Das geheime Partyleben der Berliner TrashEra

„Der Sex ist der Grund, warum es nicht viele Bilder aus der Berliner Clubszene gibt. Es liegt daran, dass da Leute auf dem Dancefloor ficken oder nackt herumrennen. Bei unserem Event könnte jeder Fotos machen."

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Aug. 14 2015, 11:30am


Trash ist nicht gerade etwas, das die meisten Menschen mit einem selbstgewählten Lifestyle in Verbindung bringen, doch für einen Haufen in Berlin lebender Party-Kids ist Trash genau die Ästhetik, die sie verbreiten wollen. Frustriert von der Verschwendung künstlerischen Talents, die sie auf den Tanzflächen der Stadt sahen, gründeten Geovane Pedro De Bortoli und Linus Ignatius TrashEra/Zerstört, eine Kollaboration zwischen Künstlern, Musikern, DJs und Performern, die die Vielfalt der Berliner Partyszene feiern und den oft verschwenderischen Jugendlichen Möglichkeiten bieten. „Trash ist nicht Müll. Aus Trash kann man etwas machen", sagte mir Geovane , als ich mich mit den zwei Gründern hinsetzte, um ein wenig mehr über diese Ideologie zu erfahren, die sich nach den zwei ersten Partys mit über 7.000 Besuchern schon einer ziemlichen Anhängerschaft zu erfreuen scheint.

VICE: Wie kam es zur Gründung von TrashEra/Zerstört?
Linus Ignatius: Es fing mit einem Raum in einem verlassenen Berliner Plattenbau an, der von einer Künstlergruppe namens Neu West Berlin übernommen wurde. Ich bin auf sie zugegangen, weil ich ein Konzept für eine Installation hatte, bei der Leute im Geiste der Zerstörung eingeladen werden, sich selbst zu zerstören, während Berlin versucht, sich wiederaufzubauen. Ich habe Geovane eingeladen, weil wir das Ganze zu einer Party machen mussten. Ich wollte, dass die Leute sich der Sache auf eine besondere Art nähern und den Geist des Berlins der 1990er heraufbeschwören. Heute ist Berlin mehr Hipster, privilegierter und wohlhabender, aber immer noch hungrig nach diesem Gefühl.

Meint ihr, in Berlin herrscht ein Mangel an solchen Partys?
Geovane Pedro De Bortoli: Ich denke, was in Berlin fehlt, ist eine Beteiligung der Partybesucher am Kunstprojekt. Wir hatten fast 150 Leute, die für uns gearbeitet haben. Andere sehen die viele Organisationsarbeit, die unsere Party braucht, und wollen sich beteiligen.

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Linus: Wir hatten einen offenen Aufruf zur Suche nach Künstlern, interaktiven Stücken, Live-Performances und allem, was Leute überrascht. Ein Kontrolleur, der dein Ticket prüft, um zu sehen, ob du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist. Eine Gruppe Prostituierter, die dich in Zimmer ziehen und mit einer Zigarette verführen. Ein Geist, der durch die Korridore spukt und Klavier spielt. Doch ich muss sagen, dass es wirklich schwierig ist, für Leute, die total durch sind, den Hirten zu spielen. Wenn man hinter den Kulissen an so etwas wie dem hier mitarbeitet, dann sieht man die dunkle Seite, die Zerstörung. Wir haben das bekommen, worum wir gebeten haben. Dieser eine Künstler hat eine wunderschöne Camera-Obscura-Installation gemacht, die in einen Darkroom verwandelt wurde.

Es klingt, als würdet ihr versuchen, die Partyszene allen zugänglich zu machen, aber anscheinend hattet ihr ein Auswahlverfahren?
Linus: Wir hatten ein Dilemma. Wir wollen eine Atmosphäre erschaffen, in der die Leute sie selbst sein können, und das bedeutet, dass sie nicht das Gefühl haben sollen, dass sie von den falschen Leuten verurteilt werden. Der Trick dabei ist, eine Erfahrung zu erschaffen, die sich bedeutsam anfühlt, und mit einem Auswahlverfahren haben sich die Leute ihren Platz verdient. Dieses Gefühl von „Jetzt sind wir hier". Berlin ist eine Stadt, in der es viel Revolution gegeben hat. Deswegen sind die Leute auch interessiert—es ist eine Revolution, die noch kein Image hat. Sie bringen dieses Image mit und fühlen sich als Teil davon, als hätten sie es miterschaffen.


Ihr seid vor etwa zwei Jahren nach Berlin gezogen. Was steckt eurer Meinung nach dahinter, dass so viele junge Menschen nach Berlin ziehen?
Geovane: Wegen der Freiheit, vor allem der sexuellen Freiheit. Was hier in puncto Sex passiert, wird in katholischen Ländern wie Brasilien, wo ich herstamme, niemals zugegeben. Wenn man ein wenig anders ist, wird man verurteilt. Für mich und meine Bekanntschaften ist der Berliner Underground der Grund, warum die Menschen hierher ziehen. Man braucht hier nicht so viel Geld, weswegen viele Leute schließlich gar nichts tun. Du kannst diese Freiheit haben, aber letzten Endes musst du etwas damit anfangen. Also machen wir etwas aus dem Trash, und das ist die Ideologie, die wir verbreiten wollen. Wir sind eine Plattform, die diese Leute entwickeln können.

