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Hinter der Homophobie in Uganda stecken amerikanische Fundamentalisten

Amerikanische Evangelikale glauben, den „Kulturkrieg“ zu Hause verloren zu haben—ein Bundesstaat nach dem anderen erlaubt Homo-Ehe oder Abtreibung. In Afrika sehen sie noch Chancen—und investieren hier ihr Geld.
04 Dezember 2013, 3:00pm

2009 gab es einen weltweiten Aufschrei, als bekannt wurde, dass das ugandische Parlament darüber nachdenkt, ein „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ zu verabschieden. Weil das Gesetz in Fällen von „verschärfter Homosexualität“ sogar die Todesstrafe vorsah, wurde es weltweit als „Kill the gays bill“ bekannt und verurteilt. Was kaum jemand wusste: Es handelte sich bei der Initiative nicht um einen wahllosen Ausbruch afrikanischer Homophobie, sondern um das Ergebnis einer langjährigen „Missionierungsarbeit“ amerikanischer evangelikaler Christen in Uganda.

In seinem neuen Film God Loves Uganda hat der Oscar-Gewinner Roger Ross Williams die Verbindung zwischen amerikanischen Ultrakonservativen und ugandischen Opportunisten aufgeklärt, die Uganda den Ruf eingebracht hat, für Homosexuelle eines der gefährlichsten Länder der Welt zu sein. Am 10.12.13 gibt es in Wien die Premiere im Rahmen des Filmfestivals This Human World. Im Interview hat mir Roger erklärt, wie er als Homosexueller Vertrauen zu den amerikanischen Evangelikalen gewinnen konnte, was die eigentlich in Afrika wollen, und wie sein Oscar ihm das Leben gerettet hat.

VICE: Hi Roger. Wie bist du zuerst auf diese Geschichte aufmerksam geworden?
Roger Ross Williams: Ich habe über ein paar Jahre in Zimbabwe meinen Film Music by Prudence gedreht. In dieser Zeit bemerkte ich den enormen Einfluss dieses fundamentalistischen Evangelismus auf dem Kontinent. An jeder Ecke steht eine Kirche. Also fing ich an, über Uganda zu lesen, das gerade viel Aufmerksamkeit wegen des Gesetzes gegen Homosexualität bekam. Und dann fuhr ich hin, und es war noch viel heftiger, als ich gelesen hatte. Der Erste, den ich traf, war David Kato—der Aktivist, der später mit einem Hammer ermordet wurde. Er machte mich auf die echte Story aufmerksam: der Schaden, den amerikanische Evangelisten in seinem Land anrichten**.**

Was wollen die Evangelikalen in Uganda?
Viele amerikanische Evangelikale haben das Gefühl, den „Kulturkrieg“ in Amerika verloren zu haben: Ein Bundesstaat nach dem anderen erlaubt die Homo-Ehe oder Abtreibungen. Sie glauben deshalb, dass sie in Amerika verlieren, im globalen Süden aber gewinnen. Und in Afrika haben sie ihr „Ground Zero“ gefunden. Idi Amin, der brutale Diktator Ugandas, war Moslem und hatte die Evangelikalen verboten. Das Land hatte außerdem die höchste AIDS-Rate auf dem afrikanischen Kontinent und wurde von einem Bürgerkrieg verwüstet. Als Idi Amin stürzte, hinterließ er ein Vakuum. Am selben Tag war Mike Bickel, der Gründer des International House of Prayer—einer ziemlich großen Kirche, mit circa tausend Angestellten und einem Jahresbudget von 30 Millionen Dollar—da, um Uganda als christliches Land zurückzuerobern.

Und warum haben sie sich so auf Homosexuelle eingeschossen?

Ich glaube, es ist eine Methode, um einen gemeinsamen Feind zu schaffen. Die Regierung nutzt es, um die Öffentlichkeit von den echten Problemen abzulenken. Es ist ja eines der korruptesten Länder der Welt.

Das ist ziemlich perfide.

