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Ich wurde in Transnistrien wegen Mordes verhaftet

Transnistrien hat den Ruf, der Gazastreifen Europas zu sein. Dort als Ausländer unschuldig wegen Mordverdacht verhört zu werden, macht jeden harten Typen weich.
9.9.14

Die Rebellen in der Ostukraine sind nicht die ersten prorussischen Separatisten, die in der Region für heftige Spannungen sorgen. 1992 gründeten kremltreue Rebellen auf einem schmalen Streifen Land zwischen Moldawien und der Ukraine ein De-facto-Regime. Transnistrien, der De-facto-Staat von einer halben Million Menschen, ist seitdem zu einer eigenen Währung, zu eigenen Pässen und zu einer für ihre Strenge berüchtigten Polizei gekommen. Während die Kämpfe in der Ukraine andauerten, bin ich im Juli dieses Jahres nach Transnistrien gereist, um mir ein Bild davon zu machen, was passiert, wenn Splittergruppen das Kommando übernehmen.

Das Gebiet wird offiziell als Rebellengegend innerhalb von Moldawiens Grenzen angesehen. Der Transnistrien-Krieg von 1992 ist ein eingefrorener Konflikt—das bedeutet, dass nie ein Friedensvertrag ausgehandelt wurde und so gesehen immer noch ein sehr in die Länge gezogener Waffenstillstand herrscht.

Es ist nicht gerade sehr überraschend, dass man dorthin nur auf einem etwas komplizierteren Weg kommt: Das Land liegt auf keiner kommerziellen Flugroute und seine Nachbarn sind eher feindselig gestimmt. Ich bin vom Westen aus über Rumänien und Moldawien angereist. Immer wenn ich auf meinem Trip erwähnt habe, dass ich mich auf dem Weg in die Rebellenhauptstadt Tiraspol befinde, wurde ich als verrückt bezeichnet. „Das ist der Gazastreifen Europas“, sagte mir ein Mann. Ein anderer warnte mich davor zu erwähnen, dass ich aus Europa sei—ansonsten würde mir man die Kehle durchschneiden. Außerdem würde mich die Polizei grundlos verhaften. Keine dieser Personen ist schon jemals wirklich in diesem Land gewesen.

Natürlich wusste ich, dass die Leute hier in den meisten Fällen einfach nur die Propaganda nachplapperten, die sie von ihrer eigenen Regierung gehört hatten—Transnistrien befand sich auf der einen Seite mit Russland und auf der anderen Seite mit Moldawien und Rumänien ja theoretisch gesehen immer noch im Krieg. Trotzdem fragte ich mich, ob ihre Ängste vielleicht doch irgendwie auf Tatsachen beruhten.

24 Stunden nach meiner Ankunft in Transnistrien wurde ich von kampfmonturtragenden Polizisten verhaftet und in ein Auto gezerrt, das hastig auf dem Gehweg geparkt wurde.
Montagmorgen bin ich mit dem Zug angekommen und habe ein Einreiseformular ausgefüllt. Vom Bahnhof aus führte eine breite Straße in Richtung Innenstadt. Diese war gesäumt von identisch aussehenden Häuserblocks; vor jedem befand sich noch ein kleiner Streifen Gras—dieses war gelb und wucherte so vor sich hin. Nach ein paar Minuten Fußmarsch wurde die Straße belebter und der Gehsteig war besser in Schuss. Jetzt konnte ich auch Geschäfte erblicken: Über einigen von ihnen war etwas in kyrillisch geschrieben, aber ich hatte keine Ahnung, was das heißen sollte.

Die dortige Währung, der transnistrische Rubel, wird nirgendwo sonst auf der Welt als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt—man muss sein Geld dort also in einer Wechselstube tauschen. Genau das tat ich auch mit ein paar moldawischen Lei und fragte dann noch nach einem Hotel. Ein anderer Mann hörte das und zeigte auf einen riesigen Apartment-Block in der Ferne.

