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Vice Blog

I Want My Mangas oder psychotische Gewalt

Vor einiger Zeit hat sich Tomokazu Kosuga von Vice Japan mit Hideshi Hino getroffen, um sich mit ihm über sein Pseudo-Snuff Splatter Horror Meisterwerk Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood zu unterhalten

von MALTE BORGMANN
24 März 2010, 6:39pm

Vor einiger Zeit hat sich Tomokazu Kosuga von Vice Japan mit Hideshi Hino getroffen, um sich mit ihm über sein Pseudo-Snuff Splatter Horror Meisterwerk Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood zu unterhalten, in dem ein durchgeballerter Samurai eine wehrlose Frau über 45-Minuten langsam und fantasievoll zerstückelt. Hier kannst du das Ganze nachlesen. Doch eigentlich ist Hideshi Hino in erster Linie kein Regisseur, sondern Mangaka. Und –oh Wunder – auch seine Comics handeln nicht von Sonnenschein und Fröhlichkeit. Vor kurzem bin ich über eine kleine Zusammenstellung von ein paar Kurzgeschichten Hinos gestolpert, und seitdem bin ich ziemlich auf dem Genre der Kyoufu-Manga hängengeblieben. Kyoufu heißt so viel wie Angst und Terror, und die Comics zeichnen sich durch irre Horrorstorys, verstörende Zeichnungen und makabre Ideen aus, sie sind äußerst brutal und ekelig und haben einen riesigen Pulpfaktor. Falls du also mal wieder Lust hast, dich beim Lesen einer Bildergeschichte auf angenehme Art und Weise unwohl zu fühlen, hier sind drei meiner momentanen Favoriten, nach denen du die Augen offen halten kannst.

Hideshi Hino

Sein Film Guinea Pig 2 wirkte auf unseren coolen Onkel Charlie Sheen dermaßen schockierend real, dass er eine FBI Untersuchung veranlasste. Das kann bei Hinos Comics nicht passieren, dennoch sind sie nicht minder verstörend. Seit den 70er Jahren hat Hino hunderte kranke Kurzgeschichten veröffentlicht, voller kaputter Psychen, grotesker Monster und haufenweise Gewalt. Die Zeichnungen wirken in ihrer starken Stilisierung, ihrem einfachen, naiven Stil oft wie die Cartoons von Kindern – Kindern mit schweren seelischen Traumata. So gut wie jedes Gesicht ist eine Fratze der Perversion, des Irrsinns oder der Panik und im Grunde kommt kaum eine Geschichte ohne bestialische Gewaltorgien aus. Ein wiederkehrendes Thema, das sich durch viele Storys zieht, ist die körperliche Transformation, sei es durch Verstümmelung, Mutation oder Krankheit: In Zoroku's Strange Disease verfault ein autistischer Bauer bei lebendigem Leib, bunte Eiterbeulen überziehen seinen Körper, Maden nisten in den offenen Wunden, die Augen fallen ihm aus. Am Schluss gleicht er einer wunderschönen, regenbogenfarbenen Schildkröte. Ein Happy-End, sozusagen. In einer anderen Story gebiert eine Frau eine Mischung aus Kröte und Reptil, das anfängt die Nachbarshunde und den Nachbarsjungen zu verspeisen. Bug Boy ist dann gleich eine Adaption von Kafkas Verwandlung. Nur dass der titelgebende Käferjunge sich zuletzt auf brutale Weise an seinen Peinigern rächt.

Außerdem scheinen kaputte Familien eine Obsession von Hino zu sein. Das Personal, das in The Red Snake die verfluchte Hühnerfarm betreibt, auf der das Grauen seinen Lauf nimmt, hätte auch in Pink Flamingos mitmachen können.

Alles in allem sind Hinos Comics stilbildende Underground Meisterwerke. Hier ein paar Bilder:

Die Verwandlung des Bug Boys

Mädel hat nen aufgespießten Fuß dabei und leckt den Halsstumpf eines Huhns. So was… (The Red Snake)

Kazuo Umezu

Noch ein Klassiker. Kazuo Umezu wird als der Vater des modernen Horrormangas gehandelt. Die elfbändige Serie The Drifting Classroom gilt als sein Meisterwerk. The Drifting Classroom ist sozusagen das Fliegende Klassenzimmer in der Battle Royale Version. Umezu lässt eine komplette Schule mitsamt ihren Lehrern und Schülern aus unserer Welt verschwinden und plötzlich in einer postapokalyptischen, wüstenartigen Umgebung wieder auftauchen. Und keine zwei Minuten später herrscht natürlich Rambazamba: Paranoia, Klaustrophobie, Gewalt, Mord, Irrsin, Anarchie, mutierte Wüstenmonster, Beulenpest. Das volle Programm eben.

