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Bret Easton Ellis

Bret Easton Ellis hat die zeitgenössische Literatur mit seinem aus inzwischen sechs Romanen und einem Erzählungsband bestehenden Schaffenswerk um einen der unterhaltsamsten, faszinierendsten und abgefucktesten Beiträge bereichert.
18.5.10

Fotos: Jerry Hsu

Bret Easton Ellis hat die zeitgenössische Literatur mit seinem aus inzwischen sechs Romanen und einem Erzählungsband bestehenden Schaffenswerk um einen der unterhaltsamsten, faszinierendsten und abgefucktesten Beiträge bereichert.

Mit dem Erscheinen von Unter Null (1985) etablierte sich in den Medien ein—mal bewunderndes, mal angewidertes—Bild von Ellis als literarischem Bürgerschreck und Stimme seiner Generation. Mit seinem schonungslosen, minimalistischen Stil, in dem auf unaufgeregte und fast ausdruckslose Weise eine Geschichte der Ernüchterung und Erniedrigung in L.A. erzählt wird, erscheint mir das Buch als eine Art ultimatives Statement über das privilegierte Teenagerdasein der 80er.

Mit Einfach unwiderstehlich (1987) ließ Ellis den sparsamen Schreibstil von Unter Null hinter sich und ersetzte ihn mit dichter, einem Gedankenstrom gleichender Prosa aus wechselnden Erzählerpositionen.

Die Null-Bock-Stimmung beherrschte auch hier den Ton, war aber üppiger und schwerer. Das Buch schaffte es außerdem, auf perfekte Weise die Angeberei, Albernheit und das andauernde Partyleben, das so charakteristisch für die amerikanischen liberalen geisteswissenschaftlichen Colleges ist, auf den Punkt zu bringen.

Dann kam American Psycho (1991). Diese fast überdetaillierte und gelegentlich unglaublich brutale und pornografische Darstellung aufgepumpter Yuppie-Männlichkeit war möglicherweise das umstrittenste literarische Werk des späten 20. Jahrhunderts. Als Satire ist es auf einem Level mit Jonathan Swift. Obwohl es leicht ist, American Psycho als obszönes, böswilliges und frauenfeindliches Fantasiebild abzutun, ist es das in Wirklichkeit nicht. Es klagt die Haltung seiner Hauptfigur vielmehr an. Dass Ellis sich entschied, den Roman aus der Ich-Perspektive zu schreiben, und auf eine übergeordnete, allwissende Erzählerposition verzichtete, war ein Risiko, das sich lohnte.

Glamorama (1998) ist Ellis’s längster und komplexester Roman. Er handelt unter anderem von Supermodels, die Terroristen werden. Es kam im Zusammenhang mit dem Buch mit den Machern der Ben-Stiller-Comedy Zoolander (2001), in der es auch um Supermodels geht, die zu Terroristen werden, zu einer außergerichtlichen Einigung über eine nicht veröffentlichte Summe.

Lunar Park (2005) ist einer von Ellis’ seltsamsten Romanen, gleichzeitig aber auch einer der besten. Seine Hauptfigur heißt Bret Easton Ellis. Diese Figur hat Bücher mit Titeln wie Unter Null und American Psycho geschrieben. Aber statt des Schlüsselromans, den der Leser nach den ersten paar Seiten des Buches zu erwarten beginnt, entwickelt sich Lunar Park in Wirklichkeit zu einem Horrorroman, der sich mit einem beliebigen Werk Stephen Kings messen kann. Im Buch gibt es mysteriöse E-Mails von Toten und lebendig gewordene fiktionale Charaktere (z. B. Patrick Bateman aus American Psycho und vielleicht auch Clay aus Unter Null), Geister und ein besessenes blutrünstiges Kinderspielzeug. Hatte ich schon erwähnt, dass das Buch großartig ist?

Nächsten Monat erscheint in den USA Ellis’ neuer Roman Imperial Bedrooms. Es handelt sich dabei, wie ihr vielleicht schon gehört habt, um eine Art Fortsetzung von Unter Null. Der Erzähler ist Clay und die meisten der Charaktere aus dem ersten Buch (Julian, Blair, Rip, Trent) tauchen ebenfalls wieder auf. Aber Imperial Bedrooms ist mehr als nur ein Folgeroman. Es ist eher eine Art Kulmination von Ellis’ gesamten bisherigen Schaffen. Setzt sich hier die Geschichte des passiven und ahnungslosen Clay in einem gruseligen, glitzernden Los Angeles fort? Ja. Gleichzeitig greift das Buch aber auch die skatologische Brutalität von American Psycho und den außerweltlichen Terror von Lunar Park wieder auf. Als Fortsetzung von Unter Null ist Imperial Bedrooms eher eine angewiderte Reaktion als eine liebevolle Weiterentwicklung. Und, Mann, geht Ellis hier zur Sache. Imperial Bedrooms ist noch dunkler als Unter Null, noch grauenhafter und angsteinflößender. Ich habe es inzwischen dreimal durchgelesen, und obwohl ich weiß, dass ich es toll finde, kann ich immer noch nicht sagen, was ich wirklich davon halte. Ich bin mir aber sicher, dass es ein wichtiges Buch ist und dass ihr es lesen solltet.

Vice hat vor Kurzem mit Ellis telefoniert und hier könnt ihr den mehr oder weniger vollständigen Inhalt des Gesprächs nun nachlesen.

Vice: Also, was hast du heute bis zu unserem Gespräch so gemacht? 

Bret Easton Ellis: Ich war im Runyon Canyon.

Ich weiß leider nicht genau, was das ist, weil ich mich in L.A. nicht gut auskenne. 

Runyon Canyon ist dieser Canyon in Hollywood, wo die Leute zum Wandern hingehen. Es ist ein paar Blocks oberhalb vom Sunset Boulevard und zieht sich dann bis zum Mulholland Drive hin; man könnte es wohl als eine Art Wanderweg bezeichnen.

Oh, da haben mich Freunde schon mal hingebracht. Jetzt weiß ich, wovon du redest. 

Man sollte hingehen, wenn nicht so viele Leute dort sind. Wochentags gegen zwei oder drei Uhr nachmittags ist gut.

Es ist vermutlich ein Ort, wo man in L.A. hingeht, um ein bisschen an die Natur zu kommen, aber ich hatte dort, wie fast überall in L.A., eher dieses Gefühl der Bedrohung. Als würde sich gleich ein Mord ereignen oder so. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass jede Sekunde das Monster, dass in Mulholland Drive hinter der Mülltonne hervorspringt, auf mich losgeht. 

Auf jeden Fall. Das Gefühl hat man da total. Und heute war der Pfad komplett menschenleer, nur der Wind und die Palmen … Wirklich gruselig.

Was ist das an L.A.? Wenn ich an deine Bücher denke, stell ich mir vor, dass du an dieser Stadt eine ähnliche Bedrohlichkeit, einen ähnlichen Wahnsinn verspürst wie ich? 

Na ja, die verspüre ich überall.

OK. 

Es ist nicht nur L.A. Und, weißt du, es gibt eine Menge Dinge, die ich an L.A. mag. Ich mein, ich lebe schließlich hier. Ich bin nicht hierhergezogen, weil ich die Stadt nicht mag. Ich bin im Moment irgendwie allergisch auf New York, also ist es wohl der beste Ort für mich.

Ja, New York ist auch freakig. 

Meine Freunde sind alle nach Brooklyn gezogen. Die einzigen Leute, die ich in Manhattan noch kenne, sind reich, und man hat das Gefühl, na ja, dass die Party toll war, aber jetzt ist sie für mich irgendwie vorbei. L.A. schien der Ort zu sein, wo ich landen konnte.

OK, aber hast du trotzdem eine Idee, was genau es ist, das L.A. so unheimlich macht? 

Es gibt eine sehr einfache Antwort auf diese Frage. Die Geografie. Es ist eine wunderschöne Stadt, aber sie isoliert die Menschen sehr.

Ja. 

Also gibt es vermutlich eine Menge Platz, wo Dinge lauern können. Was es auch seltsam macht, ist, dass sie sich nicht verändert. Es gibt keine Jahreszeiten. Es gibt keinen Herbst. Keinen Winter. Es ist ein seltsamer Ort zum Leben.

Meine momentane Vorstellung von L.A. stammt auf gewisse Weise aus deinem Roman Unter Null und auch aus alten Filmen, wie Sunset Boulevard. Ich glaube, dass eine von den Sachen, die L.A. so seltsam machen, vielleicht ist, dass diese spürbare Verzweiflung in der Luft liegt. Eine Menge junger Leute, die es alle schaffen wollen.

Oh, absolut.

Das taucht in deinem neuen Roman, Imperial Bedrooms, auch viel auf. 

Auf jeden Fall.

Da gibt es natürlich diese Figur, Rain, der bereit ist, alles zu tun, um eine Rolle in einem Film zu bekommen, aber dann gibt es auch die Stelle, wo Clay ein Video von dem jungen Schauspieler sieht, der vor ihm in seinem Appartement gewohnt hat, und wo er „das falsche Lächeln, die bettelnden Augen, die Illusion des Ganzen“ sieht. Triffst du solche Leute auch im wirklichen Leben?

Andauernd.

Wirst du von Leuten um Gefälligkeiten gebeten? 

