Warum der Einzug der Freien Christengemeinde in die Ankerbrotfabrik für Unmut sorgt
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Warum der Einzug der Freien Christengemeinde in die Ankerbrotfabrik für Unmut sorgt

Der Verkauf der Expedithalle an eine Wiener Freikirche stößt vielen Kunstschaffenden am Areal der Ankerbrotfabrik in Favoriten ziemlich sauer auf.
18.3.16

Am Laaerberg in Wien Favoriten steht ein altes Fabriksareal. Zwischen den um die Jahrhunderwende entstandenen roten Backsteingebäuden, die an die Hamburger Speicherstadt erinnern, stehen moderne graue Bauten, die sich gut an das Erscheinungsbild der ehemaligen Ankerbrotfabrik anpassen.

Im Erdgeschoss finden sich verschiedenste Galerien, Ateliers, eine Kantine. In den oberen Stöcken, die teils durch Außentreppen erreichbar sind, von denen aus man eine wunderbare Aussicht über die weiter hinten gelegenen Gemeindebauten des 10. Wiener Hiebs hat, gibt es Büros und Lofts. In den letzten Jahren ist am Gelände der alten Ankerbrotfabrik ein einmaliges Projekt entstanden. Eine urbane, gentrifizierte Umgebung mit einer Mischung aus künstlerischen und sozialen Betrieben—die Caritas ist gleich mehrfach vertreten—die dieser alten Manufaktur einen besonderen Flair verleiht.

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Es riecht nach frischem Brot. Denn noch immer wird im hinteren Teil des Fabrikareals gebacken. Ebenfalls auf der Rückseite des Geländes, dort wo man schon leise den Straßenlärm der Südosttangente vernehmen kann, liegt das eigentliche Herzstück des Areals. Die sogenannte Expedithalle war einst die größte freigespannte Hallenkonstruktion Europas. Momentan gleicht sie aber mehr einer ausgehöhlten Semmel.

Das liegt daran, dass die Halle für knapp 1,7 Millionen Euro an die eigens für den Verkauf gegründete Expedithalle Verwaltungs GmbH verkauft wurde und nun ein Umbau erfolgt—innerhalb der Mauern der alten Halle soll ein dreistöckiger Neubau entstehen, wie aus den Bauplänen, die VICE vorliegen, hervorgeht.

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Dieses Vorhaben sorgt bei einigen Miteigentümern der Brotfabrik für reichlich Unmut, die einen Abriss der Expedithalle, oder zumindest die Zerstörung der Hallendachkonstruktion befürchten. Zuletzt hat auch die MA 37 einen Baustopp erwirkt, da die Rechtskraft des Baubescheids nicht restlos geklärt war.

Ein Umstand, der derzeit aber noch mehr für Unbehagen und Verärgerung sorgt, ist, dass die Expedithalle Verwaltungs GmbH der Freien Christengemeinde Wiens (FCG) gehört. „Die Expedithalle steht im Eigentum der Expedithalle Verwaltungs GmbH, die wiederum zu 100 Prozent Eigentum der Freikirche ist", bestätigt Walter Bösch, Leiter der FCG, gegenüber VICE.

Die meisten in der Ankerbrotfabrik angesiedelten Betriebe haben erst durch die Recherche und Nachfrage von VICE von diesem Umstand erfahren. „Das ganze Areal hatte keine Ahnung, was da abgeht. Dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben, hat natürlich einiges in Bewegung gebracht, weil wir da draußen die Immobilien ja unter der Prämisse gekauft haben, dass hier ein Kultur- und Kunstareal entsteht", ärgert sich ein Mitglied des Dachverbands der Brotfabrik, der gegründet wurde, um die einzelnen Betriebe miteinander zu vernetzen.

Ärger, dem Walter Bösch versöhnlich gegenüberzutreten versucht: „Unsere Freikirche schätzt die verschiedensten Ausformungen von Kunst als kreativen, schöpferischen Akt und sieht Kunst als eine Bereicherung und Ausdruck des Lebens." Auch versichert der Pastor, dass man etwa Galeriebesuchern „freundlich, aber unaufdringlich" begegnen würde. Denn gerade ein möglicher Missionarsgedanke hat im Vorfeld für Unruhe gesorgt. „Ich hoffe sehr, dass diese Gemeinde von keinem Missionseifer beseelt ist, der eine Belästigung von regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern der hier ansässigen Kultur- und Kunstbetriebe zur Folge haben könnte", äußerte sich ein Galeriebesitzer gegenüber VICE besorgt.

