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Reisen

Was und wann die Bayern gerne trinken

Die Bajuwaren lassen keine Gelegenheit aus, wenn es um Alkohol geht.

von MALTE BORGMANN
29 Juni 2011, 10:35am

Wie wir alle wissen, gibt es einen ganze Menge Anlässe um sich hemmungslos zu betrinken. An einem religiösen Feiertag zum Beispiel, um einer getränketechnischen Errungenschaft des Menschen die regelmäßig nötige, allgemeine Huldigung zu erweisen, oder einfach weil es gerade elf Uhr früh ist und jemand ein großes Zelt gebaut hat, in dem eine Band „Highway to Hell“ spielt. Zum traditionellen Pfingstmontags-Weißbierfrühschoppen im niederbayerischen Moos geht man, um sich genau aus diesen drei Gründen am Montagvormittag die Lichter auszublasen.

Die Gemeinde Moos liegt im niederbayerischen Kreis Deggendorf zwischen so malerischen Orten wie Künzing, Wallerfing, Stephansposching, Otzing, Osterhofen und Plattling. Jedes Jahr, wenn die Entsendung des Heiligen Geistes auf die Apostel und die Jünger Jesu Christi gefeiert wird, pilgern die Menschen also aus ganz Niederbayern schon frühmorgens hierher um den Tag in einem übervollen Bierzelt zu verbringen. Ganze Reisebusladungen ergießen sich zwischen die noch taubeschlagenen Buden und Fahrgeschäfte des winzigen Volksfestes und drängen sich gegen die Pforten des Grafenwirt-Zeltes. Die meisten der Besucher kommen aus Gemeinden wie Künzing, Wallerfing, Stephansposching, Otzing, Osterhofen und Plattling.

Pünktlich um acht werden dann schließlich die Pforten geöffnet. Davor warten Horden von übernächtigten, trinkenden Menschen schon ungeduldig und seit Stunden auf Einlass. Ungefähr so wie vor einer angesagten After Hour Disko. Nur dass die Leute hier von eher kräftiger Statur sind und nicht von exzessivem Hartdrogenkonsum ausgemergelt. Außerdem trägt man hier Dirndl, Lederhose und Bayern-Trikot oder lustige T-Shirts mit Slogans wie: „Besoffen in die Kreisklasse – Was schaffen wir nüchtern?“ Eine berechtigte Frage.

Hat man sich erfolgreich einen Platz erkämpft, kommt bald eine der resoluten Bedienungen an deinen Tisch, um dich mit allem zu versorgen, was du brauchst. Sie ist dabei so schnell, dass ihre Handbewegungen für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar sind (Viele Gäste trinken in demselben Tempo). Wenn du Respekt in dir hast, redest du sie immer mit „Chefin!“ an.

Die Weißwurst ist die Lieblingswurst des Bayers. Sie wird aus dem Fleisch toter Norddeutscher gefertigt und harmoniert perfekt mit süßem Senf, einer Breze und ein bis zwei Weißbier. Bzw. 8 bis 14 Weißbier, je nach Anlass.

Ach, das Weißbier. Ein Getränk, das eine empfindsame Seele leicht in schwärmerische Grübelei verfallen lassen kann. Weißbier ist äußerst gehaltvoll und nahrhaft. Wenn Bier flüssiges Brot ist, ist Weißbier flüssiger Döner. Süffig, vollmundig und schaumig fließt es deine Kehle hinab und bereitet dir einen wohlig warmen Rausch. Der Kater am nächsten Tag ist natürlich trotzdem monströs. Allerdings wäre der Kater noch viel monströser, würde der sogenannte Weißbierschiss am nächsten Morgen nicht viel von dem bündeln, was dir normalerweise Übelkeit und Kopfschmerzen bereitet, und es in einer explosiven Eruption in die Kanalisation schießen. Auch sollte man über die Jahre nicht zuviel Weißbier trinken. Es bläht dich auf, dein Schädel schwillt an und färbt sich rot, bis du aussiehst wie Uli Hoeneß oder Franz Josef Strauss. Du gerätst dann in die Gefahr als Weißbierdimpfel bezeichnet zu werden, und das ist nicht unbedingt ein Titel, den man mit Stolz tragen kann.

Natürlich ist Pfingsten ein christliches Fest und Bayern sehr katholisch. Trotzdem sorgt die erfolgreiche Festzeltband SAX’N DI! dafür, dass auch fremde Minderheitenreligionen angemessen repräsentiert werden.

Spätestens ab halb elf stehen alle auf den Bänken und benehmen sich als wäre außerhalb des Zelts 4 Uhr nachts.

„Kracherl“ ist das niederbayerische Wort für Schnaps. Hier herrscht die Überzeugung, dass man sich den Aufenthalt im heiligen Biergarten erst erarbeiten muss. Bevor also bayerische Jugendliche hier herein dürfen, müssen sie als Kinder erst in Kracherlgarten ihre Standhaftigkeit und Leidensfähigkeit durch geregelten Schnapskonsum trainieren und unter Beweis stellen.

Leider war keine Kamera zur Hand, als wenig später eine brutale Schlägerei zwischen den Securities, Trachtenträgern und Mitgliedern einer Motorradgang entbrannte. Sorry. Aber kommt doch nächstes Jahr einfach selbst vorbei, um euch solche unvermeidlich stattfindenden Handgreiflichkeiten anzuschauen, soviel Weißbier zu trinken, wie ihr könnt und ein bisschen auf den Tischen zu tanzen. Wer weiß, vielleicht kommt ja sogar der Heilige Geist auf euch herab.