FYI.

This story is over 5 years old.

News

Was es mit dem Flugblatt auf sich hat, das den #marchofhope in Idomeni ausgelöst haben soll

Freiwillige Fluchthelfer sollen Schuld am Tod von drei Refugees haben, weil sie auf eine Lücke im Grenzzaun hingewiesen haben. Das ist falsch.
15.3.16

Wie wir bereits am Montag berichtet haben, sind in der Nähe der griechischen Grenzstadt Idomeni drei Menschen beim Versuch, einen Fluss zwischen Griechenland und Mazedonien zu überqueren, ertrunken.

Bei den drei Toten handelt es sich um eine 27-jährige, schwangere Frau aus Afghanistan, ihre 17-jährige Schwester und deren Cousin, wie Aktivisten aus Idomeni gegenüber VICE berichten. Unklar ist nach wie vor, wie die drei Schutzsuchenden von der Möglichkeit erfahren haben, über den Fluss mazedonisches Hoheitsgebiet zu erreichen.

Anzeige

Fakt ist mittlerweile aber, dass am Montagmorgen hunderte Flüchtlinge vom improvisierten Flüchtlingslager am Grenzübergang Idomeni aus in Richtung Mazedonien aufgebrochen sind, nachdem ein Flugblatt aufgetaucht war, auf dem erklärt wurde, wie der Grenzzaun umgangen werden könne.

Nach Ansicht der griechischen Regierung handelte es sich bei der Verteilung der skizzierten Fluchtroute um eine organisierte Aktion von mutmaßlich deutschen Flüchtlingshelfern. Das Flugblatt wurde zwar in arabischer Sprache verteilt, war jedoch mit „kommando norbert blüm" unterzeichnet. Der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm hat in Solidarität mit den Refugees in Idomeni letzte Woche dort eine Nacht in einem Zelt verbracht. Dass er selbst mit der Aktion zu tun hat, hat Blüm am Dienstagvormittag negiert:„Ich habe Verständnis für die Verzweiflungstat, die ich jedoch nicht initiiert habe", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) laut Focus.

Dass es sich tatsächlich um eine organisierte Aktion handeln könnte, wird auch dadurch wahrscheinlich, dass auf dem Flugblatt ein Treffpunkt für einen gemeinsamen Abmarsch aus Idomeni um 14:00 Uhr eingezeichnet ist.

In dem Flyer wird außerdem darauf hingewiesen, dass die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien geschlossen ist und bis auf Weiteres auch geschlossen bleiben wird. Außerdem wird erklärt, dass es keine Züge oder Busse gibt, die die Schutzsuchenden nach Norden bringen würden (obwohl etwa Deutschland nach wie vor Geflüchtete aufnimmt) und dass die Möglichkeit besteht, dass Griechenland bald Menschen zurück in die Türkei abschieben könnte. Auch vor einer eventuell bevorstehende Räumung des Lagers in Idomeni wird gewarnt.

Anzeige

In weiterer Folge schreiben die Verfasser des Informationsblattes, dass der Grenzzaun irreführend sei, da er bereits nach fünf Kilometern enden würde und nur dazu da sei, die Schutzsuchenden glauben zu lassen, die Grenze wäre komplett geschlossen. Die Refugees werden darauf hingewiesen, dass es problematisch sein könnte, der Versuch zu starten, in kleinen Gruppen Mazedonien zu erreichen, da sie so viel einfacher von der Polizei aufgehalten und zurückgeschickt werden könnten. „Wenn Sie aber zu Tausenden versuchen, gleichzeitig über die Grenze zu kommen, wird die Polizei Sie nicht stoppen können", heißt es schließlich.