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Und tatsächlich scheint diese Sorge trotz des Dementis von Walter Bösch nicht ganz unberechtigt. In einem Artikel der Gemeindezeitung der Freichristen steht etwa: „Walter [Bösch] sieht die alternative Nutzung der Liegenschaft als einen einzigartigen Weg, um die Hemmschwelle für gemeindefremde Personen zu senken. […] Durch das neue Quartier, das eine Verdoppelung der jetzigen Gemeindegröße erlaubt, beginnt eine neue Ära."

Obwohl die Freie Christengemeinde in Österreich seit etwa drei Jahren eine anerkannte Religionsgemeinschaft ist, handelt es sich bei der Gruppierung keineswegs um harmlose Gläubige. Die Anerkennung als Religionsgemeinschaft erfolgte nach einem klugen Schachzug: Mehrere, teils sehr unterschiedliche, evangelikale Freikirchen und Pfingstgemeinden haben sich in bisher noch nie dagewesener Form verbrüdert und zu einer „Kirche" zusammengeschlossen, um so etwa die erforderliche Mitgliederzahl und andere Kriterien zu erfüllen. Die grundsätzliche Ausrichtung hat sich jedoch nicht geändert.

Aussteiger aus diesen Freikirchen berichten immer wieder von finanzieller Ausbeutung der Mitglieder, Angstmache durch Predigten, in denen etwa vor Versündigung und Höllenfeuer gewarnt wird und einer feindseligen Haltung gegenüber Homosexuellen. Gleichzeitig wird verlangt, dass sich die einzelnen Mitglieder aktiv zu Jesus, Gott und zur Gemeinde bekennen—es findet eine Art Lebensübergabe statt, bei der sich Erwachsene im vollen Bewusstsein für die Gemeinde und gegen ihr bisheriges Leben und soziales Umfeld entscheiden.

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Walter Bösch gilt dabei unter Experten, die aus Schutz ihrer Person nicht namentlich genannt werden wollen, als jemand, der grundsätzlich innerhalb der Kirche das Gegenteil der Evolutionstheorie predigt und gemischte Ehen in seiner Gemeinde nicht duldet (also Ehen zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern). Würde sich jemand von der Gemeinde lossagen, oder sich scheiden lassen, hätte das automatisch den schlagartigen Wegfall des gesamten sozialen Umfelds zu Folge.

Warum die Expedithalle ausgerechnet an eine solche Freikirche verkauft wurde, bleibt fraglich und wird von vielen Parteien als unsensibel und unverantwortlich beschrieben. So sagt ein Betreiber einer Kunststätte des Areals etwa gegenüber VICE: „Ich halte den Verkauf der Expedithalle der Ankerbrotfabrik an die Freie Christengemeinde für eine beträchtliche Fehlleistung der Verwaltung. Eine Pfingstgemeinde passt überhaupt nicht zur Modernität, Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit praktisch aller anderen Mieter, zu den Galeristen, Künstlern und Sammlern, die hier Überzeugungsarbeit dafür leisten, die Dinge zu hinterfragen, genauer hinzuschauen und nichts als gegeben hinzunehmen."

Auf Nachfrage bei der Loft City GmbH & Co KG, die für den Verkauf verantwortlich ist, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme lediglich: „Eine Religionsgemeinschaft, welche mit Unterstützung der katholischen Kirche zur staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft avancierte, ist keine Sekte. Ihre sogenannten Experten und Aussteiger sollen einmal Religionsgeschichte lernen."

Viele Eigentümer sind von der Vorgangsweise der Loft City GmbH & Co KG jedenfalls enttäuscht und erwarten sich von einer im April stattfindenden Eigentümer-Vollversammlung Aufklärung. Gleichzeitig übt man sich aber auch in einer Art Zweckoptimismus und will das Beste aus der jetzigen Situation machen: „Ich zweifle nicht daran, dass wir das aushalten werden. Vielleicht gibt's einmal einen Künstler, der sich dieser sonderbaren Gesellschaft annimmt und ein Projekt daraus macht", meint einer der Galeristen.

Folgt Paul auf Twitter: @gewitterland