Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
The Hot Box Issue

Kamelurin: im Jemen ein Getränk

Die Beduinen verwenden seit Jahrhunderten Kamelpisse als Shampoo oder Arznei und sagen wir es mal so: Ich war nicht begeistert.

von Josselin Brémaud
12 September 2013, 6:44am

Die Menschen auf der arabischen Halbinsel konsumieren schon seit langer, langer Zeit Kamelpisse. Die Beduinen verwenden sie seit Jahrhunderten als Shampoo oder Arznei, und sie ist Teil der muslimischen Tradition. So soll der Prophet Mohammed einigen erkrankten Anhängern einst empfohlen haben, Kamelmilch und -urin zu trinken, „bis ihre Körper wieder gesunden.“ Statistiken über die Verwendung von Kamelurin sind rar, doch wenn man ein wenig Zeit im Jemen verbringt, stößt man vor allem auf dem Land auf Menschen, die Urin trinken, um sich damit zu kurieren und manchmal wird er sogar von Ärzten verschrieben. Einige Forscher in muslimischen Ländern versuchen, die heilende Wirkung des Urintrinkens wissenschaftlich zu belegen. Im Februar verkündete eine Forschergruppe der König Abdulaziz Universität in Saudi-Arabien, aus Kamelurin eine als PMF701 bezeichnete Substanz extrahiert zu haben, die sich als Wirkstoff gegen Krebs einsetzen ließe. Dieselben Forscher hatten bereits 2009 behauptet, es gebe Hinweise, dass Kamelmilch und -urin Ekzeme und Psoriasis bekämpfen könnten. Sie erhielten allerdings nie die Erlaubnis der Nahrungs- und Arzneimittelbehörde, weitere Studien mit Patienten durchzuführen. Wissenschaftler und Ärzte der Region verurteilten darüber hinaus die Praxis, Kamelpipi zu schlürfen. Dozenten der Sana’a University in Jemen scheuen keine Mühe, den Menschen klarzumachen, dass Urintrinken schlecht für das Verdauungssystem ist. Dr. Rida Al-Wakil, Professor an einer medizinischen Hochschule in Ägypten, erklärte in der kuwaitischen Zeitung Alrai, dass Werbeanzeigen für Kamelurinbehandlungen gegen Hepatitis potenziell gefährlich seien.

Als ich mich kürzlich in der Nähe von Ta’izz, Jemens drittgrößter Stadt, aufhielt, beschloss ich, selbst auszuprobieren, worum hier so viel Aufhebens gemacht wird. Von den Hirten erfuhr ich, dass Pipi von jungfräulichen Kamelen wegen des köstlichen Geschmacks und der heilenden Wirkung hohe Preise erziele, ein einziger Liter könnte umgerechnet bis zu 15 Euro kosten. Ich kaufte nichtjungfräulichen Urin. Für umgerechnet etwa 3 Euro erhielt ich von einem Kamelhirten einen ganz frischen Liter und nahm einen großen Schluck.

Warme Pisse schmeckt ekelhaft. Wenn man sie mit Kamelmilch mischt, wie es hier Tradition ist, schmeckt sie noch grauenvoller. Den moschusartigen Nachgeschmack, der sich nach dem ersten Schluck in deinem Mund ausbreitet, wieder loszuwerden, ist unmöglich. Ich fühlte mich danach kein bisschen gesünder, aber es hat mich auch nicht kränker gemacht.

Mehr Geschichten aus der Ausgabe:

Geister-Vergewaltigungen in Bolivien

Soko Tierschutz

Der König des Cannabis