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Was macht einen preisgekrönten Porno aus?

Wir haben mit einem Jurymitglied der Erotik-Oscars gesprochen, um herauszufinden, was es braucht, um sich eine der begehrten Trophäen mit nach Hause zu nehmen.

von Chris Nieratko
26 Januar 2016, 9:25am

Titelfoto: Szene aus ‚Peter Pan XXX: An Axel Braun Parody' | bereitgestellt von Wicked Pictures

Die Award-Saison ist angebrochen und irgendwo entscheidet ein gesichtsloses Komitee gerade darüber, welche pornografischen Triumphe aus dem Jahr 2015 es verdient haben, mit der höchsten Auszeichnung der Industrie gewürdigt zu werden. Ja, die AVN-Awards stehen vor der Tür und im Gegensatz zum steifen Oscar-Schaulaufen haben hier die Frauen die Hosen an und „steif" kann auch als Kompliment aufgenommen werden.

Eigentlich stehe ich seit meinem Mitwirken bei Larry Flints Skateboard-Magazin Big Brother von Anfang der 90er bis kurz nach der Jahrtausendwende mit einem Bein in der Porno-Welt. Und dennoch muss ich trotz meiner vielen Freunde und Freundinnen in der Industrie beschämt zugeben, dass ich nie wirklich verstanden habe, was genau einen Porno award-würdig macht. Bis jetzt habe ich immer ganz naiv angenommen, dass dem Ganzen eine Art „Bezahlsystem" zugrunde liegen und der einzige sichere Weg zu einer Nominierung durch die Hosen des AVN-Komitees laufen würde. In Wahrheit hat sich jedoch ein faires und demokratisches Wahlsystem etabliert, für das sich eine Gruppe an Männern und Frauen wochenlang eine Sexszene nach der anderen reinzieht und dabei über die Feinheiten von Lesbischsein und BDSM diskutiert.

Ich habe mich vor Kurzem mit Peter Warren, dem leitenden Redakteur von AVN und Verantwortlichen für die Award-Nominierungen, getroffen, um mehr über den ganzen Abstimmungsprozess herauszufinden—außerdem wollte ich wissen, wie viele Blowjobs vonnöten sind, um das Komitee auf seine Seite zu ziehen (Spoiler: Null).

VICE: Hey Peter. Erzähl mir bitte alles über den Ablauf der AVN-Awards—von der Nominierung bis hin zum eigentlichen Gewinn eines Preises. Als Außenstehender hat man immer das Gefühl, dass man in der Sexindustrie mithilfe eines Blowjobs die Juroren auf seine Seite ziehen kann. Trifft das zu?
Peter Warren: Leider nein. Wenn es doch nur so einfach wäre. Ich meine, ich bin nur ein Mitglied neben neun anderen. Wir kommen mehrere Wochen am Stück zusammen—dieses Jahr waren es ganze fünf Wochen voller Pornos und Diskussionen. Irgendwann hatten wir dann aber endlich alle Nominierungen in allen Kategorien zusammen. Als wir dieses Martyrium hinter uns gebracht hatten, konnten wir die Nominierten verkünden. Die Leute, die jetzt abstimmen dürfen, sind in den ganzen USA verstreut. Es sind ein bisschen weniger als die letzten Male, 23 oder so. Die bekommen jetzt alle nominierten Filme zugeschickt und dazu noch Zugang zu einer privaten Website, wo sie ihre Meinung abgeben können. Im Grunde gilt dann: Der Film mit den meisten Stimmen gewinnt.

Nach welchen Kriterien gehen die ersten neun Juroren vor?
Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Am Anfang wird alles noch aufgeteilt: Jeder von uns hat ein spezielles Genre, in dem er oder sie sich besonders gut auskennt, und bekommt dann dementsprechend die ganzen Filme aus der BDSM-Sparte oder aus der Anal-Sparte und so weiter zugeschoben. Schließlich kommen wir dann wieder in der Gruppe zusammen und gehen alles ganz demokratisch durch. Manchmal kann es dabei richtig unschön zugehen und es wird rumgeschrien oder es fliegen Gegenstände durch den Raum. Aber egal was passiert, am Ende stehen dann die 15 Nominierten für jede Kategorie.

Also sitzt ihr wirklich zusammen und schaut Pornos?
Ja.

Szene aus ‚The Turning' | bereitgestellt von Girlsway/Girlfriends Films

Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es da auch Popcorn?
Es stehen auf jeden Fall tonnenweise Snacks bereit. Das sieht man auch an den Müllbergen, die sich im Laufe der Wochen ansammeln. Außerdem bekommen wir jeden Tag ein Mittagessen serviert. Das ist schon ziemlich angenehm. Je weiter der ganze Prozess voranschreitet, desto mehr gehen wir uns auch auf die Nerven. Aber letztendlich sind wir alle schon jahrelang dabei und kennen uns quasi in und auswendig—auch in Bezug auf Macken und Vorlieben. Wir sind wirklich stolz darauf, ein Teil des Ganzen zu sein.