Ja. Es ist hier wie in Vegas. Es ist eine Stadt der Spieler. Du kommst her und die Chancen stehen haushoch gegen dich, aber trotzdem tust du es. Und weißt du was? Ich glaube wirklich—und ich habe das auch schon wiederholt gesagt—dass L.A. einen zwingt, die Person zu werden, die man wirklich ist. Ich glaube nicht, dass L.A. der Ort ist, an dem man sich selber neu erfinden kann. In keinster Weise. Ein Leben, das man hier lebt, hat etwas sehr Isolierendes. Ganz egal, wie viele Freunde du hast. Egal, ob du in einer Beziehung bist. Das macht keinen Unterschied. Es ist einfach eine isolierende Stadt. Du bist viel allein. Und ich glaube, das zwingt dich dazu, die Person zu werden, die du wirklich bist. Es erlaubt einem nicht, sich zu verstecken. Ich denke, dass es in New York sehr viel einfacher ist, sich neu zu erfinden. In L.A. kommt die wahre Persönlichkeit früher oder später zum Ausdruck, es sei denn, man hält das nicht aus und flieht vorher. Aber wir sprachen ja von Leuten, die hierherkommen, um es zu schaffen …

Genau. 

Klar, wenn man fürs Fernsehen oder das Kino schreibt, begegnet man Leuten, die daran teilhaben wollen.

Und kommt es wirklich zu dieser Art Transaktionen, dass man in dieser klaren, aber unausgesprochenen Art und Weise, wie Rain das mit Clay macht, an dich herantritt? Passiert so etwas wirklich manchmal, dass ein Möchtegernschauspieler so an einen Autor oder Produzenten herantritt? 

Hör zu, ich bin mir sicher, dass es möglich ist. Ich denke, es passiert andauernd. Beim Schreiben des Romans dachte ich über Folgendes nach: Was ist der zentrale narrative Mythos Hollywoods? Und dabei dreht es sich um Ausbeutung. Leute, die sich gegenseitig ausbeuten.

OK. 

Das ist letztendlich das Prinzip des Ganzen und ich war an dieser Idee sehr interessiert, vermutlich, weil es mir oft begegnet. Ich bin selbst ausgebeutet worden und ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, die denken, dass ich sie ausgebeutet habe, oder so was, und als sich der Roman in meinem Kopf und später als Skizze auf dem Papier zu formen begann, war das die Sache, die mich interessiert hat. Und ja, auf verschiedenen Ebenen ist es mir auch selbst passiert. Aber ich muss hier wieder betonen, was ich schon gesagt habe, als das erste Buch rauskam: Ich bin wirklich nicht Clay.

Nein, natürlich nicht. Dennoch werden es die Leute scheinbar nie müde, aus dir herauskitzeln zu wollen, wieweit deine Geschichten autobiografisch sind. 

Ich frage mich warum? Wenn ich über andere Autoren lese, höre ich nie, dass man sie so etwas fragt. Michael Chabon wird so etwas nicht gefragt. Jonathan Franzen auch nicht. Jonathan Lethem nicht. Nur ich. Vielleicht liegt es daran, dass ich einfach kein so guter Schriftsteller bin wie sie.

Nein. Du bist genauso gut, wenn nicht besser als sie alle. Aber ich weiß nicht, ich will auch nicht zu sehr vom Thema abweichen. Es ist ja auch nicht so wichtig. 

Ich find es gut, wenn du kurz vom Thema abkommst. Du kannst dich mit mir über alles unterhalten. Ich kenne eigentlich keinen von denen. Ich mein, ich kenn sie alle irgendwie, aber ich bin mit keinem von ihnen befreundet.

Ich mag Chabon, aber ich hab das Gefühl, dass ich ihn als Mensch nicht mögen würde. Nicht, dass das wichtig wäre. 

Nein, es ist nicht wichtig. Sieh immer auf die Kunst, nie auf den Künstler.

Das fällt mir aber manchmal schwer. Ich finde Lethem hat irgendwie etwas zu Niedliches, zumindest in seinem letzten Buch Chronic City

Ich fand nur Die Festung der Einsamkeit wirklich gut. Es ist das einzige Buch von ihm, das mir gefällt. Und das einzige Buch von Michael Chabon, das ich wirklich mochte, war Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay.

Das war toll. 

Und von Jonathan Franzen mag ich eigentlich nur Die Korrekturen, ein Buch, das ich für einen wirklich großen amerikanischen Roman halte.

Das sind die Bücher von ihnen, über die sich vermutlich nicht streiten lässt. 

Ja, aber alles andere, was sie geschrieben haben, ist irgendwie „Brrrrrrr“. Ich weiß nicht, ob du es weißt, aber ich bin mit Jonathan Lethem zur Schule gegangen.

Ah, ja? 

Wir waren im Bennington College in einer Klasse.

Das wusste ich nicht. Wie war er in der Schule so? 

Nett. Er war ein netter Typ. Ich hatte keine Ahnung, dass er Schriftsteller werden wollte. Er war in keinem der wichtigen Workshops. Da waren Leute wie Donna Tartt oder Jill Eisenstadt. Na ja, die Leute, die wirklich schreiben wollten, waren die Leute, die es immer in die wichtigsten Workshops des Semesters schafften. Und Jonathan hat es nie in einen von denen geschafft. Und dann kriegte ich viele Jahre, nachdem wir aus der Uni raus waren, so eine Druckfahne in der Post. Es ging um einen Roman von Jonathan Lethem über sprechende Tiere oder so etwas. Und ich dachte nur: „Was ist das jetzt?“

Kommen wir wieder zum Thema zurück. Ich vermute, dass die Leute dich so sehr wegen der autobiografischen Sachen ausquetschen, weil du, als Unter Null rauskam, nicht einfach nur als Autor gesehen wurdest. Es ging um die ganze Sache mit der „Stimme einer Generation“, und die Leute machten es sich schön einfach und sagten: „Nun, er muss so sein, wie die Leute in dem Buch, weil er im gleichen Alter ist und einen ähnlichen Hintergrund hat wie sie.“ Also wurdest du als Romanautor vermarktet, aber gleichzeitig auch als mehr als das. Auf gewisse Weise warst du der Traum eines jeden Buchvermarkters. War es das, was du vorhin meintest, als du davon sprachst, ausgebeutet worden zu sein? 

Na ja, weißt du, am Anfang hat es Spaß gemacht. Richtig Spaß gemacht. Es klang nach einer guten Idee, sich für Zeitschriften interviewen und fotografieren zu lassen und im Fernsehen aufzutreten und so weiter.

Aber dann hört es irgendwann auf. Nach ungefähr einem Jahr ist es nicht mehr eine so gute Idee. Denn dann wird dir bewusst, dass deine Identität—deine wirkliche Identität – von dieser neuen Erzählung aufgefressen wird, von einer kollektiven Erzählung, die in der Öffentlichkeit und in der Presse stattfindet. Dein wahres Ich stirbt dabei ab und dieses Ding, das da entstanden ist, nimmt nun deine Stelle ein. Und jedes Mal, wenn du jemanden triffst, weißt du, dass sie diesen ganzen Packen an Assoziationen mit sich rumschleppen, von denen die meisten nicht stimmen. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Es ist eine Angelegenheit, die man sehr schwer wieder auseinanderdividiert bekommt, um sie handhabbar zu machen.

Das glaub ich sofort. 

Man muss sich damit anfreunden. Das ist die einzige Art, produktiv damit umzugehen. Man kann es nicht bekämpfen. Aber es erschwert viele Dinge. Es macht Beziehungen sehr schwierig. Es macht es schwer, Freundschaften zu schließen. Es verleiht einem noch eine zusätzliche Ebene der Entfremdung, die, na ja, ziemlich scheiße ist.

Klar. 

Es war eine ziemliche Abfolge von Nervereien. Aber du wirst halt irgendwie damit fertig. Du schreibst Bücher und du schreibst Bücher für einen Verlag – und das ist die Einrichtung, die deine Rechnungen bezahlt. Und du hilfst ihnen bei bestimmten Prozessen, z. B. dabei, ihr Geld wieder reinzubekommen. Aber ob ich mich dabei ausgebeutet gefühlt habe? Nein. Ich hatte das Gefühl, dass ich das alles komplett mitgemacht habe und dass es eine gute Idee war. Ich dachte, dass ich ganz gut damit umgegangen bin, aber nach den ersten anderthalb Jahren wurde es irgendwann gruselig. Ich dachte: „Oh, das fühlt sich nicht gut an.“

Ich stelle es mir schwer vor, nicht ein Stück weit mitzuspielen, wenn einem eine Rolle zugewiesen wird, die so gut funktioniert. 

Klar, wenn du erst 21 bist … Aber es war seltsam, weil ich umgeben von berühmten Leuten aufgewachsen war. Ich und meine „cooleren Freunde“ hielten das Ganze für ziemlich albern. Wir hatten das Gefühl, da drüber zu stehen. Wir hingen auf den Partys von den Eltern von Leuten ab, wo berühmte Schauspieler am Pool abhingen oder so, und wir dachten nur: „Lahm. Echt lahm.“ Und die Vorstellung, selber eine Art Berühmtheit zu werden – das war dann so eine seltsame Sache, die irgendwie einfach passierte. Als hätte ich nur beobachtet, wie es seinen Lauf nahm, ohne wirklich daran beteiligt zu sein.

Hast du Freunde verloren, als du berühmt wurdest? 

Nein, ich habe neue Freunde gewonnen! Hunderte, Tausende.

Und ein paar hattest du sogar länger als einen Tag. 

In gewisser Hinsicht öffnet es dir Türen und du triffst eine Menge Leute, die du sonst nicht getroffen hättest. Und das ist sowohl gut als auch schlecht. Aber, ob ich Freunde verloren habe? Sicher habe ich das. Meine engen Freundschaften mit männlichen Schriftstellern wurden mehr zu Rivalitäten. Plötzlich wurde ich zu einem Problem. Dass das Buch überhaupt gedruckt wurde, hat schon die ersten meiner Kumpels ausflippen lassen. Als es dann noch ein Erfolg wurde, ging gar nichts mehr. Ich bemerkte eine Veränderung, aber acht oder neun Jahre später kam es alles raus, als wir besoffen waren und uns darüber unterhielten. Ich sagte: „Ich dachte, ihr hättet euch alle riesig über meinen Erfolg gefreut. Ich dachte, ihr fandet mich toll und habt mich geliebt.“ Und sie sagten so was wie: „Bret Easton Wer? Wir haben dich gehasst! Wir haben dich verdammt noch mal gehasst! Wir fanden die ganze verdammte Situation einfach nur beschissen. Wir fanden es absolut unfair, und wir fanden, dass du überhaupt nicht talentierter warst als wir.“ Ich hörte mir das alles an und dachte nur: „Wow!“

Waren das denn Leute, die später selber auch Erfolg hatten? 

