Langjährige LSD-Konsumenten erzählen von ihren Erfahrungen

Ein paar Einblicke von Peter (74), Holger (64) und Adam (54).

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Feb. 2 2018, 7:55am

Foto: VICE

Im Sommer 2015 stürzte der 15-jährige Sohn des Musikers Nick Cave von einer Klippe und starb. Eine Untersuchung ergab: Er war zu dem Zeitpunkt auf LSD. Die Berichterstattung über die halluzinogene Droge beschränkt sich meist auf solche Horrorstorys. Von Menschen, die sie ohne Zwischenfälle nehmen, hört man selten. Das verwundert nicht, immerhin ist LSD verboten.

LSD wird aus dem natürlich vorkommenden Alkaloid Lysergsäure synthetisiert. Optische Halluzinationen sind die bekannteste Wirkung, allerdings kann LSD die gesamte Wahrnehmung und Gedankenwelt beeinflussen. Die Droge wirkt sehr unterschiedlich, je nach Konsument und dessen Verfassung, Umgebung und Dosierung. Acid kann bei Menschen mit einer Vorveranlagung eine Psychose begünstigen, eine unmittelbare Gefahr für den Körper stellt es aber nicht dar. Eine Abhängigkeit oder Überdosis gilt als physisch unmöglich. Viele Menschen berichten von rundum positiven Trips, die ihr Leben zum Besseren beeinflusst haben.


Auch bei VICE: Im Gespräch mit LSD-Guru Michael Randall


Daher erlebt die Droge in der Forschung heute eine vorsichtige Renaissance, Psychiater und Psychotherapeuten führen Studien zur Sucht- und Traumabewältigung mit LSD durch. Dabei gibt es schon jetzt Menschen, die jahrzehntelange Erfahrungen mit LSD haben. Zwar können Forscher ihre Erlebnisse nicht unbedingt verwerten, aber der Rest von uns kann vielleicht etwas von ihren Berichten lernen.

VICE hat mit drei Männern aus Dänemark gesprochen, die erzählen, was LSD-Erfahrungen in verschiedenen Phasen ihres Lebens mit ihnen gemacht haben.

Peter Ingemann, 74

Foto mit freundlicher Genehmigung von Peter Ingemann

VICE: Wie war dein erster Trip?
Peter: Ich schätze, ich habe ihn so erlebt wie viele andere ihren ersten Trip. Es war, als würde ich eine Brille aufsetzen, mit der ich alles anders sah. Die Größe und Form von Gegenständen veränderte sich. Ich fing an, anders über Dinge nachzudenken. Es ist schwer zu beschreiben, wenn man das selbst nicht kennt.

Wie hat LSD dein Leben beeinflusst?
Ich sage immer, dass LSD ist, als könnte man vorübergehend ausprobieren, wie es ist, den Verstand zu verlieren. Ich finde, man kann die Wirkung auch mit dem Geruchssinn eines Hundes vergleichen. Wie viele andere Tiere haben Hunde eine unheimlich feine Nase – Menschen nicht. Wenn der Geruchssinn eines Hundes so groß ist wie ein Fußballfeld, dann ist der menschliche so groß wie eine Briefmarke. Wir können uns also niemals vorstellen, wie ein Hund Gerüche erlebt. Und LSD ist ein bisschen so. Als könntest du einen Blick in eine Welt werfen, die viel größer ist als deine eigene.

Ich denke, LSD lässt einen Demut lernen und erkennen, dass die Realität nicht immer das ist, was sie zu sein scheint. Der Alltag ist dennoch eine Herausforderung. LSD kann deine Probleme nicht lösen.

Was würdest du einem jungen Menschen raten, der vorhat, mit psychedelischen Drogen zu experimentieren?
Mein Rat ist ganz einfach: Nimm keine Drogen, um deinen Problemen zu entkommen. Wenn du es tun willst, dann tu es, um Erfahrungen zu verbessern, die ohnehin schon toll sind. Alles, was stimuliert – Alkohol, Drogen, Rauchen, Sex – kann mehr Spaß ins Leben bringen. Aber nur, wenn man auch ohne diese Dinge glücklich wäre. Wenn du merkst, dass du dein Leben ohne Drogen nicht genießen kannst, solltest du dir Hilfe suchen.

Holger Christensen, 64

Foto: Amanda Hjernø

VICE: Wie war dein erster Acid-Trip?
Holger: Ich war 17 und mit Freunden auf einem großen Musikfestival, ausgerichtet von einer Hippie-Kommune. Wir hatten großen Respekt vor der Droge und wussten, dass man vorsichtig sein muss. Aber die Rahmenbedingungen waren gut, also probierten wir es während des Festivals zweimal.

Sind dir irgendwelche Trips besonders in Erinnerung geblieben?
Zwei Erfahrungen werde ich nie vergessen. Einmal spazierte ich durch einen Wald und schaute hoch in die Bäume. Da kam mir das alles so unfassbar bekannt vor – wie der Wind durch die Kronen blies und die Blätter rauschten. Mir wurde klar, dass ich mich daran erinnerte, wie es war, aus meinem Kinderwagen in den Himmel zu schauen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht und mein Interesse an Psychologie geweckt. Die zweite Erfahrung war, als ich das Gefühl hatte, die Zeit hätte aufgehört zu existieren. Statt Zeit gab es nur noch Bewegung durch den Raum. Ich dachte darüber nach, was Zeit überhaupt ist. Sie ist abhängig von der Bewegung. Diese Erfahrung weckte mein Interesse an Physik, Astronomie und Kosmologie. Gebiete, in denen ich mich bis heute gern bilde.

