Die österreichische Ärztin, die Menschen an der syrischen Grenze behandelt
Marie-Therese Kiriaky (rotes Shirt) und eine freiwillige Helferin von Balsam | Foto vom Autor
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Die österreichische Ärztin, die Menschen an der syrischen Grenze behandelt

"Viele Kinder in der Grenzregion sind schlecht versorgt und leiden unter katastrophalen hygienischen Bedingungen."
12.11.16

Es ist noch früh am Morgen, als ich vor dem Eingang des Emel- Krankenhauses außerhalb der türkischen Stadt Reyhanli auf den 8-jährigen Zijad treffe. An der Hand seines Vaters reiht sich der Junge vor dem Krankenhaus in eine riesige Menschschar ein und wartet darauf, dass die in weißen Baucontainern untergebrachte Einrichtung, die weniger als 50 Meter von der syrischen Grenze entfernt liegt, seine Pforten öffnet.

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Wer ins Emel-Hospital kommt, der wurde unmittelbar Opfer des inzwischen über fünf Jahre andauernden Schlachtens im syrischen Bürgerkrieg. Entsprechend treffe ich auf Menschen, die ihre Gliedmaßen oder ihr Augenlicht durch Granatexplosionen verloren haben oder darauf warten, dass Ärzte ihre Brandverletzungen und entstellten Körper behandeln.

Eines wird schnell klar: In den Gesichtern der Kriegsopfer spiegelt sich keinerlei Hoffnung wieder, keine Freude über die ärztliche Betreuung oder Erleichterung, dass eine Behandlung kurz bevorsteht. Wer es einmal über die Grenze geschafft hat, hat bereits zu viel erlebt, um die Schrecken des Krieges vor dem inneren Auge abzuschütteln.

Auch Zijad, der 8-jährige Junge, wartet mit seinen Eltern auf ärztliche Behandlung. Sein Oberkörper, das Gesicht und die Hände sind mit Brandwunden überdeckt. "Eine Bombe schlug in der Straße ein, als mein Sohn vor dem Haus spielte", berichtet der Vater mit knappen Worten die schreckliche Tragödie, die in dem Bürgerkriegsland bereits längst zur täglichen Routine geworden ist.

Foto vom Autor

Die Menschen warten auf "die Ärztin aus Österreich", wie Dr. Maria Deutinger, Fachärztin für plastische Chirurgie aus Wien, von den türkischen Ärzten in Reyhanli angekündigt wurde. Deutinger ist Teil des privaten österreichischen Hilfsprojekts "Balsam" und reist bereits zum zweiten Mal in die Grenzstadt, um im Emel-Hospital mehrere Tage lang Operationen an Betroffenen durchzuführen.

Ins Leben gerufen wurde das Balsam-Projekt von der gebürtigen Syrerin Marie-Therese Kiriaky in Wien, um syrischen Menschen nahe der Grenze helfen zu können. Kurz nach Ausbruch des Krieges hatte sich Kiriaky ins Flugzeug gesetzt, um sich selbst ein Bild der Lage in Reyhanli zu machen und für die Flüchtlinge Hilfe zu organisieren. "Seitdem komme ich dreimal im Jahr in die Region", erzählt sie. Begleitet wird Kiriaky dabei jedes Mal von freiwilligen Helfern, Kinderpsychologen oder Fachärzten. "Es gibt viele Wege, das Leid der Menschen zu mindern", ist sie überzeugt.

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Doch die Situation an der Grenze hat sich mittlerweile deutlich verändert. Journalisten sind in Reyhanli unerwünscht. Bereits am Flughafen in Istanbul werde ich beim Boarding der Maschine nach Antakya aus der Gruppe gefischt und befragt, was ich an der Grenze denn vorhätte. Fotokamera und mehrere Objektive bestätigen offenbar den Verdacht der bewaffneten Sicherheitsleute, doch mit Verweis auf die Schönheiten des antiken Antiochias und der St. Petrus Grotte, der ältesten christlichen Kirche Kleinasiens, lässt man mich meine Reise fortsetzen. In Reyhanli wird der Ton der Behörden rauer. Niemand will, dass Journalisten in der Grenzregion unbeaufsichtigt arbeiten.

