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Die Coolen vom Nil

Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Wir haben uns den ganzen Tag lang runtergeladene Filme angesehen und versucht ins Internet zu kommen. Es lässt mir echt keine Ruhe, dass wir keine Ahnung haben, was draußen los ist.
7.2.11

Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Wir haben uns den ganzen Tag lang runtergeladene Filme angesehen und versucht ins Internet zu kommen. Es lässt mir echt keine Ruhe, dass wir keine Ahnung haben, was draußen los ist – wir sind aber auch selber schuld wenn wir so feige sind, das Internet den Protesten vorzuziehen. Als ich gegen drei Uhr aus meinem Zimmer gekommen bin, waren die Jungs noch wach und sahen Anime. Ich fand sie irgendwie hinreißend. Deshalb setzte ich mich neben L und versuchte mich auf Chihiros Reise ins Zauberland zu konzentrieren.

Nach Sonnenaufgang wachte ich wieder auf. Alle anderen schliefen noch, als ich am Geländer unserer Terrasse entlang lief und erfolglos versuchte ins Internet zu kommen. Heute versuchen wir Ls Gitarre vom Hausboot zu holen, wo wir vor den Protesten rausgeschmissen worden waren. Für einen kurzen Moment hatte ich Al Jazeera Arabic auf dem Schirm. Vielleicht war es Einbildung aber ich hätte schwören können, sie hätten da „Aywama“ gesagt, was auf arabisch Hausboot bedeutet. In Kairo sind Hausboote bekannt dafür, dass Ausländer dort wohnen. In den 60ern waren sie wohl ein beliebter Ort für Prostitution und dieser Makel hängt ihnen irgendwie immer noch an. Wir wurden da rausgeschmissen und es war unsere Schuld aber unser Bowab (Pförtner) hatte es auch auf uns abgesehen. Wir hatten Partys gefeiert und er hatte uns angeschrien als würde das Boot sinken. Wir waren unordentlich und laut und haben uns nicht für unseren Lebensstil entschuldigt. Der Bowab hasste es allerdings am allermeisten, wenn gelegentlich gleichzeitig ägyptische und palästinensische Freunde bei uns wohnten.

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Als L Kairo verließ um durch Europa zu trampen, musste ich mit dem Typen allein fertig werden. Er sagte gern "Anti mish quayas“ (Du bist nicht gut) oder „Amarika mish quayas“ (Amerika ist nicht gut). Was für’n Arschloch! Er hat uns all unser Geld abgenommen und uns gezwungen zu gehen. Als L aus Europa zurück kam, hatten wir schon eine neue Bleibe in Dokki gefunden – eine mit Vermietern und Pförtnern, die verstanden woher wir kamen. Unsere Hausboot-Vermieter hätten uns unsere Kaution zurück geben müssen - aber sie waren aus dem Land geflüchtet und wir hatten keine Ahnung was aus unserem ehemaligen Pförtner geworden war. Sogar jetzt jagt mir dieser Typ immer noch mehr Angst ein, als alle Leute die mir auf dem Tahrir Platz begegnet waren.

Unser altes Hausboot liegt auf dem Nil direkt gegenüber eines Geländes, das Embaba genannt wird. Die Region auf der anderen Seite des Nils heißt Zamalek, dort leben viele Ausländer und die ägyptische Elite. Embaba ist wahrscheinlich der coolste Ort in Kairo. In den 70er Jahren wurde es Republik von Embaba genannt und war als von Kairo unabhängige Einheit gedacht. Es war der Ort für Kriminelle, Ägypter niedriger Klassen und andere Leute, die nicht wirklich dazu gehörten. Europäer blieben dieser Gegend aus Sicherheitsgründen lieber fern, aber wir lieben Embaba wegen seines Charakters und der Menschen – und wegen des billigen Essens. Der Plan ist, dass wir zuerst T in Agouza abholen, dann nach Aywama fahren um Ls Gitarre zu holen und danach wollen wir mit unseren Freunden in Embaba Fatir (ägyptische Pizza) essen gehen. Little Lew hat außerdem vorgeschlagen, dass wir nach Muqattam kommen, wo seine Familie zuhause ist, um dort Klamotten und ein paar andere Notwendigkeiten zu besorgen. Ich weiß nicht was er mit seiner Familie verabredet hat, aber ich glaube, er wird entweder rausgeschmissen oder er geht freiwillig. Er wird morgen abreisen.