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Kam es schon mal vor, dass jemand—selbst wenn es nur als Scherz gedacht war—einfach seinen Penis ausgepackt und masturbiert hat?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass das irgendjemand wirklich witzig finden würde.

Hast du nach diesem wochenlangen Porno-Konsum nicht auch irgendwie die Schnauze voll? Brauchst du dann erstmal eine Pause?
Ja, eine kleine Pause ist dann definitiv vonnöten. Zum Glück wird das Ganze immer so gelegt, dass wir kurz vor Thanksgiving fertig sind und uns über die Feiertage etwas entspannen können. Danach geht es jedoch direkt wieder weiter, weil wir ja abstimmen müssen. Das dauert dann noch mal ungefähr einen Monat.

Szene aus ‚Wanted' | bereitgestellt von Wicked Pictures/Adam & Eve

Du meintest, dass jeder seine präferierte Kategorie hat, und bist dementsprechend für die Girl/Girl-Szenen verantwortlich. Auf was achtest du bei deinen Nominierungen?
Das ist jetzt nicht übermäßig kompliziert: Ich halte vor allem nach heißen Mädels Ausschau, die auch wirklich auf das stehen, was sie da machen. Außerdem bin ich berüchtigt dafür, den Gebrauch von Sexspielzeug zu verdammen. Für mich ist Sexspielzeug in einer Lesben-Szene quasi Blasphemie. Mir wird immer vorgeworfen, dass ich auf so Fake-Lesben-Zeug stehen würde, aber das stimmt meiner Meinung nach nicht wirklich. Ich mag es gar nicht, wenn die Darstellerinnen eine Szene offensichtlich nur gedreht haben, um die Kohle abzugreifen. Ich will richtig spüren können, dass es ihnen gefällt.

Vor zehn Jahren sah man in den Pornos noch viel mehr extremere Sexszenen. Bringt eine solche Szene einer Darstellerin heute deswegen Vorteile und macht es wahrscheinlicher, dass sie einen Award gewinnt? Oder kommt es doch immer noch mehr auf den Stil und die gezeigte Leidenschaft an?
Eine solchen Trend sieht man immer wieder. Als ich mit der ganzen Sache hier anfing, waren Pornos unglaublich extrem, dann wurde es etwas biederer und jetzt fängt es an, wieder extremer zu werden. Ich glaube, dass die Darstellerinnen und Produktionsfirmen unglaublich ehrgeizig sind und dass der Konkurrenzkampf extrem intensiv ausfällt, weil es einfach so viele Darstellerinnen und Filme gibt. Da muss man schon etwas Besonderes machen, um aufzufallen. In vielen Fällen heißt das dann einfach nur: Je extremer, desto besser! Und es besteht auch kein Zweifel daran, dass uns so etwas gleich ins Auge springt. Es kommt jedoch auf das Gesamtwerk an, ob diese Komponente des Extremen dann auch wirklich Vorteile bei der Auswahl bringt. Wir bewerten ja alles, was da auf dem Bildschirm passiert, und nicht nur eine Sache. Wenn wir zum Beispiel eine Darstellerin vor uns haben, deren einziges Gimmick es ist, sich die größten Dinge der Welt in den Arsch zu schieben—und das in jeder Szene—, dann zeugt das nicht gerade von Vielfalt. Des Weiteren stellt sich auch immer die Frage: Findet sie das auch wirklich gut? Uns gefallen vor allem Frauen, die Leidenschaft zeigen, denen es wichtig ist, sich zu etablieren, die ihren Job lieben und denen die Awards wirklich etwas wert sind. Wir bevorzugen wohl schon die Leute, die hier aus voller Überzeugung gewinnen wollen—und nicht die, die sagen: „Scheiß auf die Awards, die sind mir sowieso total egal."

Riley Reid | bereitgestellt von Tushy.com/Jules Jordan Video

Werden inzwischen auch Sachen nominiert, die es nur im Internet zu sehen gibt? Oder ist es immer noch so, dass nur Szenen in Betracht gezogen werden, die auf einer DVD enthalten sind?
Diesbezüglich gibt es dieses Jahr eine ziemlich große Veränderung: In den vier großen Sexszenen-Kategorien sind jetzt auch Sachen erlaubt, die es nur im Internet gibt. Wenn den Leuten das klar wird und sie sehen, dass wir auch Szenen von irgendwelchen Websites nominieren, dann wird es wohl Klick machen und wir müssen uns nächstes Jahr mit einer Million Web-Only-Szenen auseinandersetzen. Das wird garantiert kein Spaß, aber so läuft das heutzutage nun mal.

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Wenn du wetten müsstest, auf wen würdest du dann dein Geld in der Kategorie „Performer of the Year" setzen?
Das ist keine leichte Frage, weil es da dieses Jahr mehrere heiße Kandidatinnen gibt. Ich glaube jedoch, dass es wohl Adriana Chechik, Riley Reid und Carter Cruise unter sich ausmachen werden. Das sind meiner Meinung nach die derzeitigen Big Three der Porno-Branche.

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