Wir haben Fragen.

VICE: Denkst du, dass Arbeitslose Schnorrer sind?
Nina: Die meisten, die zu mir kommen, wollen einfach nur schnell wieder einen Job. Aber manche Kunden sehe ich so oft, da denke ich: "Na, du schon wieder?" Wenigstens kommen die zu Terminen. Es gibt auch die, die ihre Termine einfach vergessen. Einen habe ich mal angerufen und nachgefragt. Der hat nur gesagt: "Ich war müde und hab geschlafen."

Sanktionierst du härter, wenn dir jemand unsympathisch ist?
Selbst wenn ich das wollte, geht es nicht. Die Sanktionen sind festgelegt. Zehn Prozent, wenn man einen Termin platzen lässt zum Beispiel. Wenn man nicht spürt, dass sanktioniert wird, bringt es nichts. Wenn es fünf Euro Strafe wären, würden die Kunden mit den Schultern zucken. Aber wenn sie merken, dass ihnen drei Monate lang zehn Prozent fehlen – das schreckt schon ab. Bei Jugendlichen unter 25 ist es anders. Denen wird sofort jede Geldleistung entzogen, wenn sie nur einmal den Termin platzen lassen. Das ist zu hart.

Wenn du deinen Job verlieren würdest, würdest du dich in deinem Jobcenter gut aufgehoben fühlen?
Das Jobcenter, in dem ich arbeite, wird gemeinsam von der Stadt und der Bundesagentur für Arbeit betrieben. Da läuft es gut. Aber ich wohne in einer anderen Stadt. Für mich wäre ein kommunales Jobcenter zuständig, das allein von der Stadt betrieben wird. Da würde ich mich absolut unwohl fühlen. Die Städte haben keinen Bock, sich darum zu kümmern. Es gibt nur eine Hotline, die niemand betreut. Dabei braucht man in kommunalen Jobcentern immer einen Termin. Man kann nicht einfach hinkommen und Dokumente abgeben. Man kann nichts klären, was man klären muss.

Was am deutschen Sozialstaat findest du beschissen?
Die Lebensmittelgutscheine. Keine Verkäuferin der Welt nimmt die mit Würde an. Wenn du die rausholst, sieht jeder, dass du Gutscheine kriegst, und fragt sich: Warum? Was hat der denn verbrochen?

Aber unser Sozialstaat ist schon gerecht, wenn man bedenkt, dass es in anderen Ländern überhaupt keine Absicherung gibt. Wer in Deutschland seinen Job verliert und in eine Versicherung bezahlt hat, bekommt für ein Jahr Arbeitslosengeld I. Wer in dieser Zeit keinen Job findet, den fängt das Jobcenter auf. Wenn das nicht reicht, gibt es noch die Sozialhilfe zur Existenzsicherung. In Deutschland landet keiner auf der Straße, der das nicht bewusst will.

Was hast du in deinem Job über das Scheitern gelernt?
Jeder kann arbeitslos werden. Jeder. Das muss nicht deine Schuld sein. Du kannst krank werden oder deine Firma schließt. Ein 55-Jähriger, der dreißig Jahre bei Karstadt oder Opel war, der findet nichts Neues. Der landet bei mir im Jobcenter. Es geht darum, diese Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln.


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Bekommen Flüchtlinge wirklich alles von euch geschenkt?
Die kriegen gar nichts geschenkt. Es nervt mich, dass dieses schlechte Bild entsteht, weil ein paar Mist bauen. Tatsache ist: Die Flüchtlinge müssen kämpfen. Wenn ich einem syrischen Anwalt sage, dass sein Studium in Deutschland nicht anerkannt wird, reiße ich ihm den Boden unter den Füßen weg. Oder einmal, da hatte ich eine Kundin, die schwanger war. Sie hatte in Deutschland nur eine Duldung und deshalb auch keine Krankenversicherung. Sie bekam Blutungen während der Schwangerschaft. Aber sie hatte Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Sie wusste nicht, wie sie die Behandlung bezahlen soll.

Mit welchen Tricks schummelst du Leute aus der Arbeitslosenstatistik?
Die gemeldeten Flüchtlinge, die einen Sprachkurs besuchen, sind nicht offiziell arbeitslos. Die sind arbeitssuchend. Andere Leute, die eine Maßnahme machen, eine Weiterbildung oder ein Praktikum – die fallen alle raus. Die Arbeitslosenstatistik ist total beschönigt. Offiziell gibt es 2,7 Millionen Arbeitslose. Rechnet man alle dazu, die aus der Statistik fallen, sind es rund eine Million mehr.

Mit welchem Trick könnten wir zusammen das Jobcenter verarschen?
Ich könnte angeben, dass deine Wohnung 200 Euro teurer ist, als sie ist. Aber das wird nichts. Es gibt immer eine Zweitkorrektur. Wir machen alles im Vier-Augen-Prinzip. Alles, was ich mache, wird von jemandem kontrolliert.

Hat dich schon mal ein Kunde bedroht?
Bis jetzt nicht. Aber ich kriege ja mit, was in anderen Jobcentern passiert: zum Beispiel, wenn eine Kollegin in Köln von einem Kunden zusammengeschlagen wird. Das erzeugt Angst. Seit einem Zwischenfall bei uns gibt es Sicherheitsvorkehrungen. Ich könnte jederzeit den Wachmann rufen, ohne dass es der Kunde mitbekommt. Das beruhigt mich sehr; zu wissen, dass jemand da ist.

Wie hoch ist die Arschloch-Quote unter deinen Kollegen?
Zehn Prozent, aber die sind dafür richtige Arschlöcher. Ich will meine Kollegen manchmal anschreien, warum sie sich so scheiße gegenüber einem anderen Menschen benehmen. Ein Kollege redet ausschließlich im Befehlston mit seinen Kunden. Der meckert sie schon an, wenn sie nur was falsch ausfüllen. Kein Bitte, kein Danke, nichts. Interessant ist: Das sind die Kollegen, die besonders oft die Wachmänner rufen. Aber ist ja auch klar, wenn man seine Kunden nur provoziert. Das sind übrigens meistens die Kollegen, die befristet angestellt sind. Die wissen, wie es ist, arbeitslos zu sein, und missbrauchen ihre Macht, wenn sie mal auf der anderen Seite des Tisches sitzen.

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