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#uplading_holocaust: Dürfen wir Selfies im KZ machen?

Sofia Faltenbacher

Sofia Faltenbacher

Eine junge Israelin sagt Ja. Warum, zeigt eine Doku aus YouTube-Material junger Israelis.

Es ist Sonntag, 16 Uhr, und wir sprechen über den Holocaust. Es sind Fragen, die man nicht an einem Sonntagnachmittag stellen will, die man eigentlich gar nicht stellen will. Jakob, 18, deutscher YouTuber, fragt: "Was hältst du davon, wenn Deutsche Selfies aus dem KZ posten?" Stav, 24, eine junge Frau aus Israel, die therapeutisches Reiten unterrichtet, antwortet bestimmt: "Das ist überhaupt kein Problem, das sollte jeder machen dürfen."

Jakob ist irritiert. Er versteht nicht, warum manche Menschen lächelnde Selfies an Orten machen, an denen Hunderttausende Menschen gestorben sind. "Es geht doch nicht darum zu zeigen: Ich war hier, wie auf einer Reise, sondern innezuhalten, nachzudenken", sagt er. Auch mich überrascht Stavs Antwort. Wenn ich sehe, dass Menschen Selfies von ihrem Besuch der KZ-Gedenkstätte auf Instagram posten, schäme ich mich fremd.

Jakob im Webprojekt zur Dokumentation #uploading_holocaust | Video: gebrueder beetz filmproduktion on Vimeo

Die Welt, in der viele ihr ganzes Leben vom Essen bis zum Kopfschmerz auf Snapchat, Instagram, Facebook und Twitter zum Thema machen, bringt bizarre Anblicke hervor: Touristen, die auf dem Holocaust-Mahnmal in Berlin herumspringen; Fußballfans, die einen Sieg an diesem Ort mit Deutschland-Fahnen feiern; und eben sogar Selfies in einem ehemaligen Krematorium.

Für viele Israelis wie Stav haben Bilder an diesen Orten—auch Selfies—aber eine ganz andere Bedeutung. Warum Stav Fotos in KZ-Gedenkstätten als etwas Normales empfindet, zeigt der Dokumentarfilm #uploading_holocaust von Udi Nir und Sagi Bornstein. Sie haben ihn zu 100 Prozent aus YouTube-Videos zusammengesetzt, die israelische Schüler auf "der Reise nach Polen" aufgenommen haben, einer siebentägigen Reise zu vier Konzentrationslagern, zu ehemaligen Ghettos und Gedenkstätten. Auch ein Video von Stav ist Teil dieses Films.

Skypen mit Stav (24) aus Israel. Groß: Stav in Israel, klein: Udi, Jakob und die Autorin in Berlin | Screenshot Skype

Jedes fahren 30.000 junge Israelis an die Orte der Verbrechen im Nationalsozialismus und machen Bilder und Videos davon. Mehr als 20.000 Clips finden sich auf YouTube zur "Reise nach Polen". In den Videos, die Udi Nir zeigt, weinen manche so sehr, dass man kaum hinschauen will; die kleinen Clips zeigen aber auch Lächeln oder Gespräche über Lapidares an Orten, wo es auf den ersten Blick unangemessen scheinen mag. Für israelische Jugendliche wie Stav geht es auf der Reise um die eigene Familiengeschichte. Die Videos sind oft für die eigene Familie, um zu zeigen: Ich war dort, ich habe es gesehen.

So entstehen die Bilder der Dokumentation, die auf unsere Augen kurz seltsam scheinen mögen, wie ein Tabu: Videos von Menschen mit Zetteln in der Hand, die auf Gräbern nach den Namen ihrer Verwandten suchen—auf YouTube.

Aber was halten junge Israelis davon, wenn Deutsche Bilder an diesen Orten machen und ins Netz stellen? Ist das wirklich OK, wie Stav sagt? Jakob entgegnet ihr: "Das ist der dunkelste Punkt unserer Geschichte. Für mich fühlen sich Selfies dort nicht richtig an." Dann fragt er nach: "Findest du es wirklich OK, wenn Horden von Menschen mit Kameras durch diese Orte laufen und Fotos machen wie Touristen? Oder wenn deutsche Instagramer mit Millionen Followern hübsche Selfies am Holocaust Mahnmal machen?" Die deutschen Instagram-Superstars Lisa und Lena—beide 14 Jahre alt mit fast vier Millionen Followern—hatten das gemacht. Sie hatten völlig unreflektiert ein hübsches Bild inmitten der Stelen des Mahnmals in Berlin gepostet.

"Stopp", sagt Stav. Jetzt klingt sie doch etwas schockiert. "Das ist ein Unterschied. Natürlich ist das nicht OK. Es ist etwas anderes, ein Bild für die eigene Erinnerung zu machen, oder ein hübsches Bild für Instagram, das viele Likes bekommen soll."

