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The Tp For Your Bunghole Issue

Der Tod von Zé Cláudio und Maria

Im Amazonas werden Regenwaldaktivisten ermordet, aber der Welt ist das egal.

Zé Cláudio und Maria vor ihrem Haus in der Siedlung Alta Piranheira, Oktober 2010 Die Szene hat etwas von einem Sergio-Leone-Film. Zé Cláudio und seine Frau Maria sind auf dem Heimweg von der Beerdigung von Zé Cláudios 96-jährigem Vater und betreten eine Bar in einer kleinen Holzhütte neben einem Feldweg. Die Bar liegt am Rande eines kleinen Amazonasdorfes mit eng aneinandergereihten, staubigen Häusern. In der Bar sitzt Zé Rodrigues, ein Farmer, der Zé Cláudio seit einem Monat bedroht. Zé Rodrigues ist schon den ganzen Tag hier, trinkt und verkündet den Anwesenden, dass er Zé Cláudio bald erledigen wird. Zé Rodrigues kann es noch nicht einmal ertragen, den Namen seines Feindes zu hören. Jedes Mal wenn jemand den 54-jährigen Nusssammler oder seine Frau erwähnt, fällt Rodrigues ihm sofort ins Wort: „Verdirb mir nicht den Tag, indem du diesen Namen aussprichst.“ Zé Cláudios und Zé Rodrigues’ Blicke treffen sich, als Zé Cláudio die Bar betritt. Zé Cláudio bestellt zwei Gläser Zuckerrohrsaft. Er lehnt sich an die Bar, wobei er seinen Gegner nicht eine Sekunde lang aus den Augen lässt. Er erzählt ein paar Witze, alle lachen. Zé Rodrigues versucht mitzuspielen und ins Gespräch einzusteigen, aber Zé Cláudio ignoriert ihn. Die Atmosphäre ist angespannt. Zé Rodrigues wirkt nervös, fast kann man sein Herz klopfen hören. Er versucht, Blickkontakt mit der Person zu vermeiden, deren Tod er bereits beschlossen hat. Dreizehn Tage später sind Zé Claudio und Maria tot, ermordet von Zé Rodrigues’ Bruder und einem Komplizen. Zé Cláudio konfrontiert einen Truckfahrer, der illegal gefälltes Holz transportiert. Foto von Maria do Espírito Santo da Silva Der grausige Tod des Paares—man erschoss sie mit einem Jagdgewehr und schnitt Zé Cláudio danach noch das Ohr ab, um zu beweisen, dass der Mord ausgeführt worden war—setzt eine ganze Reihe anderer Gewalttaten in der Geschichte des Amazonas fort, darunter die Erschießung von Vater Josimo Tavares im Jahr 1986, von Chico Mendes 1988 und von Schwester Dorothy Stang im Jahr 2005. In den letzten 15 Jahren wurden im Bundesstaat Pará insgesamt 212 Menschen Opfer von Morden, die im Zusammenhang mit Landstreitigkeiten stehen. Am Morgen ihres Todes waren Zé Cláudio und Maria unterwegs nach Marabá, einem etwa 100 km südlich von ihrer Siedlung gelegenen Ort. Marabá ist die größte und wichtigste Stadt im Inneren Parás und das Zentrum der staatlichen Viehzuchtindustrie. Einst umgeben von Regenwald, sieht es dort inzwischen aus wie in Texas. Es ist zugleich einer der gewalttätigsten Orte der Welt. Die Mordrate liegt bei erschreckenden 125 Personen pro 100.000 Einwohner—zum Vergleich: In New York liegt sie bei fünf. Als ich Zé Cláudio im Oktober 2010 für die brasilianische Ausgabe von VICE interviewte, hatte er schon mehrere Morddrohungen erhalten. Diese Drohungen wurden öffentlich verkündet und von der Comissão Pastoral da Terra (der Weidelandkomission, CPT) registriert, einer ökumenischen Gruppe, die sich für die Rechte der Arbeiter in entlegenen Gegenden stark macht. José Batista Afonso, ein Anwalt der CPT, arbeitete zusammen mit Zé Cláudio und Maria an einer Reihe von Anklagepunkten gegen die Holzfällerfirmen, die es auf öffentliche Ländereien abgesehen hatten, und er war derjenige, dem die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, das Paar zu informieren, sobald eine neue Morddrohung gegen sie eintraf. „Ihre Lage ist sehr ernst“, sagte er mir, als er mich Zé Cláudio vorstellte. Die CPT veröffentlicht jährliche Listen mit bedrohten Landreformaktivisten; Zé Cláudio und Maria standen seit 2001 auf der Liste. Polizisten und medizinisches Personal untersuchen die Leiche von Zé Cláudio am 24. Mai 2011. Foto von AP In den Tagen nach dem Mordanschlag behauptete die Regierung in Pará immer noch, nichts von den Drohungen zu wissen. „Wie hätten wir so etwas wissen sollen?