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Afghanistans neuer Kapitalismus

Kidnapping als Wirtschaftszweig.
1.3.11

Das ist keine Schokoladenkuchenmischung. (Es ist Opium.)

Das erste, was einem auf dem Flug von Dubai nach Kabul auffällt, ist, dass die Business­class des Flugzeugs von Typen bevölkert ist, die aussehen, als wären sie direkt einer Casting-Agentur entstiegen: große, muskulöse Männer Ende 40, die allesamt North-Face-Outfits tragen, als wäre es eine staatliche Uniform, mit Prollfrisuren und der allgemeinen Körperhaltung von Frontsoldaten, die seit über 20 Jahren unter der Fuchtel ihres Kommandanten stehen. Sie halten ihre Duty-Free-Alkoholeinkäufe eng umklammert (Alkohol ist in Afghanistan Mangelware), reden in lauten Stimmen darüber, welche Provinz „haariger“ ist—und sind alle aus ein und demselben Grund nach Kabul unterwegs: um Knete zu machen.

Fast alles, was gerade an Geld durch Kabul fließt, kommt von den Firmen, für die diese Männer arbeiten. Darunter sind viele von westlichen Regierungen unterstützte und normalerweise an verschiedene multinationale Dienstleister vergebene Projekte, noch viel mehr internationale NGOs und deren jeweilige Entwicklungshilfeprojekte und die zahllosen Hilfsorganisationen, die ihre Zelte in Afghanistan aufgeschlagen haben, und auf schier endlose Geldvorräte zurückgreifen zu können scheinen. All diese Organisationen sind, um ihre gut gemeinten Vorhaben umzusetzen, auf die Dienste der Art harter Kerle angewiesen, die beim Klang der „afghanischen Gitarre“ (der AK-47) nicht sofort in Angst und Schrecken verfallen. Und so verschlägt es diese Typen mit ihren zollfreien Jack-Daniels-Flaschen, ihren unerschrockenen Machoattitüden und ihren Gefahrenzuschlägen dann nach Afghanistan. Das Problem ist, das geschäftstüchtige Afghanen einen Weg gefunden haben, sich das Ganze auf ihre Weise zunutze zu machen. Als die Amerikaner ihre Invasion begannen, waren Kidnappings selten und meist politisch motiviert. Das durchschnittliche Lösegeld von 10.000 Dollar war für viele Afghanen eine unvorstellbare Summe, für die Versicherungsfirmen, die diese Gelder im Auftrag der NGOs und Hilfsorganisationen auszahlten, hingegen ein Pappenstil. In dem Maße, wie die Afghanen sich dieser Tatsache bewusst wurden, nahm die Zahl der Kidnappings zu, und auch die durchschnittliche Lösegeldsumme stieg binnen kürzester Zeit auf 100.000 Dollar an. Inzwischen sind Kidnappings völlig alltäglich und die Lösegelder belaufen sich auf bis zu anderthalb Millionen Dollar, oder so viel, wie eine durchschnittliche Versicherungsfirma zu zahlen bereit ist. Viele der Männer, mit denen ich flog, waren bereits einmal gekidnappt worden, einer von ihnen sogar schon drei Mal. Er lobte die Gastfreundschaft seiner muslimischen Kidnapper in den höchsten Tönen: „Ich habe nie wieder so guten Pilau gegessen! Ich habe fünf Kilo zugenommen!“ Ist das eine Zeichnung von Johnny Ryan oder das charmanteste und witzigste afghanische Antiheroingraffiti aller Zeiten?

Wenn diese Männer in Kabul ankommen, werden sie von ihren Sicherheitsteams in Empfang genommen und in ihren jeweiligen Konvoi aus gepanzerten Fahrzeugen verfrachtet. Alles folgt einem genau geplanten, quasi-militärischen Ablauf. Sie werden dann in ihre Firmensitze gebracht, die meist in den einzigen bewohnbaren (und verteidigungstauglichen) Gebäuden der Stadt untergebracht sind. Das sind Häuser, die von der örtlichen Bevölkerung als „Kuchen“ bezeichnet werden, weil sie erstens wie Kuchen aussehen und zweitens mit „braunem Zucker“, also Heroin, bezahlt werden, der einzigen wirklichen Geldquelle im Land. Diese Drogenpaläste waren bis vor Kurzem die Wohnhäuser von Afghanistans mächtigsten Drogenbossen und Warlords. Jetzt erzielen sie Mieten von 50.000—60.000 Dollar, manchmal sogar bis zu 100.000 Dollar pro Monat. Sie sind extrem kitschig und buchstäblich mit Gold überzogen. Alle Zimmer, einschließlich der Küche und des Esszimmers, sowie der Lagerräume haben eigene Bäder (Innentoiletten sind in den meisten Teilen des Landes eine Seltenheit) und die Decken sind aus unerfindlichen Gründen unglaublich aufwendig gestaltet und oft mit bis zu 60 oder 70 integrierten Glühlampen versehen (Elektrizität ist auch oft rar, und wenn man sie einmal hat, sollte man sie schließlich auch zeigen). Die Drogenbosse kassieren dann diese exorbitanten Mieten und bauen davon in Kabul und ihren Heimatprovinzen neue, noch luxuriösere Narco-Architekturen. Afghanistan produziert heute den Löwenanteil der weltweit hergestellten Opiate. Man geht davon aus, dass weltweit über 90 Prozent des Opiums, also des Rohmaterials für Heroin, hier hergestellt wird. Zudem werden aus den südlichen und westlichen Provinzen an der Grenze zu Pakistan und dem Iran riesige Mengen an Haschisch und Gras exportiert. Drogen machen, in der einen oder anderen Form, den Großteil des Bruttoinlandsproduktes des Landes aus. Und obwohl die USA in Afghanistan offiziell mit dem nationalen Aufbau beschäftigt sind, wird diese mohnbasierte Ökonomie toleriert, wenn nicht gar offen akzeptiert—was, wenn man der Logik folgt, heißt, dass die Vereinigten Staaten, da sie Afghanistan kontrollieren (was sie tun), nicht nur der größte Drogenmarkt der Welt, sondern nun offiziell auch ihr größter Drogendealer sind.