In ganz Transnistrien ist noch die sowjetische Nostalgie zu spüren und Statuen von Lenin und anderen Helden der damaligen Zeit sind Teil der Dekoration der Hauptstraßen und der Parks. Aber die UdSSR ist nicht nur eine verblassende Erinnerung an alte Tage: In Transnistrien ist immer noch die Sicherheitsinfrastruktur aus sowjetischen Zeiten vorhanden—der Sicherheitsdienst wird immer noch KGB genannt und der Staat macht weiterhin vom System der Spitzel Gebrauch, um die Bevölkerung zu kontrollieren.

Die als „14. Armee“ bekannte sowjetische Militäreinheit spielte beim Krieg von 1992 eine wichtige Rolle. Zuerst liefen nur russische Soldaten über, um neben den neu gegründeten transnistrischen Milizen zu kämpfen, aber letztendlich sollte dann das ganze Regiment die Seiten wechseln. Über die Jahre hat sich die 14. Armee weiterentwickelt und ist jetzt Teil von dem, was Russland Friedenstruppen nennt. Moldawien sieht sie allerdings eher als Besatzungstruppen an, was vielleicht daran liegt, dass dort 1200 Soldaten stationiert sind, die im Besitz eines riesigen Waffenarsenals sind (viele vermuten, dass es das größte in Europa ist).

An meinem ersten Tag habe ich Tiraspol erkundigt. Ich hatte allerdings Probleme, das Büro der Migrationsbehörden zu finden, wo man sich innerhalb von 24 Stunden nach Betreten des Landes registrieren muss. Deshalb habe ich Leute auf der Straße angesprochen. Einige ignorierten mich direkt oder liefen einfach weg, als ich zu sprechen anfing, aber andere versuchten auch, mir zu helfen. Ich zeigte auf die Adresse, die mir am Anfang gegeben wurde. Jeder kratzte sich nur am Kopf, zeigte vage in eine Richtung und ging dann weiter.

Nachdem ich endlich das Büro gefunden und mich registriert hatte, spazierte ich durch einige Parks der Stadt. Neben dem Fluss verlief eine Promenade und auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Sandstrand. Als es Abend wurde und die Hitze des Tages abnahm, füllten sich die Parks und die Promenade mit Familien und jungen Pärchen. Ein paar Leute setzten sich sogar neben mich, lächelten und versuchten, eine Unterhaltung zu beginnen—da sie aber nur Russisch sprachen, waren die Gespräche immer nur sehr kurz gehalten.
Nachdem Russland im März die Halbinsel Krim annektiert hatte, stellte das transnistrische Parlament beim Nachbarland formal auch einen Antrag auf Annektierung. Damit dominierte die winzige Republik für kurze Zeit die Schlagzeilen und Journalisten behaupteten, dass Russland bei seiner europäischen Übernahme vielleichte eine neue Front aufziehen würde. Die New York Times titelte sogar: „Moldawien ist die nächste Ukraine“.

Die weniger spektakuläre Realität sieht allerdings wie folgt aus: Transnistrien hat schon nach einer Annektierung gefragt, da hat Russland überhaupt noch nicht existiert—von Moskau wurde verlangt, dass Transnistrien zu einer Republik innerhalb der Sowjetunion erklärt wird. Seit dem Zerfall der UdSSR hat die Regierung Russland schon mehrere Male um Annektierung gebeten. Es ist möglich, dass die Teile der Ostukraine, wo gerade prorussische Rebellen gegen das ukrainische Militär und regierungstreue Milizen kämpfen, einen ähnlichen Weg einschlagen und nicht offizielles russisches Staatsgebiet, sondern prorussische De-facto-Staaten werden.

Am Morgen nach meinem Ausflug wollte ich noch etwas mehr Geld tauschen. Die Wechselstuben ähneln kleinen Banken und die, in die ich reingegangen bin, hatte am Eingang einen Sicherheitsbeamten positioniert. Die Angestellten saßen hinter einer dicken Glaswand. Als ich den Männern am Schalter einen 20-Pfund-Schein reichte, begannen sie zu tuscheln. Einer von ihnen griff zum Telefon und ein Anderer, der etwas gebrochenes Englisch beherrschte, sagte zu mir: „One moment.“

Beide machten einen nervösen Eindruck, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich mir deswegen keine Gedanken gemacht—man rechnet ja auch nicht mit einer Festnahme, wenn man nichts Böses angestellt hat.

