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Popkultur

Das Internet hat Nicolas Cage all die Jahre Unrecht getan

Eine filmwissenschaftliche Analyse zu „Vampire's Kiss“ und warum es ohne den Horror-Streifen kein „American Psycho“ gegeben hätte.
16.9.14
Screenshots: Youtube | Youtube

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Ich gebe es offen und ehrlich zu: Auch ich habe mich jahrelang über all die Memes und „Nicolas Cage Losing His Shit“-Videos amüsiert, war mir aber all die Zeit nicht wirklich sicher, woher der unfassbare Hype kam. Klar, seinen Ruf als Inbegriff des explosiven Overactings, bei dem man sich nie so ganz sicher ist, ob er das jetzt tatsächlich ernst meint, hat sich Nicolas über die Jahre hinweg hart erarbeitet—unvergessen bleibt dabei sicherlich auch Wicker Man. Der wohl erste Horrorfilm, in dem Frauen von einem Wahnsinnigen im Bärenkostüm verprügelt werden. Kein Wunder also, dass der Schauspieler sogar seine eigene Fanart-Ausstellung bekommen hat.

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Das bekannteste Cage-Meme, „You Don’t Say?” als Teil der Rage Comics, stammt aber tatsächlich aus dem deutlich weniger populären Vampire’s Kiss aus dem Jahr 1989. Erst kürzlich habe ich endlich den Blutsauger-Schinken gesehen, der die Legende um Cray-Cray-Cage so richtig ins Rollen gebracht hat und hatte eine Offenbarung: Vampire’s Kiss ist der Arthouse-Vorläufer von American Psycho. Nur hat das Internet das einfach nicht verstanden.

Der Film beginnt mit einem dieser Abende, an dem der erfolgreiche und attraktive Lebemann Cage in einer urbanen und hippen Bar sitzt, um sich eine Frau für die Nacht aufzureißen. Peter Loewe, so der Name des Protagonisten, ist beruflich erfolgreich, trägt nie etwas anderes als einen perfekt sitzenden Anzug und legt viel Wert auf sein Äußeres. Zwei Jahre nach Erscheinen des Films sollte mit Bret Easton Ellis’ Patrick Bateman ein ähnlicher Charakter aus New York—statt in der Verlagsbranche allerdings im Investment-Bereich tätig—für einen Skandal innerhalb der amerikanischen Literaturszene sorgen.

Loewe ist geübt im Frauenverführen und nimmt die Dame aus der Bar mit in sein schickes Appartment. Dort angekommen stört eine aggressive Fledermaus das Stelldichein, das Pärchen verlässt lachend die Wohnung und der Vorfall scheint vergessen. Das Tier markiert allerdings den Beginn des psychischen Verfalls des Charakters, der sich daraufhin schleichend in einen „Vampir“ zu verwandeln glaubt. Die Psychose Batemans offenbart sich ähnlich gestaffelt und wirkt vor allem deshalb deutlich subtiler als das explosive Overacting von Cage, weil American Psycho mehr Einblicke in das Innenleben des Protagonisten gewährt. Während Peter Loewes psychotische Ausbrüche darin ihren Höhepunkt finden, dass er blutüberströmt und mit Holzplanke in der Hand schreiend durch New York irrt, tötet Ellis’ Psychopath in aller Öffentlichkeit, schaufelt sich auf offener Straße Schinken aus der Dose in den Mund und jagt jaulend und mit wehendem Mantel durch Manhattan.

Noch deutlicher wird die Ähnlichkeit zwischen Vampire’s Kiss und der Geschichte um Wallstreet-Beau Patrick Bateman dann, wenn es um die Beziehung der Charaktere zu den Frauen in ihrem Leben geht. Bei Loewe gibt es neben seiner Psychologin, bei der zum Schluss hin zunehmend unklar wird, ob sie tatsächlich existiert, genau drei Figuren, die die Wendepunkte seiner Figur markieren: seine Freundin (Jackie), seine große Liebe (Rachel) und seine Sekretärin (Alva). Bei Patrick Bateman? Ebenfalls seine Freundin (Evelyn), seine Affäre (Courtney) und seine Sekretärin (Jean).

