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Drogen

Ist Spanien das neue Kiffer-Paradies?

In den letzten fünf Jahren wurden Hunderte private Cannabis-Clubs in Spanien eröffnet und ihr Angebot ist vielfältig: mit Cannabis versetzte Bio-Lotionen, Gummibärchen, Karamellschnitten, Kuchen, Kekse und CBD-Kapseln uvm.

von Ali Cedar
27 August 2015, 4:16am

Im Verde, einem der Cannabis-Clubs von Marbella

In den letzten fünf Jahren hat Spanien sich zu einer kleinen Cannabis-Hochburg gemausert. Die spanischen Gesetze, nach denen es erlaubt ist, Gras in Privatvereinen zu konsumieren und zu verkaufen, werden im Norden des Landes maximal ausgenutzt—vor allem in Katalonien, wo Vereine Berichten zufolge geschätzte monatliche Einnahmen in Höhe 5,5 Millionen Euro haben.

Diese privaten Clubs—die im Gegensatz zu Amsterdamer Coffeeshops nur Mitgliedern den Zutritt erlauben, und nicht jedem dahergelaufenen Kiffer, der gerade im Trainingsanzug aus seinem EasyJet-Flieger gestolpert ist—sind in Spanien wahrhaft explodiert, laut Graskonsumenten-Gruppen von etwa 40 Stück im Jahr 2010 auf aktuell mehr als 700. Und so langsam hat sich das Netzwerk der Cannabis-Clubs inzwischen auch nach Südspanien ausgebreitet.

Ich war vor Kurzem in der Perle des Südens, Marbella, um zu erforschen, wie diese florierende grüne Wirtschaft aus der Nähe aussieht.

Nach meiner Ankunft in Marbella bemerkte ich schon bald die hohe Dichte an „Cannabis-Expats"—Ausländer, die in den sonnigen Süden Spaniens gezogen sind, um dort die Freiheiten zu genießen, die ihnen in ihren Heimatländern vorenthalten werden. Ein Brite, der sich Paz nennt, ist dabei, einen neuen Verein in Marbella zu gründen. Außerdem ist er Gründer der Online-Community „Medical Cannabis Spain".

Seine Absicht ist, wie du vielleicht schon anhand des Namens geahnt hast, den Zugang für medizinische Konsumenten der Pflanze zu verbessern. Es gibt sehr wenige Clubs, die sich komplett auf medizinische Cannabis-Produkte konzentrieren, daher hofft Paz, einen Laden zu eröffnen, der voll und ganz Marihuana-Apotheke ist und den sich zukünftige Clubs mit medizinischem Fokus zum Vorbild nehmen können.

„Vor Kurzem habe ich erfahren, dass nur 2 von 38 Vereinen in Marbella medizinische, nichtrauchende Konsumenten bedienen", sagte mir Paz und bezog sich dabei auf die Palette an Cannabis-Produkten, die konsumiert werden können, ohne den Rauch brennender Pflanzen einzuatmen. „Medizinische Patienten kriegen oft auch heute noch nicht die richtigen Medikamente, doch die Kultur ändert sich weltweit und daher rechne ich damit, dass sich das auch ändern wird."

Während Paz im Bezug auf den aktuellen Zugang zu medizinischem Marihuana in Spanien realistisch war, zeigte er sich durchweg optimistisch in seiner Vorstellung, dass Spanien bald der wichtigste Spieler in der europäischen Cannabis-Szene sein werde. „Es gibt hier so viel Sonne, Solartechnologie und agrartechnisches Know-How. Wenn man dabei wäre, das Ganze aus einer ressourcenbasierten Sicht zu planen, dann würde man Spanien für die Versorgung von ganz Europa auswählen", sagte er.

Wenn man bedenkt, dass Andalusien, die Region, in der Marbella liegt, fast auf demselben Breitengrad ist wie das legendär vor Cannabis überquellende Emerald Triangle in Kalifornien, mit ähnlichen Anbaubedingungen und einem ähnlichen Klima, dann zeigen sich Paz' Überlegungen als sehr vernünftig.

