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Ich habe bei einer klinischen Studie mitgemacht und viele neue, komische Freunde gefunden

Wer sind diese Leute, die noch nicht getestete Medikamente ausprobieren? Studenten? Märtyrer? Psychonauten?

von Jak Hutchcraft
07 August 2014, 4:46pm

Der Autor während der klinischen Studie

Es ist einfach nur logisch, dass ein Medikament an Menschen getestet werden sollte, bevor es an Menschen verkauft wird. Wenn nicht so verfahren wird und die Wissenschaftler das Medikament zum Beispiel nur an Ratten testen, dann passiert so etwas wie der Contergan-Skandal, bei dem ein Arzneimittel, das eigentlich bei Schwangerschaftsübelkeit helfen sollten, dazu führte, dass ungefähr 10.000 Babys mit durch Thalidomid verursachten Missbildungen auf die Welt kamen. Durch diesen Fall wurde eine Reform der Industrie in Gang gesetzt, die genauere Tests und Vorgänge der Arzneimittelfreigabe mit sich brachte.

Aber wer sind diese Leute, die jetzt diese noch nicht getesteten Medikamente ausprobieren? Studenten? Märtyrer der Medizin? Psychonauten, die ihre Synapsen mit verrückten und noch nicht genehmigten Chemikalien auf die Probe stellen wollen? Dieser Teil der Prozedur interessierte mich: die Menschen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, und nicht die Medikamente, die getestet werden. Also habe ich mich in der Hoffnung, mit einigen engagierten Versuchskaninchen ins Gespräch zu kommen, für eine klinische Studie angemeldet.

Ich schrieb mich für einen Versuch ein, bei dem ein Schmerzmittel gegen Arthrose getestet wurde. Wenn alles nach Plan läuft, dann wird das Arzneimittel den Schmerz der lähmenden Erkrankung lindern und dabei keine schwerwiegenden Nebenwirkungen haben. Kurz vor dem Beginn des Ganzen bereiteten mir genau diese Nebenwirkungen Sorgen, denn bei meinen Nachforschungen bezüglich klinischen Studien konnte ich die Horrorgeschichten kaum übersehen.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Zwischenfall in London von 2006, als sechs gesunde Männer an einer Studie des amerikanischen Pharma-Forschungsunternehmens Parexel teilnahmen. Die Tests verliefen katastrophal: Bei den Patienten versagten die Organe, ihre Köpfe schwollen an und der am schlimmsten betroffene Mann verlor seine Finger und seine Zehen. In einem damaligen Interview mit der Zeitung The Sun sagte der 25-jährige Teilnehmer Nav Modi: „Ich fühlte, wie mein Kopf auf Elefantengröße anschwoll. Ich dachte, dass meine Augäpfel gleich rausspringen."

Ich versuchte, die durch Arzneimittel verursachte Elefantiasis so gut es ging aus meinen Gedanken zu verbannen und begab mich ins Krankenhaus. Dort wurde ich von ein paar fröhlichen Krankenschwester begrüßt. Als ich eingetragen wurde, spazierte ein Mann den Flur entlang. Ich ging davon aus, dass er regelmäßig bei so etwas mitmacht, denn einer der Teilnehmer sagte lachend zu ihm: „Brian! Du schon wieder?"

Ich dachte mir: „Wenn hier so viel gescherzt wird, dann kann doch auch sicher nicht Schlimmes passieren?"

Einer der Stimmungsfragebögen, die bei der Studie ausgeteilt wurden

Der Rest des ersten Tages verlief ziemlich unspektakulär—EKGs, ein paar einfache Mahlzeiten und der erste der Stimmungs- und Selbstmordwahrscheinlichkeitsfragebögen, die wir im Laufe der Studie ausfüllen mussten. Damit sollte sicher gestellt werden, dass das Medikament die Depressionen von einigen Teilnehmern nicht noch verschlimmert.

Ich war mit fünf anderen männlichen Patienten in einem Zimmer, alle unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Vorgeschichten. Der Erste war Anwar, ein italienisch-somalischer Mann Mitte 30. Es schien, als wäre er ständig kurz davor, in manische Hysterien auszubrechen, während er selbst dann noch rumalberte und grinste, als die Schwestern ihm Nadeln in den Arm stachen. Dies war seine siebte Studie in zwei Jahren. Er erzählte, dass er bei seinem normalen Job als Webdesigner nicht genug verdienen würde, um seine Reiseleidenschaft zu finanzieren.

