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Sex

Mit dem Großvater des Schwulen–Pornos im Hotelzimmer eingeschlossen

In den späten 60er Jahren hat der Franzose Peter de Rome über 100 Filme gedreht. In seinen Filmen sah man zum ersten Mal Männer beim Masturbieren, Blasen und Ficken
1.6.12

Peter de Rome; London, 2012

In den späten 60er und 70er Jahren hat Peter de Rome über 100 Filme gedreht, meistens ging es ihm nur um ein paar Lacher. In seinen Filmen sah man Männer—auch ihn selber—beim Masturbieren, Blasen, Ficken und generell dabei, wie sie sich amüsieren. 1973 wurden Leute auf Peters Werke aufmerksam, als sein Film Hot Pants beim Wet Dream Film Festival in Amsterdam richtig abräumte. Seitdem werden seine Filme von jenen gefeiert, die wertschätzen können, wie kunstvoll und dichterisch Pornos sein können, sogar während abgespritzt wird. Deswegen hat sich Peter auch den Spitznamen „Großvater des Schwulenpornos“ verdient. Der 87-jährige findet das „recht nett, wirklich“ und sein Freund Ethan Reid hat gerade einen Film über sein Leben und seine Arbeit gedreht, um Peter zu helfen, sein stolzes Ansehen zu feiern, das ihm von der Kunst-Porno-Szene entgegenkommt. Der Film heißt Fragments: The Incomplete Films of Peter de Rome.

Trailer für

Fragments

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Ich hab mich mit Peter getroffen, um ihn über das und einen Haufen anderer wirklich interessanter Dinge auszufragen. Wir haben uns in einem Hotelzimmer im Covent Garden in London getroffen. Ich bemerkte, dass das Schloss an der Außenseite seiner Tür kaputt war. Peter sagte, er hätte in der Nacht zuvor „zu viel Wein“ gehabt und er hat es irgendwie geschafft, es kaputt zu machen. Er ist ein unglaublich freundlicher Mann. Hier ist noch eine Liste von Dingen, über die wir gesprochen haben, die aber nicht interessant genug waren, um es ins Interview zu schaffen. Er war in Breakfast at Tiffany's zu sehen, weil er damals am Empfang von Tiffany's gearbeitet hat.
Er drehte die wohl letzte Greta-Garbo-Szene, die auf Leinwand zu sehen war.
Er hatte sehr viel Spaß auf Fire Island in den 1960er Jahren.
Zu seinen größten Fans gehören William S. Burroughs und Sir John Gielgud (Letzterer schrieb für Peter das Drehbuch für den Porno Trouser Bar). Von hier aus solltet ihr mitkommen. VICE: … und dann hast du das Auto von dem Typen zusammen mit Greta Garbo weggeschoben? Das ist super. Also lass uns von vorne beginnen. Peter, wie bist du dazu gekommen, Filme zu machen?
Peter: Na ja, ich hab mir eine Kamera gekauft, als ich 1963 in den Süden zog, um dort für die Bürgerrechtsbewegung zu arbeiten. Ich dachte, ich würde sie dafür benutzen, das zu dokumentieren, aber ich hab sie in Wirklichkeit für private Erforschungen benutzt, z.B. Jungs aufnehmen, die ich interessant fand, was mich auch zu Experimenten mit nackten Menschen brachte. Ich machte also ausschließlich Kunstfilme. Das war also, während du für die Bürgerrechtsbewegung gearbeitet hast?
Ich fing bei einem freien Theater an. Sie wollten Schauspieler in den Süden bringen und wir sind dann auch durch ganz Amerika getourt. Amerika war damals noch sehr rassistisch und wir mussten sogar Warten auf Godot mit White Face spielen. Schwarze Typen mit weißem Make-up?
Es wäre wohl für weiße Leute verwirrend gewesen, Schwarze in so einem lustigen und seltsamen Stück zu sehen. Also haben sie gesagt: „Nein, ihr Schwarzen weißt eure Gesichter.“ Deine Filme wurde als teils pornografisch, teils künstlerisch beschrieben. Was war denn dein Ansporn, als du anfingst? Wo wolltest du hin?
Ich dachte mir: „Was kann man als einzelne Person tun, was kommerzielle Interessen nicht bedienen können?“ Und irgendwie wollte ich nackte Leute filmen. Also machte ich ein paar Aufnahmen von mir, nackt, masturbierend oder sonst was, und habe die dann in einen anderen Film geschnitten. Das habe ich dann an Kodak geschickt und glücklicherweise kamen sie zurück. Hast du öfter Filme an Kodak verloren?
Einige habe ich verloren. Sie haben sich entschieden, einen Film nicht freizugeben, wenn er Material enthielt, das sie nicht über die Landesgrenzen schicken durften. Gab es in der Zeit viel Pornografie?
Nein, überhaupt nicht. Also gab es keinen Anhaltspunkt?
Nein, ich hatte noch gar keine männliche Pornografie gesehen, oder heterosexuelle. Deep Throat war wirklich ein Durchbruch und ich hielt es für ein Stück Scheiße.