Doch außer Paz' medizinisch orientiertem Verein gibt es in Spanien auch jede Menge Clubs, die dem etablierten niederländischen Modell folgen, einfach Gras an Kiffer zu verkaufen, die high sein wollen. Doch hier gibt es eine viel größere Bandbreite unterschiedlicher Einrichtungen: Während in der niederländischen Hauptstadt die meisten Coffeeshops einen hölzernen Tresen, Neonschilder und keine Spur von natürlichem Licht haben, gibt es in Marbella alles von bodenständig bis elegant. Es gibt zum Beispiel den Honey Bud Club, ein ziemliches Standard-Etablissement mit Billardtisch und einem Bild von Tupac an der Wand, aber es gibt da auch Joe's Marbella Smokers Club, der ein bisschen aussieht wie die VIP-Lounge in einem schicken Nachtclub.

Cannabis-Kapseln und Butan-Haschöl im Verde

Ich hatte einen Ansprechpartner im Verde (Spanisch für „grün"), einem Club, der wie die meisten anderen auch seinen Fokus auf den Genuss und die sozialen Aspekte des Cannabis-Konsums gelegt hat. Das Gebäude, in dem er sich befindet, sieht völlig unscheinbar aus. Drinnen erinnert alles an einen Coffeeshop in Amsterdam—dunkel, mit einer indirekt neonbeleuchteten Bar—, nur ein bisschen schlichter.

Ich setzte mich mit dem britischen Geschäftsführer des Verde, Levi, zusammen und fragte ihn, wofür der Verein steht. „Unser Ethos ist, dass wir eine sehr entspannte, sehr soziale, englisch- und spanischsprachige Umgebung für Leute bieten, die Interesse an Cannabis haben", sagte er. „Alle sind willkommen, ob Raucher oder Nichtraucher, ob Grasfanatiker oder Gelegenheitskonsument—vorausgesetzt natürlich, du erfüllst die Mitgliedschaftsbedingungen."

Und wie sieht das Durchschnittsmitglied aus? „Dubai, London, Paris, USA ... Wir haben Mitglieder aus fast allen Ländern", antwortete Levi. „Es sind die unterschiedlichsten Leute dabei—Geschäftsleute, Anwälte, Hippie-Kiffer ... einfach alles Mögliche. Wir haben sogar ein Mitglied, das CEO einer Firma mit über 1.000 Angestellten ist—natürlich kann ich keine Details verraten. Das Alter [der Mitglieder] reicht von 21 bis 60, und es sind auch medizinische Konsumenten darunter."

Eine „Sublimator"-Pfeife im Verde

Als ich mich umsah, wirkten die Gäste im Verde tatsächlich nicht wie Klischee-Kiffer. Allerdings ist es auch so, dass mit jedem Aufenthalt in der Welt des Marihuana deutlicher wird, dass es so etwas wie den Klischee-Konsumenten gar nicht gibt.

Hinter dem Tresen stand eine riesige Auswahl an Produkten, die die Vielfalt der Kundschaft widerspiegelte: mit Cannabis versetzte Bio-Lotionen, Gummibärchen, Karamellschnitten, Kuchen, Kekse und CBD-Kapseln—CBD oder Cannabidiol ist der chemische Bestandteil von Cannabis, der eine ganze Reihe medizinischer Anwendungen haben soll. Und neben diesen neuartigen Produkten stand die Standardauswahl an Sativas, Indicas und Hybriden, manche von ihnen organisch und manche hydroponisch angebaut. Dann gab es noch hausgemachtes Hasch, Harz und Dry Sift sowie das in letzter Zeit so gefragte Butan-Haschöl und „Shatter", alles mit der neuesten, aus den USA importierten Ausrüstung gewonnen.

Kann Spanien sich also zu einem weltweiten Marktführer der Cannabis-Produktion und -Auswahl aufschwingen? „Wahrscheinlich noch nicht, aber es gibt zumindest großes Potential für Spanien, es zu einem führenden europäischen Cannabismarkt zu entwickeln", sagte Levi.

