Crystal Meth ist schon längst in Berlins schwuler Clubszene angekommen

Während die Medien und Drogenfahnder Spielplätze in Parks nach Crystal umgraben, ist die Droge in Berlins Clubs schon längst etabliert. Und das wird langsam zum Problem.

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13 November 2014, 11:08am

Foto: David Shankbone | ​Wikimedia | ​CC BY 3.0

Der Rekordfund von Tausenden Kilo Chlorephedrin (einem der Hauptzutaten für Crystal Meth), der heute gemeldet wurde, ist in der Größenordnung zwar beeindruckend, aber wirklich überraschend kommt es nicht. Schon seit ein paar Jahren geistert die neue „Teufelsdroge" (Bild) durch die deutschen Medien. Aber während sich Staatsanwälte, Drogendezernenten und Journalisten den Kopf darüber zerbrechen, ob und wann die „Crystal-Welle" aus Bayern, Thüringen und Sachsen über den Rest der Bundesrepublik hereinbricht, scheint die Droge zumindest in der schwulen Clubszene Berlins schon lange angekommen zu sein.

Das Magazin Männer widmete der Substanz immerhin ein Titelthema, unter dem gleich drei Erfahrungsberichte (User, Aussteiger und Dealer) erschienen, und verspricht „eine Story, die mehr aufwühlt als Aufputschmittel". In einem der Texte klagt der Erzähler: „Interessante Berliner, die ich sexy finde und gerne treffen würde, scheinen alle nur noch auf Droge zu sein."

In New York und London sind das „Slammen" (Spritzen) auf Sex-Partys und die verheerenden Folgen, die der exzessive Konsum auf die ganze Szene haben kann, schon länger bekannt. Um herauszufinden, ob Berlin mittlerweile genau so weit ist, haben wir mit drei Menschen gesprochen, die sich von Berufs wegen mit den nicht so lustigen Seiten des Drogenkonsums auskennen: einem Suchtberater der Schwulenberatung, einer Ärztin für Geschlechtskrankheiten und einem Sozialarbeiter, der männliche Prostituierte betreut.

Im Club

Crystal Meth. Foto: Psychonaught | Wikimedia | Gemeinfrei

Andreas von Hillner arbeitet bei der Suchtberatung und Suchttherapie der Schwulenberatung.

Herr von Hillner, nimmt die Verbreitung von Crystal Meth in Berlin zu?
Andreas von Hillner: Ganz klar. Wir haben seit circa zwei Jahren mit immer mehr Crystal-Konsumenten Kontakt, das ist eine relativ neue Entwicklung. Die sogenannten „Partydrogen" sind ja kein neues Phänomen, aber diese Substanz, in der Dimension, das ist neu.

Finden Sie das besorgniserregend?
Ja, unbedingt. Das liegt an der Substanz selbst, die hochgiftig ist und sehr schnell abhängig machen kann. Und dann gehört zu ihrer Wirkung, dass sie so ein Gefühl von Grandiosität erzeugt. Das ist ja ein Stimulantium, das dämpft nicht und macht auch keine Halluzinationen, sondern es gibt einem ein Gefühl von Wachheit.

Wirkt Crystal stärker auf die Persönlichkeit als die bekannten Partydrogen?
Ja, unbedingt. Diese Selbstüberschätzung, dieser Ego-Booster, das geht schon über das gewöhnliche Maß hinaus.

Wie hat sich Crystal denn ausgebreitet?
Es gibt schon länger private oder halb-öffentliche Partys, wo dann konsumiert wird. Bei schwulen Männern wird die Substanz vor allem in sexuellen Zusammenhängen eingesetzt. Es ist aber eine sehr starke Vermutung bei uns, dass es bei unserer Zielgruppe schon über das Sexuelle hinausgegangen ist, nämlich in den Alltag und die Freizeit.

Finden Sie, dass die Medien die Gefahr von Crystal übertreiben?
Na ja, diese Vorher-Nachher-Bilder, das ist schon ziemlich destruktiv. Viele Konsumenten, die diese Bilder sehen, können sich nicht damit identifizieren, die denken „Na, so sehe ich ja nicht aus" und fühlen sich nicht angesprochen. Das wirkt dann eher verharmlosend.

Ein ganz großes Problem ist also das Informationsdefizit—dass viele Konsumenten gar nicht wissen, wie gefährlich die Substanz ist. Zu uns kommen ja nur die, die den Konsum grundsätzlich problematisieren. Dann ist es aber meistens schon sehr spät—oder zu spät. Viele Konsumenten merken gar nicht, wie sie in die Abhängigkeit rutschen. Die haben dann noch den Eindruck, dass sie das alleine schaffen und kontrolliert konsumieren können, und merken nicht, dass sie schon längst die Kontrolle verloren haben.

Auf der Straße

Rund um den Nollendorfplatz befindet sich Berlins größter Männerstrich. Foto: Paul Garbulski

Ralf Rötten ist Leiter von Hilfe-für-Jungs e.V., das mit dem Projekt „Subway" eine Anlaufstelle für männliche Prostituierte geschaffen hat. Von ihm wollten wir wissen, ob Crystal auch auf dem Straßenstrich angekommen ist—und was es für Auswirkungen hat.

Herr Rötten, ist Crystal Meth bei Strichern beliebt?
Ja. Crystal Meth zeigt sich als eine spottbillige Droge, die sich zusätzlich dadurch auszeichnet, dass sie eine sehr, sehr lange Wirkungsdauer von bis zu drei Tagen hat. Das muss man sich vorstellen: Mit einer Dosis von 15 Euro bin ich drei Tage drauf! Das ist billiger, als den billigsten Fusel zu saufen.

