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Montage aus Foto von Istanbul (imago | Westend 61) und Jan Böhmermann (imago | Future Image)

​Wir haben Türken in Istanbul das Böhmermann-Gedicht vorgelesen

VICE Staff

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Es hat nicht besonders gut funktioniert.

Montage aus Foto von Istanbul (imago | Westend 61) und Jan Böhmermann (imago | Future Image)

Titelfoto: Montage aus Foto von Istanbul (imago | Westend 61) und Jan Böhmermann (imago | Future Image)

Was hältst du von den Zeilen „Sackdoof, feige und verklemmt ist Erdoğan der Präsident"? Mehmet sitzt im Café Kronotrop auf der Holzstufe und schaut einen an, als sei man ein hundefleischfressender Marsmensch. Der 21-jährige mit den langen schwarzen Haaren und einem langen Ohrring zieht an seiner Zigarette und kommentiert knapp: „So dummes Zeugs hat nicht einmal Erdoğan verdient." Damit ist das Gespräch beendet. Seine Freundin macht sich nicht einmal die Mühe, überhaupt irgendetwas zu sagen.

Seit rund zwei Wochen diskutiert die Bundesrepublik das Verständnis des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan von Meinungsfreiheit und den Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik. Angefangen hatte alles mit einem Satire-Beitrag des NDR-Magazins extra 3, der sich kritisch mit Verletzungen der Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei sowie mit dem Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte gegen Kurden im Südosten des Landes auseinandergesetzt hatte. Ankara hatte wegen des extra 3-Beitrags, der mit einem in „Erdowie, Erdowo, Erdoğan'' umbenannten Nena-Song unbenannten Song unterlegt wurde, den deutschen Botschafter einbestellt und eine Löschung verlangt. Dies war aber zurückgewiesen worden.

Daraufhin legte Böhmermann am vorvergangenen Donnerstag in seiner Sendung Neo Magazin Royale nach. Als Reaktion auf die Kontroverse um den NDR-Beitrag trug er sein „Schmähgedicht" vor—um ausdrücklich zu demonstrieren, was eben nicht mehr unter die von der Meinungsfreiheit geschützte Satire fällt. Man kann von der Provokation halten, was man will, aber sie funktionierte: Das ZDF nahm das Video online aus der Mediathek. Und in der Türkei kritisierte Hasan Basri Kurt, ein Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des türkischen Parlaments, Böhmermanns Aussagen als schwere Beleidigung. Die Türkei solle alle diplomatischen und juristischen Möglichkeiten nutzen, um sich zu wehren, sagte Kurt. Gegen Böhmermann als Privatperson und Verantwortliche des ZDF sind mittlerweile bei der Mainzer Staatsanwaltschaft Anzeigen eingegangen, es wird wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertretern ausländischer Staaten ermittelt.

Eine Riesen-Affäre also, und vor allem in Deutschland jetzt schon seit einer Woche ein Dauerthema. Aber was hält man eigentlich in der Türkei davon? Interessiert das Thema die Türken überhaupt? Und finden sie Böhmermanns Gedicht witzig? Um das herauszufinden, habe ich mich mit einer Übersetzung des Gedichts auf den Weg gemacht, um Menschen auf der Straße nach ihrer Meinung zu fragen.

Ich beschließe, meine Umfrage im Istanbuler Szeneviertel Cihangir unweit des Gezi-Parks auf der europäischen Seite der Bosporusmetropole durchzuführen. In Cihangir wohnen die sogenannten „Champagner-Intellektuellen". Die Hipster-Dichte ist hier hoch—Bärte, Hornbrillen, Converse und Röhrenjeans gehören zu der Grundausstattung der Männer, die Frauen tragen kurze, gerade geschnittene Ponys und sind oft im Vintage-Style gekleidet. Piercings und Tätowierungen gehören hier zum Straßenbild.

Neben dem Kronotrop befindet sich die Konditorei Elvan, in der die Hipster bei Kuchen und Tee über die Probleme des Landes reden. Frage an Nevin, 24, Mathematikstudentin: Was denkst du über die Verse „Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, selbst ein Schweinefurz riecht schöner. Er ist der Mann, der Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt"? Auch sie schaut einen an, als würde man einen extremst schlechten Witz mit ihr machen. „Sorry, aber solch niveauloses Zeugs lasse ich unkommentiert", lautet ihr knappes Statement, bevor sie sich wieder ihrem Tee widmet.

Bei diesen Zeilen von Jan Böhmermann wird es besonders heikel: „Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken, Kurden treten, Christen hauen und dabei Kinderpornos schauen. Und selbst abends heißt's statt schlafen: Fellatio mit hundert Schafen". Denn der intime Kontakt mit Tieren ist ein seit Jahrhunderten bestehendes Vorurteil gegenüber Muslimen. Im Elvan frühstückt die 35-Jährige Melissa. Sie muss gleich zur Arbeit, sie unterrichtet Kunst an einer Grundschule. „Ich hätte nie gedacht, dass die Deutschen so einen Mist verbreiten", sagt sie mit einem Kopfschütteln, mehr will sie nicht mehr dazu sagen.

Ja, Erdoğan ist voll und ganz ein Präsident mit kleinem Schwanz. Jeden Türken hört man flöten, die dumme Sau hat Schrumpel-Klöten, von Ankara bis Istanbul, weiß jeder, dieser Mann ist schwul, pervers, verlaust und zoophil, Recep Fritzl Priklopil", heißt es in Böhmermanns Gedicht. Für Emin so ungeheuerlich, dass ihm fast seine Teetasse aus der Hand fällt. Der 29-jährige Fotograf sitzt im Kardesler, einem sehr beliebten Restaurant in Cihangir. „Was der Sinn hinter solchen Worten sein soll, erschließt sich mir nicht", sagt er mit einem Kopfschütteln. „Ich würde niemals der AKP oder Erdoğan meine Stimme geben, aber solche Beschimpfungen bringen niemanden weiter."

Am Nebentisch frühstückt Meryam Güzelik, 23, Verkäuferin: „Sein Kopf so leer wie seine Eier, der Star auf jeder Gangbang-Feier, bis der Schwanz beim Pinkeln brennt, das ist Recep Erdoğan, der türkische Präsident", frage ich sie nach ihrer Meinung zu diesen Böhmermann-Zeilen. „Ekelhaft!", kommentiert sie eindeutig. „Satire sollte intelligent sein, und nicht beleidigen", dann will sie nicht mehr gestört werden.

Die Diskussion über die Grenzen der Satire, die Böhmermann wohl anstoßen wollte—auf dem Niveau ist sie den befragten Türken offensichtlich zu blöd. Und weil es mir auch langsam immer unangenehmer wurde, Leuten an diesem Freitagvormittag mit Worten wie „Ziegenficker" und „Schweinefurz" das Teetrinken zu versauen, musste ich die Umfrage leider abbrechen. Was wir gelernt haben? In der Türkei kriegt man nicht alles mit, was in Deutschland heftig diskutiert wird—und das ist vielleicht auch manchmal ganz gut so.