“, tönte José Humberto Melo, ein Delegierter, der für die Untersuchung des Falls zuständig ist. „Die Polizei ist weder allwissend noch überall präsent.“ Die CPT gibt nicht nur die Morddrohungen gegen Agrarreformer und Community-Aktivisten bekannt, sondern versucht auch mit der Bundesregierung einen Personenschutz für die fast 200 Menschen auf der Liste auszuhandeln—derzeit wird 30 von ihnen ein solcher Schutz gewährt. Aber sogar, wenn diese Strategie einmal gescheitert ist, ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Beamten dazu zu kriegen, eine Untersuchung in dem Mordfall einzuleiten. Heute arbeitet Batista mit der Familie von Zé Cláudio und Maria zusammen, um ihre Mörder vor Gericht zu bekommen. „Bei dieser Art von Straftaten nimmt die Polizei die Mörder nur sehr selten fest. Und dass die Leute, die die Morde beauftragt haben, verhaftet werden, kommt noch seltener vor. Laut dem Bericht der örtlichen Polizei wurden José Cláudio Ribeiro da Silva und Maria do Espítitu Santo da Silva, beide 54 Jahre alt, ermordet, weil sie Anklagen gegen José Rodrigues wegen des illegalen Erwerbs von Land in dem Schutzgebiet der Alta-Piranheira-Bucht erhoben hatten. Diese Siedlung, wo das Sammeln von Früchten die einzige legale gewerbliche Nutzung des Waldes ist, ist Teil eines landwirtschaftlichen Reformprogramms für arme Familien, deren Überleben von dem Land abhängt. Außerhalb Brasiliens stellt sich der Kampf um den Amazonas vor allem als eine ökologische Angelegenheit dar, aber tatsächlich geht es um soziale Fragen. Dies ist ein Land, in dem ein Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte des gesamten Besitzes auf sich konzentriert, von dem ein erschreckend hoher Anteil aus großen, komplett ungenutzten landwirtschaftlichen Flächen besteht, die S genannt werden. Der ehemalige Regenwald um Zé Cláudios und Marias Wohnort herum ist ein typisches Beispiel für eine solche unverantwortliche Nutzung von Land. Der Großteil des entwaldeten Landes im Amazonas wird zur Tierhaltung genutzt. Wie einem die Rancher und ihre Unterstützer erklären, ist die Rinderzucht ein wichtiger Teil von Brasiliens Ökonomie und eine immer bedeutendere Quelle des in Nordamerika verzehrten Fleisches. Das Problem ist, dass das Roden und Niederbrennen des Unterholzes zwar wunderbares Weideland produziert, dieses aber nur wenige Jahre nutzbar ist. Danach geht die Fruchtbarkeit des Bodens rapide zurück und „aggressive“ Dschungelpflanzen wie der Babaçu-Baum beginnen wieder zu sprießen, sodass die Rancher gezwungen sind, neue Landstücke zu finden, die sie für ihre Kühe brandroden können. Ein Castanheiro-Baum, den Zé Cláudio „Majestade“ (Ihre Majestät) getauft hat und der über die Baumwipfel auf seinem Grundstück in der Alta-Piranheira-Siedlung ragt. Zé Cláudio und Maria mussten sich nicht nur wegen der Farmer Sorgen machen, die Druck auf die Bewohner ausüben, damit sie das Land entwalden und Gras für ihre Tiere anbauen können—auch illegale Holzfäller und Holzkohleproduzenten versuchten an Bäume aus