Hat der Crystal-Konsum Auswirkungen auf die Szene?
Das alles führt zu Gewalteskalationen. Der Anfang ist fast immer, dass der Kunde und der Sexanbieter nicht klar über das reden, was sie voneinander erwarten. Es wird nämlich von beiden Seiten sehr gerne „rum-romantisiert". Diese Missverständnisse sind fast immer der Grundstock für Eskalation.

Das Schlimme an Crystal ist, dass man sich selber riesig und allmächtig fühlt. Man kann sich nicht mehr richtig in soziale Gefüge einordnen, und auch die kleinsten Hänflinge kommen sich wie Übermenschen vor. Dann neigen sie ganz, ganz oft zu Aggressionen, die ihnen nur selber schaden. Da lassen sich wirklich kleine Kerle auf Messerstechereien mit Riesenkerlen ein, weil einfach diese gesunde Selbsteinschätzung nicht mehr funktioniert. Gefahren werden schlichtweg verkannt.

Hat Crystal Meth also einen Anteil am Anstieg der Gewalt hier im Kiez?
Unserer Einschätzung nach hat das ganz, ganz wesentlich damit zu tun. Innerhalb der letzten zwei Jahre haben wir eine Aggressionszunahme festgestellt, wie wir das in 20 Jahren vorher nicht getan haben.

Dass Crystal Meth der wesentliche Faktor dafür ist, merken wir, wenn die Männer für einige Monate zurück in ihre Herkunftsländer fahren. Dann kommen sie wieder nach Berlin, sind erst mal clean, lieb, unkompliziert, alles läuft ganz wunderbar, aber vier Wochen später sind sie wieder auf der Droge.

Beim Arzt

Foto: Privat

Dr. Christiane Cordes betreibt eine Praxis für HIV, Hepatitis und sexuell übertragbare Krankheiten in Friedrichshain.

Wann haben Sie das erste Mal das Wort „Crystal" in Ihrer Praxis gehört?
Das war vor ungefähr anderthalb, vielleicht zwei Jahren. Damals war das aber noch eine Ausnahmeerscheinung, mittlerweile erfasst es eine breite Schicht. Das nimmt gerade einen ähnlichen Verlauf wie in London. Seitdem taucht das immer wieder im Zusammenhang mit neu akquirierten sexuell übertragbaren Erkrankungen wie zum Beispiel Hepatitis C auf.

Woran kann das liegen? Macht Crystal unvorsichtig?
Ich denke, es ist zum einen so, dass Crystal deutlich die Hemmschwelle senkt—man ist viel lockerer, entspannter, und natürlich auch sexuell euphorisiert durch die Droge. Das spielt sicherlich eine Rolle. Und es hält natürlich extrem lange wach und fit, man ist natürlich extrem energetisiert. In dieser Mischung ist das sicherlich etwas, das zu mehr Sexpartnern und längeren Sex-Sessions führt.

Haben Sie auch schon direkt mit der Substanz verbundene Probleme bei Patienten bemerkt?
Das ist nicht so häufig wie die sexuell übertragbaren Krankheiten, weil nicht so häufig Leute mit einer Psychose oder einer Intoxikation ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die meisten, die ich in der Praxis kenne, die nehmen das nur zum Wochenende, um dann Party zu machen oder sich zum Sex zu treffen. Aber es gibt Patienten, die sagen: Es dreht sich mittlerweile für mich alles nur noch um die Droge, ich riskiere meine berufliche Situation, vielleicht meinen Freundeskreis. Das sind aber die absolute Ausnahmen.

Macht Ihnen das Sorgen?
Ja, weil wir in dem Zusammenhang einen Anstieg von bestimmten STDs wie Hepatitis C haben. Was mir eigentlich langfristig am meisten Sorgen macht, sind mögliche neurokognitive Probleme: vermehrte Konzentrationsstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen.

Wir wissen nichts über die Langzeitfolgen von Crystal, aber es ist zu vermuten, dass es Störungen im neurobiologischen Gleichgewicht mit sich führt. Die Dopamin-Speicher werden ja extrem entleert und fehlen dann im System—der Körper produziert das ja nicht ständig in dieser hohen Masse nach. Dann kommt es zu einer Disphorie.

Das kann man ja noch wegstecken, oder nicht?
Na ja. Wenn man sich die Zeit nimmt, mit den Patienten zu sprechen, dann sagen einige: „Ich habe nicht mehr ohne Drogen Sex, weil es ohne Drogen einfach langweilig ist." In einer Londoner Zeitung gab es mal einen wunderbaren Vergleich: Während man im Alltag auf einem Dopamin-Level von null ist, hat man beim Orgasmus vielleicht eine Ausschüttung von 200 Einheiten Dopamin, wenn man dann noch Koks dazu nimmt, sind das 600 Einheiten, und wenn man Crystal nimmt, sind es 1200 Einheiten. Wer will denn da noch ohne Drogen Sex haben? Das ist ein Problem.

Gibt es Möglichkeiten zur Prävention?
Es gibt eine Studie aus London zu dem Thema, die sagt: Es muss mehr Angebote auch im therapeutischen Bereich geben, aber auch mehr Netzwerke unter Clubbetreibern und Leuten, die in der „professionellen Schwulenszene" verbandelt sind. Also: ein niedrigschwelliges Therapie-Angebot und ein Netzwerk.


Titelbild: David Shankbone | Wikimedia | CC BY 3.0

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