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Der ultimative VICE-Guide zu Freundschaft

Auch wenn das mit der Freundschaft ziemlich einfach klingt: Es ist alles andere als das.
18.9.15
Foto von VICE Media

Angeblich hat Aristoteles einmal gesagt: „Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern." Der gute Mann hat also schon vor ziemlich vielen Jahren gewusst, was Sache ist. Wie genau man diese ultimative Seelentransformation aber dann anstellt, hat er nicht dazu gesagt—danke dafür.

Denn auch, wenn das mit der Freundschaft ziemlich einfach klingt, ist es das bei näherer Betrachtung nicht wirklich, denn bis die Seele eins wird, nur um dann wie der heilige Geist der ewigen Freundschaft in zwei verschiedene Körper einzufahren, kann es ein bisschen dauern.

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Und wenn ich „ein bisschen" sage, meine ich, dass man ziemlich viel Scheiß ertragen und gemeinsam durchmachen muss, bis man den Punkt erreicht hat, an dem eine Freundschaft alles übersteht. Wenn ihr diesen Punkt schon erreicht habt und euch eure Freunde nicht einmal mehr ankotzen, wenn sie euch besoffen im Club stehen lassen und am nächsten Tag euch die Schuld dafür geben—schön für euch. Falls ihr von diesem Punkt aber noch ein bisschen entfernt seid, setzen wir hier das Werk von Aristoteles fort und sagen euch, wie ihr eure Freunde nicht nur nicht verliert, sondern es auch endlich schafft, dass ihr euch für immer und ewig liebt.

Reagiert richtig auf Probleme

Gesetzt den Fall, dass ihr der beste Freund von irgendjemandem seid, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ihr euch des öfteren dessen Probleme anhören müsst und dass—als wäre das nicht schon schlimm genug—von euch erwartet wird, darauf wie ein unvoreingenommener aber liebevoller Therapeut zu reagieren. Wenn eure besten Freunde echte Probleme haben (und mit „echten Problemen" meine ich nicht den Typen, der sich nach einmal Schmusen nie mehr gemeldet hat), dann reißt euch einfach zusammen.

Entgegnet nicht sofort eure akutestes Problem und antwortet auf keinen Fall mit „Du bist nicht der einzige hier, der Probleme hat. Deine Oma ist zwar gestern gestorben, aber ich muss gerade extrem viel für meine Prüfungen lernen". Und solltet ihr es doch tun, findet euch damit ab, dass ihr bald alleine dastehen werdet.

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Und auch dann, wenn ihr nicht wisst, wie man reagiert, wenn eure Freunde gerade eine echte Lebenskrise haben und nicht wissen, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollen, seid einfach da. Die Lösung eines Problems ist nicht immer die richtige Antwort oder sofort ein völlig abstruser Ratschlag, sondern manchmal braucht man nur die Gewissheit, dass es jemanden interessiert. Und wenn ihr das nächste Mal in der Scheiße sitzt, werden sie auch für euch da sein.

Setzt die richtigen Prioritäten

Wahrscheinlich ist die Quintessenz einer jeden halbwegs funktionierenden Freundschaft Konstanz. Alle meine Freunde, die immer, wenn sie eine Beziehung haben, plötzlich vom Erdboden verschwinden und sich erst dann wieder melden, wenn sie Liebeskummer haben, um mit euch einen O.C., California-Marathon zu machen, sind mittlerweile zu Bekannten geworden. Und das nicht, weil ich mich benachteiligt fühle, wenn meine Freunde (im Gegensatz zu mir) plötzlich ein Liebesleben haben und eines von diesen selbstgefälligen Pärchen werden, die nur noch in „Wir"-Form von sich sprechen. Sondern schlicht und einfach,weil sie opportunistische Arschlöcher sind.

Wer sich von Freunden erwartet, dass sie einem beipflichten, wenn man darüber schwadroniert, dass man doch eigentlich gar nichts falsch gemacht habe, der muss im Gegenzug dazu auch fähig sein, seine sozialen Kontakte außerhalb der aktuellen Lebenswelt aufrecht zu erhalten und mal einfach so ein „Hey, was geht?" zu schicken. Hier gelten keine Ausreden. Das wussten sogar schon die Spice Girls in „Wannabe": If you wanna be my lover, you gotta get with my friends. Und nicht umgekehrt.