ihrer Gegend heranzukommen. Holzkohle aus Amazonasbäumen wird zur Herstellung von Roheisen verwendet, das ein wesentlicher Bestandteil von Stahl und ein weiteres wichtiges Exportprodukt in die USA ist. Zé Cláudio arbeitete seit er sieben war mit Kastanien—er sammelte sie im Wald und stellte aus ihnen verschiedene Pasten und Öle her. Maria war die Tochter eines Kleinbauern, der ebenfalls Kastanien sammelte und auf kleinen Feldern nahrhafte Lebensmittel anbaute. Die beiden begannen sich 1997 nach der Gründung ihrer Siedlung für den Umweltschutz zu engagieren. Sie führten den Kampf der 200 armen Familien der Gegend für den Schutz ihres Waldes. Sie wurden also erst durch einen konkreten Anlass zu Aktivisten, nämlich indem sie ihr Eigentum auf die gleiche Weise verteidigten, wie es vielleicht dein Vater tun würde, wenn ihm die Leute mit dem Auto über den Rasen fahren. „Unsere Probleme begannen mit der Gründung des Siedlungsprojekts. Ich gehörte davor keiner sozialen Bewegung an. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Nische“, erklärte mir Zé Cláudio. „Zé Rimbamar, ein Nachbar, lud mich ein, zu den Treffen zu kommen, und ich merkte, dass ich, ohne es zu wissen, schon immer ein Umweltschützer gewesen bin. Ich holzte den Wald nicht ab, ich lebte nur von ihm.“ Über die Jahre hinweg wurden sechs Farmer durch die Siedlung von ihrem illegal genutzten Land vertrieben. Ab 2007 begannen die Holzfällerfirmen in immer stärkerem Maße in die Region zu strömen, da die Wälder in der Gegend immer knapper geworden waren—78 Prozent der nahegelegenen Nova Ipixuna waren bereits abgeholzt. Und so begann ein zermürbender Kampf, geprägt von Wilderei und Betrug. Ein Castanheiro-Stumpf nach einer Brandrodung auf einem Stück ehemaligen Regenwalds, das zu Weideland für die Viehhaltung gemacht werden soll. Der Druck auf ihr kleines Stück Land nahm stetig zu und Zé Cláudio und Maria begannen, vor Gericht zu ziehen. „Ich lebe in ständiger Angst; ich habe die Ohren immer gespitzt. Wir machen nachts kein Auge mehr zu“, beklagte sich Zé Cláudio. „Die Geschäftsleute konzentrieren sich immer mehr auf das Siedlungsgebiet. Das dürfen sie aber eigentlich nicht. Also zeige ich sie an, ich gehe den Weg bis ganz nach oben und zeige sie beim Ministerium an.“ Er hatte Angst vor den Konsequenzen: „Sie werden uns nun im Auge haben.“ Doch die Anklagen zeigten Erfolg. Alles Holz, was durch die Stadt kam, wurde von der IBAMA kontrolliert. Seit diese Kontrollen 2007 begannen, bezahlte die Tedesco madeira (Sägemühle) Strafen in Höhe von 820.000 Real—etwa 350.000 Euro. Die Madeira Eunapolis, die ebenfalls der Tedesco-Familie gehört, musste ebenfalls 180.000 Real löhnen und MP Torres, ebenfalls aus derselben verdammten Familie, zahlte 2010 mehr als 27.000 Real. Während die Aktionen von Zé Cláudio und Maria sich eigentlich gegen die Geldbeutel der Geschäftsleute richteten, die von dem illegalen Holz- und Holzkohlehandel profitierten, sickerten Teile der Profite auch an die Holzfäller, Sägemühlenarbeiter und Kleinbauern durch, die von dieser illegalen Arbeit abhängig waren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen—und verschafften den beiden nicht wenige Feinde, darunter Zé Rodrigues. Nach dem Tod von Zé Cláudios Vater kamen Zé Rodrigues’ Bruder Lindonjonson Silva Rocha und Alberto Lopes do Nascimento—bekannt als „Neguinho“ (der Dunkelhäutige)—auf einem roten Motorrad in der Siedlung vorgefahren. „Wenn im Süden Parás ein Mord in Auftrag gegeben wird, dann wird er auch ausgeführt. Es mag seine Zeit dauern, aber