Auf unterschiedliche Art und Weise. Alle sind woanders gelandet, als sie gedacht hatten. Klar, nicht im Sinne von literarischem Erfolg. Aber, na ja, die Leute haben geheiratet und Familien gegründet. Sie sind mehr oder weniger zufrieden mit ihrem Leben.

OK, bei der nächsten Frage ist mir keine clevere Art der Formulierung eingefallen …

Oh, frag nur. Frag einfach.

Nun …, warum eine Fortsetzung? 

Ja, warum. Warum eine Fortsetzung?

Es ist gleichzeitig eine große und eine kleine Frage.

Und eine, die so leicht zu beantworten ist. Die Antwort ist sehr simpel.

OK. 

Weil ich es wollte.

Klar. 

Na ja, es kam eigentlich einfach daher, dass ich, als ich mir das Konzept für Lunar Park überlegte, noch einmal meine alten Bücher durchlas. Das Einzige, was mir die Erfahrung, meine alten Bücher noch einmal zu lesen, brachte, war der Gedanke: „Oh, wo ist Clay? Was macht er jetzt?“ Und das ließ mich dann nicht mehr los. Ich dachte: „Soll ich das machen? Soll ich das wirklich machen?“ Aber letztendlich trifft man die Entscheidung nicht selbst. Die Idee ergreift emotional Besitz von einem, dann fängt man an, sich Notizen zu machen, dann fragt man sich, ob das funktionieren wird und ob das wirklich etwas ist, mit dem man ein paar Jahre zubringen möchte. Dann trifft es die Entscheidung für einen. Ich habe mir das Ganze auch nie als Fortsetzung vorgestellt. Ich sehe es eher als eine Erkundung dessen, wo dieser Charakter 20 Jahre später ist. Das war der Ansatzpunkt. Ich wollte keine Fortsetzung schreiben und ich finde auch nicht, dass es eine ist. Ich meine, es ist eine und es ist auch keine. Es wird von ihm erzählt, klar. Aber was ich meine, ist vielleicht, dass ich einen anderen Namen hätte nehmen können und dann hätte es für sich gestanden.

Aber ich finde die Idee einer Fortsetzung von Unter Null toll. Als ich vor einer Weile hörte, dass dein neues Buch ein Folgeroman von Unter Null sein würde, fand ich das echt pervers und witzig. Ich fand es grandios. 

Eine der Hürden, die ich überwinden musste, war, dass ich mich überzeugen musste, dass es wirklich keine so fürchterliche Idee war. Je mehr ich darüber nachdachte, umso weniger schrecklich kam es mir vor. Und irgendwann dachte ich, hey, egal ob es eine gute oder eine schlechte Idee ist—ich will es tun.

Und wenn der kleine Typ im Kopf erst mal gesagt hat, dass man es macht, gibt es kein Zurück, oder? 

Nein, das gibt es dann wirklich nicht. Als ich die Frage einmal im Kopf hatte—„Wo ist Clay heute?“—stand die Entscheidung eigentlich fest. Dann kam nur noch der ganze Prozess, um sicherzugehen, dass ich so viel Zeit damit verbringen will, dass es mir wirklich Spaß macht und es wert sein wird—dass ich es gern tun würde.

Ja, ich habe das schon woanders gelesen, dass du nie Sachen machst, wenn sie dir nicht wirklich Spaß machen. 

Warum auch?

Hast du je eine Arbeit abgebrochen, weil sich herausstellte, dass sie keinen Spaß machte? 

Nein, nie.

Das ist toll. Also wartest du, bevor du etwas anfängst, bis du dir komplett sicher bist. 

Absolut. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man es sonst machen sollte.

Viele Schriftsteller beschreiben ihren Schreibprozess so, als wäre es eine Form der modernen Folter. 

Wie albern, oder? Ich verstehe nicht, wie Schriftsteller sich über das Schreiben beschweren können. Was für ein Getue, oder?

Ja, stimmt schon. Es schafft negative Klischees über Schriftsteller! 

Vielleicht ist es schwerer, ein langes Sachbuch zu schreiben, wo man viel recherchieren muss. Aber selbst das sollte Spaß machen.

Es gibt keinen Grund, es zu machen, wenn es keinen Spaß macht. Fiel es dir leicht, die Handlung von Imperial Bedrooms zu Papier zu bringen, nachdem du angefangen hattest, es zu skizzieren? 

Ich habe viel Raymond Chandler gelesen und das war mein großer Einfluss.

Ich hatte ehrlich gesagt auch noch vor, dich nach Populärliteratur zu fragen. 

Ja, Raymond Chandler hat mich sehr beeinflusst, und diese Art populärer Noirromane. Ich hatte das Gefühl, dass es wirklich auf den Punkt bringt, wo Clay gelandet ist. Dieser Stil hat für mich einfach funktioniert. Ich fand, dass es für diese Erzählerstimme genau richtig ist.

Und was hatten diese Billigromane mit der Gestaltung der Handlung von Imperial Bedrooms zu tun? 

Nun ja, ich hatte also eine Menge Chandler gelesen, und weißt du was? Die Handlung spielt wirklich keine Rolle. Die Auflösung irgendwelcher mysteriöser Dinge ist völlig unwichtig. Manchmal werden sie überhaupt nicht aufgelöst. Es ist die Stimmung, die so faszinierend ist. Und es ist irgendwie universell, diese Idee eines Mannes, der irgendetwas sucht und sich durch diese moralische Landschaft bewegt und versucht sich davor zu schützen, und dennoch gezwungen ist, dort zu ermitteln. Die Handlung kommt während der Phase der ersten groben Entwürfe ins Spiel, wo die Geschichte sich praktisch erzählt. Das trifft ganz besonders auf eine Geschichte wie diese zu, die von einem Drehbuchautor erzählt wird und einen bestimmten filmischen Touch hat. Und ich dachte dabei auch an Hollywood-Romane, und wie man es schafft, einen Hollywood-Roman zu schreiben, ohne satirisch zu werden. Das war das andere. Jeder Hollywood-Roman scheint eine Satire über irgendwas zu sein.

Hast du dabei an den Tag der Heuschrecke gedacht?

Ja, oder auch die Romane von Bruce Wagner. Ich bin ein Fan von ein paar von denen, aber nachdem ich hier gearbeitet habe, habe ich einfach nicht mehr das Gefühl, dass es hier irgendetwas gibt, über das man sich lustig machen könnte. Entourage z. B. macht mich wahnsinnig.

Oh Gott. Von Entourage muss ich kotzen.

Ich erinnere mich noch, dass ich es vor fünf, sechs Jahren mochte. Aber wenn man einmal anfängt, Zeit mit dieser Art Leute zu verbringen? Es ist ekelhaft. Was da gefeiert wird, ist ekelhaft.

Ja. 

Aber ich weiß nicht. Wieso reg ich mich hier über Entourage auf? Vermutlich gibt es eine Verbindung. Vermutlich macht es Sinn.

Klar macht es Sinn. Aber du sprachst gerade von Clay und darüber, dass Raymond Chandler eine Inspiration für diese Figur in deinem neuen Buch war. Das ist interessant, denn Clay ist voller Angst, aber dann verwandelt er sich am Ende in ein Monster. 

Ich weiß. Vielleicht hat ihn die Angst in ein Monster verwandelt. Es ist schwer, darüber zu sprechen, aber versuchen wir es.

Na ja, manchmal ruiniert es die Dinge auch, wenn man den Vorhang zu sehr zurückzieht. 

Hinter diesem Vorhang gibt es nicht wirklich viel zu sehen, also … [lacht]

Worüber ich, glaube ich, gerade nachdenke, ist, dass sich deine Arbeiten oft streckenweise wie Horrorromane lesen. Findest du, dass Imperial Bedrooms ein Horrorszenario ist? Denn ich habe Horror und Anspannung verspürt, als ich es las. 

Ja, vermutlich schon.

Und Lunar Park war so toll. Als mir klar wurde, dass du dich da für eine echte Horrorsache entschieden hattest, war ich wahnsinnig gespannt, wie du das weiterentwickeln würdest. 

Viele Leute mochten diesen Teil des Buchs nicht.

Sie sind dumm. 

Sie mögen den Stephen-King-Teil nicht. Sie mögen den Philip-Roth-Teil in der ersten Hälfte.

Es ist wirklich schade, dass sie sich nicht drauf einlassen konnten, denn ich finde, dass es total Sinn macht. Diese Horrorsache bringt uns noch mal zu etwas zurück, was du vorhin erwähnt hast, als ich sagte, dass ich in Los Angeles immer ein Gefühl der Angst und Bedrohung habe, und du sagtest, dass du das überall spürst. 

Ja, das kann man so sagen. Aber ich bin eine ängstliche Person. Ich mache mir viele Sorgen.

Worüber denn? 

Einfach alles. Das kommt daher, wenn man in einer Familie aufwächst, die über Angst funktioniert. Ich habe vor allem Angst.

Machst du dir Sorgen darüber, ermordet zu werden oder einem Einbruch zum Opfer zu fallen? 