Nehmt euch selbst nicht zu wichtig

Es pisst dich an, wenn deine Freundin mal wieder zu spät kommt und vorher nicht bescheid sagt? Verständlich. Es regt dich auf, dass sie wegen deiner neuen Frisur nicht total ausflippt? Und noch schlimmer findest du es, dass sie eine neue Freundschaft geschlossen hat, mit der sie sich ziemlich gut versteht? Natürlich. Aber wenn du mit jemandem deine Zeit verbringen möchtest, dessen Leben sich ausschließlich um dich dreht, komm endlich mit dem Typ zusammen, der seit Jahren auf dich steht und dir regelmäßig um 4:00 Uhr Früh schreibt, dass du nur ein Wort sagen musst, und er verlässt seine Freundin für dich.

Falls du aber nicht vorhast, das zu tun, weil du dann doch noch ein bisschen Selbstachtung hast, finde dich damit ab, dass sich das Leben deiner besten Freunde nicht nur um dich und die Tatsache dreht, dass du gerade unzufrieden mit deiner Figur bist. Wenn du echte Probleme hast, werden deine besten Freunde für dich da sein—genauso wie es ihr gutes Recht ist, dich zu ignorieren, wenn du aus Langweile irgendetwas dramatisierst und ihnen während sie auf der Uni sitzen einen Live-Ticker zu deiner aktuellen Darmverstimmung schickst.

Du musst nicht mit allem einverstanden sein

Auch, wenn ihr in näherer Zukunft eine Seele in zwei Körpern seid, heißt das noch lange nicht, dass ihr der selbe Mensch seid. Jeder von euch hat sein eigenes Leben und verkehrt im Idealfall auch mit anderen Menschen außerhalb des engeren Freundeskreises—egal, ob es dabei um Arbeitskollegen, Studienfreunde oder andere Bekanntschaften geht. Da kann es schon mal passieren, dass man sich in seinen Ansichten und Einstellungen ein bisschen weg vom gemeinsamen Konsens der Teenie-Jahre verändert oder generell einen anderen Lebensweg als die engsten Freunde einschlägt.

Ab genau diesem Punkt muss man einsehen, dass auch die besten Freunde manchmal unglaubliche Scheiße verzapfen können und dass es einfach keinen Sinn macht, mit ihnen Grundsatzdiskussionen über Politik oder die aktuelle Jobsituation zu führen. Manchmal werden eure Freunde Jobs haben, die ihr einfach nur lächerlich und armselig findet oder mit Menschen zu tun haben, die ihr abgrundtief hasst.

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Ja, es ist scheiße, wenn ein geliebter Mensch Dinge macht, für die man sich vielleicht sogar ein bisschen fremdschämt. Nichtsdestotrotz muss man irgendwann die Illusion von der besten Freundin aufgeben, die genau die selben Dinge super findet wie man selbst und eigentlich ist das alles doch auch scheißegal, solange man die Gewissheit hat, dass man am Ende des Tages gemeinsam immer noch die Dinge machen kann, die man immer gemacht hat und über die gleichen, für Außenstehende nicht mal annähernd lustigen Scherze lacht.

Hör auf, den anderen ändern zu wollen

Du wirst es nämlich ohnehin nicht schaffen. Wenn deine besten Freunde für deinen Geschmack zu viel kiffen, zu lange für ihr Studium brauchen oder sich viel zu selten melden, musst du dich irgendwann damit abfinden. Du hast lange versucht, deinem Stoner-Freund zu erklären, warum es eigentlich nicht so super ist, jeden Abend alleine auf der Couch mindestens drei Ofen zu rauchen, nur um dann einzuschlafen und zwei Tiefkühlpizzen im Rohr verbrennen zu lassen, bis der Rauchmelder angeht, aber er macht es trotzdem. Er will es so und wahrscheinlich ist die Art, zu der jede seiner Verhaltensweisen—ja, auch die, die dich ankotzen—ein bisschen was beiträgt, der Grund, warum du ihn so lieb hast.

Es ist dein gutes Recht, ihm zu sagen, was du gut und beschissen an ihm findest aber genauso ist es sein Recht, darauf zu scheißen. Lass dem anderen seine Macken. Schließlich erträgt er es auch, wenn du jedes Mal wieder zu spät bist, weil du ohne gemachte Haare nicht aus dem Haus gehen kannst oder du mal wieder Liebeskummer hast, weil du wie immer trotz aller Anzeichen nicht erkannt hast, dass du gerade auf ein Arschloch reinfällst. Manchmal bist du genau so eine anstrengende Zicke wie dein bester Freund und irgendwie ist das auch gut so. Minus und Minus ergibt nämlich immer noch Plus.

Verena auf Twitter: @verenabgnr