Dr. Maria Deutinger behandelt Zijad | Foto vom Autor

Zijad wird zwischenzeitlich von Maria Deutinger untersucht, der Vater berichtet mit leiser Stimme über den bisherigen Leidensweg des Jungen. Zwar konnte Zijad bereits in Syrien in einem der noch nicht zerstörten Krankenhäuser versorgt werden, aber eine weitere Behandlung des nicht komplett verheilten und mittlerweile infizierten Narbengewebes muss von Spezialisten übernommen werden.

Erst vor kurzem floh die Familie aus der 50 Kilometer entfernten und heftig umkämpften Region Idlib in die Türkei. In der Nacht wartet die Familie in Grenznähe und wurde schließlich mit einigen anderen Flüchtlingen von einem Schlepper in die Türkei gebracht. Maria Deutinger konzentriert sich auf die Untersuchung des Jungen, ihr geht es um das Wohlergehen der Menschen und schnell kann sie dem Jungen mitteilen, dass er am nächsten Tag operiert werden kann.

"Verlassen Sie unsere Einrichtung und kommen Sie nicht mehr wieder, sonst kann für Ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden"

Als der Junge den Untersuchungsraum verlässt, betritt ein türkischer Arzt den Raum. Es wurden zu viele Fragen gestellt, ist er der Überzeugung. Die Ärzte und Helfer sollen sich auf die Untersuchung konzentrieren und ihr Interesse an den Fluchtumständen hinten anstellen. Dann bittet mich der Arzt, mit ihm zu kommen. Schnell macht er deutlich, dass die Behörden keine Journalisten mehr dulden. "Verlassen Sie unsere Einrichtung und kommen Sie nicht mehr wieder, sonst kann für Ihre Sicherheit nicht mehr garantiert werden", übt er sich in Diplomatie. Die Arbeit der Ärzte hat natürlich Vorrang; ich will kein Hindernis dafür darstellen, dass Kriegsopfer eine lang ersehnte Behandlung bekommen.

Zusammen mit einem Fahrer mache ich mich daran, einen Eindruck über die Situation an der Grenze zu bekommen. Seitdem die Türkei in einem umstrittenen Deal mit der Europäischen Union 6 Milliarden Euro an Finanzhilfe erhalten hat, um im Gegenzug den Flüchtlingsstrom nach Europa einzudämmen, ist es den türkischen Behörden durchaus ernst, die letzten Lücken an der grünen Grenze zu schließen.

Grenzpratouille | Foto vom Autor

Dabei scheuen sie nicht vor drastischen Maßnahmen zurück: Entlang der Grenze bei Reyhanli tragen Bulldozer Teile des umliegenden Hügels ab, um einen unüberwindbaren Abhang zu schaffen, der die Flüchtlinge an der unkontrollierten Einreise in die Grenzstadt hindern soll. Im Niemandsland wird zusätzlich eine kilometerlange Betonmauer errichtet, mit der die Grenze auch gegen islamistische Terroristen gesichert werden soll. (Am 11. Mai 2013 verübten Terroristen im Stadtzentrum einen Anschlag mit zwei Autobomben. Mehr als 50 Menschen starben, hunderte wurden schwer verletzt.) Überall patrouillieren bewaffnete Militärfahrzeuge.

Entlang der Grenze finden sich immer wieder Zelte auf landwirtschaftlichen Nutzflächen, bewohnt von syrischen Beduinen, die dem Horror der Krieges entflohen sind, jedoch in den vollkommen überfüllten Flüchtlingscamps keinen Platz mehr finden können und wollen.

