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Reisen

Die gruselige Geschichte des berühmtesten amerikanischen Axtmord-Hauses

Die Touristenattraktion in Iowa ist ein Mekka für Fans übernatürlicher Phänomene. Eine Geisterjagd endete auf unerklärliche Art und Weise aber ziemlich blutig.

von Josiah M. Hesse
28 Oktober 2016, 9:53am

Foto: Jennifer Kirkland | Flickr | CC BY-ND 2.0

Am 7. November 2014 wurde ein Besucher des berühmten Axtmord-Hauses in Villisca, Iowa, in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht, nachdem man ihn mit einer selbst zugefügten Stichwunde in der Brust aufgefunden hatte. Das Haus ist vor allem bei Geisterjägern bekannt, weil es in diesen Kreisen als eines der Gebäude gilt, in denen es in den ganzen USA am meisten spukt. 1912 wurden dort nämlich sechs Kinder und zwei Erwachsene brutal umgebracht. Man hat das Verbrechen nie aufklären können und wenn sich Besucher nachts in den vier Wänden aufhalten, dann berichten sie fast immer von emotionalen, körperlichen und übernatürlichen Phänomenen, die dort auftreten.

"Sie spielen mit den Kindern, sie hören Stimmen und sie dokumentieren Anomalien", erklärt die 77-jährige Martha Linn, die das Haus 1994 erworben und in seinen ursprünglichen Zustand von 1912 zurückversetzt hat. Das bedeutet, dass es in der Touristenattraktion weder Strom noch sanitäre Anlagen gibt. "Mir liegen ganze Notizblöcke vor, in denen alle nächtlichen Erfahrungen stehen, die die Gäste innerhalb der vergangenen beiden Jahre gemacht haben. Nur ganz wenige kommen am nächsten Morgen raus und haben nichts gespürt oder gesehen."

Diese Erfahrungen kosten pro Nacht schlappe 428 Dollar. Anscheinend sind manche Leute dazu bereit, tief in die Tasche zu greifen, um in der Präsenz von potenziell bösen Geistern zu schlafen. Aufgrund der extrem hohen Zahl an dokumentierten übernatürlichen Zwischenfällen gehen Geisterjäger in Villisca ein und aus. Im Gepäck haben sie dabei oftmals Ouijas, EVP-Aufnahmegeräte oder sogar die Original-Axt von den Morden, um die dunklen Mächte innerhalb der verfluchten Wände in Fahrt zu bringen.

Im November 2014 kam es dann zu der am Anfang erwähnten, mysteriösen Selbstverletzung. Der damals 37 Jahre alte Robert Steven Laursen Jr. übernachtete zusammen mit mehreren Freunden im Axtmord-Haus, um dort "übernatürliche Nachforschungen" anzustellen. So berichtet es Joe Sampson, der Sheriff von Montgomery County. "Soweit ich weiß, war er alleine im nordwestlichen Schlafzimmer, während sich der Rest der Gruppe draußen aufhielt. Dann rief er über die Funkgeräte um Hilfe." Laursens Freunde fanden ihn schließlich mit einer Stichwunde in der Brust vor, die er sich augenscheinlich selbst zugefügt hatte. Sie riefen sofort einen Notarzt und der Verletzte wurde zuerst in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. Anschließend flog man ihn per Helikopter weiter in den Creighton University Medical Center von Omaha.

Laut dem Polizeibericht ereignete sich der Zwischenfall gegen 00:45 Uhr. Die Morde von 1912 sollen sich zur ungefähr gleichen Zeit zugetragen haben.

"Für uns sind die Morde an Josiah und Sarah Moore, ihren vier Kindern und den zwei übernachtenden Mädchen eines der größten ungelösten Rätsel des Landes", sagt Kelly Rundle, der Produzent der Dokumentation Villisca: Living with a Mystery. "Das Ganze mutet wie eine erfundene Gruselgeschichte an und je mehr man sich damit beschäftigt, desto komischer wird es. Übertreibungen sind hier gar nicht nötig."

Am Abend des 9. Juni 1912 waren Josiah Moore, seine Frau, seine drei Söhne und seine Tochter bei einem Gottesdienst. Danach gingen sie zusammen mit zwei Freundinnen der Tochter, die bei ihnen übernachten sollten, wieder nach Hause. Am darauffolgenden Morgen bemerkte eine Nachbarin gegen 07:00 Uhr, dass es in dem Haus der Moores ungewöhnlich still war. Als sie nachschaute, fand sie nur verschlossene Türen sowie zugezogene Fenster vor und alarmiere deswegen Moores Bruder. Der verschaffte sich Zutritt und entdeckte die blutüberströmten Leichen seiner Verwandten.

Die örtlichen Polizeibeamten verloren schnell die Kontrolle über den Tatort, weil plötzlich fast 100 Schaulustige da waren, um die Leichen zu begaffen. Fingerabdrücke als Beweismittel waren damals in den USA noch kein weit verbreitetes Ermittlungswerkzeug und aufgrund der störenden Gaffer war es den Polizisten nicht möglich, ausreichend Hinweise für eine wirklich eindeutige Ermittlung zu sammeln. Durch das Ausholen mit der Axt verursachte Einkerbungen in den Schlafzimmerdecken gaben Aufschluss über die Größe des Mörders (und entlasteten einen besonders kleinen Verdächtigen), aber sie befanden sich auch in der Mitte der Zimmer und nicht über den Betten. Deswegen ging man davon aus, dass der Killer die Axt vor lauter Aufregung und Vorfreude herumgeschwungen haben muss.