„Es ist echt einfach. Wenn ich in den Urlaub fahren will, muss ich einfach nur herkommen, bei einer Studie mitmachen und dann kann es losgehen! Ich habe schon mal 4.500 Pfund verdient, für 26 Tage. Man kann das Ganze drei Mal pro Jahr machen und verdient dabei ungefähr 10.000 Pfund. Danach sollte man aber erstmal eine Pause einlegen, denn das ist auch nicht so gut für die Gesundheit", sagte er in überzeugendem Ton, auch wenn seine bisherige Bilanz nicht gerade für seine Sorge um sein Wohlbefinden spricht.

Ich fragte ihn, ob bei der 26-Tage-Studie irgendwelche Nebenwirkungen auftraten. „Wir konnten nicht Heißes mehr im Mund spüren. Wir tranken ohne Probleme kochend heißen Kaffee!", sagte er kichernd und lächelte bei der Erinnerung daran, als er seine Zunge mit einer heißen Flüssigkeit verbrannte. Danach versicherte er mir, dass seine Rezeptoren im Mund am Ende der Studie wieder normal funktionierten.

Der Autor während der klinischen Studie

Später erzählte er mir, dass er einmal drei Jahre in einem italienischen Militärgefängnis verbracht hat, weil er als junger Mann „außer Kontrolle" war. Danach verglich er den Knast mit dem Zimmer, in dem wir uns zu dem Zeitpunkt befanden. „Das ist das Gleiche—du befindest dich in einem kleinen Raum", sagte er. „Du musst nur üben, dich drinnen aufzuhalten. Du gewöhnst dich dran." Als ich ihm erzählte, dass ich dort keine 26 Tage bleiben wollen würde, lachte er und fragte mich: „Wir würdest du dann im Gefängnis überleben?" Ich sagte ihm, dass ich jetzt nicht gerade plane, im Knast zu landen. Daraufhin lachte er erneut und wandte sich wieder dem Film How High auf seinem Laptop zu.

Der nächste Proband, mit dem ich mich unterhielt, war Paul, ein cockney-sprechender Spiritualist, ebenfalls Mitte 30. Er nahm an einer anderen Testreihe als Anwar und ich teil. Er erzählte mir, dass das seine fünfte klinische Studie sei. „Ich mache das nicht so öffentlich, weil es bei den meisten Leuten einen ziemlich schlechten Ruf hat—sie finden solche Studien irgendwie komisch", sagte er. „Aber ich denke mir immer, dass ohne Leute wie mich nur halb so viele Medikamente auf dem Markt wären und mehr Leute sterben würden."

Er hat Recht. Pembrolizumab ist ein neues, experimentelles Medikament, das sich seinen Weg durch klinische Testreihen gebahnt hat und als völlig neuer Ansatz bei der Behandlung von Hautkrebs gehandelt wird. Die frühen Tests haben ergeben, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit bei 74 Prozent liegt, im Gegensatz zu den vorherigen 10 Prozent. „Ich bin ein Spiritualist, ich will Menschen also von Natur aus helfen", erklärte Paul. „Mein Körper ist nur ein Körper, Mann. Wenn ich sterbe, dann ziehe ich weiter, er ist für mich also nur eine Hülle. Wenn ich hier Leuten helfen kann und dabei noch ein wenig Geld für mich rausspringt, dann macht das gleich doppelt Spaß."

Während er hinter seinem Buch Angel Whispers: Getting Closer to your Angels hervorlugte, erzählte er mir, dass er für September hier einen vierwöchigen Aufenthalt plane. Dieser würde die finanzielle Grundlage für einen Haufen spirituelle Auszeiten auf der ganzen Welt schaffen.

