Niels Ruf im Interview über die deutsche Empörungskultur und seinen Cicero-Tweet

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Niels Ruf im Interview über die deutsche Empörungskultur und seinen Cicero-Tweet

"Wenn ich Meinungsfreiheit einfordere, muss ich sie leider leider auch allen Anderen zugestehen."
22.4.16

Foto mit freundlicher Genehmigung von Niels Ruf

Der "pietätlose" Tanzverderber Niels Ruf hatte es die letzten Wochen nicht leicht. Berufsverbot und Exekution waren noch die harmloseren Wünsche, die an ihn herangetragen wurden. Die Ereignisse um seinen Roger-Cicero-Tweet stellen dabei in jedem Fall auch ein unbequemes Puzzleteil der aktuell laufenden Debatte zum Thema Redefreiheit dar.

Er schien zuletzt im Boulevard einen Lauf zu haben, der einstige Late-Night-Moderator Niels Ruf: Seine despektierliche Performance beim RTL-Erfolgsformat Let's Dance verärgerte die Tanz-Fans. Ruf nahm die Sendung an keinem Punkt ernst, bemühte sich eher um ausgewählte Provokationen gegenüber der Jury, auf die vor allem deren Alpha-Male Joachim Llambi gar nicht konnte. Und dann gab es ja noch diese Sache mit Atze Schröder. Und Barbara Schöneberger. Doch erst mit dem Gag-Tweet zum überraschenden Tod von Roger Cicero brachte Ruf fast die komplette Netzgemeinde gegen sich auf.

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2 roger cicero-tickets zum halben preis abzugeben

— Niels Ruf (@NielsRuf)29. März 2016

Cicero-Tickets bot Ruf via Twitter an—zum halben Preis. Der darauf folgende Shitstorm sah sich dabei noch befeuert durch all jene, die ihn in echter wie gespielter Empörung immer weiter klickträchtig reproduzierten. Gruppen mit Titeln wie "Berufsverbot für Niels Ruf" erreichten auf Facebook Zulauf. Die nur wenige Tage später im Netz und im Fall Böhmermann bedingungslos verteidigte Redefreiheit spielte offenbar noch hier keine Rolle. Im Gegenteil. Der Typ sollte gefälligst das Maul halten—und zwar für immer. Wir haben trotzdem mit ihm gesprochen.

VICE: Einfache Frage: Wie geht es dir heute, haben sich die Wogen geglättet, ist alles wieder wie vorher?
Niels Ruf: Ja, klar. Das geht ja auf der digitalen Ebene mittlerweile alles hyperschnell und ist dadurch auch so ein bisschen egal. Jetzt trudeln langsam die Solidaritätsnoten wie "Hey, ich fand's lustig - verstehe gar nicht, worüber die sich alle so aufregen" bei mir ein—allerdings lieber als private Nachricht, nicht so sehr als Kommentar. Sicher ist sicher.

Du bist bei Let's dance nicht nachgerückt, sondern der vor dir ausgeschiedene Potofski. Hatte das mit dem Tweet zu tun?
Nein, der Uli ist einfach der bessere Tänzer. Im Ernst: Nochmal zurückzukehren, um den Sauertopf Llambi zu ärgern, wäre an und für sich genau mein Humor—aber auf dem Höhepunkt eines Shitstorms zur besten Familiensendezeit bei RTL ein kleines Friedenstänzchen aufzuführen, wäre schon eine sehr große Herausforderung gewesen. Ich bin ganz froh, dass mir das erspart geblieben ist.

Hätte ich geahnt, dass ich mich mit halb Dunkeldeutschland anlege, hätte ich mir den Gag vielleicht lieber verkniffen.

Konkret gefragt, was hat dich dieser Tweet gekostet?
Nicht so viel wie einem gewissen Sänger, aber Spaß beiseite: Ein paar Sympathien mag ich wohl verloren haben—aber im echten Leben kommen vor allem die auf mich zu, die's lustig fanden. Win some, lose some. Das für mich Überraschende ist: Viele Leute finden diesen kleinen Gag wirklich abgrundtief böse. Dabei ist es kein Scherz mit dem Ziel, Verstorbene herabzuwürdigen—es ist ein Gag über schmierige Ticketdealer, die sagen: "Ach, der Sänger ist tot? OK, dann mach' ich dir einen besseren Preis." Das haben aber leider nicht so irre viele mitbekommen—da kam nur an: Jemand stirbt viel zu jung und dieser Fiesling macht auch noch einen Witz drüber.

Bei Skandalen wird spekuliert, der Auslöser würde letztlich nur davon profitieren. Kannst du das bestätigen?
Das ist ja ohnehin das ganz große Thema: Aufmerksamkeit. Vor allem die Trash-Promi-Liga von Micaela Nacktdingens bis hin zur Dschungkakerlake Micky Beisenherz denkt in solchen Kategorien—und hängt sich schnell auf ein paar Likes mit dran. Man braucht in einem solchen Moment weder eine Idee noch das kleinste Quäntchen Mut, um auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen und das ist natürlich genau deren Ding. Der große Martin Sonneborn hat es dagegen auf den Punkt gebracht: Der Gag war sehr lustig und nur die Reaktion des Boulevards war pietätlos.