Oh ja. Sicher. Über so ziemlich alles. Aber es ist nichts, das mich wirklich behindert. Es ist einfach die Art, wie ich die Dinge erlebe. Aber wir reden hier auch von Büchern, und die brauchen natürlich ein bestimmtes Spannungselement, und wenn du die Handlung planst und diese Welt erschaffst, ist das ein Teil davon, wie diese Welt sein sollte. Ich meine, innerhalb der Buchdeckel.

Aber du musst es ja schaffen, eine Verbindung zu dem Horror in deinem Inneren herzustellen, um so gut darin zu sein—meinst du nicht? 

Ja, vermutlich ist es das wert.

Ich stochere hier gerade ganz schön in deinen Ängsten rum—ich sollte wahrscheinlich mal wieder aufhören. 

Gar kein Problem.

Ich mag einfach dieses Gefühl von Angst und die Frage, wo die Angst in diesem Buch herkommt. Wie diese mysteriösen Textnachrichten, die Clay ständig bekommt. Sie haben mich an die seltsamen E-Mails in Lunar Park erinnert. Du hast gerade erwähnt, dass manche Leute die Horroraspekte in dem Buch nicht mochten. Denkst du beim Schreiben eines Buches darüber nach, wie es aufgenommen werden könnte?

Nein. Ich glaube nicht, dass man wirklich für ein Publikum schreibt. Ich glaube, man schreibt das Buch für sich selbst. Man schreibt ein Buch, dass man selber lesen möchte, so nach dem Motto: „Ich will das Buch lesen. Ich will es nicht nur schreiben.“ Also kann ich dabei nicht irgendein Publikum im Kopf haben. Ich bin das Publikum. „Was ist mit mir?“ [lacht] Und das ist das andere Thema, um das es meiner Meinung nach in Imperial Bedrooms geht. Ich halte Clay für einen extremen Narzissten. Das war ein wichtiger Gedanke, als ich an dem Buch arbeitete. Da kommen eine Menge solcher „Ich, ich, ich“-Sachen drin vor. Er denkt, es geht nur um ihn.

Er denkt, dass ihn alle stalken, und er denkt, dass alle irgendwelche geheimen Motive haben, und dass sie hinter ihm her sind. Vor allem Angst zu haben ist definitiv eine seltsame Form von Narzissmus. 

Ja, das ist es. Oder so hat man es mir jedenfalls geschildert.

Das haben dir Psychologen und Freunde erzählt? 

Mein Life Coach hat es mir erzählt.

Ein Grund, warum ich dir die Frage nach dem Publikum gestellt habe, war, weil du vorhin erzählt hast, wie deine Bücher, wenn sie rauskommen, von manchen Kritikern mit so einer zusätzlichen Ebene versehen werden, wo sie dann ebensoviel über dich wie über das Buch selbst reden. Richtig? 

Ja, auf sehr, sehr feindselige Art und Weise. Ich frage mich warum.

Ich kann mir vorstellen, dass es für dich sehr schwer sein muss, nicht irgendwann—auch wenn es nur für eine Sekunde ist—zu denken: „Wenn ich das jetzt schreibe, denkt dieser Kritiker das.“ Nicht, dass es dich dazu bringen würde, etwas anderes zu schreiben, oder etwas anders zu machen, aber ich frage mich, ob dir der Gedanke nicht wenigstens durch den Kopf geht. 

Wie welcher Kritiker, z. B.?

Sagen wir, Janet Maslin. 

Ich mag Janet Maslin.

Und sie mag dich, wenn ich mich richtig erinnere. Oder?

Ja. Sie mochte mich zumindest. Sie hat den Horrorteil in Lunar Park gehasst.

Oh, dann ist sie eine von denen? 

Ja, aber sie hat auch nette Sachen gesagt. Ich lese ihre Kritiken sehr gerne.

Was hältst du von Michiko Kakutani? 

Ein bisschen zu steif. Ihr Geschmack ist sehr begrenzt und sehr konventionell.

Ich habe den Eindruck, dass sie sich mehr als andere Kritiker ihres möglichen Einflusses bewusst ist. 

Was es natürlich interessant macht, sie zu lesen.

Ja, weil viel Ego dahintersteckt. 

Ja, und weil sie sehr behauptend ist. Sie hat mich nie gemocht. Sie findet mich schrecklich.

Auf meiner Ausgabe von Unter Null ist eine positive Kritik von ihr drauf. 

Das ist das Einzige meiner Bücher, das sie OK fand. Es hat sie verstört. Ich habe Michiko Kakutani verstört.

Das können nicht viele Leute von sich sagen. Hast du vor Kurzem die Kritik dieser neuen Biografie von Muriel Spark im New Yorker gelesen? 

Nein, die hab ich nicht gelesen.

Da sprachen sie davon, dass sie beim Schreiben wirklich das Gefühl hatte, Gott zu spielen—dieses abschätzende Gefühl ihren Charakteren gegenüber. Ich habe mich dann gefragt, was du wohl für deine Charaktere empfindest. 

Das ist interessant. Ich denke nie auf die Weise darüber nach. Ich sehe es als ein Buch und die Figur ist ein Teil des Buches und man hat einen Plan und den will man ausführen. Ich bin nicht entsetzt über die Schicksale meiner Charaktere, weil sie nicht echt sind.

Natürlich. 

Es ist eine erfundene Situation und es sind erfundene Leute.

Aber gibt es Momente der emotionalen Befriedigung? Fühlst du manchmal wirkliche Begeisterung, wenn du schreibst, oder ist es alles sehr technisch. 

Nein, es ist beides. Es ist technisch und emotional. Ich würde sagen, dass es während des Schreibens der Handlungsstruktur sehr viel emotionaler ist. Dieser erste Text ist bei mir meist länger als das fertige Buch. Ein Haufen Notizen, ein Haufen Ideen, von denen viele dann rausfliegen. Und wenn man diese erste Skizze einmal mehr oder weniger fertig hat, wird es ein sehr technischer Prozess, in dem man dieser Struktur einfach folgt und versucht, es auf eine Weise zu organisieren, die einem in der Romanform Freude bereitet. Also, ja, es ist emotional befriedigend.

Das muss es auch. Die letzten Passagen in Imperial Bedrooms, aber auch in Lunar Park sind emotional unglaublich dicht. Sie sind sehr ergreifend. Besonders das Ende von Imperial Bedrooms, wo Clay darüber redet, dass er nie jemanden gemocht hat und Angst vor Leuten hat. Und dann sind da so Dinge eingebaut, wie die Stelle, wo er davon spricht, „das Spiel beim Spielen zu verändern“, was sich auf das Zitat bezieht, mit dem Unter Null anfängt, und damit schließt sich gewissermaßen auch ein Kreis. 

Ja. Das war natürlich so geplant. Ich meine, du weißt irgendwie schon, wie das Buch endet, bevor du anfängst, es zu schreiben. Normalerweise weiß ich die letzte Zeile des Buches schon, bevor ich mit dem technischen Prozess des Arbeitens an der Handlungsstruktur beginne.

Das ist interessant. 

Ja, normalerweise weiß ich die erste und die letzte Zeile von einem Buch, bevor ich mit dem Schreiben anfange.

Tust du dich schwer damit zu entscheiden, was von der anfänglichen Skizze im Buch bleibt und was rausfliegt? 

Na ja, manche Leute würden wahrscheinlich sagen, dass ich alles reinpacke. [lacht] Manche Leute beschweren sich: „Warum ist Glamorama 700 Seiten lang?“ Aber eins der Dinge, die mich wirklich interessieren, ist die Erzählerfigur. Mich interessiert die Funktion dieses Erzählers, der Person, die die Geschichte erzählt. Ich habe noch nie ein Buch in der dritten Person geschrieben. Mein Werk besteht aus einer Abfolge von Erzählern, denen ich die Bücher praktisch überlasse.

Und die entscheiden dann, wie lang oder kurz ein Buch wird.

Sie entscheiden, wie das Buch geschrieben wird, und im Prinzip auch, was für eine Art Sprache verwendet wird.

Wie funktioniert dieser Prozess aber genau? Wie lässt du eine Figur zu dir sprechen? 

Der Bret-Easton-Ellis-Charakter in Lunar Park wird sehr anders sprechen als Clay in Unter Null oder die College-Studenten in Einfach unwiderstehlich oder Patrick Bateman in American Psycho oder Victor Ward in Glamorama. Ich habe anfänglich sehr hin- und herüberlegt, als es darum ging, wie ich mir die Erzählung von Imperial Bedrooms vorstellte. Und dann wurde mir klar, na ja, Clay ist jetzt ein Drehbuchautor. Und er ist Narzisst. Es ist, als würde er einen Film schreiben, in dem er die Hauptrolle spielt. Da fing plötzlich alles an, sich von selbst zu ergeben—also was den Klang und die Entwicklungen des Buches betraf. Der Erzähler diktiert den Stil.

Ich mag es, dass du so viel Wert auf den Erzähler legst, denn wenn man in der Literatur vom Typus eines unvorhersehbaren Erzählers sprechen kann, dann gehören fast alle deine Bücher da mit Sicherheit dazu. 

Ja, das kann man sagen.

Aber ich habe auch das Gefühl, dass jeder Erzähler auf seine Weise unvorhersehbar ist. 

Ich bin nicht sicher, ob dir da sehr viele Autoren zustimmen würden. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich Romane lese, die von Charakteren erzählt werden, die wie, na ja, College-Professoren klingen, es aber nicht sind. Im Moment lese ich den Roman A Gate at the Stairs von Lorrie Moore. Er ist sehr clever. Ich meine, sie ist eine clevere Autorin, und es gibt da eine Menge toller Details und sie ist supersmart darin, einen Satz zu konstruieren und einen schmissigen Absatz hinzulegen. Aber ich nehme ihr einfach nicht ab, dass dieses 20-jährige Mädchen wirklich diese Erzählerin ist. Ich finde, da entsteht so eine Kluft, die mich letztendlich vom Buch ablenkt. Ich sehe so etwas z. B. auch in vielen der Bücher von Updike.