Die Leichen von Lena und Ina Stillinger befanden sich im unteren Schlafzimmer. Am Ende des Betts der 12-jährigen Lena wurde eine Petroleumlampe gefunden, die wahrscheinlich Licht auf ihren Körper werfen sollte. Der lag nämlich in einer sexuell wirkenden Haltung da und Lenas Unterwäsche fehlte. Dazu kamen dann noch das Blut auf den Beinen und die Abwehrverletzungen an den Armen. Ermittler glauben, dass hier auch sexuelle Gewalt angewandt wurde und dass Lena das einzige Mordopfer war, das sich gegen den Angreifer gewehrt hat.

Mit der Technologie und den Ermittlungsmethoden von heute hätte man die Morde damals wohl schnell aufdecken können. 1912 führten verschiedene Vermutungen und Schuldzuweisungen in Villisca jedoch zu einer Art Massenhysterie. Historiker haben sich inzwischen auf drei Hauptverdächtige geeinigt: einen Serienmörder, der mit ähnlichen Morden in Verbindung gebracht wird, einen Wanderprediger mit einer Vorgeschichte von sexueller Gewalt und einen Senator, der Berichten zufolge einen kokainsüchtigen Auftragsmörder damit beauftragt haben soll, Moore umzubringen. Für die Tat verurteilt wurde jedoch niemand.

Es gibt eine Menge Bücher und Dokumentationen, die sich mit den Morden und den übernatürlichen Forschungen im Moore-Haus beschäftigen. Darin kommen auch verschiedene Personen vor, die behaupten, einen durch die Flure laufenden Mann mit Axt gesehen oder die verzweifelten Schreie von Kindern gehört zu haben. Andere wurden angeblich in den Schrank eingesperrt, in dem sich Lena Stillinger vor dem Angreifer versteckt haben soll.

Als Rundle in den 90ern anfing, seine Doku zu drehen, besaß das Haus noch nicht wirklich den Ruf, heimgesucht zu sein. Der Produzent hat in den Jahren des Filmens innerhalb des Gebäudes auch nie irgendetwas Außergewöhnliches gesehen oder erlebt—genauso wie die Menschen, die jahrelang in dem Haus wohnten, bevor es sich in eine Touristenattraktion verwandelte.

"Die ersten Geisterjäger sahen sich 1999 im Moore-Haus um. Sie sagten, dass es dort spuke und dass sie herausfinden würden, wer der Mörder war", erzählt Rundle. Vorher galt das Gebäude im Allgemeinen nur als gut erhaltenes Relikt aus der Vergangenheit. "Es ist echt schade, dass so vielen Leuten die wahre Geschichte des Hauses egal ist, denn wie bei jeder historischen Geschichte kann man auch hier wirklich etwas lernen", sagt er. "Wenn die Besucher nur dort hingehen, um sich zu gruseln und irgendwelche übernatürlichen Phänomene zu erleben, dann weiß ich nicht, was sie dabei lernen sollen."

Sheriff Sampson ist seit 1992 Teil der Polizei von Montgomery County. Laut eigener Aussage musste er in der Vergangenheit nie aufgrund eines Notrufs zum Moore-Haus ausrücken. Für ihn ist Villisca nur eine "typische, dörfliche Farmer-Gemeinde in Iowa".

Nach dem Laursen-Zwischenfall stand genau diese Gemeinde jedoch im Fokus der Öffentlichkeit und sowohl Sampson als auch Linn, die Hausbesitzerin, sahen sich mit einer Flut an Medienanfragen konfrontiert.

"Der Zwischenfall war für uns alle sehr erschütternd", sagt Linn. "Zwar bringt uns so etwas auch Publicity, aber leider nicht gerade die Publicity, die man sich eigentlich wünscht. Ich will nicht, dass die Leute davon ausgehen, im Axtmord-Haus das gleiche Schicksal zu erleiden. Sie sollen hier Spaß haben und etwas über die Geschichte des Orts lernen. Wenn es dabei zu einer übernatürlichen Erfahrung kommen sollte, dann ist das halt noch ein Bonus."

Laut Linn und Sampson ist Laursen inzwischen wieder gesund, aber mehr wollen sie aus Respekt vor der Familie nicht erzählen.

"Um die Moore-Morde ranken sich viele Mythen und Legenden", sagt Rundle. "Das ist ein sehr faszinierender Aspekt, so lange man immer im Hinterkopf behält, dass es sich dabei nur um Mythen und nicht um Fakten handelt. Für mich sind die ganzen übernatürlichen Erlebnisse eine zeitgenössische Version davon—eine Art Ergänzung zu den Mythen, die schon kurz nach der schrecklichen Tat aufkamen. Solche Mythen und Legenden sagen auch mehr über das Welt- und Selbstbild der Leute aus, als über die Fakten des Falls."

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Titelbild: Jennifer Kirkland | Flickr | CC BY-ND 2.0