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Die Flüchtlingsdebatte braucht Til Schweiger

Bei Maischberger rastete der Schauspieler erneut aus, weil ihm das Thema Asylgegner so an die Nieren ging. Haben wir ihm all die Jahre lang Unrecht getan?

von Lisa Ludwig
19 August 2015, 9:56am

Foto: imago/Michael Wigglesworth

Er hat es wieder getan. Til Schweiger ist in einer Talkshow „ausgerastet". Am Dienstagabend war er bei Menschen bei Maischberger zu Gast (respektive per Live-Schalte aus Hamburg zugegen) und diskutierte mit Vertretern aus Politik und Presse zum Thema „Die Flüchtlingskrise: Politiker ratlos, Gesellschaft gespalten". Schließlich hatte Schweiger unlängst mit der Ankündigung, in Osterode ein eigenes Flüchtlingsheim eröffnen zu wollen, für Schlagzeilen gesorgt. Dabei wurde es vor allem in der direkten Auseinandersetzung mit CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der sich dem Vorwurf aussetzen musste, dass er und seine Politik-Kollegen rassistische Äußerungen von Asylgegnern nichts entgegensetzen würden, ziemlich laut. Die schockierenden, emotional aufgeladenen Bilder aus Freital, die zwischenzeitlich eingespielt wurden, dürften dazu ihren Teil beigetragen haben.

Im Allgemeinen drängt sich der Eindruck auf, dass Til Schweiger in letzter Zeit sehr viel „ausrastet". Kein Wunder, gibt es doch so viel, worüber man sich aufregen kann. Unfaire Filmkritiker, Elyas M'Bareks Gesicht, die deutsche Asylpolitik ... Während er sich dadurch in der Vergangenheit langsam aber sicher den Ruf des immer etwas zu betrunkenen Event-Pöbelers erarbeitete, ist es überraschenderweise gerade das Thema Flüchtlingsdebatte, in der Schweiger als High-Profile-Wutbürger wirklich glänzt. Gegen Ende des Maischberger-Talks entschuldigte sich der Hamburger für seinen mitunter schroffen Diskussionston. Dabei müsste er das gar nicht.

Vielleicht ist Andreas Scheuer auch einfach nicht der sympathischste Diskussionspartner. Screenshot: ARD

Til Schweiger setzt verbal wie menschlich da an, wo bildungsfernere Schichten bei politischen Themen aussteigen. Er ist simpel, direkt, emotional und faktisch nicht immer ganz korrekt—eine Art Pro-Asyl-Pegida. Damit könnte er genau die Leute erreichen, die sich bei der Flüchtlingsdiskussion im Zweifel für den einfacheren, plakativeren Weg entscheiden: der Überzeugung, sich erst einmal nur um sich selbst kümmern zu müssen.

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Wenn Schweiger die passiv-aggressive Fragetechnik von Andreas Scheuer mit einem bauernschlauen „Ich finde das so geil mit ihrem süffisanten Blick, weil sie mich jetzt vorführen wollen" kontert, entlarvt er das vermeintliche intellektuelle Gefälle, an dem derartige Diskussionen oftmals scheitern. Das dürfte jeder kennen, der schon einmal eine starke Emotion zu einem Thema hatte und damit nicht für voll genommen wurde—dazu muss man keinem CSU-Generalsekretär gegenübersitzen, da reicht oftmals schon der sarkastische Tonfall des Vorgesetzten oder studierten Nachbarn. Der Schauspieler nimmt die Rolle des engagierten, „authentischen" Polit-Underdogs ein, der vielleicht nicht alles weiß, aber sich trotzdem einsetzen will. Das ist ein wichtiges Zeichen, könnte es dem Bürger, der sich von „denen da oben" ignoriert fühlt, doch zeigen: Deine Stimme kann gehört werden. Dein Engagement ist wichtig und kann Leben ändern. Du musst nur etwas tun.

Es gibt nicht genügend Unterkünfte für Flüchtlinge? Dann baut Schweiger eben selbst eine, setzt sich über alle verfügbaren Kanäle für die Sache ein und macht sich somit zu einer Person, die als Gesprächspartner zu diesem Thema relevant wird. Man kann ihm sicherlich einiges vorwerfen (zum Beispiel große Teile seiner Filmografie), Fakt ist aber: Til Schweiger ist sich seiner Rolle als Vorbild für Millionen bewusst und nutzt seine Reichweite, um etwas im positiven Sinne zu verändern. Und dabei ist es ihm total egal, wen er mit seinem neuen Herzensprojekt vor den Kopf stößt. Allein auf Facebook regnet es Tag für Tag Dutzende Kommentare von Flüchtlingsgegnern, die ihm „Gutmenschen-Gelalle" oder Realitätsferne vorwerfen—was immerhin noch deutlich gemäßigter ist als das, was der NDR-Journalistin Anja Reschke, ebenfalls Teil der Maischberger-Talkrunde, an den Kopf geworfen wird. Gleichzeitig zeigen sich aber auch viele begeistert von seinem Engagement. Die direkte Ansprache und die emotionale Befangenheit scheinen einige zum Umdenken zu bewegen.

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Til Schweiger, der immer ein bisschen die leicht aggressiv-bedrohliche Ausstrahlung eines angetrunkenen Bar-Diskutanten hat, ist plötzlich zu einem der prominentesten Asyl-Befürworter geworden. Vielleicht ist es genau das, was es braucht, um den ein oder anderen Pegida-Sympathisanten innehalten und begreifen zu lassen: Es gibt da draußen noch andere, die sich irgendwie verarscht fühlen von der Politik, der Wirtschaft, den Entscheidern. Andere, die sich einsetzen wollen. Nur bedeutet das nicht, dass man automatisch ein rassistisches, Verschwörungstheorien vor sich hinsabbelndes Arschloch sein muss.