der Job wird erledigt“, erklärte mir Marias Schwester Laissa. Am Morgen des 23. Mai wurden die Männer in der Nähe von Villa Sapucaia gesehen, wo Zé Cláudio seinen Zuckerrohrsaft getrunken hatte, als er Zé Rodrigues das letzte Mal sah. Sie fuhren am Grundstück des Paares vorbei und machten Halt in einer nahegelegenen Bar. Dann warteten sie auf den Einbruch der Dunkelheit und fuhren zu einer Brücke in der Nähe von Zé Cláudios Haus. Die Brücke, die über einen kleinen Bach inmitten einer Ansiedlung von Bäumen führte, war in einem erbärmlichen Zustand. Um sie zu überqueren, musste Zé Cláudio vom Motorrad steigen und schieben. Es war der perfekte Ort für einen Hinterhalt. Am nächsten Morgen kamen Zé Cláudio und Maria um 7:30 Uhr bei der Brücke an. Die Angreifer schossen mit einem 9,6-mm-Jagdgewehr auf sie. Die erste Kugel traf Maria durchs Herz und ging dann noch durch Zé Cláudios Hand und Oberkörper und warf sie beide vom Motorrad. Danach schoss man auf jeden von ihnen noch eine weitere Kugel ab. Anschließend nahm Lindonjonson laut Polizeibericht Zé Cláudio den Helm vom Kopf und schnitt sein Ohr mit einem Küchenmesser ab. Die Mörder warfen die Leichen der beiden dann zwischen die Bäume. Als die Täter sich gerade davon machen wollten, kam ein Mann auf einem Motorrad vorbei. Die Mörder waren sich nicht sicher, ob man sie entdeckt hatte und kehrten zu ihrem Versteck zurück, dann fuhren sie davon. Eine Woche später fand man das Motorrad des potenziellen Zeugen am Waldrand—umkreist von Geiern. Seine Leiche lag ein paar Meter entfernt. Am selben Tag, an dem Zé Cláudio und Maria ermordet wurden, und sogar fast zur gleichen Zeit, liefen im Kongress in Brasilia die Vorbereitungen für eine Abstimmung über ein neues Gesetz, das die Umweltschutzbestimmungen ändern und neue Gebiete für die landwirtschaftliche Nutzung freigeben sollte. Als der Abgeordnete Senator Sarney Filho von der Grünen Partei Minuten vor der Abstimmung von dem Mord erfuhr, trat er in der Abgeordnetenkammer ans Podium und verlas einen Ausschnitt aus meinem VICE-Interview mit Zé Cláudio. „Ich möchte hier vor diesem Tribunal über eine Tragödie sprechen, die sich heute ereignet hat“, sagte er und gab den Tod von Zé Cláudio und Maria bekannt. Letztendlich wurde das Gesetz dennoch angenommen, aber der Ausbruch des Abgeordneten hatte die Öffentlichkeit auf die Morde aufmerksam gemacht und schon bald war der Tod von Zé Cláudio und Maria in den nationalen Nachrichten. Präsidentin Dima Rousseff beorderte die Polizei, den Fall zu untersuchen und die IBAMA führte eine Razzia durch, bei der alle illegalen Sägemühlen im Nova Ipixuna geschlossen wurden—im Prinzip so gut wie alle Sägemühlen. Es war ein guter Anfang, aber inzwischen sind sechs Monate vergangen, ohne dass etwas Weiteres passiert ist. Trotz ihrer Festnahme im Juli hat das Gericht in Pará alle drei Anträge auf Inhaftierung der beiden des Mordes angeklagten Männer abgelehnt. Gleichzeitig hat ein Bundesrichter vor Kurzem entschieden, dass es nicht Aufgabe der Regierung ist, den Mord zu untersuchen, und hat die IBAMA angewiesen, die Holzfabriken wieder zu öffnen. Die Familien von Zé Cláudio und Maria haben nun Angst, die Nächsten zu sein. Vor Kurzem erschoss jemand den Wachhund vor Laissas Haus, das direkt gegenüber von Zé Cláudios und Marias Grundstück liegt. Dieselbe Warnung hatte man auch den beiden gegeben, drei Tage bevor man sie erschoss. Schaut euch auf VICE.com unsere neue Folge von Toxic an, bei der wir versucht haben den Tod von Zé Cláudio und Maria aufzuklären.