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Im nahen Antakya kauft das Balsam-Team mithilfe von privaten Spenden aus Österreich und Deutschland Medikamente, Lebensmittel und Schuhe und verteilt diese mit in Österreich gesammelten Kleidungstücken an die Beduinenfamilien. "Nehmt nur, was ihr auch wirklich braucht", mahnt der Älteste im Familienverband mit erhobenem Zeigefinger die Jungen und bedankt sich für die Hilfe des Teams. Die Kinder genießen die Abwechslung, posieren für Fotos und wühlen sich mit Freude durch die Kleidungsstücke.

Foto vom Autor

Ich möchte in eines der großen Flüchtlingscamps in der Hatay-Provinz und nehme Kontakt mit einem lokalen Fixer auf, der sich selbst "John" nennt. "Zu gefährlich und außerdem zur Zeit wegen den Behörden nicht möglich", berichtet John mit trockener, nasaler Stimme. John hat aber einen anderen Vorschlag und würde mich gerne nach Syrien bringen, was "gar kein Problem sei"—die Behörden könne man schmieren, dann würde man sich auf der anderen Seite um mich kümmern.

Ich lehne ab und beende das Gespräch. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, einem Telefonstreich aufgesessen zu sein. Die Hatay-Provinz gilt schon länger als Operationsbasis von Islamisten, Geheimdiensten und Schleppernetzwerken. Niemand weiß, wem man vertrauen kann.

Später erklärt mir eine Journalistin, die immer wieder von Antakya aus in das Bürgerkriegsland reist: "Es ist, wie wenn man in einem Kaninchenbau verschwindet. Du weißt nicht, wo du bist und wie du hier wieder rauskommst, wem du vertrauen kannst oder wie lange du bleibst." Die Wahl des richtigen Fixers ist lebensnotwendig.

Geflüchtete Kinder in einem der Zelte entlang der Grenze | Foto vom Autor

Zurück in Antakya besuche ich Talal Mejwel, einen aus dem Irak stammenden und ebenfalls in Wien lebenden Arzt, der das Balsam-Team in seiner Funktion als Kinderarzt komplettiert. "Viele Kinder in der Grenzregion sind schlecht versorgt und leiden unter katastrophalen hygienischen Bedingungen", schildert Mejwel die Situation. Die Kleinen haben Infektionen oder leiden bereits unter chronischen Erkrankungen. Vor der improvisierten Praxis hat sich eine lange Warteschlange gebildet. Mehrere Hundert Patienten untersucht er in nur wenigen Tagen, erstellt Diagnosen und verteilt zuvor gekaufte Medikamente an die Mütter der Kinder.

In Reyhanli hat sich mittlerweile eine weitere Klinik mit syrischen Ärzten angesiedelt. Auch hier werden täglich Hunderte Flüchtlinge betreut. Jetzt warten die Mediziner auf die notwendige staatliche Genehmigung, um Operationen in der Türkei durchführen zu können. Um Hilfe bei ausländischen Ärzten haben sie schon angefragt und beraten sich auch intensiv mit dem Balsam-Team. Bedarf besteht jedenfalls ausreichend—das zeigt ein Blick ins Emel-Hospital, wo dutzende Kriegsopfer auf eine rasche Behandlung ihrer schweren Verletzungen hoffen. Ob das Balsam-Team auch in Zukunft helfen kann, liegt nicht zuletzt am Umgang der türkischen Behörden mit fremden Hilfsorganisationen.

"Wir sammeln schon wieder Spenden und Kleidung und sind zuversichtlich, bald wieder an die Grenze zu reisen", ist die Gründerin Marie-Therese Kiriaky sicher. Wir müssen den Menschen einfach helfen. Nicht alle haben das Glück, zwei Heimatländer zu haben", sagt die in Damaskus geborene Österreicherin. Aufgeben ist für sie jedenfalls keine Option.