Aus Peters Film Double Exposure.

Deine Filme berühren mich nicht auf eine exhibitionistische Art, sondern eine persönliche. Trotzdem hast du sie deinen Freunden auf Partys vorgeführt. Worum ging es dir?

Oh, einfach nur zum Spaß. Normalerweise haben sie gesagt: „Können wir deine Fotografien sehen?“, weil gerade viele Drucke herumgingen. Manchmal waren es zwei oder drei Leute und manchmal waren 20 oder 30 da, das hing von der Situation ab.

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Peter hält seine Presseausschnitte sehr ordentlich zusammen und sortiert sie in Ordnern.

Ein Film, der mir im Kopf geblieben ist, war Underground mit den Hippies und dem Geschäftsmann, die in der U-Bahn Sex haben. Was hat diesen Film inspiriert?

Etwas, das mir und vielen anderen Leuten, die die U-Bahn benutzen, passiert ist. Wenn es voll war, sind alle möglichen Dinge geschehen. Ich hatte so viele Begegnungen in der U-Bahn. Nichts war jemals wirklich erfüllend, nur ein bisschen Gefummel und manchmal habe ich jemanden aufgerissen und mit nach Hause genommen, aber nicht besonders oft. Es ging darum zu sehen, wie weit wir gehen konnten.

Wenn das eine Fantasie ist, wessen ist es dann? Die von den Hippies oder dem Geschäftsmann?

Von beiden, denke ich.

Und der Hippie ist der dominante Part?

Ja, definitiv.

Es ist ziemlich verrückt, anderen Leute dabei zu zusehen, wie sie sich wegdrehen oder ignorieren, dass man die Eröffnungsszene eines pornografischen Films dreht. Wie war es, das zu filmen?

Als der Hippie zuerst in die U-Bahn steigt, ist es noch tags–frühmorgendliche Hektik oder so etwas; und wir hatten zwei Typen mit Kameras, die Ausschau hielten. Die blasierten New Yorker hat das überhaupt nicht interessiert. Ein oder zwei haben kurz geschaut, aber sie waren nicht wirklich interessiert. Wir haben die ganzen Sexszenen spät in der Nacht und ganz früh am Morgen gedreht.

War noch jemand anderes in der U-Bahn, als sie Sex hatten?

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Hast du den Mann gesehen?

Den Typen in der Ecke? Ich dachte, er wäre in einem anderen Waggon und sei reingeschnitten worden, so als ob er da gewesen wäre.

Nein, er war im gleichen Waggon und er war die gesamte Zeit da und ist nie aufgewacht. Ich fand es großartig, das zu zeigen. Genau am Ende, als der Typ aus der U-Bahn taumelt und sich die Zeitung holt, sagt er: „Habt ihr keinen Sinn für Anstand?“ Ich fand das sehr lustig.

Wie lange hat es gedauert, das zu drehen?

Nur eine Nacht. Der Dreh am Morgen, als so viele Leute da waren, und dann der Dreh in der Nacht mit dem Sex. Nachts haben wir auf die Züge gewartet, wir waren an der West 4th Street und ein U-Bahn-Polizist kam zu uns und sagte: „Wir haben euch vorher schon gesehen, was macht ihr hier?“ Und wir antworteten: „Wir haben uns verlaufen, wir sind in die falsche U-Bahn gestiegen.“ Den Sex haben wir nur im F Train nach Queens gedreht [lacht].

Wer waren die Schauspieler in Underground?

Die zwei Jungs kamen aus Boston. Ich habe zu meinem Produzenten im Jackson Park gesagt: „Wäre es nicht witzig, eine Story in der U-Bahn zu drehen?“ Und er sagte: „Ich bin dabei, aber wen kriegen wir dafür?“ Die zwei Typen haben uns zugehört und sagten: „Was für eine großartige Idee, lasst uns loslegen.“

Hast du oft Leute aus deinem eigenen sozialen Umfeld gecastet?

Manchmal. Meistens haben wir sie irgendwo aufgesammelt. Es gibt diesen einen Film namens

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Movers in the Rear

—ich denke nicht, dass du den gesehen hast—es geht um einen Typen, der einen Büroplatz sucht und als er sich in den Gebäuden umschaut, sieht er all diese Lieferantenjungs. Sein Kopf dreht sich hin und her, um alle diese süßen Jungs zu sehen. Also nimmt er dort ein Büro und ruft alle diese süßen Jungs und Lieferanten an und nach und nach kommen sie vorbei. Ein Telefonjunge kommt vorbei und sie fangen an, Sex zu haben und dann kommt ein anderer vorbei und noch ein anderer und dann steht da eine ganze Reihe vor seinem Büro, alle darauf warten darauf, rein zu kommen.

