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Reisen

Viel Spaß in Klein-Hanoi

26.8.10

Wir waren schon oft unterwegs, und sind immer mit einem leeren Geldbeutel und einer Kamera voller dummer Bilder zurückgekehrt. Aber das Beste am Reisen ist es, die ganzen mürrischen Streuner ruhig zu stellen, die weiterhin von den Wundern eines qualvollen Fastens in einem indischen Kloster, von Kopulationen in Thailand oder, wie letztens, davon erzählen, wie sie in Vietnam durch einen Tunnel gekrochen sind, den die Vietcong gebaut (und für die Touristen erweitert) haben. Also  wollen wir euch heute vor dem langen Weg nach Vietnam bewahren.Also warum kommt ihr nicht einfach nach Prag? Hier könnt ihr schnell und für sehr wenig Geld ein Stück Vietnam riechen, schmecken und kaufen.

“Wow, das sieht aus wie aus einem Film mit Jackie Chan,” ruft unser erstaunter Freund, als wir ins metallene Innere des vietnamesischen Marktplatzes (SAPA) eintauchen. Oberflächlich gesehen hat er recht - Wir sind von kleinen Restaurants umgeben, die exotisches Essen anbieten, und von riesigen Hallen, die bis zum Dach mit billigen Klamotten gefüllt sind. Trotzdem, wenn deine Vorstellung des ostasiatischen Lebens von B-Filmen geprägt wurde, wirst du deine Erwartungen im Moment des Betretens senken müssen. Es gibt dort keine groben Typen mit dunklen Sonnenbrillen, die mit Vogelfutter jonglieren, während grüner Rauch aus einem nahe gelegenen, ominösen Abfluss strömt.

Unser Abenteuer beginnt, als wir am anderen Ende von Prag aus dem Reisebus steigen. Die Eingeborenen scheinen sich nicht um die kleine ausländische Botschaft Vietnams in ihrer Nachbarschaft zu scheren. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich ein Seiteneingang zum Markt. Dort treffen wir auf eine junge, lächelnde vietnamesische Dame, die sich hinter ihrem Stand versteckt. Ihr Name ist Ly. Sie spricht fließendes Tschechisch, weil sie eine höhere Schule in einer Kleinstadt nahe von Prag besucht hat. Es ist schon ihr sechstes Jahr in der Tschechischen Republik, doch ihre Eltern sind schon vor 20 Jahren hierher gekommen. Sie wurde von ihrer Großmutter aufgezogen, was, wie sie sagt, sehr verbreitet sei, nachdem viele vietnamesische Paare seit den 70ern ihre Familien verlassen haben, um in anderen kommunistischen Ländern Arbeit zu finden.

Obwohl die Vietnamesen eine der größten Einwanderergruppen in der Tschechischen Republik darstellen, läuft man kaum einem tschechisch-vietnamesischen Pärchen oder einer gemischten Gruppe aus Freunden über den Weg. Es wäre schwierig zu entscheiden, welche der beiden Gruppen die versnobte ist, da beide Gruppen ziemlich uninteressiert aneinander scheinen.

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Die Tschechen glauben, die Lebensgrundlage der Vietnamesen seien ihre Stände, an denen sie billige Kleidung und Schuhe sowie hochwertiges Gemüse verkaufen (letzteres hat ihnen unter einer Mehrheit der tschechischen Bürger eine Menge Respekt eingebracht). Nichtsdestotrotz spielen die Einwanderer im Bewusstsein des Mainstreams keine große Rolle. Sie sind in der Politik, in den Medien und im tschechischen Nachtleben nahezu unsichtbar.