In manchen, ja. Aber nicht in der Rabbit-Reihe.

Und deshalb funktionieren diese Bücher auch so gut, weil sie einen simplen amerikanischen Realismus an sich haben, der sich sehr an diesen Charakter und sein Leben anpasst. Ich denke, dass ein wirkliches und ehrliches Eintauchen es notwendig macht, dass der Erzähler die Stimme hat, die sie oder er wirklich haben würde.

Stimmt. 

Und wenn ich eins meiner Bücher noch einmal in der dritten Person schreiben würde, wären sie sehr anders.

Natürlich. 

Die Stimme, die meiner eigenen wahrscheinlich am nächsten kommt, war in Lunar Park, wo ich ganz frei so schrieb, wie ich wahrscheinlich wirklich in E-Mails schreibe und wie ich mit Freunden rede

Imperial Bedrooms ist für dich eine Rückkehr zu einem reduzierteren Prosastil. 

Ich mochte die Vorstellung zum Minimalismus zurückzukehren, was ich sehr lange nicht getan habe. Zu versuchen, diese Art Spannung mit so wenigen Worten aufzubauen, hat sehr viel Spaß gemacht. Weißt du, Unter Null war ursprünglich nicht als minimalistischer Roman geplant. Der erste Entwurf war total lang und viel zu emotional. Er war ein Desaster.

War es dein Lektor, der dir half, es zu vereinfachen? 

Es war mein Lehrer im Bennington College. Er sagte einfach: „Ich kapier’s. Ich kapier, was du vorhast. Aber so funktioniert es überhaupt nicht.“ Und ich sagte: „Was soll ich tun?“ Und er sagte: „Ich möchte, dass du einen Trick ausprobierst. Ich möchte, dass du ein Experiment machst.“ Ich hatte es in der dritten Person in der Vergangenheitsform geschrieben. Und er sagte: „Pack es mal in die erste Person und schau, was passiert.“ Ich sagte: „Im Ernst? In die erste Person?“ Denn Unter Null war mein erster wirklicher Versuch, einen Roman zu schreiben. Davor hatte ich allerdings schon drei Romane geschrieben.

Und diese ersten Bücher waren alle eher Schlüsselromane, oder? 

Ja, sie waren im Prinzip Tagebücher. Unter Null war mein erster Versuch, einen wirklichen Roman zu schreiben. Also dachte ich: „Nun, ich werde das auf die klassische Weise machen. Ich schreibe es in der Vergangenheit, in der dritten Person.“ Aber ich folgte dem Rat meines Professors und übertrug es in die erste Person. Und als ich es dann durcharbeitete, fiel das ganze überflüssige Fett davon ab und es wurde eine komplett neue Sache. Es musste komplett neu geschrieben werden. Ich schrieb den ersten grausigen Entwurf in acht Wochen und die Leute denken, dass es das war, was dann veröffentlicht wurde. Aber ich habe an dem Buch zwei Jahre lang geschrieben, bis es an dem Ort war, wo ich es hinhaben wollte.

Es gibt zwei Fallen, in die man leicht tritt, wenn man in der dritten Person schreibt. Eine davon ist die, zu viel zu erklären oder zu beschreiben, weil man dieser allwissende Gott-Typ ist. And dann kann es einem auch passieren—besonders, wenn die Themen sich um so extreme Situationen drehen, wie die Sachen, über die du schreibst—dass die dritte Person auf eine Weise eine moralische Haltung einzunehmen beginnt.

Wertungen. Man will explizite Wertungen vermeiden. Das ist eine sehr, sehr schwierige Sache.

Und all das führt dann zu der Tatsache, dass die Leute, als Unter Null herauskam, dachten, dass du Clay bist. Es war in der ersten Person, im Präsens. 

Ja, und außerdem dachten sie, dass ich aus einem ähnlichen kulturellen Umfeld komme, was ich aber nicht tue. Meine Familie war nicht reich. Alle meine Mitschüler waren das. Ich habe mich dauernd bemitleidet: „Oh, ich Armer. Wir leben im Valley.“ Alle meine Freunde lebten in Beverly Hills oder Bel Air.

Dagegen ist das San Fernando Valley praktisch die Dritte Welt. 

Meine Freunde waren der tatsächliche Einfluss für Unter Null. Nachdem ich in diese Welt geworfen wurde, als meine Eltern mich aus der öffentlichen Schule nahmen und in eine Privatschule schickten, begann ich eine Welt zu sehen, die ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich wuchs in einem ziemlich bürgerlichen oder vielleicht gehoben bürgerlichen Umfeld im San Fernando Valley auf, bis mein Vater anfing, mehr Geld zu verdienen. Aber er verdiente nie Geld auf dem Niveau der Familien meiner Klassenkameraden. Ihre Eltern waren größtenteils in der Filmindustrie und das wurde dann auch zu einer wichtigen Inspiration für Unter Null.

Als du die ersten Seiten von Imperial Bedrooms geschrieben hast, wo es die Stelle gibt, wo Clay über diesen Typen redet, den er mal kannte und der mal ein Buch über ihn und seine Freunde geschrieben hat, aus dem dann ein Film gemacht wurde, hast du da daran gedacht, dass er dich auf eine Weise beschreibt? Ich weiß schon, dass ist jetzt sehr nah an einer nervigen autobiografischen Frage.

Es ist alles fiktiv, also habe ich darüber nicht nachgedacht. Ich könnte mir eine Antwort ausdenken, aber es wäre nicht echt.

Ich mag diese einfache Antwort. Ich muss hier jetzt leider kurz etwas aus dem Buch verraten. Ich fand es wirklich toll, dass du uns so früh im Buch erzählst, wie dieser Charakter Julian Wells stirbt. 

Ja.

Das hat mich echt umgehauen, bis ich merkte, dass es eine Art Vorschau war, weil Clay dann auf der nächsten Seite mit ihm was trinken geht oder so. 

Hm.

Julians Leiche und seine tatsächliche Ermordung sind dann später im Buch bis ins letzte grausige Detail beschrieben. Wenn du so einen krassen Flash-Forward einbaust, weißt du dann, warum du das machst, oder ist es nur ein Instinkt?

Es ist alles Instinkt. Oder, ich mein, ich weiß nicht, was es sonst ist. Es fühlt sich emotional richtig an. Und es fühlt sich rhythmisch richtig an. Es funktioniert für mich. Und ich denke nur: „Oh, ja, genauso muss es sein und so find ich es gut, verdammt.“

Ich lese da auf einer bestimmten Ebene eine Art geheimes Vergnügen daran heraus, diese Figur so früh und auf so fiese Weise zu killen. Es ist eine Figur von dir, die sehr bekannt ist, und die, meiner Meinung nach, im Film völlig falsch dargestellt wurde. Und du lässt sie gleich am Anfang dieses Folgeromans komplett vor die Hunde gehen. 

Was passiert, wenn ein Autor auf sein Werk zurückschaut? Wird er an einem Punkt in seiner Karriere ein zerstörerischer Künstler? Weißt du? Ich glaube, hinter Imperial Bedrooms stand noch ein anderer Impuls, der mich überrascht hat, als er begann sichtbar zu werden, und mit dem ich etwas zu kämpfen hatte. Und das ist die Idee davon … ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Es gibt einen sehr sentimentalen Blick auf Unter Null. Es ist etwas, das sich um das Buch herum gebildet hat. Es wird irgendwie „geliebt“. Und ich glaube, es wird von der Hälfte seiner Leser auch fürchterlich falsch gelesen. Ich habe in den letzten drei oder vier Jahren, seitdem ich nach L.A. zurückgezogen bin, einen Haufen Leute getroffen, die mir sagen: „Oh Mann, ich bin nach L.A. gezogen, nachdem ich Unter Null gelesen habe.“

Oh Gott.

Und es kommt mir außerdem wie ein echtes Produkt der versnobten 80er vor. Es gehört in die gleiche Liga wie John-Hughes-Filme und Ray-Bans und Ich glaub’, ich steh’ im Wald. So düster, wie ich das Buch empfand, als ich es schrieb, und so ernst ich es nahm, als ich als Student daran arbeitete, so überraschend war es, zu sehen, wie es auf eine bestimmte Weise gelesen wurde und diesen Ruf bekam. Also gab es, als ich an Imperial Bedrooms arbeitete, so ein Bedürfnis, es ein bisschen kaputt zu machen. Ich finde das nicht toll, aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, gab es dieses Gefühl. Es war einfach präsent.

Wenn es ein Instinkt war, den du hattest, warum solltest du es dann überhaupt mögen oder nicht mögen?

Weil es irgendwie ein negativer Impuls ist. Ich meine, es ist so, als würde man die Reaktion des Publikums auf ein Buch von sich damit anerkennen. Das schien nicht zu mir zu passen. Obwohl es wohl stimmt, dass ich mich auch schon in Lunar Park damit beschäftigt habe. Da fing es, glaube ich, an. Und es ist interessant für mich, dass einen das dann an den Punkt führt, wo man die Bücher fast noch einmal neu schreibt.

Stimmt. 

Es ist auch egal, denn es ist ausgeschlossen, dass Imperial Bedrooms auch nur annähernd die Schlagkraft haben wird wie Unter Null.

Da stimmten aber auch alle Umstände. Es war, als ob die ganze Kultur darauf gewartet hätte. 

Das kannst du laut sagen, und es gibt keinen Grund, deshalb die Hände zu ringen und herumzulaufen wie ein gefangener Tiger und sich den Kopf deswegen zu zerbrechen. Man muss einfach machen, worauf man Lust hat.

Z. B. Julian zu killen. 

Ja, aber trotzdem war es nur ein Instinkt. Nicht mehr als das. Es war kein Plan. Nicht so wie: „Oh, ich muss Julian killen.“ Es hat sich einfach richtig angefühlt.

