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Musik

Ist alles doch nur Spaß, Boy?

Vergangene Woche schrieb Stefan Zehentmeier über Antisemitismus im Deutschen Rap. Boris Peltonen, der mit seinem Artikel bei Welt Online die Diskussion anstieß, kommt heute bei uns zu Wort.

Vergangene Woche schrieb Stefan Zehentmeier über Antisemitismus und rechtes Gedankengut im Deutschen Rap. Boris Peltonen, der mit seinem Artikel bei Welt Online die Diskussion anstieß, kommt heute bei uns zu Wort.

Interessante Assoziationen, die Stefan Zehentmeier hier präsentiert. Jahre lang hätten „Medienvertreter“ nach einer Schlagzeile gesucht, die Antisemitismus mit Rap verbindet. Von da aus kommt er auf das frühere Image des nationalstolzen Flers zu sprechen, fliegt dann einmal über den großen Teich in das Mutterland des Raps, wo der Begriff „Nigger“ als Selbstbezeichnung seit Anbeginn des HipHops dazu gehöre. Außerdem gebe es dort ja jüdische Künstler, und weil Superstar Drake seine Bar Mitzwa in einem Musikvideo feiert, kommt der HipHop-Experte zum Schluss, dass es gar keine antisemitischen Probleme im Deutsch-Rap gibt. Alles also nur eine lustige Jagd nach dem nicht existierenden Big Foot? Die kalkulierenden Medienprofis (in diesem Falle ich), die ohne Ahnung von der „Szene“ lediglich nach der Sensation lechzen und wie zu Aggro-Berlin-Zeiten ihre Spielchen treiben, von denen beide Seiten etwas haben: der provozierende Künstler die Aufmerksamkeit der Medien und die Medien ihren verkaufsträchtigen Skandal. Nur ist Flers überzogenes Image als „Deutscha Bad Boy“ mit „blauen Augen, weißer Haut“ damals auf Specters Schreibtisch entworfen worden, um gewisse Marktsegmente unter der Aggro-Hörerschaft abzudecken, die vom Superintelligenten Drogenopfer Sido und dem deutsch-arabischen Gangbanger Bushido nicht abgedeckt wurden. Laut Zehentmeier hätte Die Welt es dabei belassen und wie bei Flers Albernheiten alles als reine Provokation abtun sollen. Aber wie steht es dann um die Biographie Arye Sharuz Shalicars, in der er schildert, wie er nur durch den Schutz eines Mitglieds einer kurdisch-libanesischen Großfamilie im Wedding überleben konnte, nachdem er sich einmal auf die unerträglichen antisemitischen Äußerungen seiner Mitschüler als Jude zu erkennen gab? Oder um die rap.de-Reportage des guten Gewissens des Berliner HipHops, Marcus Staiger, „Juden und Araber in Berlin“, in der nach einer Rapveranstaltung von der Menge auf die Frage nach einer Lösung für den Nahost-Konflikt ein neuer Adolf gefordert wird, und die Crew wegen der sichtlich gewaltbereiten Stimmung die Dreharbeiten abbrechen muss? In Frankreich kursierte vor ein paar Jahren das Lied „Nique les Juifs“ („Fick die Juden“) im Internet, das Mitgliedern der Gruppe Pass-Pass zugeschrieben wurde, in dem Juden mit Zysten und Kakerlaken verglichen werden, die bis zur letzten ausgelöscht werden müssen. Momentan wird noch gemutmaßt, ob der Kindermörder Mohamed Merah weitere Komplizen außer seinem Bruder hatte, und ob er Mitglied einer radikalen Gruppierung oder Einzeltäter war. Letzteres wird, wie auch bei Anders Behring Breivik und seinen halluzinierten Tempelrittern, eher der Fall sein. Während es bei Breivik die ständige Hetze gegen den Islam durch rechtspopulistische Akteure in Europa war, die dem Einzelgänger eine Legitimationsbasis für seine Taten bot, ist es gut möglich, dass Merah, der selber seine ersten Rap-Versuche in einem Video festhielt, sich durch judenfeindliche Rap-Lieder seiner Vorbilder und den nimmer müden Israelkritikern in seiner Radikalität gerechtfertigt sah. Aus Deutschland wurden Merahs antisemitisch motivierte Morde öffentlich nur von Ex-Rapper Deso Dogg aus Kreuzberg beklatscht, der mittlerweile unter dem Namen Abu irgendwas als Laien-Prediger durch die Landen zieht. Radikalen Randgestalten der deutschen Rap-Landschaft wie dem Paliwood-Rapper Hasan K würde man vielleicht Ähnliches zutrauen. Die Azzlackz sind weit von solchen knallharten Vernichtungsfantasien entfernt. In den letzten Jahren gab es wohl kaum ein so gelungenes weil authentisches, unterhaltsames und mit neuen Styles gespicktes Street-Album wie das Mietwagentape von Celo&Abdi. Die beiden kommen unverbogen und durch ihren Newcomer-Status frisch und unverdorben rüber. Wie Celo sagt: „Das ist unsere Art in Frankfurt.