Ein Shitstorm als Segen … das ist ohnehin schwer vorstellbar, oder ist man da einfach zu labil, wenn man den Ärger nicht aushält?
Mich hat das jetzt tatsächlich und zu meiner eigenen Verwunderung nicht so irre tief berührt—die meisten Reaktionen sind aber auch vollkommen generisch, man hört exakt dasselbe wie in jedem anderen Shitstorm: "Häng dich auf", "Arschloch, schäm dich" … bla. Wie soll man sich denn da individuell gemeint fühlen? Ich war eher erstaunt, wie viele Menschen sich die Mühe machen, den hunderttausendsten Kommentar im nahezu exakt gleichen Wortlaut wie die anderen hundertausend davor unter irgendetwas zu tippen. Das sind ja oft Menschen, denen man schon anmerkt, wie viel Mühe ihnen die Tipperei macht. Ich hab' durch all das die 80.000 Follower bei Twitter vielleicht etwas früher geknackt, aber ein Segen war es nun auch nicht.

Wenn du die Folgen vorausgesehen hättest, hättest du den Tweet dann lieber nicht abgeschickt?
Mir war klar, dass es ein aufgeregtes Pro und Contra geben würde. Darauf hatte ich auch ein bisschen Lust. Hätte ich allerdings geahnt, dass ich mich mit halb Dunkeldeutschland anlege, hätte ich mir den Gag vielleicht lieber verkniffen. Ich glaube zwar nicht, dass die Angehörigen Ciceros von meinem Tweet etwas mitbekommen hätten—ich meine, Angehörige haben in einer solchen Situation Besseres zu tun, als auf Twitter abzuhängen—aber irgendwann gab es 200 Artikel auf Seiten wie bild.de, Promiflash, Stern.de etc. Die beschimpfen mich da für meine angebliche Pietätlosigkeit, aber eigentlich bekommen es die Betroffenen natürlich so erst mit. Das ist schon eklig und perfide. Und das tut mir für die Angehörigen leid. Im Gegensatz zum Boulevard bin ich nämlich gar nicht herzlos.

Hierzulande darf offenbar nur gymnasial und im Dienste einer höheren Sache gelacht werden.

Kann man die Kreise, die eine provokative Äußerung ziehen wird, im Vorfeld genau taxieren—oder bist du jedes Mal selbst überrascht, womit man noch durchgewunken wird und an was sich dagegen die große Empörung entzündet?
Nein, was eine gewisse Gruppe von Menschen zum Shitstorm aufstachelt, ist so random wie das Wetter. Ich glaube, in meinem Fall hat Atze Schröder die Sache ein bisschen beschleunigt, in dem er scheinheilig einen Screenshot meines Tweets an seine halbe Million Facebook-Fans gepostet hat. Keine Ahnung, wie er davon erfahren hat—ich würde ihn und seine Fans eher nicht auf Twitter vermuten. Aber vielleicht hat's ihm einer seiner vielen Autoren weitergeleitet. Seine Fans reagieren auf vermeintliche Pietätlosigkeit jedenfalls wie bezahlte Jubelperser auf Mohammed-Karikaturen. Alles andere ist unvorhersehbar.

Du hast dich anfänglich noch mit Beschwerdeführern auf Twitter einzeln duelliert—ab wann kam der Punkt, an dem du gemerkt hast, es ist nicht mehr zu leisten?
Wenn ich Meinungsfreiheit für mich einfordere, muss ich sie ja leider leider auch allen Anderen zugestehen. Es gibt viele, die nicht mit einer Reaktion rechnen. Die wollen kurz mal ihren Jahresfrust in einem "Ich hoffe, du stirbst, du Stück Scheiße" bei mir verklappen—aber dann kriegen sie eine Antwort—und nun wird es spannend: Kriegen sie ein Comeback hin? Na ja, meistens eher nicht und deshalb wurde es irgendwann auch langweilig. In den sozialen Netzwerken geht es aber ja um den Dialog und dem habe ich mich gestellt.

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Was ist die Halbwertszeit so einer Geschichte? Hängt das jetzt Jahre nach, oder ist das auch wieder schnell vergessen?
Keine Ahnung—ich glaube, das ist schnell vergessen. Ansonsten bin ich jetzt eben nicht mehr der "Kamikaze-Pilot", der "Ex von Anke" oder der "TV-Rüpel", sondern ein 1a-Shitstorm-Promi. Who cares?

Aktuell ist der digitale Event-Tross weitergezogen. Aber weil es zum Thema Redefreiheit passt, drängt sich die Frage auf, was ist deine Position zu dem "Schmähgedicht" von Böhmermann?
Ich hab's zufällig im TV gesehen und musste über die bloße Aneinanderreihung von Obszönitäten schon lachen. Es war unausgewogen, beleidigend, herabwürdigend und kindisch—kurz: richtig guter Humor. Und es hat eine Staatsaffäre ausgelöst!