Ein Teaser zu Fragments.

Hahaha. Jeder deiner Filme scheint ein Thema zu haben, so als ob sie einen eindeutigen visuellen Geschmack oder ein bestimmtes Motiv haben. Ich hab mich bei dem Film Violation gefragt, wie du dazu gekommen bist, das „Violation“-Parkuhr-Zeichen zu nehmen, an dem der Typ im Film lehnt?

Er war ein Stricher an der 3rd Street, wo ich in der Nähe gewohnt habe. Man nannte es den „Stricher Block,“ ich bin da jeden Tag vorbei gegangen und habe ihn gesehen. Ich habe gar nicht an das „Violation“-Zeug gedacht, aber ich hab ihn gesehen und dachte mir: „Oh, der ist aber nett“, also bin ich ihm näher gekommen und sagte: „Willst du einen Film drehen?“ Er antwortete: „Yeah.“

Es ist ein ziemlich kurzer Film. Man hat gar keine Zeit, sich zu langweilen.

Ich war überglücklich, dass ich ihn von Kodak zurück bekommen habe. Den Film habe ich sehr früh gedreht und durch ihn wurde ich angespornt, längere Filme zu machen, die zehn bis zwölf Minuten lang sind. Die meisten meiner Filme waren ungefähr in der Länge, die meiner Meinung nach für einen Pornofilm ausreicht, vor allem wenn er solo ist.

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Ich glaube, du hast in Fragments gesagt, dass das die ideale Zeit ist, um zu wichsen. Hast du jemals darüber nachgedacht, Dialoge in deinen Filmen zu haben, und keinen Soundtrack?

Ich hätte gerne welche gehabt, aber ich konnte nicht. Das war etwas, das ich wirklich sehr genossen habe: Die richtige Musik zu finden. Ich habe eine große Plattensammlung. Wenn ich den Film gezeigt habe, nahm ich generell meinen Projektor und meinen Plattenspieler mit.

Schaust du dir je deine Filme an?

Nein.

Wie war das, sie zu sehen, als du an Fragments gearbeitet hast?

Es war interessant, aber ich mache mir immer Sorgen über technisches Zeug wie das Licht und all das andere.

War es nostalgisch, auf diese Ära zurückzublicken? Es sah definitiv aus wie eine gute Zeit.

Die Zeit war sehr wild, es war zügellos. Es gab einen Ort in New York namens Trucks unten am Hudson auf der Westseite und die Leute gingen spät nachts dorthin und sind in die leeren Trucks geklettert, um Sex zu haben. Es war fantastisch. Ich erinnere mich daran, wie ich dahin ging und mich umschaute, aber ich war nicht an irgendetwas für mich selber interessiert. Ich hab einen schwarzen Typen in einer Schule gesehen, der die Fenster für die Nacht zumachte und dachte mir, er sieht süß aus. Er war der hübscheste Junge, den ich an dem Tag gesehen hatte und ich sagte: „Wann hast du Schluss?“ Ich ging zurück, holte ihn ab und nahm ihn mit nach Hause. Wir sind bis zu diesem Tag Freunde, er ist verheiratet und Großvater, aber wir hatten trotzdem eine gute Zeit.

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Warum hast du aufgehört, Filme zu machen?

Aids. Das war 1980, alles endete und wurde stillgelegt.

Ich denke, deine Filme bieten einen ziemlich nostalgischen Blick auf die Zeit vor Aids. Es wirkt sehr unschuldig.

Ja, sehr unschuldig, alles hat sich verändert. Es kam schrittweise, plötzlich ist nichts mehr passiert. Zuerst bekamen die Leute Amöben. Ich mochte es nicht, beim Sex penetriert zu werden, ich wollte immer oben sein und ich mochte es, auch meinem Partner Blowjobs zu geben. Aber das wird eher als simpel angesehen, eher grundlegend, jeder wollte weiter gehen als das. Dann fingen sie an, es den Schwulen-Krebs zu nennen und sagten: „Was ist das, was ist falsch bei denen?“ Aber wir merkten nicht, dass wir zuvor die Chance auf eine Revolution in unseren Händen hielten, doch dann starben viele. Das war schlimm und je weiter das ging und desto mehr Freunde ich verloren habe, desto häufiger dachte ich mir: „Oh Gott, was passiert da?“ Ich mochte das nicht mehr, es hat einfach keinen Spaß mehr gemacht.

Fühlst du eine Verbindung zu den Generationen der schwulen Männer, die seitdem geboren sind?