“ Und die findet in unterschiedlichen Dimensionen Eingang in ihre Texte. Im Intro des im Mai erscheinenden Albums HJ lässt Celo sein Weltbild kurz durchblicken: „Du bist erst oben, wenn du in der Loge sitzt.“ Wer dort oben momentan die Plätze besetzt, man kann es sich denken, wenn es in der zweiten Auskopplung heißt: „Yahud-Style, Geld im Sinn.“ Diese Spielereien mit antisemitischen Klischees sind nicht Teil gezielter Aufmerksamkeitshascherei, sondern Ausdruck ihrer Alltagssprache. „Du Jude“ ist auf deutschen Schulhöfen längst ein gängiges Schimpfwort und Legenden, dass am 11. September 2001 keine Juden in den Twin Towers saßen, Gemeingut junger Muslime. Die Frage ist, ob dieser Antisemitismus durch die Rap-Musik, die Jugendliche täglich durch ihre Kopfhörer pumpen, auch noch bestätigt oder sogar verstärkt werden muss. Denn die großbrüderliche Vorbildfunktion der Künstler ist kaum zu unterschätzen. Der Rap-Journalist Zehentmeier meint aus einem leicht erhabenen Gestus heraus: „Von Gangsterrappern mit muslimischem Background“ könne man „keine wasserdichten moralischen Ansagen erwarten.“ Warum nicht? Zeichnen die Interviews mit Celo&Abdi nicht ein Bild von zwei Menschen, die auf ihre Art sehr moralisch sind? Sie ermutigen „Kanacks mit Deutschpass“ wählen zu gehen und die Politik in Deutschland mitzugestalten. Abdi nennt sich selber den „Pädagogen aus der Metropole“, empfiehlt seinen männlichen Fans ihre Ohrringe zu entfernen und betont jedes Mal vor der Kamera, dass sie ihre Schule fertig machen sollen. Auch fordert er „Freiheit für Achis (arabisch: Brüder) in Palästin (sic!).“ Dass viele Araber keine Israel-Liebhaber sind, muss wohl akzeptiert werden. Aber wozu kruder Antisemitismus? Kann man als Vorbild nicht auf den ganzen Blödsinn von „Freimaurern“, die „im Benz chauffiert“ werden (Abdi), verzichten? Nachdem ich vor eineinhalb Jahren eines der ersten Lieder von Celo&Abdi zusammen als Duo mit Ballamann gehört habe (FFM-GangBang), feierte ich das Lied. „Wettskandal“ hat mir die Feierlaune durch die dortige Heroisierung vom „Antisemitismus im Fanblock von Rotterdam“ wieder verdorben. Fans, die bei den Spielen gegen die „Juden“ von Ajax Amsterdam Laute von einströmendem Gas imitieren, sind verachtenswert. Es ging mir nie um „kahlgeschorene Neonazis“ im Rap und auch nicht darum, einen „kulturellen Flächenbrand“ zu entfachen und irgendeiner Provokation bewusst auf den Leim zu gehen. Es geht auch nicht darum, wie so oft in den großen Medien geschehen, Sex-, Waffen- oder Drogen-Texte zu skandalisieren. Das alles gehört von Anfang an dazu und definiert teilweise das „Wir“ der Szene. Es geht hier um eine manifeste Gegebenheit: Antisemitismus. Und der hat nach wie vor im HipHop überhaupt nichts verloren und muss bei übermäßigem Auftreten zur Sprache und zur Strecke gebracht werden. Zehentmeier empfehle ich, mit einem fetten Davidstern um den Hals zu einem Haftbefehl-Konzert zu gehen. Dort kann er sich sicher sein, den leibhaftigen Big Foot einmal anzutreffen. Ach ja, Celo, zumindest einmal in deinem Leben hast du dann doch einen lupenreinen Hitlergruß gezeigt:

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Lasst den ganzen Mist doch einfach bleiben, dann kaufe ich auch eure Musik.

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