Sowohl Jackie als auch Evelyn sind die gesellschaftlichen Fixpunkte für die beiden Männer, die sich zunehmend von ihrem ursprünglichen Leben als erfolgreicher Durchschnittstyp entfernen. Je mehr sie mental die Verbindung zur Realität verlieren, umso weiter entfernen sie sich auch von ihren Freundinnen. Parallel dazu wird die Beziehung zu ihren Affären (in Vampire’s Kiss eingebildet, in American Psycho real) immer intensiver und rauschhafter. Während Rachel als eifersüchtiger Vamp mit Fangzähnen das Sinnbild von Loewes mentalem Absturz ist, zeigt sich die Abgründigkeit Courtneys durch exzessiven Drogenkonsum und neurotische Anfälle.

Zentral ist aber die Figur der Sekretärin. Sowohl Alva als auch Jean sind ihren Bossen (zumindest zum Großteil) absolut hörig. Die eine verbringt ganze Nächte im Büro, um für Loewe einen Vertrag zu suchen, die andere mausert sich als langweilige, ergebene Konstante zum finalen Love-Interest für Bateman, der sich trotz immer blutiger werdenden Mordgelüsten am Schluss von American Psycho (zumindest im Buch) ansatzweise zu fangen scheint. Vampire’s Kiss hingegen endet mit dem (vom ihm selbst herbeigesehnten) Tod des Protagonisten. Nachdem Peter Loewe Alva angegriffen und sich ihr mit schriller Stimme als Vampir offenbart hat, endet er mit spitzer Holzlatte in der Brust im selbstgebauten Couch-Sarg in seiner Wohnung. Wie eng die Verbindung zwischen Angestellter und Boss wirklich ist, wird nicht ganz klar. Vielleicht überinterpretiere ich die ständigen schnellen Schnitte zwischen Cage und seiner Untergebenen auch, aber: Schlussendlich wird der Eindruck erweckt, dass es eigentlich die missbrauchten Mitarbeiterinnen sind, die den psychotischen Playboys am nächsten stehen.

Über seine komplette Länge ist Vampire’s Kiss eigentlich nicht mehr als ein Psychogramm des Protagonisten. Aneinandergereihte Schlaglichter einer mentalen Abwärtsspirale, bei denen Cages Gesicht in fast jeder Szene komplett anders aussieht. Das Lächeln ist immer ein bisschen zu psychotisch, das Lachen meistens zu schrill. Es gab mehrere Szenen, in denen mir vor ohnmächtiger Begeisterung komplett die Worte gefehlt haben. Nicolas Cage, der seiner Therapeutin komplett hysterisch das Alphabet ins Gesicht brüllt? Oder aus dem Stand auf einen Schreibtisch springt, um anschließend seine Sekretärin durchs halbe Büro zu jagen? Diese Szenen sind so wunderschön over the top, dass sie sogar Beates Heiratsantrag bei Schwiegertochter gesucht in den Schatten stellen.

Insbesondere die Verfilmung von American Psycho aus dem Jahr 2000 macht eigentlich nichts anderes—sie ist nur weniger hysterisch. Auch Christian Bale spricht immer ein bisschen zu schrill, lacht zu laut und marschiert im Plastikmantel durch die Designer-Wohnung, als wäre er ein Hauptcharakter aus der Augsburger Puppenkiste und nicht der Vorzeige-Psychopath der 90er Jahre. Während die Figur des Patrick Bateman auch in den Momenten absoluten Wahnsinns noch makellos schön wirkt, zeigt insbesondere die Szene, die Nicolas Cage zum Lieblings-Meme der 9gag-Generation gemacht hat, wie nahtlos Peter Loewes Gesicht von stromlinienförmig attraktiv zu einem Abziehbild des Psychopathentums mutiert. Nicht einmal Bale, das fleischgewordene Method Acting, kann so schnell von Business auf Ted Bundy umschalten.

Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze (oder Holzlatte) für Vampire’s Kiss brechen. Internet, ihr habt Nicolas Cage jahrelang Unrecht getan. Der Streifen aus dem Jahr ’89 ist nicht nur ein Feuerwerk der hysterischen Lachflashs, sondern hat außerdem den Grundstein für einen der besten popkulturellen Romane des 20. Jahrhunderts gelegt.