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Gras gegen Scientology

Dennis Erlich war Scientologe und versorgt jetzt Aussteiger mit Gras, um ihnen zu helfen.

von Chris O`Neill
05 August 2013, 4:11pm

Dennis Erlich (siehe oben, mit einem seltsamen Hut) war einer der Ersten, die damit angefangen haben, im Internet die Verrücktheit von Scientology anzuprangern.

Er war seit 1967 Mitglied bei Scientology, wurde später Priester und rebellierte dann Mitte der 80er. In den frühen 90ern begann er, den Verteiler InFormer zu veröffentlichen, um die Geheimnisse von Scientology bekannt zu machen.

1994 wurde er zu einem der ersten „Whistleblower" von Scientology, als er geheime Scientology-Texte kopierte und an einen Onlineverlag weiterleitete. 1995 erlaubte dann ein Bundesrichter Mitgliedern von Scientology, Erlichs Haus zu durchsuchen

Seitdem hilft er Menschen, die bei Sekten ausgestiegen sind, wieder ein normales Leben zu führen, maßgeblich, indem er sie Gras rauchen lässt. Falls ihr gerade aus einer Sekte ausgestiegen seid, ist InFormer Ministry Collective wahrscheinlich die beste Adresse, um zu lernen, wie ihr im richtigen Leben klarkommt, euch ordentlich bekifft und euer eigenes Gras anbaut.

VICE: Als du Priester bei Scientology warst, warst du dir darüber im Klaren, Teil einer Sekte zu sein?
Dennis Erlich:
Ich dachte, ich gehöre zu einer Gruppe, die die Welt rettet.

Warum hast du deine Meinung geändert?
1968 gründete Hubbard die Sea Org. Sie fingen an, militärische Einheiten in die Organisationen in L.A. zu schicken, in denen ich arbeitete. Das erste Mal, als diese Uniformierten militärähnlichen Einheiten in unsere Organisation kamen, mussten wir alle in den Keller und uns an einer Wand aufstellen. Drei sehr durchtrainierte Uniformierte kamen herein. Der Größte öffnete seine Jacke und zeige uns seine .45er, die er unter seinem Ärmel versteckt hatte. Er holte einen Nazidolch mit einem Hakenkreuz heraus und stach ihn in Decke über ihm. Dann sagte er mit lauter Stimme: „Diese Organisation ist jetzt unter Sea-Org-Kontrolle.“ Wir mussten die ganze Nacht bleiben. Viele Sachen, die bei Scientology ablaufen, brechen die Trennlinie zwischen dem, was du akzeptieren kannst, und dem, was nicht.     

Das hört sich beschissen an. Was reizt Menschen an so was?
Jeder braucht an irgendeinem Punkt in seinem Leben mal Hilfe mit irgendwas. Irgendjemanden, der dich leitet oder dir eine Richtung vorgibt.

Du hast Hubbard zu dieser Zeit persönlich gekannt. Glaubst du, er war überzeugt, dass er eine neue Religion gegründet hat?
Hubbard war ein lügender Betrugskünstler, der durch die Gegend geschlichen ist und einen mystischen Einfluss auf Menschen hatte, die er um sich gescharrt hat. Er war mehr ein Hypnotiseur und Werbefachmann als alles andere. Die trainieren dich dazu, auf eine bestimme Weise zu sitzen, nicht zu blinzeln und nicht zu reden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, suggerieren sie dir, dass du deine Psyche nur mit ihrer Hilfe unter Kontrolle bekommen kannst.

Wie läuft das ab, wenn du jemandem hilfst, aus einer Sekte auszusteigen?
Ich zeige ihnen eine Menge Materialien und mache sie auf andere Institutionen aufmerksam. Ich möchte diese Leute wieder mit der Realität verbinden. Normalerweise schaue ich erst nach, ob die Person legal eingereist ist, ob nach ihr gefahndet wird, ob sie einen Ausweis hat, ob sie einen Arzt hat und lasse sie dann erst mal diese Dinge regeln. Das ist etwas, das Sektenmitglieder oft noch nicht verstehen, wie man als eigenständige Person handelt. Es ist wie, wenn man von einem anderen Stern kommt. Ich erinnere mich daran, dass ich lange gebraucht habe, mit diesen Sachen klarzukommen. Scientology hat dafür gesorgt, dass sich alle alten Bekannten von mir abwandten, sogar meine eigene Familie.

