Ich dachte, ich hätte es geschafft, aber jetzt sitze ich wieder im Jobcenter

Ich habe Abi, im März erscheint mein Roman und ich bin fast fertig mit dem Studium. Jetzt sitze ich auf 15.000 Euro Schulden und habe seit drei Monaten meine Krankenversicherung nicht bezahlt.

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Feb. 18 2015, 1:45pm

Titelfoto: Der Autor heute

Der Wartesaal 5a des Jobcenters Reinickendorf trägt die Last von circa 40 bis 50 Personen. Etwa 25 davon sind junge Männer. Ich bin einer von ihnen. Mein Name ist Dimitrij Wall. Ich bin 28 Jahre alt und trage eine im Schritt aufgescheuerte Jeans und ausgetretene Halbschuhe. Meine Füße sind nass. Als Kind eines Wolgadeutschen und einer Don-Kosakin in Kasachstan geboren lebe ich seit 25 Jahren in Deutschland. Seit zehn Jahren versuche ich, seinen Fabriken zu entkommen. In der Hoffnung, es endlich zu schaffen, nahm ich ein Journalismusstudium auf. Mittlerweile bin ich im siebten Semester, habe einen Roman geschrieben und arbeite an meiner Bachelorarbeit. Doch was meinen sozialen Aufstieg besiegeln sollte, erweist sich immer mehr als direkter Weg in die Armut.

Da ich die Regelstudienzeit um ein Semester überschritten habe, bekomme ich seit September kein BAföG mehr. Mein Studienkredit reicht gerade so für die Miete. Weil einige Aufträge überraschend ausgefallen sind, kann ich meine Krankenversicherung seit drei Monaten nicht bezahlen. Meine Gesamtschulden belaufen sich auf etwa 15.000 Euro. Mir droht die Exmatrikulation.

Fabriken haben in meiner Familie eine lange Tradition. Schon mein Großvater hat in einer gearbeitet. Er war Anlagenelektriker, der einzige seiner gesamten Kolchose. Dabei hatte er den Beruf offiziell nicht einmal erlernen dürfen. Als „Faschist", wie die Kommunisten die Wolgadeutschen in der Sowjetunion für gewöhnlich nannten, stand es ihm nicht zu. Mein Großvater versuchte, sich nicht daran zu stören. Er arbeitete hart, sparte, wo es nur ging, baute ein Haus und zeugte vier Kinder. Aber unmittelbar nach dem Fall der Mauer hielt ihn nichts mehr in dem Land, das ihn als Jugendlichen in Viehwaggons gepfercht und in der kasachischen Steppe ausgesetzt hatte. Im Januar 1990 siedelte meine Familie nach Deutschland über.

Der Autor früher

Hier war es mein Vater, der—ebenfalls ohne Ausbildung—am Fließband arbeitete. Nun jedoch als „Russe". Jeden Abend kam er abgekämpft nach Hause und erzählte, dass er sich wie ein Roboter fühle. Meine Mutter ermahnte mich bei jeder Gelegenheit, mir meinen Vater genau anzusehen. Wenn ich nicht so enden wollen würde wie er, solle ich in der Schule gefälligst besser aufpassen, sagte sie. Aber es half nichts. Im Jahr 2005 trat ich meinen ersten Fabrikjob an. Und obwohl ich besser deutsch sprach als so mancher meiner Vorgesetzten, war auch ich immer nur der „Russe". Dafür waren meine Eltern bestimmt nicht nach Deutschland gekommen.

Ein paar Jahre später absolvierte ich eine Berufsausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel, holte mein Fachabitur nach und begann zu studieren. Erst Wirtschaftspädagogik und schließlich Journalismus. Ich wollte mir einen Traum erfüllen. Ich wollte nach der Arbeit nach Hause kommen und zufrieden sein. Von Weischenberg'schen Statistiken, die besagten, dass nur acht Prozent aller Journalistenschüler einen Unterschichtler zum Vater hätten, ließ ich mich nicht abschrecken. Ich hielt Deutschland für ein faires, ein gerechtes Land; ein Land, in dem man alles werden konnte.

Jetzt sitze ich zwischen diesen beiden jungen Kerlen. Bis auf die müden Augen wirken sie kerngesund. In ihren Cordon-Sport-Jacken unterhalten sie sich lautstark: „Was Ausbildung, ja?! Scheißdeutschland, Wallah." Etwas weiter hinten diskutiert eine Dame mit den Sicherheitsbeamten. Sie möchte sich aus dem Urlaub zurückmelden. „Urlaub?", denke ich. Im selben Moment zeigt der Flachbildfernseher an der Wand ein Zitat von Konrad Adenauer: „Man muss die Menschen so nehmen, wie sie sind, andere gibt's nicht."

Am Ende des Tages werden es eben jene Menschen sein, die mit dem dringend benötigten Geld nach Hause gehen. Mir hingegen empfiehlt die Beraterin, es im Supermarkt an der Kasse zu probieren. Das Jobcenter sei jedenfalls nicht für mich zuständig. Als Student müsse ich mich selbst in Zwangslagen an das BAföG-Amt wenden. Dass auch die nichts von mir wissen wollen, scheint sie nicht zu interessieren. „Vielleicht bin ich in ein paar Monaten wieder da", sage ich. Dann exmatrikuliert—ohne Abschluss.

Einige Stunden später sitze ich wieder im Büro meiner BAföG-Sachbearbeiterin. Ich frage, ob nicht doch irgendeine Möglichkeit besteht, BAföG zu beziehen. Schließlich wäre ich beinahe fertig und hätte sehr viel Geld in das Studium investiert. Sie zögert einen Moment, schlägt die Beine übereinander und zieht dann einen Kreditantrag aus der Schublade, der sich „Studienabschlusshilfe" schimpft. Ein Niedrigzinskredit der KfW. Neben BAföG und dem regulären KfW-Studienkredit wäre es bereits mein dritter. Ich schüttle den Kopf.

Und damit bin ich nicht alleine. Laut einer Umfrage aus dem Jahre 2013 beenden nur 37 Prozent aller Studierenden ihr Studium, ohne Schulden zu machen. Für den Rest heißt es dann, einen Schuldenberg von durchschnittlich 8.510 Euro abzutragen. Junge Menschen, die sich ihre Träume mit Krediten erkaufen müssen? Ist das gerecht? Ich denke nicht. Denn letztlich ist ein Studium immer noch die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit.

Fakt ist jedoch: Im vergangenen Jahr hat die Bundesrepublik insgesamt 3,34 Milliarden Euro BAföG an Studenten ausgezahlt. So viel wie noch nie. Da es sich beim Bafög aber um ein zinsloses Darlehen handelt, wird sie im besten Fall rund die Hälfte davon irgendwann zurückverlangen. Die Kosten für Arbeitslosengeld II liegen seit 2005 konstant über der Marke von 30 Milliarden Euro. Geld, das die Regierung nie wiedersehen wird. In vielen Fällen natürlich zu Recht. Bedürftigen Menschen muss geholfen werden. Aber um das finanzieren zu können, bedarf es junger Menschen, die bereit sind, Außergewöhnliches zu leisten. Das scheint die Politik gerne zu vergessen. Oder sind ihr bildungsferne Fließbandarbeiter lieber?

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