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Smithers hat sich endlich als schwul geoutet, bleibt aber trotzdem erbärmlich

Nach 27 Jahren ist nun offiziell, was jeder wusste: Smithers ist schwul und verliebt. Nur leider auf eine sehr traurige Weise.

von Paul Garbulski
06 April 2016, 10:23am

Über ein Vierteljahrhundert musste vergehen, bis Smithers endlich das öffentlich auszuleben gestattet wurde, was unterschwellig über die Jahre allen Zuschauern und Figuren im Simpsons-Universum klar war: seine Homosexualität. In der 591. Folge kam das Outing. Wobei auch nicht so richtig, denn wie die Kritik teilweise bemängelt, kommt in der Folge The Burns Cage nicht ein Mal das Wort „gay" vor—und ein konkretes Coming-out, bei dem Smithers die Worte „Ich bin schwul" wem auch immer gegenüber gesteht, gab es auch nicht. Aber das war von den Drehbuchautoren genauso gewollt. „Wir wollten nicht wirklich diesen einen großen Moment haben, in dem Smithers sich mit den Worten ‚Ich bin schwul' outet", erklärte Drehbuchautor Rob LaZebnik gegenüber der New York Post. „Stattdessen einfach nur eine große Umarmung."

Die Idee dahinter wird wohl sein, kein großes Aufhebens um „etwas" zu machen, das ohnehin schon alle wissen und in der heutigen Zeit kein großes Thema sein sollte. Ja, Homosexualität ist völlig natürlich und dennoch wird ihr häufig nicht auf diese Weise begegnet. Für viele Homosexuelle ist ihr Coming-out auch nicht mit einer symbolischen Umarmung erledigt.

Problematisch erscheint auch Mr. Burns als Objekt homosexueller Begierde. 27 Jahre lang verschwendet sich Smithers auf die erniedrigendste Weise an eine Figur, die an Inhumanität und Ekelhaftigkeit kaum zu überbieten ist. Mr. Burns ist gefühlte 1.000 Jahre alt, sein Körper ist atomar verseucht, er zerfällt seit Anbeginn der Serie in seine Einzelteile und vom Charakterlichen müssen wir gar nicht erst anfangen. Und genau er ist es, an den die Liebe der zentralen—wenn nicht gar einzigen—homosexuellen Figur bei den Simpsons gekoppelt wird. Damit nicht genug: Selbst eine Person wie Mr. Burns kann Smithers nicht für sich gewinnen.

Stattdessen wird er in The Burns Cage wieder mal von seinem Chef traktiert: Ihm wird der Kopf in den Boden getreten, nachdem er Burns kurz zuvor bei einem Fallschirmsprung das Leben gerettet hatte. Nach dieser kränkenden Szene fällt dem bis zur Selbstaufgabe devoten Smithers nichts Besseres ein, als Mr. Burns seine Liebe zu gestehen. Wenige Sekunden zuvor singt Herb Alpert „You say this guy, this guy is in love with you", Burns zieht sich seinen Helm aus, die von Altersflecken gezeichnet Fratze bewegt sich in Slow-Motion, Smithers hat den Dreck in seinem Gesicht bereits völlig vergessen und macht Burns endlich das Geständnis. Natürlich scheitert er wieder. Burns unterbricht ihn mit den Worten: „Verstehen Sie das nicht falsch, aber Sie bedeuten mir nichts. Ich verschwende weniger Gedanken an Sie als das kleine Stück Popcorn zwischen meinen Zähnen. Oh, könnten Sie mir helfen, es zu entfernen?" Natürlich kann Smithers das. Er entfernt den kleinen Brocken und hält ihn in seiner Hand fest wie Frodo seinen heiligen Ring. Burns schaut ihn mit dem Arsch an und verschwindet.

Es sind Szenen wie diese, die der Homosexualität das Stigma des Perversen, Fehlgeleiteten, Widernatürlichen, ja fast schon Erbärmlichen geben. Homer trinkt Bier, ist dumm wie ein Meter Feldweg, hat aber eine Ausnahmefrau wie Marge an seiner Seite—die weichgespülte Schwuchtel Smithers dagegen kann sich mit den Essensresten einer lebenden Leiche begnügen.

Das alles ist natürlich hart ausgedrückt und niemand unterstellt den Drehbuchautoren, bewusst diese subtile Dynamik im Verhältnis zwischen Smithers und Burns zu schaffen—im Gegenteil. Diese Folge hat Drehbuchautor Rob LaZebnik aus Liebe zu seinem schwulen Sohn geschrieben: „Ich bin ein Kerl aus dem mittleren Westen und neige nicht dazu, meine Gefühle nach außen zu tragen, also dachte ich mir: Gibt es einen besseren Weg, meinem Sohn zu sagen, dass ich ihn liebe, als darüber zu schreiben?" Sein Sohn half ihm sogar dabei. Er erklärte ihm zum Beispiel, wie Grindr funktioniert, sodass Homer in der Folge ein paar Dates für den von Burns verschmähten Smithers klarmachen konnte.

Das ist ein großer Fortschritt und eine Wende in der Serie: Bislang wusste jeder über die Homosexualität von Smithers Bescheid, aber niemand sprach darüber. Es war wie ein Tabu, mit dem der Lakai von Mr. Burns alleine gelassen wurde. Nun bekommt er Hilfe und kann das offen ausleben, was er im Verborgenen mit sich herum tragen musste. Aber auch in der aktuellen Folge scheitern Smithers' Bemühung, mit anderen Männer über Mr. Burns hinwegzukommen, und solange das nicht passiert, wird Smithers samt seiner Homosexualität das Stigma des Erbärmlichen nicht los.

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