Für die ugandischen Pastoren und sogar Politiker geht es außer der Ablenkung aber auch noch um Geld, das sie von den frustrierten Konservativen in Amerika wollen. Und sie bekommen das, indem sie sich als völlig extrem darstellen. Im Film erzählt David Bahati, der Urheber des Anti-Homo-Gesetzes, dass die Spenden sich verdreifachten, als das vorgeschlagen wurde. Ihnen wurde plötzlich klar, dass sie eine Goldmine entdeckt hatten. Es dreht sich alles ums Geld. In Afrika bedeutet Religion Geld. Es ist das größte Geschäft. Jedes Kind will Pastor sein, wenn es groß wird, nicht Arzt oder Anwalt. Und die Pastoren protzen mit ihrem Reichtum, ihren großen Häusern, ihren dicken Autos. Und sagen den Leuten: „Wenn ihr mir folgt, dann werdet ihr auch reich.“

Aber auch jeder Politiker, mit dem ich gesprochen habe, hat mir erzählt, er sei „born again“ und glaube, biblisches Recht stehe über dem weltlichen. Es gibt da fast keine Trennung zwischen Kirche und Staat, das ist das Problem.

Das hört sich an, als würden die Evangelikalen versuchen, eine Theokratie in Uganda zu erschaffen.

Ich glaube, das tun sie auch. Sie achten aber sehr darauf, das nicht zu sagen. Uganda ist nämlich schon einmal zu weit gegangen, als die Todesstrafe für Homosexuelle eingeführt wurde. Da mussten die Amerikaner aus PR-Gründen plötzlich ganz schnell Abstand nehmen. Der extremste Anti-Homo-Pastor in Uganda ist Martin Ssempa (berühmt wegen seiner „Eat da Poo-Poo“-Rede).

Er wurde bezahlt von Rick Warren, einem der einflussreichsten Evangelikalen Amerikas—er hat Obama eingeschworen. Rick Warren hat sich sehr lange nicht zu dem Anti-Homo-Gesetz in Uganda geäußert, aber als der Druck schließlich zu groß wurde, machte er ein Statement auf YouTube.

Es ist sehr interessant, wenn man sich zuerst dieses Statement ansieht und dann das von Ssempa, der sich verraten fühlt. Er sagt: „In Afrika sagt ihr uns, dass alles großartig ist, was wir tun, und dann geht ihr nach Amerika zurück und sagt, das ist afrikanische Kultur, wir haben damit nichts zu tun.“

Apropos afrikanische Kultur. Gab es vor den Evangelikalen keine Homophobie in Afrika**?**

Doch, die gab es überall. Aber traditionell wurde Homosexualität in vielen afrikanischen Kulturen akzeptiert. Der König der Buganda, des größten Stammes von Uganda, war ein offen schwuler König. Aber dann kam Scott Lively hierher und hielt eine fünfstündige Rede über die Bedrohung durch Homosexualität. David Kato hat mir gesagt, dass das Problem in Uganda ist, dass die Menschen das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Die denken, sie müssen den Amerikanern gefallen, losgehen und Homosexuelle töten. Deshalb explodiert die Gewalt.

Du hast sehr viel Zeit mit den Missionaren verbracht. Wussten die, dass du schwul bist?

Nein, zuerst nicht. In Uganda ist es ja auch illegal. Wenn man kein Aktivist ist, dann erzählt man das nicht herum. Eine BBC-Crew wurde aus der Stadt gejagt, weil der Reporter schwul war. Ich war also zuerst sozusagen undercover. Aber dann wurde ich in einem Blog geoutet, und dann lockten mich die „Anti-Homo-Pastoren“ in einen Hinterhalt. Diesen Anti-Homo-Pastoren war ich eine Weile durch die Gegend gefolgt, die veranstalteten verrückte Hasskundgebungen—die hassten ja nicht nur Schwule, auch unzüchtige Frauen oder schwangere Teenager wurden verteufelt. Die luden mich auf einmal zum Abendessen ein. Als ich ankam, zogen sie plötzlich diese E-Mail heraus und sagten: „Wir wissen, dass du homosexuell bist.“ Das war unheimlich, weil das Leute sind, die mit der Bibel in der Hand dastehen und sagen: „Man muss diese Leute töten. Dieses Buch sagt, dass man sie töten muss.“ Die bildeten Milizen, die von Tür zu Tür gingen, um auf eigene Faust Schwule zu jagen, weil die Regierung ihnen nicht schnell genug handelte.