Eine der Mahlzeiten, die während der Studie serviert wurden

Beim Abendessen am zweiten Tag unterhielt ich mich mit ein paar Typen, die während der Studie zu Freunden wurden: Stan, ein Liverpooler mittleren Alters, und Tyrone, ein Student im ersten Studienjahr. „Die schlimmste Nebenwirkung, die mir je widerfahren ist, war bei dieser radioaktiven Medizin—wir waren 18 Tage lang damit beschäftigt, in eine Flasche zu scheißen", sagte Stan. „Du durftest das Ganze aber nicht die Toilette hinunter spülen, weil es ja radioaktiv war. Das war das Härteste, denn die ersten paar Tage hat das niemand hingekriegt—alle haben an der Flasche vorbei gezielt. Chaos pur!"

Die Vorstellung davon, wie Stan versuchte, seine eigene radioaktive Scheiße mit einer Flasche aufzufangen, brannte sich in mein Gehirn, als ich mein Curry löffelte. Er erklärte mir auch, warum er sich vor gut einem Jahr für die Teilnahme an klinischen Studien entschieden hatte. „Vor zwölf Monaten war ich komplett pleite—ich musste mich einfach bedeckt halten und Geld ranschaffen", sagte er zu mir.

Tyrone hatte noch nie zuvor an einer Studie teilgenommen. Er war ganz klar der jüngste Teilnehmer und erzählte mir, dass seine Eltern mit der ganzen Sache ganz und gar nicht einverstanden waren, er sich aber trotzdem eintrug. „Das Schlimme am Leben eines Studenten ist, dass du nicht weißt, wohin dein Geld verschwindet—aber es verschwindet", sagte er zur Rechtfertigung seiner Teilnahme. „Ich habe mich schon vor ungefähr einem Jahr nach Studien umgesehen, aber ich bin allergisch auf Penicillin. Also konnte ich damals nirgends mitmachen."

Als ich am vierten und damit meinem letzten Tag mit Anwar redete, behauptete er, dass er an den gleichen Tests teilnehmen wollte wie die Parexel-Opfer von 2006. „Das war richtig, richtig schlimm. Ich war in einer anderen Gruppe und sie haben dann alle nach Hause geschickt", sagte er. „Als ich dann alles so mitbekommen habe, war ich froh darüber, heim zu gehen—das war eine der schrecklichsten Sachen, die ich je gesehen habe."

Falls er wirklich die Wahrheit erzählt hat, dann kann ihn diese Erfahrung nicht so abgeschreckt haben, denn er saß ja schließlich wieder halbnackt und mit Nadeln im Arm auf einem Krankenbett.

Immer wenn ich den Schwestern und den Forschungsassistenten Fragen über Nav Modi und die katastrophale Studie stellte, bekam ich ähnliche Antworten: „Seitdem hat sich viel verändert", oder „Das war eine falsche Dosierung." Komischerweise war ich der Einzige, der die Krankenschwestern irgendetwas fragte. Das lag vielleicht daran, dass die meisten schon mit klinischen Studien vertraut waren oder, wie im Falle von Tyrone, ihnen vorher von den Ärzten gesagt wurde, dass diese Studien in der Regel reibungslos ablaufen, so lange du kein Problem damit hast, mehrere Tage hintereinander an ein Krankenbett gebunden zu sein.

Ich konnte es kaum erwarten, nach den vier Tagen zu gehen. Innen drin festzusitzen, ist eine Sache, aber wenn dir dabei noch täglich Nadeln in deinen Unterarm gesteckt und wieder entfernt werden, dann ist das noch mal was ganz Anderes.

In meiner Gruppen wurden keine schädlichen Nebenwirkungen registriert, also sollte das Medikament schon ziemlich bald auf den Markt kommen. Meine Rolle in dem ganzen Prozess war zwar ziemlich klein, aber ich kann auch nicht verneinen, dass in mir ein wenig das Gefühl von Stolz aufkam, weil ich bei der Einführung der Arznei beteiligt war. Natürlich schadet auch die Bezahlung niemandem. Wie ich es mir schon gedacht hatte, war diese letztendlich auch der Punkt, der jeden von der Teilnahme an der Studie überzeugt hat. Selbst Paul, der Spiritualist, war wegen der Kohle da.

Man muss aber auch sagen, dass du schon ein ziemlich selbstloser Mensch sein müsstest, um dir ohne Vergütung nicht getestete Mittel in deinen Blutkreislauf spritzen zu lassen.

Alle Namen wurden geändert, um die Identitäten der Probanden zu schützen.

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