Ein Mann mit Stiefeln und Sonnenbrille betrat das Gebäude und fing an, mit dem Sicherheitsbeamten zu reden. Kurze Zeit später—weniger als zwei Minuten nachdem der Angestellte hinter dem Schalter die Telefonate geführt hatte—stürmten zwei Polizisten in kugelsicheren Westen herein und hielten ihre Schlagstöcke bereit, um auf mich loszugehen. Der Beamte in Zivil kam von hinten und packte mich an den Armen, während die zwei Männer in Uniform mich flankierten.

Als ich zur Tür herausgestoßen wurde, rief mir der Angestellte noch hinterher: „No worry. They think you bank robber.“

Ich hatte keine Ahnung, was überhaupt los war. „Was passiert hier? Ich habe nichts gemacht“, sagte ich, als mich die drei Polizisten in ein Auto zwängten.
Sie antworteten mir auf Russisch. Ich wünschte mir so sehr, Russisch sprechen zu können.

Nach einer kurzen Fahrt parkten wir vor einer Polizeiwache. Die Beamten begleiteten mich nach drinnen und dort standen wir dann in einer großen Zelle, während andere Polizisten vorbeiliefen und mich begutachteten. Ich dachte: „Scheiße, das kann jetzt echt böse enden.“ Kein Staat erkennt Transnistrien an, deshalb gibt es hier auch keine Botschaften oder Konsulate. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, dorthin zu reisen, wenn die die Ukraine immer noch so ein Pulverfass ist. „Verdammt, ich lande in einem Schurkenstaat im Knast.“
Zwei neue Polizisten führten mich aus der Zelle und hoch in ein Büro, wo zwei weitere Beamte auf mich warteten—einer von ihnen saß an einem massiven Schreibtisch, der aussah, als wäre er aus einem Büromöbel-Katalog der 80er-Jahre bestellt worden.

„Geht es hier um einen Banküberfall?“, fragte ich nervös, fast zitternd.

Der Mann am Schreibtisch starrte mich an. Dann lachte er.

Ich lachte ebenfalls.

Er tippte etwas in seinen Computer. Ich konnte sehen, dass er Google-Translate benutzte. „Kein Banküberfall. Du bist Mordverdächtiger.“

Mir blieb das Lachen im Halse stecken.

„Ein Mord? Wurde jemand erschossen?“

Der Polizeibeamte schüttelte den Kopf und zog seinen Finger am Hals entlang.

„Messer. Wo warst du am 6. Juli?“

„England. Ich bin erst gestern in Tiraspol angekommen. Das steht auch in meinem Pass, der ist aber im Hotel.“

Das Telefon des Büros klingelte und der uniformierte Beamte nahm den Hörer ab, redete für eine Minute und legte dann wieder auf. Er teilte meinem Fragesteller etwas mit und dessen Gesicht wurde sofort freundlicher. „Du sprichst die Wahrheit. Du warst in England.“

Die Befragung zog sich noch weitere drei Stunden hin, was aber zum Großteil an der Sprachbarriere lag. Nach dem Anruf lief aber alles geschmeidiger, ich durfte mich sogar neben den vernehmenden Beamten setzen und meine Antworten in Google-Translate eingeben.

„Mann bei Überfall getötet. Mann hat viele Pfund, die gestohlen wurden“, erzählte er mir über den von uns geteilten Bildschirm. „Wechselstuben müssen Polizei Bescheid sagen, wenn Pfund getauscht werden.“

Hier ein Super-Tipp für Touristen: Falls ihr vorhabt, nach Transnistrien zu reisen, dann nehmt lieber russische Rubel mit und tauscht die dann um.

Die Polizeibeamten wollten noch, dass ich alles aufschrieb, was ich am 6. Juli gemacht habe. Ich sollte ebenfalls ausführen, wie ich in den Besitz des Pfund-Scheins gekommen bin, den ich wechseln wollte. Google-Translate brachte meine Aussage dann ins Russische und ich unterschreib beide Dokumente.

Als alles vorbei war, begleitete mich ein Polizist wieder runter und raus auf die Straße. Er gab mir die Hand, lächelte mir zu und sagte: „Freiheit.“