Die „Drogenpaläste“, die wir fanden, sahen aus, als wäre Liberace ein fundamentalistischer Muslim, der Heroin verkauft und Leute kidnappt.

Ich besuchte im Dezember während der Dreharbeiten für eine neue Folge des

Vice Guide to Everything, die demnächst auf MTV zu sehen sein wird, das Haus eines bekannten Warlords—einem Typen, der von den amerikanischen Behörden wegen der unglaublichen Mengen an Opium, die er produziert, per Steckbrief gesucht wird. Er ist inzwischen offiziell auf der Flucht, aber zu seinen engsten Nachbarn gehören das Finanzministerium und die staatliche Sicherheitsagentur, die beide im Prinzip von den Amerikanern kontrolliert werden. Also lebt hier ein per Steckbrief gesuchter Drogenbaron ganz gemütlich in direkter Nachbarschaft mit den Leuten, die ihn angeblich gefangen nehmen sollen. Es erinnert einen stark an die Doppelmoral unseres eigenen „War on Drugs“ hier in Amerika. Was die Dauer der Besatzung des Landes betrifft, hat Amerika Russland vor Kurzem überholt—und befindet sich nun offiziell in ihrem zehnten Jahr. Der amerikanische Beitrag zur afghanischen Kultur besteht vor allem aus dem Errichten von Militärstützpunkten, dem Marionettenspiel mit der Regierung des Landes, Granatenbeschuss, Truppen und kaum merklichen außenpolitischen Schachzügen. Amerikaner verlassen ihre Stützpunkte so gut wie nie und der Austausch mit der örtlichen Bevölkerung beschränkt sich im Wesentlichen auf unbemannte Predator-Drohnenattacken, die an sich schon eine ausreichende Basis für die Selbstmordattentäter-Rekrutierung der Taliban sind. Seit die Vereinigten Staaten die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben, basiert die Ökonomie des Landes auf Bestechung, Kidnapping, Erpressung und Drogen, und trotz aller Bemühungen gelingt den Amerikanern kaum mehr, als den Zeitpunkt des Wiederaufflammens einer der nationalen Lieblingsbeschäftigungen Afghanistans, des Bürgerkriegs, hinauszuzögern. Ist es das, was Junkies während der von Wahnvorstellungen begleiteten Phasen des Heroinentzugs sehen? Zwei Esel, die auf sie zustolpern und genug Smack auf ihren Rücken tragen, um die komplette Lower East Side anno 1979 umzunieten?

Wenn man sie fragt, erzählen einem die Afghanen meist ein und dieselbe Version der Geschichte: Als die Amerikaner in den 70er-Jahren nach Afghanistan kamen, gab es in dem Land einen einzigen Taliban; heute sind es 50.000, und wenn sie irgendwann abziehen, werden es 500.000 sein. Dank ihres eklatanten Missmanagements, ihrer konfusen Politik und fortdauernden Unterstützung für eine korrupte und verhasste Marionettenregierung unter Präsident Hamid Karzai ist Amerika effektiv dabei, die Taliban in Afghanistan zu erschaffen. So arbeiten die Vereinigten Staaten mehr oder weniger zielsicher darauf hin, dass das nächste Regime, dass in Afghanistan nach dem Abzug der Amerikaner die Führung übernehmen wird, die Taliban sein werden. Ich fragte zwei meiner Bodyguards, beides Kasachen aus dem Norden Afghanistans, wie groß sie die Gefahr eines Bürgerkriegs nach dem Abzug der Amerikaner einschätzen. Ich machte mir Sorgen um sie, da sie keine Bärte trugen, gefakte D&G-Klamotten anhatten und sich die Haare mit Gel zurückkämmten (was Kabuls vielen „Wächtern“ nicht lange entgehen und irgendwann angezeigt werden würde). Sie waren in ihrem Verhalten und ihrem Kleidungsstil so westlich, dass ich sie meine „Hipster Helpers“ nannte und ihnen gegenüber Bedenken äußerte, wie es wohl um ihre Sicherheit bestellt sein würde, wenn die Taliban und ihre gnadenlosen Gesetze wieder im Land regierten. „Die Taliban werden das Land nicht übernehmen“, sagten sie. „Warum?“ „Weil wir sie töten werden.“ „Aber was ist, wenn sie doch irgendwie an die Macht kommen?“ „Dann … sind wir tot.“ Oh.

FOTOS VON THORNE ANDERSON