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Ich habe einen Tag lang als Rentnerin gelebt

Wir hatten schon den Versuch als deutscher Rentner, jetzt kommt die österreichische Rentnerin.

von Verena Bogner
11 Mai 2016, 11:00am

Alle Fotos von Michael Obex

Ich stelle mir die Zeit der Rente als eine der schönsten Phasen des Lebens vor. Man kann vor sich hin chillen, wochenlange Kreuzfahrten machen, Buffets ohne Gewissensbisse leerfressen, Rätsel und Sudokus lösen, Nachmittagsprogramm schauen, Menschen belehren und mit Recht behaupten, dass man alles besser weiß. In Österreich kann sich endlich auf der Arbeit des fast vergangenen Lebens ausruhen und die über Jahrzehnte gereiften Früchte ernten. Zumindest war das bis zur heutigen Senioren-Generation so.

Diejenigen, die wie ich erst in gut 40 Jahren an die Reihe kommen (also theoretisch), haben nämlich ein Problem: Das österreichische Pensionssystem ist veraltet und im gefühlten Jahrestakt wird das Rentenantrittsalter nach oben geschraubt.

So wie es momentan aussieht, müssen wir uns alle bis zum reifen Alter von mindestens 65 knechten, nur um dann einem düsteren Lebensabend ohne Sicherheiten entgegenzublicken. Wir werden Reformen erleben, die diesen Silberstreif am Horizont (im Gegensatz zu jenem im Haupthaar) in immer weitere Ferne rücken lassen. Hinzukommt noch die reelle Chance, dass wir den Goldtopf am Ende des graubraunen Regenbogens nie erreichen, sondern sogar noch auf dem Weg dorthin abkratzen.

Deshalb besagt eine alte Bauernweisheit, dass man sich nichts für die Rente aufsparen soll; keine Auslandsreisen, keine großen Träume, keine Bungee-Sprünge. Und da ich ohnehin jemand von der Sorte Mensch bin, die immer dann krank wird, wenn sie frei und Zeit zum Entspannen hat, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich am ersten Tag, an dem ich mich zum Taubenfüttern in den Park begebe, tot umfalle.

Aus all diesen und noch ein paar anderen Gründen, die ich in echter Seniorenmanier bereits wieder vergessen habe, habe ich beschlossen, mich einen Tag lang in meine Birkenstocks zu schmeißen und mich, so gut es geht, in die Rolle einer Rentnerin hineinzuversetzen. Ich habe so ziemlich alles getan, was nötig ist, um als alter Mensch akzeptiert zu werden und was den gängigen Klischees einer alten Frau entspricht—außer bereits 10 Minuten vor den offiziellen Öffnungszeiten meines Supermarkts grantig vor der Eingangstür zu warten. Immerhin leide ich noch nicht an seniler Bettflucht und mein Schlaf ist mir heilig. Ansonsten bin ich—nicht ganz zu meiner Überraschung—aber die geborene alte Dame. Ich weiß jetzt schon, dass es in 40 Jahren mein Highlight eines jeden Tages sein wird, Menschen in der Straßenbahn schon drei Stationen, bevor ich aussteige, "Entschuldigung, steigen Sie aus?!!?" ins Ohr zu motzen.

Zu den heiligen Pflichten einer jeden ehrlichen Rentnerin gehört es, ab und zu ein bisschen Rentengeld in der rosaroten Konditorei Aida liegen zu lassen. Daher habe ich meine Bunte eingepackt, bin losgezogen und habe dort bei der Lektüre der aktuellsten Adelsskandale die wohl zwielichtigste Melange und das wahrscheinlich pensionistischste Punschkrapferl aller Zeiten zu mir genommen. Mein Testtag als Rentnerin hält zumindest kulinarisch nicht, was er verspricht.

Als nächstes muss ein bisschen geshoppt werden. Und was ist das wichtigste Accessoire einer jeden rüstigen Rentnerin? Richtig: Der Granny-Wagon. Nach einer kurzen Testfahrt mit einem schicken Modell in Lila bin ich mir nicht sicher, ob ich ohne dieses Teil jemals wieder leben kann oder will. Nie mehr Schulterschmerzen vom einseitigen Tragen einer Handtasche, nie mehr Schleppen, nie mehr Leiden. Zumindest nicht mehr, als man es als alter Mensch ohnehin tut. Nie mehr Jungsein!

Shut up and take my money

Weil mein Tag bisher offensichtlich richtig anstrengend war, habe ich beschlossen, in gebotener Langsamkeit nach Hause zu gehen und in meiner Hood in Wien nach dem Rechten zu sehen, bevor ich in jeden einzelnen der umliegenden Parks weiterziehe, um dort meinen liebsten Tagesaktivitäten nachzugehen.

Wie es sich gehört, habe ich also eine Zeit lang aus dem Fenster gestarrt und Menschen beobachtet. In den 1950ern war das angeblich noch die beliebteste Freizeitbeschäftigung der erwachsenen Bevölkerung. Und ich kann es diesen guten alten Menschen aus der guten alten Zeit ziemlich gut nachempfinden. Einfach nur Menschen dabei zuzusehen, wie sie an mir vorbeigehen und ihr kleines Leben leben, während ich hin und wieder ein paar Kinder, die einfach nur spielen, anmeckere, hat etwas überraschend Meditatives. Ich merke, wie ich mich langsam in eine echte Rentnerin verwandle.

Jetzt beginnt der spannende Teil meines Tages. Weil ich weiß, wo in meinem Bezirk die Rentner-Hotspots sind, gehe ich in den Einsiedlerpark, der quasi voll mit alten Männern ist. Ich beschließe, die Frauenquote in die Höhe zu treiben und frage, ob ich dieser illustren, ziemlich lustigen Runde bei ihrem Kartenspiel beiwohnen darf.

Ich weiß zwar nicht genau, was sie spielen oder wie es funktioniert, aber der Wille zählt (und alte Menschen lassen sich sowieso meistens nicht durch Unwissenheit davon abhalten, irgendwo zuzuschauen oder mitzureden). Als nächstes geht es in den Bruno-Kreisky-Park, wo ich an meinem wunderschönen "Girl Gang"-Stickbild arbeite. Ich sticke im Kreuzstich vor mich hin und fühle mich dabei so zen, dass ich fast nicht merke, wie glücklich ich bin.

Natürlich muss man einer Welt, die einen so glücklich macht, auch ein bisschen was zurückgeben. Also beschließe ich, die Tauben im Park mit meinem uralten Brot zu beglücken und ich merke, wie sehr man als Rentnerin eigentlich am Limit lebt—denn: Wer Tauben füttert, füttert Ratten. Ich fühle mich ein bisschen kriminell, aber auch gut, denn das erste Mal verstehe ich die Taubenfrau aus Kevin – Allein in New York. Diese grindigen Tauben, die Central-Park-Hobos der Lüfte, sind meine Freunde. Sie sind dankbar für jeden alten Brösel. Zur Krönung des Tages schließe ich sogar noch eine Freundschaft mit einem wunderschönen Hund, der eine bessere Frisur hat als ich selbst. Ein bisschen traurig bin ich schon, dass ich dieses perfekte Leben wohl niemals leben werde.

Als wäre nicht alles schon schön genug gewesen, stand nach diesem turbulenten, kräftezehrenden, aber wunderschönen Tag plötzlich ein einsamer Rollator, auf dem ich mich ausruhen konnte, auf weiter Flur. Ich glaube, das war der zweitschönste Nachmittag meines Lebens. Gleich nach dem, an dem ich alle Sorten beim Leberkas-Pepi verkosten durfte.

Verena auf Twitter: @verenabgnr