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The World Hates You Issue

Das Overlook Österreichs

Die Finanzkrise, Gier und glücklose Investoren sind schuld, dass Bad Gastein zur Geisterstadt wird.
25 Juni 2013, 6:48am

Möchte man das vergangene Jahrzehnt mit einem einzigen Wort beschreiben, das möglichst genau auf den Punkt bringt, was die Nullerjahre geprägt hat, dann wäre das nicht etwa „Facebook“, „Terrorismus” oder „Google“, sondern vermutlich „Spekulationsgeschäfte“. Bezeichnenderweise begann die Dekade auch mit einem riesigen Kabooom, als im März 2000 die sogenannte Dotcom-Blase geplatzt ist. Eine Kombination aus ungebremster Fortschrittsgläubigkeit, wirtschaftlichem Aufschwung in den USA und experimentierfreudigem Unternehmertum, gepaart mit Containerschiffen voll Gier, führte Ende der 90er Jahre dazu, dass Unternehmen zu Preisen gehandelt wurden, die sie später einmal wert sein könnten.

Als Anfang 2000 die Diskrepanz zwischen Futur 2 und dem tatsächlichen Buchwert der Start-ups, also dem, was im Hier und Jetzt zu Geld gemacht werden konnte, zu groß wurde, ging innerhalb kürzester Zeit alles den Bach runter. Laut Spiegel lösten sich mehr als 200 Milliarden Euro einfach in Luft auf und der Neue Markt, das deutsche Pendant zum NASDAQ, einer eigenen Börse für Technologieunternehmen, wurde im Juni 2003 ein für alle Mal geschlossen.

Bereits drei Jahre später, 2007, kam es zum nächsten, noch schwerwiegenderen Finanzdebakel. Doch dieses Mal hatte der dem Crash vorausgehende Wahn weder mit Unternehmen, die Dessous für Hunde im Internet anbieten, noch mit anderen mehr oder weniger absurden Start-ups zu tun. In der Subprime-Krise geht es ganz banal um Immobilien. Um nach dem Dotcom-Fiasko die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, wurden allerorts die Zinsen gesenkt und mit beiden Händen Geld unter die (hautsächlich US-)Bürger gebracht. Das heißt, wenn Cheech and Chong damals in eine Bank spaziert wären, um sich das notwendige Kapital für ein Haus mit angeschlossenem Wintergarten zu leihen, sie hätten das Geldinstitut mit einem Rucksack voller Geld verlassen. Ein augenscheinlich gutes Geschäft, denn die Bank bekommt immer mehr zurück, als sie hergibt, und die Wirtschaftsaussichten für die kommenden Jahre waren gut. Um immer mehr und noch mehr Geld (oft mehr, als die Bank tatsächlich zur Verfügung hatte) zu verleihen und folglich Jahre später auch wieder einzukassieren, begannen die Banken, ihre Kredite zu versichern, und entwickelten damit eine neue Art Wertpapier. Das hat den doppelten Vorteil, dass erstens das Risiko nicht bei der Bank liegt, falls Cheech and Chong wider Erwarten ihre Raten nicht bezahlen, und zweitens das verborgte Geld nicht in der Bilanz der Banken auftaucht, also in der Theorie noch im Tresor liegt, während in Wahrheit die Dollars gerade zum Anzünden eines Blunts verwendet werden.

Es kam, wie es kommen musste: Die Wirtschaft wuchs doch nicht so prächtig wie von allen erwartet und Millionen Amerikaner konnten ihre Kredite nicht bezahlen. Mittlerweile hatte sich jedoch die ganze Welt in der Hoffnung auf unvorstellbare Gewinne an den Geschäften beteiligt. Als Erstes fielen die Rückversicherer. Mit ihnen gingen die amerikanischen Banken in die Knie, allen voran Lehman Brothers, die am 15. September 2008 Insolvenz beantragen mussten. Und noch immer beklagen Banken auf der ganzen Welt Ausfälle als Resultat der Krise, die vor mittlerweile fünf Jahren ihren Ausgang genommen und konservativen Schätzungen zufolge mindestens vier Billionen Dollar an Schaden verursacht hat.

Die Folgen dieses Fiaskos sind weltweit ersichtlich. Die exorbitant hohe Jungendarbeitslosigkeit in Spanien und das Erstarken der rechtsextremen Partei Chrysi Avgi in Griechenland sind nur zwei Facetten der Krise, von der natürlich auch Österreich betroffen ist. Auch wenn es zum von Nobelpreisträger Paul Krugman befürchteten Staatsbankrott hierzulande nicht gekommen ist, mussten zahlreiche Banken unter den staatlichen Rettungsschirm genommen und mit billigen Staatskrediten versorgt werden, weil sie Unsummen verspekuliert hatten. Und die kolportierten 340 Millionen Euro, die unlängst Gabi Burgstaller in Salzburger den Kopf kosteten, dürften genauso Spekulationsgeschäften zum Opfer gefallen sein wie das Bad Gasteiner Hotel Straubinger.

Noch vor der Belle Époque und dem Fin de Siècle errichtet und direkt neben dem Wahrzeichen Bad Gasteins, einem dem Berg entspringenden Wasserfall, gelegen, steht das heute verwahrloste Hotel symbolisch für einen ganzen Ort. Dabei begann alles so gut: Thermalquellen waren im Mittelalter ein Lottogewinn der Natur wie Jahrhunderte später ein Erdölvorkommen. Und Bad Gastein, damals noch einfach Wildbach, wusste das auszunutzen. Als Disneyland für alte, vom Rheuma geplagte Adelige und Würdenträger kann der Kurort so ziemlich jeden als Gast vorweisen, der zwischen der dunklen Epoche und Ende des 20. Jahrhunderts lebte. Manche Herrscher wussten auch das Geschäftliche mit dem Vergnügen zu verbinden, weshalb Bad Gastein als der Ort in die Geschichte eingeht, in dem Otto von Bismarck die relativ unbedeutenden Gasteiner Konventionen unterzeichnet hatte. Und nicht zufällig heißt ein Hauptverkehrsweg dort Kaiser-Franz-Josef-Straße, auch wenn diese mittlerweile an lauter leerstehenden Villen vorbeiführt. Aus dem einstigen Monte Carlo der Alpen ist ein neues Berlin geworden—pleite, nur leider ganz und gar nicht geil.

Fehlinvestitionen und ausbleibende Touristen legten in den 70er Jahren den Grundstein für den Niedergang des Ortes, die Gier von Spekulanten versetzt Bad Gastein aktuell den Todesstoß. Dabei sah es um die Jahrtausendwende so gut aus: Franz Duval, ein Wiener Großinvestor, der mit dem Bau von Garagen zu einem Vermögen gekommen war, kaufte das Hotel Straubinger und vier andere Prachtbauten mit dem Versprechen, den Ort zu sanieren (und nebenbei das Geschäft seines Lebens zu machen). Aber dann kam die Finanzkrise und in Bad Gastein wurde ihr ein ziemlich beeindruckendes Denkmal gesetzt.

FOTOS VON KURT PRINZ