Und warum hinkt der Rest des Landes Nordspanien hinterher? „Die Bewegung hat ihre Wurzeln im Norden, und da Barcelona eine Hauptstadt des Nordens mit ziemlich vielen Einwohnern ist, ist sie dort wirklich abgehoben", sagte mir Levi. „Doch jetzt kriegen andere Teile Spaniens Wind von der Bewegung, weil sie in Barcelona so erfolgreich ist. Andere Lokalbehörden haben das Experiment in Barcelona gesehen und sich entschieden, dass sie dasselbe in ihrer Region wollen oder nicht."

Die politische Orientierung der lokal regierenden Parteien spielt eine große Rolle bei der Frage, ob Clubs ungehindert ihrem Geschäft nachgehen können. Die rechtsgerichteten Behörden von Malaga haben zum Beispiel gegen die Vereine durchgegriffen und sie geschlossen, während die Behörden in Marbella sie in Ruhe haben florieren lassen—daher ist es auch so ein beliebter Ort für Leute, die einen Privatclub gründen wollen.

Der Organic Cannabis Club in Marbella

Der Organic Cannabis Club (OCC) ist ein Verein, der die Folgen der unterschiedlichen Regionalpolitik zu spüren bekommen hat. Die Gründerin und einzige Mitarbeiterin des Clubs, Dominique, stammt aus den Niederlanden. Zuerst eröffnete sie einen Club in Malaga, doch die Polizei zwang sie, die Gegend zu verlassen. Ich traf mich mit ihr in ihrem neuen Club in Marbella—ein heller, luftiger Raum mit einer eigenen Terrasse mit Strandblick—, wo sie bisher sehr viel weniger Stress erleiden musste.

„Malaga ist einer der einzigen Orte in Spanien, in denen die Razzien von der Lokalpolizei und nicht der Bundespolizei durchgeführt werden. Es hat dort keinen Sinn", sagte Dominique. „Ich bin einfach nur froh, aus Malaga weg zu sein. Hier ist die Stimmung viel besser. Viel entspannter."

Sie erklärte mir, dass die Entwicklung der Cannabis-Clubs nur noch zunehmen würde, wenn das Land im November gegen die aktuelle konservative Regierung stimmen sollte. Die Partido Popular unter Mariano Rajoy sei das Einzige, das die Vereine zurückhalte. „Die öffentliche Meinung ist positiv gegenüber dem System der Privatclubs", sagte sie. „In Barcelona hat der Bürgermeister kurz vor den Wahlen plötzlich verkündet, dass er 80 Prozent der Cannabis-Clubs schließen will. Weißt du, was passiert ist? Er ist jetzt nicht mehr Bürgermeister."

Der Cannabis-Safe des OCC

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colua ihren Vorgänger Xavier Trias nur aufgrund dessen Einstellung zu Cannabis-Clubs besiegt hat. Doch wenn man bedenkt, dass die Vereine in Katalonien, dessen Hauptstadt Barcelona ist, Berichten zufolge stolze 165.000 Mitglieder haben (etwa 2 Prozent der katalonischen Bevölkerung), dann wird deutlich, dass es ein engagiertes Netzwerk von Kunden in der Region gibt.

Dominique sagte mir, die Vereine in anderen Regionen sollten dies als Inspiration sehen, wenn sie sich entwickeln wollten. Sie meint, die Clubs könnten noch viel einflussreicher werden, wenn sie politisch zusammenarbeiten würden. „Ich denke, wir sollten uns ordentlich zusammenschließen, als geeinte politische Front, um Lobbyarbeit bei Lokal- und Landesregierungen betreiben zu können", sagte sie. „Wenn wir erst eine große Einheit bilden, dann werden Politiker auf uns hören, um bei den Wahlen unsere Stimmen zu kriegen—aber wenn wir uns alle nur verstecken, dann werden sie nichts für uns tun."

Während meinem Besuch in Marbella habe ich eine Gemeinschaft vorgefunden, die bezüglich ihres Platzes in der spanischen Cannabis-Szene zuversichtlich ist, doch der auch bewusst ist, dass es noch Mächte gibt, die gegen sie arbeiten. In den letzten fünf Jahren hat sich so viel geändert, und in den nächsten fünf könnte sich noch viel mehr tun. Doch wie Dominique mir vor Augen geführt hat, wird diese Veränderung vielleicht niemals eintreten, wenn es nicht gezielte und gemeinsame Bemühungen seitens aller Beteiligten gibt.

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