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Meine erste Bordell-Razia

Vor einigen Monaten wurde ich an einem feuchten Nachmittag in Mysore (Südinindien) von der örtlichen Anti-Menschenhandels-Organisation Odanadi zu einer Bordell-Razzia eingeladen. Folgendes hat sich zugetragen. Als Montag spät...
22.9.10

Vor einigen Monaten wurde ich an einem feuchten Nachmittag in Mysore (Südinindien) von der örtlichen Anti-Menschenhandels-Organisation Odanadi zu einer Bordell-Razzia eingeladen. Folgendes hat sich zugetragen.

Als Montag spät Abends an einer abgelegenen Raststätte ankamen, war die Polizei bereits bei der Arbeit. In Khaki-Hosen gekleidete Beamte standen umher brüllten in ihre Handys und befragten dabei Restaurantangestellten auf dem Vorhof.

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Der Ort sah für mich keineswegs wie ein Bordell aus: kein Rotlicht oder versiffte Boudoirs, nur zwei Restaurants ohne Namen, mit den gewöhnlichen Wellblechdächern und Plastikmöbeln, die jeweils auf einer Straßenseite des Highways standen. Das sind die Orte, an denen man auf dem Weg nach Bangalore eine Pause für eine lauwarme Cola einlegt - nicht der Ort, den man sich als Zentrum eines illegalen Sexarbeiterrings vorstellt.

Die zwölf Mädchen, die hauptsächlich aus Bangladesch und Kalkutta kamen, hielten sich im hinteren Teil des Restaurants auf, blinzelten ins Tageslicht und hielten sich dreckige Tücher vor das Gesicht. Ein paar von ihnen weinten. Andere starrten nur durch das Hinterfenster des Polizei-Jeeps und sahen uns mit eine Mischung aus Schock und Scham an.

Sie wohnten in zwei fensterlosen Verliesen, nicht größer als WC-Kabinen, kauerten dort länger als 14 Tage im Dunkeln und versteckten sich hinter falschen Wänden in den Tiefen zweier Straßenrestaurants auf dem Highway von Banagalore nach Mysore.

Irgendwann, inmitten des Chaos aus Mädchen, wurden wir schnell durch einen Irrgarten schmutziger Schlafzimmer, Flure und Küchen im hinteren Teil des ersten Restaurants geführt. Man brachte uns zu einem unbenutzten Raum mit einer kleinen Luke, die in Kniehöhe in die Wand eingebaut war, davor lag ein Wirrwarr aus Klamotten zwischen schmutzigen Tellern, High-Heels und weggeworfenen Kodompackungen. Wir hatten gerade mal genug Zeit, unsere Köpfe in das feuchte, kleine Loch zu stecken. Es stank nach menschlichen Körpern, Pisse und altem Essen. Dunkle Flecken waren an einer Wand hochgespritzt und ein sonderbares, trauriges Kleidungsstück lag auf dem Boden. Es gab dort gerade mal genug Platz für eine der Prostituierten, um sich dort hinzulegen und zu schlafen.

Wir verließen das erste Restaurant und rannten über die Straße, um zu sehen, wo sich die anderen fünf Mädchen aufhielten. Nach einem armseligen, urinbefleckten Treppenhaus und einen Korridor mit leeren, ungemachten Schlafzimmern, gelangten wir zu einem Zimmer, in dem wir eine hellblaue Luke unter einem Regal fanden. Hinter der Luke war eine schmutzige, enge Toilette, die kaum groß genug für zwei Personen war, die darin hätten stehen können - dabei war das für mehr als zwei Wochen das Zuhause von fünf Frauen. Es war wie in einem Horrorfilm.

Als wir gerade die Treppe wieder hinunterliefen, sahen wir einen Mann, der in einem der Schlafzimmer geschlafen hatte und nun nach draußen gezogen und in einen Polizei-Jeep geworfen wurde. Die Inhaber des Restaurants waren jedoch unauffindbar.

Seitdem haben wir herausgefunden, dass die meisten Mädchen aus freiem Willen nach Mysore gereist sind, nach den Anweisungen eines Zuhälters oder "Agenten". Sie hatten im Restaurant heimlich als Prostituierte gearbeitet, um ein bisschen schnelles Geld zu verdienen. Eines der Mädchen wurde wegen einer Fehlgeburt von ihrem Mann rausgeworfen, ein anderer Ehemann hatte seine Frau eigenhändig an die Prostitution verkauft. Viele von ihnen hatten Familien zu ernähren - Familien, die glaubten, dass sie als Hausdienerinnen und Babysitterinnen arbeiteten. Sie waren aus Mumbai, Kalkutta und Banglasdesch mit dem Versprechen eines großzügigen monatlichen "Gehalts" hierher gekommen. Sie hatten zwischen fünf und acht Kunden pro Tag, die sie für eine Stunde mit in ein Hotel nahmen und dann zurückbrachten. In Wahrheit erhielten die Mädchen kein Geld von den Restaurantbesitzern, sondern es wurde ihnen ein kleines Budget bewilligt, um sich selbst mit neuen Kleidern, billigem, imitiertem Gold und hellem Nagellack einzudecken.

Die momentane Lage ist die, dass die fünf indischen Mädchen nun in ein Rehabilitationszentrum in Bangalore überführt werden.

Du kannst mehr über den indischen Sexhandel erfahren, wenn du den Film Prostitutes of God ansiehst, den Sarah für VBS gemacht hat. Die zweite Episode ist gestern rausgekommen und wenn du die erste verpasst hast, kannst du sie hier sehen.

Klick hier für mehr Informationen über Odanadi.