Stört es dich, wenn ich verrate, dass es auf Seite neun meines Rezensionsexemplars von Imperial Bedrooms einen Flash-Forward gibt, wo Julians Tod vorhergesagt wird? Denn ich kann das natürlich weglassen, wenn es dir nicht recht ist. 

Nein, du kannst machen, was du willst.

Cool. Und schließlich stößt man eh nach wenigen Minuten drauf, wenn man anfängt, das Buch zu lesen. Also … in Unter Null ist Clay ziemlich abwesend und passiv. 

Ja, absolut. Darum geht es in dem Buch.

Genau. In diesem Buch ist er auch irgendwie ängstlich und irgendwie abwesend und passiv, aber am Ende ändert sich das. Am Ende des Buches gibt es ja diese minimale American-Psycho-Sequenz, wo er diese zwei kleinen Nutten in einem Haus in der Wüste hat. Das hat sich sehr anders angefühlt als der Clay, den ich bis dahin kannte. Wie hat es sich angefühlt, die Figur an diesen Punkt zu bringen?

Toll. Es war toll.

Wirklich? 

Zu merken, dass es sich tatsächlich dahin entwickelte, war sehr aufregend.

Das ist cool. 

Es gefiel mir.

Ich weiß nicht, ob du jetzt sarkastisch bist oder nicht. 

Ich meine es ernst. Gott, wenn ich jedes Mal zehn Cent kriegen würde, wenn das jemand zu mir sagt. [lacht]

Hast du je The Kids in the Hall gesehen? Du bist wie der Typ, den Dave Foley spielt, der Typ, der immer sarkastisch klingt, auch wenn er nicht sarkastisch ist. Aber du meinst das ernst? Du fandest es toll, als du gemerkt hast, dass Clay düsterer wird?

Ja. Ich erinnere mich an den Moment, wo ich an der Skizze der Handlung gearbeitet habe und merkte, dass es sich in diese Richtung entwickelte. Ich erinnere mich noch, wo ich saß. Ich erinnere mich, wie ich diese Sequenz entwarf—und es wurde eine Sequenz, mit der mein Lektor ziemliche Probleme hatte. Normalerweise sind die Leute bei Knopf extrem zurückhaltend. Sie haben mich freundlicherweise alles publizieren lassen, was ich wollte, jedenfalls mehr oder weniger. Aber wegen dieser Szene haben wir echt gestritten.

Ist dein Lektor immer noch Gary Fisketjon? 

Ja. Er ist jemand, der sich beim Lektorieren wirklich an einzelnen Bäumen abarbeitet, nicht an den Wäldern. Er ist ein echter Verfechter korrekter Grammatik. Wir kriegen uns wegen Grammatik und Syntax in die Haare.

Und wegen der Szene mit Clay und den Prostituierten in der Wüste …

Es war in meiner eigentlichen Endfassung sehr viel brutaler. Es waren ein paar Details drin, von denen Gary wollte, dass sie komplett rausfliegen, wo ich dachte: „Im Ernst?“ Vorher hatten wir nie Probleme gehabt, aber wegen dieser Szene hatten wir wirklich welche.

Hat er auch American Psycho lektoriert? 

Nun, was mit American Psycho passierte, war, dass, du weißt ja …

Es wurde vom ersten Verlag abgelehnt und kam dann zu dem Haus, wo Gary Fisketjon arbeitet. 

Das war der Zeitpunkt, wo Gary mein Lektor wurde. Als American Psycho bei ihm landete, waren wir schon sechs Jahre befreundet. Wir kannten uns auf sozialer Ebene sehr gut. Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Und die Tatsache, dass wir diese Beziehung hatten, und ich auch eine gute Beziehung zu Sonny Mehta hatte, der Knopf damals führte, machte die Entscheidung dorthin zu gehen, ziemlich einfach. Aber ich glaube nicht, dass Gary ein großer Fan des Buches war.

Von American Psycho?

Ja. Ich glaube nicht, dass er überhaupt ein besonders großer Fan von mir war, aber er war ein guter Freund und es war völlig OK. So was kommt ständig vor. Ich glaube nicht, dass er irgendeins meiner Bücher gemocht hat, außer Lunar Park. Aber er ist ein fantastischer Lektor. Er ist von dem Moment an großartig, wo er das Manuskript auf den Tisch bekommt, bis zu dem Punkt, wo das Paperback draußen ist. Er verfolgt alles bis zum Ende und ist sehr aktiv. Aber ich war von Garys Reaktion auf diese Szene in Imperial Bedrooms etwas enttäuscht. Ich war enttäuscht, dass wir wegen zwei oder drei Sätzen feilschen mussten.

Kannst du mir eine Vorstellung davon geben, was aus der Szene gekürzt worden ist? 

Ich sagte so was wie: „Wenn du mich das drin behalten lässt, ändere ich auch die Grammatik auf Seite 47.“ Und er sagte: „Das ist nicht genug. Du musst auch die Grammatik auf Seite 58 und Seite 87 ändern.“ Und ich sagte: „Wenn ich das mache, darf ich dann ein paar mehr von diesen Details drin lassen?“ Und irgendwann hieß es dann schließlich: „OK.“

Diese Sachen können ihn ja nicht völlig unerwartet getroffen haben, nachdem er schon American Psycho lektoriert hatte. 

Na ja, er hat bei American Psycho auch einiges überarbeitet. Als ich das Buch bei Simon & Simon einschickte, bevor sie es ablehnten, dachte ich, das Buch wäre fertig. Finito. Ich wollte nicht, dass jemand auch nur ein Komma ändert. Dann kam es aber zu Gary und er nahm doch die eine oder andere kleine Änderung vor. Ich stand irgendwie ein bisschen neben mir und das Lektorieren lief wahnsinnig schnell ab. Er flog nach L.A. und wir saßen in einem Hotelzimmer und er lektorierte eine Seite und blätterte dann um und ich sagte jedes Mal: „Das bleibt, das bleibt, das bleibt.“ Und es wurde sehr hitzig. Ich glaube nicht, dass er das Buch kapierte, oder aber er kapierte es und mochte es nicht; also war der ganze Prozess des Lektorierens sehr unbefriedigend. Da sind immer noch Sachen drin, die er gemacht hat, und die ich nicht lesen kann. Wo er Sachen klarer macht. Ich weiß nicht. Warum quatsche ich immer noch über Gary Fisketjon?

Weil wir uns über die Szene unterhalten haben, wo Clay in der Wüste die zwei minderjährigen Prostituierten foltert. Ich fand auch toll, dass in dem Haus, wo das passiert, auch eine Kopie von Unter Null herumliegt. Und dann ist es auch interessant, dass das die Szene ist, wegen der du mit deinem Lektor die meisten Kämpfe hattest. Ich halte sie an dieser Stelle im Buch für ziemlich essenziell. 

Es war spannend, an diese Stelle zu kommen, und es war auch gruselig, und es war irgendwie befreiend, dorthin zu kommen. All das waren Dinge, die ich absolut richtig daran fand.

Bevor wir aufhören, uns über die Figuren zu unterhalten, wollte ich dich noch kurz zu Rip fragen. D. h., eigentlich habe ich keine Frage zu ihm, ich fand ihn nur sowohl in Unter Null als auch in Imperial Bedrooms toll. Er ist witzig, aber gleichzeitig auch sehr gruselig. Gibt es eine Person, von der die Inspiration zu Rip stammt? Wenn ja, hast du das sicher literarisch überhöht. 

Oder auch literarisch zurückgenommen. Vielleicht gibt es da draußen jemand, der noch gruseliger ist.

Na toll. 

Und ich hatte Angst vor ihm und habe ihn deshalb weniger gruselig gemacht—obwohl er immer noch gruselig ist. [lacht] Aber nein, er hatte keine Vorlage im echten Leben.

Er ist so was wie der Oberschurke dieser beiden Bücher. 

Ja, und Clay rafft es einfach nicht und wir wissen nichts Genaueres über Rip, weil Clay, der Erzähler, es nicht wirklich wissen will—was es noch gruseliger macht. Dass man denkt, was ist hier los? Was passiert wirklich?

Das stimmt total. Es gibt in dem Buch viele Momente, wo Clay kurz davor ist, wo er sich Klarheit verschaffen könnte, und wo er zu passiv oder zu schissig ist, um es zu tun. Ich möchte jetzt ein bisschen über deine Drehbücher sprechen, weil das etwas ist, das du in den letzten Jahren sehr viel mehr gemacht hast. Ich bin sicher, du hast das schon oft gehört, aber es ist ein Traum von mir, ein Remake von Unter Null zu sehen, das näher am Buch bleibt.

Ich habe den Eindruck, dass jede Woche jemand Neues versucht, das zu tun. Ich habe gehört, dass von Quentin Tarantino bis Gregg Araki alle versucht haben, Fox dazu zu kriegen, dass sie es noch mal machen dürfen. Aber natürlich wäre es heute nicht Fox. Es wäre Fox Searchlight, weil es kein großer Studiofilm wäre. Aber es würde mich nicht genug interessieren, um daran mitzuarbeiten, also höre ich immer nur diese ständigen Gerüchte, dass der und der versucht, die Rechte für Unter Null zu bekommen.

Und ich weiß nicht, ob es je wirklich einer so hinkriegen würde wie im Buch. Das Buch ist sehr, sehr düster. 

Obwohl es schon einen Moment gab, wo es hätte passieren können. Anfangs waren es, glaube ich, Barry Diller und Scott Rudin, die die Rechte gekauft hatten, und Scott Rudin hatte auf jeden Fall eine Vision, die dem Buch sehr nahe kam. Das erste Skript war ziemlich hardcore. Aber dann gab es in dem Studio einen Führungswechsel und ich glaube, es war Leonard Goldberg, der dann Chef der Produktion wurde, und, na ja, er hatte Kinder.