"den türkischen Präsidenten in Anführungszeichen einen pädophilen, nach schweinefurz stinkenden ziegenficker nennen: der springer-boss beschwört tucholsky & die kunstfreiheit, der chefkolumnist kriecht in den denselben hintern, man ist sich einig: genial.

ein winziger scherz über die Eintrittskarten zum Konzert eines verstorbenen sängers: virtueller volksaufstand wie sonst nur bei anti-mohammed-karrikaturen-demos in teheran, die springerpresse überschlägt sich, stern.de berichtet im sekundentakt, es hagelt mordrohungen."

Niels Ruf auf seiner privaten Facebook-Seite am 12. April

Und das war ja auch das Ziel—denn wozu wurden sonst türkische Untertitel eingeblendet? Schade nur, wie seelenlos Merkel damit umgegangen ist. Als sich Nordkorea über diesen James-Franco-Film namens The Interview echauffiert hat, hat sich Obama dafür eingesetzt, dass der Film gezeigt wird. So verhält sich ein Leader der freien Welt—aber Merkel ist eben eher eine mächtige Bürokratin und eher nicht die Kanzlerin der Generation Böhmermann. Klar kann das alles der Rechtsstaat regeln—aber ich glaube, manchmal braucht das Rudel ein starkes Signal von seinem Alpha-Weibchen. Spannend dürfte es jetzt sein zu sehen, wie Böhmermann mit seinen vielen neuen Fans klarkommt. Der wird wahrscheinlich kein Flugzeug mehr besteigen können, ohne dass die Stewardessen über ihn herfallen.

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Es scheint in diesen Debatten auch eine große Rolle zu spielen, wer etwas sagt. Wäre das Gedicht von dir, würden wir das Interview vermutlich in deiner Zelle führen?
Hierzulande darf offenbar nur gymnasial und im Dienste einer höheren Sache gelacht werden—oder gleich komplett dumm und Mario-Atze-Fips-Style. E und U—wie noch in den 50ern. Beides nicht so mein Fall.

Versuchst du, mit deinen Provokationen eigentlich Grenzen auszutesten, oder geht es dir eher darum, Redefreiheit zu verteidigen?
Ach, was. Ich hab' gar keine Lust, da einen Überbau zu fabrizieren. Der Tod wird mich eines Tages besiegen—an allen anderen Tagen kann ich aber noch Witze darüber reißen. Oder um mal Stefan Raab aus der Frühpensionierung zu zitieren: "Witzig ist witzig".

Stimmt es denn, dass sich dein Management von dir getrennt hat?
Nein, das stimmt natürlich auch nicht. In Wahrheit habe ich mich schon vorher und einvernehmlich von meinem Management getrennt. Das Ziel war ja, Let's Dance in der ersten Runde zu gewinnen, Sylvie Meis zu heiraten und diesen einen Juror durch mich zu ersetzen. Wer hätte da noch ein Management gebraucht? Deshalb war besprochen, die Zusammenarbeit nach meiner Mitwirkung bei Let's Dance zu beenden. Leider kam dann alles etwas anders und als da Tag und Nacht aufgebrachte Bürger bei meinem Noch-Management angerufen und meinen Kopf gefordert haben, bekamen die es ein bisschen mit der Angst zu tun. Das sind aber eigentlich sehr nette Leute dort.

Du hast schon früher polarisiert. Welche Rolle spielt heutzutage das Internet als Multiplikator?
In Amerika heißt das "Insult Comedy" und ist einfach ein Humorgenre. Aber auch da wird es schwieriger—Comedians haben früher gern ihr neues Material bei Auftritten auf Uni-Campi ausprobiert. Aber heute will jeder der Erste sein, der irgendeinen Pups skandalisiert und einen Shitstorm lostritt. Alle suchen permanent den nächsten Aufreger—was? Die Tiere werden geschlachtet, bevor wir sie essen? In 10-Cent-Pudding sind gar keine wertvollen Zutaten drin? Der hat einen Witz über Frauen, Kinder, Tiere, Tote, Autos, Ausländer, Inländer oder meine Religion gemacht? Alle suchen edgy content, der "klickt". Deshalb verrät bunte.de ja mittlerweile auch, wie es "In fünf Schritten zum perfekten Deep Throat" geht [Anm.d.Red.: der Artikel trägt eigentlich den Titel "In 5 einfach Schritten zur Blowjob-Göttin"] anstatt wie früher von ihren Kaffeerunden mit dem Hochadel zu erzählen.

Sind die analogen Skandalmechanismen überhaupt noch mit den heutigen zu vergleichen?
Nein, digital geht's ja viel schneller und heute ist eben jeder ein dauerempörter Leserreporter. Das Blöde ist, dass man am nächsten Tag nicht mal mehr den Fisch drin einwickeln kann.