

Erst dachte ich: Das kann er doch nicht gemacht haben! Er war ein ausgebildeter Boxer, nicht superklasse, aber gut. Wenn er von Mann zu Mann gekämpft hätte, dann würde ich es noch verstehen. Aber dass er—als ausgebildeter Boxer—noch fünf andere dabei haben musste, um dieses arme Würstchen zusammenzuschlagen, das geht mir nicht in den Kopf! VICE: Fällt es Ihnen als Trainer nicht auf, wenn Jugendliche ein erhöhtes Gewaltpotenzial haben?
Eine gewisse Gewalt ist ja im Boxsport drin—unter den Sportlern: Mann gegen Mann. Aber der Sport ist nicht dafür da, um Gewalt für die Straße zu üben. Na klar, verteidigen kann man sich bei einem Angriff. Doch selbst da sollte man sehr vorsichtig sein. Wenn was passiert, kann man nicht so einfach sagen, es war Selbstverteidigung, wenn keine Zeugen dabei waren.
Wir haben hier natürlich einen Erziehungswert. In einem gewissen Alter muss man den Jungs sagen, was geht und was nicht: Sei es die Pünktlichkeit oder dass sie uns Erwachsene ausreden lassen und nicht anfangen zu diskutieren. Wir erziehen die Jungens, aber was nützt es, wenn jemand nicht hören will? Sie machen ihren Sport und hier ist es kollegial. Egal welcher Nationalität, untereinander sind sie fair. Sie belehren die Jungs auch, was sie mit ihren antrainierten Fähigkeiten anrichten können?
Auf jeden Fall! Ich bin jetzt 78 Jahre alt, bin Trainer seit 60 Jahren und habe es noch nicht gehabt, dass einer so eine Straftat gemacht hat. Diese Aggressivität, die bei manchen ausbricht—wenn Leute auf der Straße liegen und noch zugetreten wird, das ist neu. Man kann ringen und boxen, aber wenn jemand nicht mehr kann, dann muss man aufhören. Warum wird der Boxsport dann trotzdem oft mit Gewalttaten im Zusammenhang gestellt?
Da muss man unterscheiden, denn beim Boxen schaltet man das Gehirn ein, und die Jungs wissen, was das bedeutet. Keiner kommt aggressiv her. Aber sie messen ihre Kräfte beim Sparring oder wenn sie gegen einen Sandsack kloppen. Da steigt natürlich auch die Kraft, die Jungs werden immer härter. Wenn ein Junge sich hier zwei Stunden auspowert, ist der müde und sagt: So, jetzt geh ich nach Hause. Und weil er weiß, dass er sich verteidigen kann, braucht er nicht auf der Straße anfangen, seine Kräfte zu messen.
Klar ist da mal einer dabei, der so was trotzdem macht, aber das gibt es in jeder Sportart, auch beim Fußball. Die Jungs, die herkommen, wollen den Sport machen und kommen nicht explizit hierher, um zu lernen, wie sie jemanden verprügeln. Sie wollen später in den Ring steigen und Wettkämpfe boxen, das ist ihr Ziel. Bei den Boxkämpfen im Fernsehen geht es ja oft ziemlich brutal zu. Wie ist es denn bei Amateur-Wettkämpfen?
Ich bin ein Gegner von diesem brutalen Gewaltboxen, das man manchmal im Fernsehen sieht. Mit blutenden Köpfen, dermaßen zusammengeschlagen mit unfairen Mitteln—unter die Gürtellinie und Innenhände und Kopfstöße—, das ist eine ganz andere Sportart! Trotzdem, Boxen ist ein harter Sport. Fäuste gegen den Kopf zu bekommen, ist nicht gesund und deshalb schicken wir erst jemanden in den Ring, der es auch wirklich drauf hat, sich zu decken und zu wehren. Wenn Eltern aber so was im Fernsehen sehen, dann wollen sie natürlich auch nicht, dass ihre Kinder das machen. Deshalb sind bei uns im Boxsport die Zahlen auch rückläufig in den letzten Jahren. So, jetzt muss ich aber weiter machen!