Wer tatsächlich hinter der Aktion steckt, kann niemand so wirklich beantworten. Bevor die Signatur „kommando norbert blüm" jemandem auffiel und die mazedonischen Behörden deutsche Aktivistinnen und Aktivisten verdächtigten, soll es geheißen haben, dass das Flugblatt von einer Facebook-Seite stamme, die Schutzsuchende auf ihrer Flucht mit wichtigen Informationen versorgt, so die Aktivistengruppe „Forgotten in Idomeni" gegenüber VICE.

Tatsächlich finden sich auf besagter Facebook-Seite Wetterkarten, Sturmwarnungen und Informationen zur Schließung der Balkanroute sowie mögliche Ausweichrouten. Auch von einer Demonstration am 14. 03. in Idomeni ist die Rede—gleichzeitig heißt es in dem Posting zur Demonstration aber auch: „Die Nachrichten einiger Leute über eine Wiederöffnung der Grenzen entsprechen nicht der Wahrheit. Also, gestrandete Brüder in Griechenland, bleibt geduldig und nehmt nicht an irgendwelchen waghalsigen Aktionen teil."

Anzeige

Problematisch an dem Flugblatt ist vor allem, dass in dem Plan auf eine Stelle im Fluss hingewiesen wird, die angeblich trocken („ohne Wasser") sei. Genau diese Stelle entpuppte sich aber als gefährliche Flusspassage, die trotz starker Strömung von Hunderten Flüchtlingen durchwatet wurde. „Forgotten in Idomeni" hält aber fest: „Die Freiwilligen, die gestern die Gruppe von Flüchtlingen begleitet haben, taten dies, um die Flüchtlinge zu unterstützen, nicht um sie in ihrem Tun zu bestärken. Die Freiwilligen in Idomeni helfen den Menschen dabei, zu überleben, nicht sich in Gefahr zu begeben."

Vor allem aufgrund dieses Hinweises auf dem Flyer wird nun aber in Social-Media-Kanälen die Schuld am Tod der drei Refugees den Verfassern des Flugblattes zugeschrieben. Diese Falschinformation der Aktivistinnen und Aktivisten kann ohne Frage tatsächlich als gefährlich betrachtet und die Flugblattaktion als Ganzes in Frage gestellt werden.

Und doch liegt die Verantwortung ganz sicher nicht in erster Linie bei den Fluchthelfern. Allein schon deshalb, weil die drei Afghanen bereits mehrere Stunden Tod waren, als die ersten Flugblätter auftauchten.

Die Verantwortung liegt aber auch aus weiteren Gründen nicht unbedingt bei den Fluchthelfern. Denn zum einen muss jedem mündigen Schutzsuchenden ein gewisser Grad an Eigenverantwortung zugesprochen werden. Es handelt sich hier schließlich nicht um ferngesteuerte Objekte, die blind alles machen, was ihnen gesagt wird—das zeigt etwa auch die Verweigerung der Forderung der griechischen Behörden, Idomeni zu verlassen und in Flüchtlingslager im Landesinneren zu gehen. Stattdessen hat man es mit durchaus informierten Menschen zu tun, die Gefahren sehr wohl einschätzen und abwiegen können.

Zum anderen kann die Flugblattaktion auch als ein verzweifelter Versuch verstanden werden, die Lage in Idomeni etwas zu entspannen, indem man zumindest einigen Hundert der knapp 15.000 Refugees im Lager zur Weiterreise verhelfen will.

Idomeni steht knapp vor einer humanitären Katastrophe, die in erster Linie Österreich zu verantworten hat und die seit Wochen vor allem durch die Hilfe freiwilliger Helferinnen und Helfer aus ganz Europa verhindert wird—zumindest bisher. Dabei handelt es sich aber weder um professionell ausgebildete Krisenmanager noch um Sozialarbeiter mit einschlägiger Berufserfahrung, sondern um Menschen, die vielleicht sogar ihren Job oder ihr Studium aufgegeben haben, um das zu tun, was eigentlich Aufgabe der europäischen Gemeinschaft wäre: zu helfen.

Paul auf Twitter: @gewitterland