OK. 

Er hatte Kinder und dieser Film war … na, was soll’s. Er wurde verwässert.

Ich will den Film nicht schlecht machen. 

Wer könnte das.

Er war in vieler Hinsicht ein Meilenstein. 

Genau.

Aber vielleicht gab es da diesen Führungswechsel und diese Leute mit Kindern übernahmen das Ruder und sie waren nicht begeistert von einer Szene, wo zum Beispiel eine Zwölfjährige vergewaltigt wird. 

Ja, genau.

Und außerdem war es die Ära der Teenagerfilme. Weißt du, was ich meine? Und das war ein toller Marketingaspekt, egal, ob es dem Buch nun auf den Buchstaben folgte, oder nicht. Es hieß einfach: „Das ist der düstere 80er-Jahre Teenagerfilm.“ 

Stimmt. Und ich weiß nicht mal, ob er wirklich so düster war. Er hatte in vieler Hinsicht was von einer Art Bildungsfilm für Schüler. Er kriegte eine halbherzige Altersbegrenzung. Es ist so seltsam, wie sich Filme im Laufe der Zeit verändern. Manchmal kriege ich hier und da Ausschnitte von Unter Null zu sehen, wenn es sich ergibt, und weißt du, es ist ziemlich schockierend, dass es so eine große Studioproduk-tion war.

Stimmt. 

Im November oder so. Eine große Freitagabendpremiere. Es ist inzwischen unvorstellbar.

Ja, jetzt wäre es wohl eher ein Arthouse-Ding oder so. 

Ein totaler Arthouse-Film. Aber er ist wirklich schön. Einfach schön, mit dieser Kinematografie von Ed Lachman.

Und jetzt hat Imperial Bedrooms schon eine Seite auf IMDb.

Ja, keine Ahnung warum.

Wurden die Filmrechte gleichzeitig mit dem Buchdeal verkauft? 

Nein. Die Rechte gingen direkt an Twentieth Century Fox über, weil ich Charaktere benutze, die ihnen gehören.

Im Ernst? Wow. 

Ja, wenn ich z. B. einen Folgeroman zu American Psycho schreiben würde, würden die Rechte an Patrick Bateman Lion’s Gate gehören. Das ist der Pakt mit dem Teufel, den man macht, wenn man die Filmrechte zu seinen Büchern verkauft.

Hast du mit dem Schreiben von Drehbüchern angefangen, nachdem du gesehen hast, wie aus deinen Büchern Filme wurden?

Nein, ich erinnere mich, dass ich schon in der Highschool mit meinen Freunden Drehbücher geschrieben habe. Alle meine engen Freunde an der Highschool wollten Drehbuchautoren werden und sie sind es heute auch alle. Ich dachte immer, dass ich irgendwann einmal beim Drehbuchschreiben landen würde, aber ich interessierte mich auch für Romane, was keiner von meinen Freunden tat. Ich nahm das Schreiben von Drehbüchern nie besonders ernst, bis ich mit ein paar meiner Drehbücher Jobs bekam, und dann dachte ich: „Oh, OK, ich kapier’s, das kann ich also auch.“ Also hab ich irgendwie immer schon Drehbücher geschrieben, aber nie so vorrangig wie jetzt. Was für ein Fehler. Was für ein schrecklicher, tragischer Fehler … Nein, Quatsch. Ich mache nur Spaß.

Aber der Großteil der Filmindustrie kommt mir vor wie die widerlichste Schlangengrube der Welt. 

[macht ein langes, langsames kehliges Geräusch]

Mann, wie soll ich das transkribieren? 

„Ein tiefer Seufzer der Zustimmung entschlüpfte Ellis’ Mund.“

Alles klar. Ein tiefer Seufzer der Zustimmung. 

Aber, ehrlich gesagt: Ja und Nein. In der Filmindustrie gibt es auch eine Menge richtig talentierter und interessanter Leute und viele, die echt witzig sind.

Ich denke wahrscheinlich eher an die Business-Seite von dem Ganzen, nicht die kreative Seite. 

Die geschäftliche Seite des Ganzen hat keine Logik und ist nicht einfach zu navigieren. Das kann schrecklich sein. Aber wenn du mich fragen würdest, ob ich lieber mit ein paar heißen Schauspielern und Schauspielerinnen und tollen Regisseuren und Produzenten abhängen würde, die mir vielleicht Geld geben würden, um einen Haifischthriller zu machen, oder so—oder Dinner mit Richard Ford oder Toni Morrison haben würde … Na ja, ich bin an einem anderen Punkt im Leben.

Du bist ziemlich abseits der literarischen Welt. 

Absolut. Ich habe mich nie als ein Teil davon empfunden. Ich habe Freunde, die Autoren sind, und solche Sachen, aber der ganze Kram, mit Verlagen zu verhandeln, und zu offiziellen Veranstaltungen zu gehen oder dass sich alles um, na ja, das PEN-Dinner dreht, oder so etwas …

Das ist irgendwie traurig. 

Und die Leute lästern immer über mich, weil ich früher gern in Clubs gegangen bin. Als ich in meinen 20ern war, schien es mir immer so seltsam, dass die Leute so fies zu mir waren, nur weil ich gerne in Clubs ging. Hätte ich mit einer Kerze und einem Federkiel in einem Türmchen sitzen sollen? Du bist 23 und du willst Spaß haben. Und jetzt empfinde ich noch genauso. Ich schaffe es nicht, so zu tun, als würde ich mich für „Literatur“ interessieren und für Verlage und Preise und Kritiken.

Aber Bücher sind dir dennoch nicht egal. Ich mein, wenn ich nur von einer sehr einfachen Quelle, nämlich deiner Twitter-Seite, ausgehe—da schreibst du über neue Bücher, die rauskommen und über die geredet wird. 

Ich lese sehr gerne. Das tue ich immer noch. Allerdings ist mir aufgefallen, dass meine Geduld für sie sich in den letzten Jahren geändert hat, und ich frage mich, woran das wohl liegt …

Zum Besseren oder zum Schlechteren? 

Zum Schlechteren. Es scheint mir sehr viel schwerer zu fallen, mich auf Belletristik zu konzentrieren, als es das mal war. Obwohl das auch nicht ganz stimmt. Was habe ich neulich gelesen, was mich umgehauen hat? Oh ja, es war Jhumpa Lahiris letzte Sammlung, Unaccustomed Earth. Ich habe diese Geschichten stückchenweise gelesen. Sie sind ziemlich lang—bis zu 40 Seiten. Ich las zuerst ein paar, mal sechs Seiten hier, dann sechs Seiten da. Dann stieß ich auf eine, die so unglaublich spannend war und so rasant, dass ich alles andere weglegte und es in einer Stunde runterlas, und es war so befriedigend. Diese Erfahrung hat man mit keinem anderen Medium.

Oh, absolut.

Es ist die ultimative Virtual-Reality-Erfahrung.

Um noch mal auf Twitter zurückzukommen, was hat es damit auf sich? Es stößt mich gleichzeitig ab und fasziniert mich. Es ist für mich eine Art Destillat von allem, was ich am Internet hasse, und trotzdem kann ich es nicht lassen, die Twitternachrichten von Leuten zu lesen. 

Es ist, was es ist. Ich benutze es als etwas anderes. Ich weiß nicht, was ich da genau mache, aber auf jeden Fall interessiert es mich nicht, Updates zu schicken wie: „Ich hatte grad einen super Kaffee bei Starbucks“, oder: „Uhh, es ist Freitag der 13., ich hab Angst“, mit einem Angst-Emoticon daneben.

Es ist entweder ein Ort, um laut zu denken, oder um Comedy für ein nichtexistentes Publikum zu spielen. 

Ich mache es jede Woche oder alle zwei Wochen. Ich denke nicht mal drüber nach.

Na, du hast jedenfalls meinen Lieblingstweet aller Zeiten geschrieben. 

Welcher war das?

Der über Salinger. An dem Tag, wo er starb, hast du geschrieben: „Yeah!! Gott sei Dank ist er endlich tot. Ich warte seit einer Ewigkeit auf diesen gottverdammten Tag. Let’s Party!!!“ 

Ein paar Leute haben es nicht kapiert.

Es war das Beste, was ich seit langer, langer Zeit gelesen hatte. 

Gut. Das ist gut. Darauf hatte ich gehofft.

Haben sich Freunde von dir deswegen beschwert? 

[lacht] Ja. Aber so habe ich es empfunden. Ich kann es nicht ändern. So habe ich einfach gefühlt. Ich hatte einen Riesenschiss, dass damit eine Welle der Sentimentalisierung von Salinger losbrechen würde—der uns übrigens alle immer gehasst hat. Seltsamer alter Kauz. Es war ein viel komplexerer Tweet, als es vielleicht den Eindruck hatte. Es steckten sehr viel mehr Gedanken dahinter, als man vielleicht annehmen würde.

Also hast du lange darüber nachgedacht, bevor du es gepostet hast? 

Ehrlich gesagt, weißt du was, ich hab es gepostet und dann dachte ich: „Zu schnell, zu schnell, zu schnell!“ Und ich löschte es. Aber ein paar Leute hatten es gesehen und irgendjemand war empört und dann schrieb jemand anderes, „Ich lach mich tot“. Und dann dachte ich: „Oh, interessant. OK. Ich stell’s wieder rein.“ Diese ganze Aktion lief in so was wie 90 Sekunden ab. Und dann hatte ich in einer Stunde 10.000—

Antworten und Retweets, bestimmt das ganze Spektrum. 

Ja.

Ich mochte auch den Tweet, wo du schreibst, dass das Remake von The Last House on the Left ein besserer Film ist als Precious

Oh, auf jeden Fall.

