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Das Frequency geht vor die Hunde

Gefühlt halb so viele Besucher wie früher, lieblose Gestaltung und ein Line-Up, das aus dem Jahre 2005 stammen könnte—das Frequency Festival hat definitiv schon bessere Zeiten gesehen.
23.8.16

Alle Geschichten zum Frequency 2016 findet ihr hier—und bei unseren Kollegen von VICE.

Das hier fühlt sich ein bisschen an, wie eine Intervention für einen sehr guten, alten Freund, der sich in letzter Zeit aber derartig gehen hat lassen, dass man es nicht länger guten Gewissens wortlos mitanschauen kann. Also, liebes Frequency, sei dir bitte bewusst, dass ich das hier nur mache, weil ich dich liebe. Aber es muss gesagt werden, was sich viele ohnehin schon sein langer Zeit denken: Mit dem Festival, das mich und viele andere die ganze Jugend lang begleitet hat, geht es ziemlich steil den Bach hinunter.

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Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich dieses Jahr wieder nach St. Pölten fahre, und dort alles genau so vorfinde wie immer—nicht zwingend besser, aber eben auch nicht wesentlich schlechter. Doch die erste ernüchternde Erkenntnis kam ziemlich schnell: Irgendwie ist hier wenig los. Also wirklich spürbar weniger als sonst. Seit ich denken kann, war auf dem Frequency immer, tags und nachts, die Hölle los—diesmal standen vor der riesigen Main Stage abends zeitweise so wenige Leute, dass ich mich fast ein bisschen fremdschämend musste, wenn Musiker auf die Bühne marschierten, die sonst vor Menschenmeeren auftreten. Wie wenig Besucher es tatsächlich waren, wurde mir aber erst bewusst, als ich drüben am Campingplatz vorbeigeschaut habe: Der war nämlich schätzungsweise noch gut halb so groß wie in den letzten Jahren. Und während man früher noch kreativ sein musste, um sein Zelt irgendwie zwischen das der anderen zu quetschen, hätten viele Zelte diesmal noch Platz für einen kleinen Garten gehabt. Jetzt kann man natürlich sagen: immer noch groß genug, ist doch großartig, dass es nicht mehr ganz so überfüllt ist—aber genau dieses Drunter und Drüber war es, das das Frequency immer ausgemacht hat. Heuer hatte ich das Gefühl, dass die Leute dort nicht nur halb so viele waren, sondern sich in Folge auch nur noch halb so irre aufgeführt haben (und ich liebe Irre).

Während in den letzten Jahren von 200.000 Besuchern am gesamten Wochenende die Rede war, waren es dieses Jahr tatsächlich "nur“ 120.000. Vielleicht hat es auch an den fehlenden Menschenmengen gelegen, dass mir alles, was vermutlich auch schon in den letzten Jahren ziemlich schlimm war, viel stärker aufgefallen ist. Zum Beispiel die Tatsache, dass die "Bühnen" mancher Sponsoren, deren musikalisches Programm stark an das einer All Inclusive-Maturareise erinnert, zeitweise die eigentlichen Bühnen fast übertönt haben. In den letzten Jahren konnte ich über diese aus den Fugen geratenen Marken-Stände noch irgendwie hinwegsehen, aber dieses Jahr waren die Kirtag-Verhältnisse rund um die Main Stage auch für meine Nerven zu viel.

Mir ist völlig klar, dass es für ein Festival wie das Frequency heute alles andere als einfach ist, ohne solche Einnahmen überhaupt zu überleben. Ein Festival in Österreich hinzubekommen, das so viele Menschen anzieht und gleichzeitig musikalisch hochwertig ist, ist sowieso schwierig bis unmöglich, und ich erwarte ich mir auch gar nicht, dass das Frequency jetzt versucht, ein österreichisches Primavera oder Outlook Festival zu sein.