Da Touristen nun mal Fragen stellen dürfen, stellen wir Ly weiterhin eher die dummen davon. Sie sagt, dass sie an Prag das Klima am liebsten mag. Sie mag diesen Markt, weil es dort alles gibt, was ein Mitglied der vietnamesischen Gemeinschaft benötigt. Es gibt einen Arzt, einen Anwalt, einen Kindergarten, aber vor allem gibt es viele Friseure, zu denen die Einheimischen kommen, um sich einen kreativen Haarschnitt für wenig Geld verpassen zu lassen. Ihre Frisuren sind von den gängigen Trends ihres Heimatlandes beeinflusst, glücklicherweise, denn wenn sie der gegenwärtigen tschechischen Mode folgen würden, hätten alle Frauen billige Highlights und alle Typen geschorene Schädel. Viele der jungen Leute machen sich offensichtlich über ihre äußerliche Erscheinung Gedanken, also läuft man abgesehen von verschwitzten Ladenbesitzern auch mal Individuen über den Weg, die fähig sind, ein beträchtliches erotisches Kribbeln zu erzeugen.

Vom Eingang aus sehen wir die abgebrannten Ruinen einer ehemaligen Halle. Vor zwei Jahren ist sie in einem gewaltigen Feuer niedergebrannt, der Beweis dafür, dass synthetische Kleidung sehr gut als Zündstoff herhalten kann. Der Geruch bedeckte die ganze Stadt und der Gestank stellte für die meisten Prager das erste Mal dar, dass sie vom SAPA gehört haben. Der Brand beschaffte der Polizei auch eine Entschuldigung, das Gelände ausgiebig unter die Lupe zu nehmen.

Wir legen einen Halt bei einem Möbelgeschäft unmittelbar neben der Ruine ein - auf irgendeine Weise haben die Flammen es vollkommen unberührt gelassen. "Wir hatten Glück," sagt eine Angestellte, als wir nach ihrer Methode fragen, wie sie dem Brand entkommen sind. Sie bietet uns Rabatt auf Produkte, die sogar im Büro des bürokratischen Hedonisten Chan Feng majestätisch aussehen würden.

Riesige Eisenhallen tauchen am Horizont auf, als wir uns dem Zentrum des Marktplatzes nähern. Während man sich durch dieses Meer bewegt, ist man von Kleidungsbergen und anderen Gütern umgeben. SAPA ist offiziell ein Großhandel, deswegen werden einige Waren nur in großen Mengen verkauft, wobei man nach einiger Feilscherei ein Einzelstück für einen unglaublich günstigen Preis kaufen kann. Wir nähern uns einem Drogerieverkäufer und fragen ihn, wie er es schafft, seinen Stoff im Vergleich zu einem tschechischen Einkaufszentrum für den halben Preis zu verkaufen. "Günstige Ermäßigung," sagt er immer wieder. Mit ihm macht es genau so wenig Spaß zu reden wie mit der enormen Mehrheit an älteren Leuten hier. Offenkundig verdreht Tschechisch ihm die Zunge, oder er tut zumindest so.

Neben den Liebhabern billiger Kleidung wird das SAPA auch vielen Fans exotischer Popmusik gefallen. Drei scharfe vietnamesische Damen bringen uns dazu, eine CD von My Tam zu kaufen. Ly bekräftigt, dass die Sängerin in Vietnam sehr erfolgreich ist. Nach dem ersten Hören sind wir uns sicher, dass in Hanoi ein starker weiblicher Widersacher gegen David Hasselhoff aufwächst.

Als die untergehende Sonne rot wird, erinnert uns der ganze Ort auf einmal an einen postapokalyptischen Traum. Zu diesem Zeitpunkt haben sich alle unsere Touristengefährten schon auf den Weg in eines der landestypischen Restaurants gemacht. Uns wurde einer der kleinen Lokalitäten empfohlen, die Pho anbieten. Die Suppe ist lecker und stellt unsere tschechischen Kumpels zu 100 Prozent zufrieden. Dazu probieren wir aber auch etwas Schweine-Cha Lua, was unsere Toleranzgrenze für exotisches Essen auslotet. Besonders nach der Aussage eines Freundes über die augenfällige Ähnlichkeit der Reisnudeln mit gekochtem Sperma.