Zugegeben: Alles in allem ist Drifting Classroom deutlich handzahmer als Hinos kranke Geschichten. Die Zeichnungen wirken zum Teil etwas hausbacken, und die altklugen Kinder, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, können einem ziemlich auf den Sack gehen. Allen voran die Hauptfigur wirkt wie aus dem Pfadfinder-Lehrbuch. Das ist kein Wunder: Die Serie erschien zuerst im Magazin Shonen Sunday, das Jungs irgendwo zwischen Grundschule und Pubertätsende als Zielgruppe hat. Du hast richtig verstanden: Im Grunde ist das hier ein Kindercomic. Aber was für einer.

Gerade der Kinderbuch-Touch lässt die hoffnungslose Story, die beängstigenden Darstellungen von Irrsinn und die schonungslose Brutalität umso fieser wirken. Ein hübscher Kontrasteffekt entsteht, so als würden Enid Blytons Fünf Freunde das Rätsel um die Killing Fields auflösen. Die allgegenwärtigen Gewaltausbrüche punchen so trocken, nüchtern und ansatzlos in die Magengegend wie in 70er Filmklassikern à la Taxi Driver. Wer sich nicht anschauen will, wie pausbäckige Cartoonschulkinder geschlagen, getreten, erschossen, verbrannt, überfahren, mit scharfen Gegenständen verstümmelt werden, an der Beulenpest krepieren oder sich bei lebendigem Leib in einen blutigen Brei auflösen, für den ist dieser Comic hier nichts. Aber hey, wer will das denn nicht?

Hier ein paar Ausschnitte:

Ein Sündenbock wird verbrannt.

So bekommt man eine aufmüpfige Klasse in den Griff, liebe Seidenhandschuh-Pädagogen.

Wie gesagt: Das ist ein Comic für Kinder! Kein Wunder, dass die Japaner über sowas hier lachen können.

Junji Ito

Zuletzt etwas frischerer Lesestoff. Junji Ito kann man als den legitimen Erben von Hino und Umezu betrachten. Gerade Hinos Motiv der brutalen, körperlichen Transformation taucht auch hier immer wieder auf. Größter Unterschied ist wohl der modernere Zeichenstil. Bei Hino wirkt alles bizarr cartoonhaft, Ito dagegen gestaltet seine Bilder viel schlanker und naturalistischer.

Auch das hat einen interessanten Effekt: Der perverse, abenteuerliche Schabernack, der hier mit dem menschlichen Körper angestellt wird, wird zeichnerisch mit der größtmöglichen anatomischen Akkuratesse umgesetzt. Insgesamt wirkt das wunderbar grotesk und ekelig.

Die Storys sind so abgedreht, dass man sie nicht nacherzählen kann, ohne sich dabei zum Idioten zu machen. In Itos bester Serie Uzumaki übernimmt eine spiralförmige Macht die Kontrolle über die Bewohner einer Kleinstadt, und deswegen sind immer mehr Bewohner besessen von spiralartigen Mustern, werden wahnsinnig, verwandeln sich in Spiralen oder spiralförmige Tiere (wie z.B. Schnecken), und zuletzt wird alles immer irrationaler und unerklärlicher, und den Schluss hab ich nicht verstanden.

In Gyo wütet ein Virus, der die Menschen in aufgeblähte, stinkende Flatulenzbomben verwandelt, und in dieser Form dienen sie dann als Batterie für irgendwelche intelligenten gasbetriebenen Maschinen, aber woher die kommen, und was die wollen, ist auch nicht so ganz klar, oder ich habe es vergessen. Auf jeden Fall werden aufgeblähten, stinkenden Menschen Schläuche in alle Körperöffnungen geschoben, und dann staksen sie auf spitzen, metallenen Beinen durch die Gegend, wie eine Mischung aus Roboterspinne und verfaulter Schweinebraten. Hier ein Bild:

Großartig!

Ein Spiralenfan aus Uzumaki beweist absolute Hingabe.