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Dazu kommt, dass die Konkurrenz eben auch nicht geschlafen hat—während das Frequency früher eines von drei oder vier wirklich großen Highlights in Österreich war, hat man mittlerweile fast wöchentlich große Festivals. Besonders die Arcadia macht dem Frequency das Leben mit einem ganzen Haufen kleinerer Festivals in Wiesen und dem gar nicht so kleinen Nuke in Graz schwer. Neben dem Nova Rock gibt es jetzt auch noch das Rock in Vienna, und dann sind da noch die beiden EDM-Riesenfeste Electric Love und das Lake Festival, die dem Frequency praktisch eins zu eins all die Kids wegklauen, die in erster Linie auf drei Tage Ausnahmezustand, Trichter trinken und kontinuierliches Herumspringen aus sind (alles drei absolut legitime Dinge, will ich nur anmerken).

Aber das Frequency hat sich die diesjährige Flaute schon auch selbst zuzuschreiben. Sicher, halbwegs innovativ zu sein, ist in Österreich schwer. Aber in den letzen Jahren hatte man zumindest immer wieder mal einen James Blake, einen Kendrick oder zumindest einen Macklemore (ich kann selbst fast nicht glauben, dass ich das sage) im LineUp. Auf den kleineren Bühnen—etwa der von Beat the Fish und der Red Bull Brandwagen Stage—hat man sich auch dieses Jahr wirklich Mühe gegeben, Sachen zu präsentieren, die auf der Höhe der Zeit sind. Der Großteil der Headliner auf den großen Bühnen—mal abgesehen von den Bilderbüchern—hätte aber theoretisch auch im LineUp von 2005 sein können (Limp Bizkit, Sportfreunde Stiller, Deichkind, Manu Chao,—die Liste lässt sich beliebig erweitern).

Vor zehn Jahren, als Indie noch eine Jugendbewegung von wirklich nennenswerter Größe war, hatte man hier noch fast so etwas wie ein klares Zielpublikum, obwohl man auch damals schon recht breit aufgestellt war. In den letzen Jahren versucht man, irgendwie alle Genres und Subkulturen zumindest ein kleines Bisschen anzusprechen—was völlig in Ordnung wäre, wenn es nicht ganz so halbherzig passieren würde. Mittlerweile wirkt das LineUp dermaßen x-beliebig zusammengewürfelt, dass man glauben könnte, ein Zufallsgenerator wäre für den Timetable verantwortlich.

Auch das ist heuer nicht zum ersten Mal so—ich hab mich auch letztes Jahr gefragt, wer auf die Idee kommt, Fritz Kalkbrenner, Kendrick Lamar und Linkin Park in dieser Reihenfolge (!) auf einer Bühne spielen zu lassen. Dieses Jahr war aber das erste, in dem dieser Versuch, jeden mit irgendwas anzusprechen, einfach nicht mehr funktioniert hat. Bei so einem LineUp fühlt sich nämlich eher niemand angesprochen als jeder. Und 130 Euro für ein Ticket sind sehr viel Geld, wenn einen drei Viertel des LineUps nicht einmal im Ansatz interessieren.

Was mich aber wirklich fertig gemacht hat, war die Lieblosigkeit bei der Gestaltung, die dieses Jahr einfach nicht mehr zu übersehen war. Während andere Festivals mehr und mehr Arbeit in Ambiente und Design stecken, pfeift man beim Frequency seit neuestem offensichtlich komplett darauf, sich in dieser Hinsicht irgendwie weiterzuentwickeln. Im Nightpark, der ja mittlerweile in den nicht gerade vor Charme strotzenden VAZ-Hallen am Hauptgelände angesiedelt ist, macht man sich erst gar nicht die Mühe, die beiden Floors irgendwie akustisch voneinander abzutrennen—dann hört man halt während eines Sets die halbe Zeit den Haudrauf-Dubstep von nebenan, eh schon wurscht. Ich will jetzt auch gar nicht alles schlecht machen: Ich habe trotz allem großartige Auftritte gesehen. Und letztendlich hatte ich am Frequency fast genau so viel Spaß, wie in früheren Jahren—und viele andere Besucher sicher auch. Aber wenn man noch relevant bleiben will, sollte man als Musikfestival schon zumindest das Gefühl vermitteln, sein Bestes zu geben. In dem Sinne, hau dich nächstes Jahr ein bisschen mehr ins Zeug, Frequency. Ich hab dich weiterhin lieb. Bussi.

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