Dann haben sie mich und meine Crew umzingelt. Wir hatten furchtbare Angst, weil wir dachten, die bringen uns um. Aber sie sagten: „Wir haben dich gegoogelt, und du bist in Amerika ein bisschen zu bekannt, weil du einen Oscar gewonnen hast. Also werden wir dich heilen, statt dich zu töten.“ Und dann haben sie angefangen, über mir zu beten.

Oh Gott. Also hat dein Oscar dir das Leben gerettet!

Ja, würde ich auch sagen.

Hast du dich mit den jungen Missionaren eigentlich gut verstanden?

Ja, das war ja einer der Gründe, warum ich den Film gemacht habe. Ich wollte die andere Seite verstehen. Die Leute denken vielleicht, dass das böse, wütende Menschen sind, die rumlaufen und Hass predigen, aber nein: Die sind ziemlich nett und charmant. Ich glaube, die sind einfach fehlgeleitet, sie glauben, dass Gott sie lenkt. Aber wenn man sich mit ihnen hinsetzt, sind sie echt nett. Es war mir wichtig, diese Leute nicht zu verteufeln.

Wie wurde der Film denn in Afrika aufgenommen?
Wir hatten eine Vorführung in Malawi mit achtizig Glaubensführern und vierzig geheimen Mitgliedern der LGBT-Gemeinschaft—in Malawi können sie sich nicht outen, das Land ist nämlich berüchtigt für seine Schwulenfeindlichkeit. Die Glaubensführer standen nach dem Film auf und sagten, was man so erwartet hätte—dass Schwule schlimmer sind als Hunde und all sowas. Dann stand ein schwuler Mann langsam auf und sprach zu den Pastoren. Er sagte ihnen: „Ich bin Malawi, ich bin schwul, ich wurde so geboren. Wenn ich es ändern könnte, würde ich es ändern, weil ihr mein Leben zur Hölle macht. Aber ich bin so.“

Dann stand eine Frau auf und sagte: „Ich bin verheiratet, habe zwei Kindern. Ich liebe meine Kinder, aber meinen Ehemann liebe ich nicht, weil ich eine Lüge lebe. Weil ihr mich dazu zwingt.“ Und dann sagte sie, dass sie ihre Freundin liebt, und die Freundin kam zu ihr, und sie haben sich vor den Pastoren geküsst. Die ganzen Homosexuellen fingen an zu jubeln und stellten sich an, um sich alle, einer nach dem anderen, zu outen. Das war das erste Mal, dass Homosexuelle sich in Malawi öffentlich geoutet haben. Wir waren in allen Zeitungen auf der ersten Seite.

Das ist Wahnsinn.

Ja! Und dann stand einer der Pastoren auf, der das eben noch über Schwule und Hunde geäußert hatte, und sagte: „Ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe, ich will meine Aussage zurückziehen. Ich habe noch nie einen Homosexuellen getroffen, und Homosexuelle sind gut.“ Das haben wir alles auf unserer Webseite. Und so war es überall auf dem Kontinent—die Leute hatten einfach nicht kommuniziert. Und wenn sie das tun, ist es großartig. Vor Kurzem habe ich mich mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Ugandas, der jetzt Präsidentschaftskandidat für 2016 ist, in Washington getroffen. Er hatte den Film gesehen und sagte mir, dass es stimmt, dass die Amerikaner sie einer Gehirnwäsche unterzogen haben, aber dass sie ihre eigene Meinung haben müssen. Jetzt arbeiten wir mit ihm zusammen, und er will der erste ugandische Führer werden, der sich für Gleichheit für alle einsetzt und Homosexualität entkriminalisiert.

Das ist eine unglaubliche Geschichte. Danke sehr, Roger!