Linus: Ich denke, es gibt sehr viele verlorene Seelen hier in der Stadt. Es ist so eine Art Abgrund voller Freiheit. Für viele Leute, die bei uns ausgestellt haben, war es die erste Ausstellung, der Anfang ihres Portfolios. Wir wollen Leute wachrütteln. Leute, die sich nicht für Künstler hielten, fangen jetzt Künstlerkarrieren an. Ich sehe es als eine großartige Gelegenheit, ihnen Arbeit zu verschaffen. Arbeiter werden nach Stunden bezahlt, Künstler erhalten Geld für ihre Materialien und viele haben ein Honorar erhalten. Unser Ziel war es, dass alle Beteiligten auch bezahlt werden.

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TrashEra scheint die konventionelle Vorstellung von Berlins „coolem" Image abzulehnen. Alle bringen ihre eigene, abgefahrene Interpretation dessen mit, was es bedeutet, anders, frei und „trashig" zu sein. Gleichzeitig geht ihr auch mit der Partyszene konform, die euch in all eurem Hedonismus unterstütz. Wie empfindet ihr das?
Linus: Szenen werden immer Szenen sein, mit ihren eigenen Regeln und Konformitäten. Ich sehe das als ästhetischen Hintergrund, vor dem ich Kunst und Performance präsentieren kann. Ein gewisses Maß an Mitspielen ist also nötig, aber auch ein gesundes Maß an Grenzüberschreitung. Ich denke, das Gleichgewicht ist der Schlüssel.

Große Teile der Berliner Clubszene sind heute berüchtigt dafür, völlig undokumentiert zu sein—sie sind der Foto-Explosion 2016400. Warum macht ihr euch keine Sorgen, was die Leute auf eurer Party fotografieren könnten?
Geovane: Der Sex ist der Grund, warum es nicht viele Bilder aus der Berliner Clubszene gibt. Es liegt daran, dass da Leute auf dem Dancefloor ficken oder nackt herumrennen. Bei unserem Event könnte jeder Fotos machen. Ich sehe diese Position, frei zu sein und zu tun, was man möchte, nicht als etwas Schlechtes. Das ist meine Einstellung und deswegen nutze ich auch „Trash" im Namen der Party. Ich will eine gute und neue Perspektive darauf geben, was Trash bedeutet. Trash ist nicht schlecht, sondern in Wirklichkeit total gut. Warum sollten wir uns also Gedanken über Fotos machen?

Was besonders auffällt, ist der Konsum von GHB oder GBL, oft liebevoll als „G" bezeichnet und wegen dessen Eigenschaft, als „K.O.-Tropfen" zu wirken, insgesamt nicht unumstritten. Vermutlich die Droge, über die es in der Stadt das größte Tabu gibt, weil man sich so schnell eine Überdosis einhandelt.
Geovane: Es ist wirklich schlecht, aber das Gefühl ist wirklich gut, wenn man es richtig nimmt. Man muss sich viel um die Leute kümmern und teilweise anderthalb Stunden in der Toilette verbringen, weil Leute zusammenbrechen und niemand es sehen darf—wenn die Securitys es mitkriegen, wird man rausgeworfen oder sie rufen einen Krankenwagen. Für unser nächstes Event produziere ich ein Video, in dem es heißt: „Don't collapse, dance!". Du bist zum Tanzen gekommen, also handle dir keine Überdosis ein! Die Leute werden niemals aufhören, das Zeug zu nehmen, also muss man ihnen einfach beibringen, es richtig zu nehmen. Das Problem in Berlin ist aber nicht das G, sondern Drogen im Allgemeinen. Ich denke, die Szene ist zu fokussiert auf Drogen. Die Leute vergessen, warum sie auf die Party gegangen sind und nehmen einfach nur Drogen, weil die Musik oft scheiße ist.

Linus: Es ist eine wirklich gefährliche Droge und ich bin komplett dagegen. In Verbindung mit Alkohol kann eine große Dosis tödlich sein. Es ist eine Date-Rape-Droge und die Leute tun sich außerdem auch eine Art Selbstmissbrauch an, indem sie sexuell Dinge tun, bei denen ihnen normalerweise nicht wohl gewesen wäre.

Wie würdet ihr in ein paar Worten TrashEra zusammenfassen?
Geovane: Manche Leute bezeichnen es als eine Bewegung, aber damit haben wir nicht gerechnet.

George Nebieridze ist ein Fotograf, der aus seiner Heimatstadt Tiflis und seiner momentanen Wahlheimat Berlin mit VICE zusammengearbeitet hat. In seiner Arbeit konzentriert er sich darauf, die Schönheit in den Details seiner unmittelbaren Umgebung zu dokumentieren. Mehr von seinen Foto findest du hier.

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