Die letzten Überlebenden des Holocausts sterben, ein Trauma, von dem Zeitzeugen direkt erzählen konnten, wird zu Geschichte. "Wir legen gerade fest, in welcher Form wir uns an den Holocaust erinnern werden", sagt Udi. Was auf YouTube, Instagram und Snapchat passiert, beschreibt er so: "Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht mehr nur die Orte fotografieren, an denen wir sind, sondern uns selbst an diesen Orten. Wir haben die Kamera umgedreht." Noch wichtiger als an jedem anderen Ort sei es, einmal innezuhalten und zu fragen: Ist das die richtige Form des Erinnerns?

Die Filmemacher Udi Nir und Sagi Bornstein | Foto: von der Autorin

In #uploading_holocaust kommt auch Stavs Video von ihrer "Reise nach Polen" als Schülerin vor. Sie spricht darin im Hotel in Polen mit Klassenkameraden. "Ich war sehr erstaunt, dass Udi mich nach diesem Videos fragte, sieben Jahre, nachdem ich es aufgenommen habe", sagt Stav. Kaum einer habe es damals angesehen und kommentiert, außer ihrer eigenen Familie.

Udi hat Stavs Video ausgewählt, weil sie etwas anspricht, das sich nicht viele nach dem Besuch eines KZs zu sagen trauen: "Ich kann nichts fühlen", sagte sie. Sie habe so viel erwartet von dem Moment, in dem sie all die Orte aus alten Briefen des Bruders ihres Großvaters sieht, aber vor Ort konnte sie einfach nichts fühlen. Die Trauer kam erst einige Tage später.

Nach Videos wie diesen hat Udi gesucht. Jenen, die nicht einfach nacherzählen, wie die Reise abläuft: Tag eins bis sieben, Station für Station—sondern eine persönliche Reise. Er suchte auf YouTube, ein Jahr lang. Die Dokumentation über das Gedenken an den Holocaust im Jahr 2016 sei schon da gewesen, sagt er, es ging darum, sie zu finden. 68 Minuten lang ist der Film #uploading_holocaust, keines der YouTube-Videos kommt länger vor als ein, zwei Minuten.

Jakob sagt, er habe beim Besuch in Arbeits- und Konzentrationslagern vor allem begriffen, welches Ausmaß die Nazi-Verbrechen hatten. Danach hat er ein Bild auf Instagram gepostet, schwarz-weiß von den langen Gängen und den Orten, die das Ausmaß der Grausamkeit zeigen. Er zeigt es Udi. "Hm", sagt Udi, "solche Bilder machen die meisten dort. Wir haben sie für unsere Dokumentation bewusst nicht verwendet. Es sind die die Blicke, wie sie bei Schulausflügen gelenkt werden und nicht das, was junge Menschen wirklich fühlen, wenn sie das sehen."

Udi will mit seinem Film Fragen aufwerfen: Welche ist die richtige Form, an den Holocaust als schlimmstes Ereignis der Geschichte zu erinnern? Welche Fragen trauen wir uns nicht zu stellen? "Für die Deutschen könnte diese Frage lauten: Setzen sich Deutsche mit ihrer eigenen—vielleicht düsteren—Familiengeschichte auseinander? Haben sie den Mut dazu? Und: Gibt es das Denken, das zum Nationalsozialismus führte, noch immer?"

Hier fangen die Diskussionen an, die Udi mit seiner Dokumentation anstoßen will. "Lasst uns alle die Fragen stellen, die uns nicht leicht fallen."

Udi will mit seinem Film auch israelische Lehrer hinterfragen, die den Schülern die Verbrechen so plastisch nacherzählen, dass sie nur noch weinend am Boden liegen, und am Ende sehr kämpferische Botschaften vermitteln: Nie wieder, wir als Land müssen uns wehren. Er will, dass auch sie sich die Frage stellen, wie der Holocaust an die nächste Generation vermittelt werden soll.

Ich frage Stav, wie sie die Reise nach Polen empfunden hat. "Ich war zu jung dafür", sagt Stav. Aber sie sagt auch:

"Auf einen Besuch im ehemaligen KZ kann man nicht vorbereitet sein."

Alle nicken.

Der Dokumentarfilm #uploading_holocaust läuft am Dienstagabend um 22:30 Uhr im BR zum ersten Mal im deutschen Fernsehen.
Im Webprojekt diskutieren junge Menschen aus Israel und Deutschland—unter anderem Stav und Jakob—über Fragen, die der Film aufwirft.

Du kannst mit Sofia, der Autorin dieses Textes, auf Twitter diskutieren.

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YouTuber Jakob (18) und Dokumentarfilmer Udi (26) diskutieren über Jakobs Instgram-Bild. Motiv ist ein Mahnmal | Foto: von der Autorin