Ich habe mir Precious nicht mal angesehen, weil ich mir dachte, ich kapier’s. Ich hatte den Trailer gesehen und jetzt muss ich mir nicht mehr den ganzen Film ansehen. 

Stimmt, stimmt.

Mir kam es vor wie eine politisch korrekte oder schuldfreie Form einer Freakshow. 

Der Trailer war sehr wirkungsvoll. Mir blieb jedes Mal die Luft weg, wenn ich ihn im Kino sah. Ich dachte: „Dieser Film wird total erschütternd.“ Und dann geht man natürlich rein und es ist nicht … na gut, ich will den Film nicht schlecht machen.

Ich fand deinen Kommentar nur so erfrischend, weil ich nicht viele andere öffentliche Persönlichkeiten kenne, die nicht auf den Zug mit dem verdammten Film aufgesprungen sind. Weißt du, was ich meine?

Anthony Lane ist mit seiner Kritik im New Yorker auch nicht auf diesen Zug aufgesprungen.

Oh, das stimmt. Aber ich war schockiert, dass Roger Ebert mitgemacht hat. 

Na ja, Precious ist ja auch nicht komplett schlecht. Es hat aber irgendetwas an sich, das irgendwie symptomatisch ist für die momentane Fixierung unserer Gesellschaft auf … ach, ich weiß auch nicht auf was.

Schmerz? 

[lacht] Ja. „The End.“ Es hat mich überrascht, weil es so wenig kunstvoll gemacht war. Ich hatte mich darauf vorbereitet, emotional komplett erschüttert zu werden. Das wurde ich aber nicht. Es ist einfach nicht da.

Ich war am Ende von Marley und Ich am Boden zerstört, aber ich glaube nicht, dass ich bei Precious heulen müsste. 

Warum hab ich nur Marley und Ich verpasst? Warum hab ich ihn nicht gesehen.

Nun, es ist ein interessanter Film, weil es eigentlich eine herzerwärmende Drama-Comedy sein soll, mit einer Lektion fürs Leben am Ende, aber in Wirklichkeit ist es ein Snuff-Film, wo sie diesen Hund die ganze Zeit aufbauen, nur damit er sterben kann. Aber egal, mich interessiert auch noch die Geschichte, dass du gerade an einem Drehbuch mit dem Titel The Golden Suicides schreibst, wo es um das Leben und den Tod von Jeremy Blake und Theresa Duncan geht.

Ja.

Den macht Gus Van Sant, richtig? 

Er überlegt noch. Auf jeden Fall produziert er ihn. Er ist nicht offiziell als Regisseur im Gespräch.

Wie kam es dazu, dass du diesen Film geschrieben hast? 

Ich las im New Yorker einen Beitrag über sie und ich machte zu diesem Zeitpunkt gerade etwas durch, das ihre Geschichte für mich sehr nachhallen ließ. Ich war nach L.A. gezogen und hatte ein paar schlimme Beziehungsprobleme. Ich war mit jemand zusammen, der völlig verrückt war und ich war außerdem sehr frustriert von dem Desaster, zu dem sich The Informers entwickelt hatte.

Der Filmversion von deinem Kurzgeschichtenband. 

Ja, es hatte ein tolles Drehbuch und sie hatten wegen diesem tollen Drehbuch all diese tollen Schauspieler an Bord, und wir kriegten wegen dem Skript eine Tonne Geld, um den Film zu machen, und dann wurde daraus das Schlimmste, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Ich war wirklich verzweifelt darüber, wie es geworden war.

OK. 

Und dann las ich also den Artikel über Jeremy Blake und Theresa Duncan und ihre Selbstmorde und es resonierte sehr mit meiner Erfahrung davon, mit jemand involviert zu sein, der seinen Verstand verliert, den man aber liebt, und dessen Welt zur Welt von einem selbst geworden ist. Ich dachte über all die krasse Scheiße nach, die ich gemacht hatte, als ich mit dieser Person zusammen war. Für gewöhnlich merkst du es, wenn du mit jemand zusammen bist, der verrückt ist, und ziehst dich früher oder später zurück. Du denkst: „Oh, ich kapier’s! Jetzt hab ich’s kapiert.“ Aber was ist, wenn das nicht passiert? Was passiert, wenn du demjenigen einfach weiter folgst? Also redete ich mit einem Produzenten, mit dem ich vorher schon an ein paar anderen Drehbüchern gearbeitet hatte, die nicht verfilmt worden waren. Ich sagte: „Schau dir das mal an. Ich möchte einen Film daraus machen.“ Und er las es und sagte: „Ich finde das sehr cool. Lass mich die Optionen auf den Artikel kaufen.“ Ich hatte allerdings ein paar Probleme mit dem New-Yorker-Artikel. Es gab viel, was ich daran nicht mochte. Aber die Geschichte selbst war mir unglaublich nah.

Es ist sehr düsteres und trauriges Material. 

Aber es ist kein düsterer und trauriger Film.

Nein? 

Ich mein, es ist ein trauriger Film, aber er ist nicht düster. Er hat eine zum Scheitern verurteilte romantische Qualität. Die ganze Sache hat etwas sehr Rätselhaftes an sich und basiert auf Täuschungen und Wirrungen, in denen man sich verliert. Der Film ist wirklich die Geschichte von Jeremy Blakes Lebensweg. Wir treffen ihn, noch bevor er Theresa Duncan überhaupt kennt. Ich fühlte mich Jeremy sehr verbunden und ich liebe seine Arbeiten und ich habe mich irgendwie in ihn verliebt. Der Film wird aus seiner Perspektive erzählt. Nicht aus ihrer Perspektive. Es ist ein unglaublich einfühlsames Porträt von ihm und ich denke auch von ihr. Das Problem mit dem Artikel ist, dass er etwas klatschhaft daherkommt, und manchmal sogar etwas unter die Gürtellinie geht und sich auf Dinge konzentriert, die ich nicht so interessant finde. Aber das Drehbuch kommt wirklich von Herzen. Wenn jemand erwartete, dass ich irgendeine Bret-Easton-Ellis-Version daraus gemacht hätte, irgendeine Satire oder Comedy, liegen sie völlig falsch. Es ist eine ganz und gar aufrichtige Liebesgeschichte.

Ich hatte nie irgendwelche negativen Vorstellungen bei dem Gedanken, dass du es machst. Ich bin nur neugierig, es zu sehen. 

Es ist einfach nur tragisch. Was wäre passiert, wenn er sie nie getroffen hätte? Ich meine, aus ihm hätte so viel werden können, aber ich denke, dass sie irgendetwas in ihm an die Oberfläche geholt hat. Was meinst du?

Da ich sie nie kennengelernt habe, kann ich nur raten. Vielleicht haben sie gegenseitig ihre jeweiligen Ängste hochgeschaukelt? 

Da war die Paranoia. Und außerdem denke ich, dass sie eine Geschichte brauchte. Sie brauchte eine Erklärung, warum sie es in Hollywood nicht schaffte. Sie hatte es vorher schon einmal geschafft, in der Videospielwelt, aber ich denke, sie kam da an und alle dachten, dass sie ein Star werden würde, eine große Filmemacherin, und sie war sich nicht klar, dass Filme einfach nicht gemacht werden. Es hat sie verrückt gemacht und sie konnte ihre Niederlage nicht ertragen, also musste sie sich diese Geschichte ausdenken.

Das war die Stelle, wo sie anfing, die Theorien über das Komplott eines Scientologen gegen sie zu entwickeln. 

Der Scientologen. Und sie baute daraus diese riesige Geschichte zusammen, warum sie in der Filmindustrie nicht erfolgreich war. Das lässt mich nicht los. Ich weiß nicht, warum das so viel in mir auslöst.

Du hast es ziemlich gut erklärt. Es war wegen der Beziehung, die du hattest und wegen deiner Erfahrung mit The Informers. Das kann einen wirklich an einen Punkt bringen, wo einen die Blake-Duncan-Geschichte voll erwischt.

Und sie waren heiß.

Sie waren heiß. Auf jeden Fall. 

Das ist tatsächlich, wie es einem der Produzenten verkauft worden ist, um die Finanzierung zu kriegen. „Wer will einen Film über zwei Leute sehen, die sich umbringen?“ Und dann sagte der andere Produzent: „Nun, sie waren heiß.“

Oh, Fuck. 

Und er sagte: „Wirklich? Wo habt ihr die Bilder von ihnen? Ah! OK.“

So haben die zwei Produzenten miteinander geredet? 

Ja.

Großer Gott. Also, wenn Lunar Park und Imperial Bedrooms an dem Punkt sind, wo die Drehbücher geschrieben werden, wirst du sie selber schreiben? 

Für Lunar Park gibt es schon ein Drehbuch, mit dem ich nichts zu tun habe. Aber für Imperial Bedrooms würde ich das vielleicht machen. Es würde mich interessieren. Aber ich weiß nicht. Ich kann es mir nicht recht als Film vorstellen.

Und jetzt, wo du die Pressearbeit für das Buch machst, und es bald rauskommt und so weiter, sorgst du dich oder lachst du darüber, was die Kritiker davon halten werden? 

Nein.

Echt nicht? 

Oder vielleicht beides. Ich weiß es nicht.

Du liest aber deine Kritiken. 

Ja. Ich lese definitiv Kritiken. Ich gehe immer davon aus, dass ich auf’s Dach kriegen werde, denk ich mal. Ich habe meinen Sachen gegenüber immer ein schlechtes Gefühl, wenn sie rauskommen. Ich habe das Gefühl, dass ich sie zu gut kenne, dass alle ihre Rätsel gelöst sind. Ich habe sie 5.000 Mal gelesen und es scheint, dass ich dann nichts mehr fühlen kann, außer vielleicht ein leichtes Minderwertigkeitsgefühl.