Würdest du sagen, psychedelische Drogen haben in deinem Leben eine große Rolle gespielt?
Ja, bestimmte Phasen waren stark davon geprägt. Als ich jünger war, wohnte ich mit einem sehr großen Freund in einer winzigen Bude zusammen. Wir experimentierten mit therapeutischer Absicht mit LSD. Wir wollten nicht ausgehen und einen Haufen abgefahrene Sachen erleben. Uns ging es darum, uns selbst besser zu verstehen und besser mit dem Leben umgehen zu können.

"Viele glauben, man schmeißt sich LSD ein und schaut dann entspannt Cartoons, aber es ist das Gegenteil. Es kann dich von Grund auf verändern."

Was hast du aus den Trips gelernt?
Diese Erfahrungen machten mich sorgloser, spontaner. Vor meinen LSD-Erlebnissen hatte ich mich für sehr schlau und souverän gehalten, bereit für das Leben und die Welt. Durch das Trippen wurde mir klar, dass ich nichts weiß. Ich habe von vorn angefangen und von da an immer gegrübelt, wie die Dinge zusammenhängen. Wir sind im Alltag sehr kurzsichtig in unserer Perspektive, unsere Egos blockieren die klare Sicht auf die Realität. Mit LSD verschwindet dieser Filter. Im Laufe der Jahre habe ich aber auch erkannt, dass wir nicht durchgehend so drauf sein können – wären wir alle rundum die Uhr erleuchtete Gurus auf einer höheren Bewusstseinsebene, würde die Welt nicht mehr funktionieren.

Was würdest du deinem 17-jährigen Selbst raten, wenn du könntest?
Dass ich mit 17 zu jung dafür war. Man muss wissen, wer man ist, bevor man so einen Trip macht. Und du solltest es nur tun, wenn du mit angenehmen Menschen an einem angenehmen Ort bist. Sobald der Trip losgeht, verändert sich alles extrem. Viele glauben, man schmeißt sich LSD ein und schaut dann entspannt Cartoons, aber es ist das Gegenteil. Es kann dich von Grund auf verändern, weil es dich zwingt, die Realität ganz anders wahrzunehmen.

Adam, 54

Adam möchte anonym bleiben. Er war Anfang der 1980er Punker, als die Punk-Ära gerade anfing. Seit den 80ern nimmt er noch sporadisch LSD.

VICE: Welche Rolle hat LSD in deinem Leben gespielt?
Adam: Trippen hat sich immer angefühlt, als würde ich meinem Geist ein fehlendes Puzzleteilchen hinzufügen. In meiner Kindheit und Jugend konnte ich nie lange stillsitzen oder mich länger als 20 Sekunden konzentrieren. Ich wusste nicht wirklich, wie soziale Kontakte funktionieren. Ich flog von einer Schule nach der anderen. Die Ärzte sagten, ich sei hyperaktiv – damals wussten die Leute noch nicht wirklich, was ADHS ist. Dann experimentierte ich mit LSD und plötzlich ergab alles Sinn. Ich lernte, mich zu konzentrieren und mit anderen zu kommunizieren.

Wie war dein erster Trip?
Das war in den 80ern. Meine Freunde wohnten in einem alten Bauernhaus außerhalb der Stadt, mit einem Haufen Leuten, die ich nicht kannte. Dort lernte ich LSD kennen. Die Erfahrung war anfangs nicht so toll, weil ich ständig an die ganzen Horrorstorys denken musste, die ich gehört hatte – Menschen, die von Dächern springen, weil sie glauben, sie könnten fliegen. Ich musste das erst mal aus meinen Gedanken verbannen, danach ging es dann.

Ich glaube nicht, dass LSD sich negativ auf die Psyche auswirkt. Es kann aber definitiv verdrängte Probleme an die Oberfläche holen, denn es öffnet den Damm, der deine Gefühle zurückhält. Den kriegst du auch nicht wieder zu, selbst wenn du möchtest. Man hört immer Warnungen vor schlechten Trips, aber meiner Meinung nach können schlechte Trips auch sehr lehrreich sein.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die mit LSD experimentieren wollen?
Du solltest Acid nicht zum Alltag werden lassen. Beim ersten Mal solltest du draußen in der Natur sein. Ich habe viele Freunde, die sich mit Acid abgefuckt haben. Wenn du also psychisch krank bist: Lass es sein. Falls du es doch machst, stell dich drauf ein, dass du mit deinen verdrängten Gedanken und Gefühlen konfrontiert wirst. Es gibt keinen Aus-Knopf. Deswegen hat LSD auch so einen extremen Ruf: Es ist erbarmungslos ehrlich. Wenige Menschen haben vorher etwas Derartiges erlebt.

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