Ja, es war eine schreckliche Zeit; ich habe mindestens 25 Freunde verloren. Es hat die ganze Sache geschwächt, aber es ist schon eine lange Zeit vergangen—30 Jahre mindestens. Ich höre von vielen Leuten, dass einige wieder ungeschützten Sex haben, aber das ist verrückt. Es gibt heute sogar einen Namen dafür—man nennt es „bareback“.

In Fragments wird erwähnt, dass deine Filme als kulturell sehr wichtig für die Schwulenbewegung gesehen werden.

Das hätte ich nicht gedacht. Aber offen gesagt, bezweifle ich, dass sie einen großen Unterschied gemacht haben.

Peter vor einem Kino, in dem seine Filme gezeigt wurden. Der Fotograf Leee Black Childers sagt in Fragments: „Das war eine großartige Zeit, um schwul zu sein, weil es verboten war, die Straße runterzulaufen und alleine das war ein Nervenkitzel.“ Stimmst du dem in irgendeiner Weise zu?
Ich denke, ich kann in keiner Weise zustimmen. Ich denke nicht, dass die Straße runter zu laufen … nein, in keiner Weise. Die Schwulenszene hat sich beträchtlich verändert. Sie fühlen sich nicht mehr beschämt oder schuldig wegen so etwas. Aber ich bin nicht mehr wirklich ein Teil davon. Ich war noch nie auf einer Schwulendemonstration. Ich gebe zu, dass ich mir Schwulenparaden und so etwas anschaue und das gefällt mir auch, aber ich habe nie an einer Demonstration teilgenommen. Hast du oder hattest du starke Emotionen bei der Verfolgung von Schwulen?
Ja, ich wurde mal für den Wolfenden Report von einem ziemlich hohen Tier interviewt, bevor ich überhaupt auf der Bühne stand. Ich glaube und ich fühlte, dass wir akzeptiert werden sollten. Das war das einzige Mal, das ich richtig an der Bewegung beteiligt war. Hast du dich je verfolgt gefühlt?
Nein, noch nie, niemals. Das ist schön zu hören. Und dennoch, wenn man die Auseinandersetzung mit dem Thema sieht—sogar bis heute im Militär—überrascht es mich, dass es kein Problem war. Auch damals nicht, als du im Zweiten Weltkrieg in der Royal Air Force warst?
Nein, ich war sehr beschäftigt. Ich denke, weil ich Single war, musste ich auch nur an mich denken und nicht an jemanden, den ich zurückließ. Ich habe meinen Dienst einfach als eine Chance angesehen, eine gute Zeit zu haben. Ich dachte mir: „Ach, was soll's, ich habe einfach Spaß“, und das tat ich dann auch. Ich ging in die Normandie, nach Brüssel und Paris, wo ich zwischen den Amerikanern für die Rheinüberquerung kurz vor Ende des Krieges vermittelte und ich hatte eine gute Zeit. Ich traf einen tollen Amerikaner und hatte eine wundervolle Affäre mit ihm und das war's. Nachdem der Krieg vorbei war, mussten wir uns selber unterhalten, also bin ich zu dieser Einheit gegangen und wir sind in den nördlichen Teil von Deutschland gegangen und dort hatte ich One-Night-Stands und jede Menge Spaß. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, ohne unterwürfig zu klingen, aber du scheinst ein sehr, sehr entspannter Typ zu sein. Und das ist etwas an deinen Filmen—besonders an den alltäglicheren Filmen wie Green Thoughts oder Daydreams of a Crosstown Bus—, das sehr beruhigend ist und trotzdem sind sie wirklich sehr spannend anzusehen.
Ich denke, sie sind sehr persönlich und ich bin froh, dass sie das sind, weil sie nicht wie andere sind. Was auch immer passiert, ist zum Teil zufällig, weil ein Teil von mir darin steckt. Ich denke nicht, dass ich jemals große Gefühle oder Gedanken über Sex hatte. Ich bin nicht sehr philosophisch diesbezüglich. Der Film, der mich mehr als alles Andere beeinflusst hat, war Ein Liebeslied. Er wurde 1950 gedreht und handelt von Gefängnisinsassen und deren Fantasien. Man sieht einen Gefangenen in einer Zelle und dann einen anderen und man kann sehen, was sie durchmachen. Es ist ein fabelhafter kleiner Schwulenporno. Aber ohne Sexszenen. Dieser Film hat mich mehr als alles andere beeinflusst; und Cocteau, seine Stücke und vor allem wie er gefilmt hat—ich bin ein großer Bewunderer seiner Arbeit … Oh. Hallo. [Zwei Handwerker vom Hotel klopfen und kommen herein. Sie sind hier, um das kaputte Schloss zu reparieren].