Was für eine Rolle spielt Marihuana dabei?
Als ich 1994 ausgestiegen bin, ist es mir sehr schwer gefallen, mich von diesem Sektenverhalten zu lösen. Mir war nicht klar, was richtig und was falsch war. Ich habe dann angefangen, Marihuana zu rauchen, was ich seit 15 Jahren nicht gemacht hatte, und plötzlich fing ich an, eine Menge Sachen zu verstehen, die ich vorher nicht verstanden hatte. Ich weiß nicht mehr, was genau das war! Aber ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass sie stimmten. Ich war mir absolut sicher, während Scientology mir nur das Gefühl von Sicherheit vermittelt hatte.

Geht es anderen Menschen auch so?
Ja, ich gebe dir ein Beispiel. Ich hatte eine hohe Stellung bei Scientology und war deshalb sehr gefragt bei Leuten, die aussteigen wollten. Eine Gruppe in Denver hat mir die Kartei von einer Frau mit einer niedrigen Stellung bei Scientology gegeben, die darüber nachdachte, sich umzubringen. Die hatten sie unglaublich verwirrt und verrückt gemacht. Ich wurde zu ihrem wunderschönen Haus eingeladen, mit dieser wunderbaren Frau, ihrem wunderbaren Ehemann, beide hatten gute Jobs … und ich hatte zufällig was zu rauchen dabei. Ich nahm sie mit auf den Balkon, wir rauchten einen und ich erklärte ihr, was diese großen Geheimnisse von Scientology waren, die sie so dringend erreichen wollte, dieser Exorzismus und dieser ganze Scheiß. Und sie konnte es gar nicht richtig verstehen. Ich erklärte ihr den Unterschied zwischen der Realität und diesen Lügen. Und das war's, sie beendete ihre Mitgliedschaft und führte danach ein glückliches Leben.

Wie kann Gras Menschen helfen?
Für ein Sektenmitglied sind seine oder ihre Ideen sehr festgefahren. Wenn ich etwas rauche, sind meine Gedanken viel freier, sie schweben fast. Du kannst ein bisschen freikommen von diesen rigiden Vorstellungen deiner Sekte. Seit ich versuche, wieder klarzukommen, hat mir Marihuana sehr geholfen.

Triffst du momentan viele Sektenmitglieder?
Anfang der 90er gab es Selbsthilfegruppen für Mitglieder von verschiedenen Sekten, die aussteigen wollten, die sich monatlich getroffen haben, ihre Erfahrungen ausgetauscht haben und sich so geholfen haben. Wir waren ungefähr 40-50 Leute. Im Moment gibt es keine Organisationsstruktur, die solche Versammlungen ermöglicht. Im Moment ist einfach nicht so viel Beratung notwendig, aber ich habe ein paar Leute, die auf meine Hilfe zählen.

Du hast deine eigene Sorte Gras, „OG Flame".
Ich bringe Leuten bei, wie sie ihr eigenes Marihuana anbauen können, und wenn sie das nicht können, dann versorge ich sie kostenlos mit gutem selbstangebauten Qualitätsgras. OG Flame ist gut geeignet gegen Schmerzen und zum Schlafen und solche Sachen. 

OK, danke dafür, dass du Scientology entlarvt hast. Es sind ein paar großartige Southpark-Episoden daraus geworden.
Ich hätte gar nicht mehr erreichen können. Als ich Mitte der 80er angefangen habe, diese ganzen Sachen zu veröffentlichen, war alles, was ich erreichen wollte, Scientology zu einer Lachnummer zu machen, und nun ist es eine! Das ist so eine Genugtuung.


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