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Es ist gerade früh morgens und Merc kocht nigerianischen Eintopf. T lässt sich zum Essen blicken. Wir haben gehört, dass gestern ein griechischer Journalist gestorben ist. Ich schätze es hat Vorteile, dass ich kein Journalist bin. Etwas früher war ich draußen mit meinem Hund spazieren gegangen und traf einen deutschen Journalisten der heute abreisen wollte. Er hat sich in die Hosen geschissen und ich war wohl keine große Hilfe.

Zwei Millionen Menschen versammeln sich heute wieder auf dem Tahrir-Platz. Als ich gestern da war, haben die Leute hinter mir „Hosni Mubarak!“ gerufen. Die Kids hatten mehr Schiss vor meinem Hund als vor den wütenden Demonstranten.

Als ich wieder in der Wohnung war, hat Lucy angerufen. „Soll ich auf dem Weg Schnaps kaufen?“

„Jetzt gleich?“, fragte ich. „Ist dir klar, dass Mubarak-Anhänger da draußen sind?“

Little Lew spielte Justin Timberlake.

„Warum hat er Jessica Biel betrogen?“, fragte ich. „Das kapier ich nicht“.

Ich konnte von meinem Fenster aus Helikopter sehen. „Alles rächt sich irgendwann“, dachte ich. Später fuhren L und ich zu unserem Hausboot. Alle anderen entschieden, sich nicht vom Fleck zu rühren. Wir setzten uns ins Taxi und während der Fahrt beobachteten wir, wie sich Menschen rund um die Brücke versammelten. Dazu kamen einige Panzer. „Mish katir murmur“, sagte der Fahrer lachend. Es gibt keinen Verkehr. Mein Arabisch hatte sich seit Beginn der Revolution entscheidend verbessert.

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Wir schafften es zu den Aywama und der Fahrer wartete draußen. Da war kein Pförtner aber er hatte seinen Hund zurückgelassen. Wir klopften an die Tür. Niemand antwortete, also ließen wir uns rein. Es war verlassen. Ich fand ein Bild von unserem Freund Malte und ein Bild das ich während unserer Tour nach Gaza gemalt hatte. Ich überlegte, die Bilder in den Nil zu werfen aber entschied dann doch, sie zu behalten. Wir sahen uns in den Apartments um und entdeckten, dass jemand all sein Zeug in einem von ihnen zurückgelassen hatte. Unseres war total leer – bis auf einige Dinge. L konnte sein Mischgerät zuerst nicht finden aber wir fanden es schließlich versteckt in einem Schrank.

„Ich liebe dieses Boot“, sagte ich, als der Fahrer uns half, all unsere Sachen ins Auto zu laden.

„Ist das nicht komisch, in unsere eigene Wohnung einzubrechen?“, fragte L.

„Wir haben bezahlt“, sagte ich. „Es ist immer noch unser Zuhause.“

Als wir wieder bei unserer neuen Wohnung ankamen, verpasste mir L eine lange Umarmung. „Danke!“, sagte er.

Dann schrieb mir mein Vater: „Schon drüber nachgedacht, das Land zu verlassen?“

„Nicht wirklich“, antwortete ich.

„Nimm diese Vitamine“, sagte ich zu Littel Lew. „Sie sind von meinem Bruder. Er ist ein professioneller Baseball-Spieler. Spielst du Baseball?"

„Er ist berühmt“, sagte Little Lew grinsend. Er hat sich tatsächlich mit meinem Hund angefreundet. Nachdem er es mit T und I versucht hatte, hat er wohl beschlossen, dass Petey der Hund seine Freundin ist.

Er setzte sich hin um Eintopf zu essen. „Warum essen wir so gute Sachen während einer Revolution?“, dachte ich, bevor sich meine Gedanken zu unserem palästinensischen Freund verabschiedeten, der gestern zusammen mit seiner italienischen Freundin verhaftet worden war. Niemand weiß wo sie sind.

Nach dem Essen hörte ich, wie Lucy am Telefon sagte: „Oxim bill!“ Wir rannten alle zur Tür. Es war Ahmed. Ich hab in meinem Leben noch niemals jemanden so fest umarmt. Wir feierten seine Rückkehr mit Bier.