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Reisen

Während zehn Tagen stiller Meditation kommst du auf einen Trip und willst es mit Hunden treiben

Eine Vipassana ist ein stilles Gefängnis, das du freiwillig betrittst. Du darfst nicht reden, lesen, dein Telefon benutzen oder masturbieren, bis du die zehn Tage mit zehn Stunden Meditation hinter dir hast.

von Conor Creighton
03 Juni 2015, 6:19am

Alice Popkorn | Flickr | CC BY 2.0

Titelfoto: Alice Popkorn | Flickr | CC BY 2.0

Wenn du dich für eine Vipassana-Meditation anmeldest, musst du ein Formular unterschreiben, mit dem du versicherst, nicht abzuhauen. Wenn du ankommst, wird dir erneut die Frage gestellt, ob du dir sicher bist, und wenn du deine Sachen ausgepackt hast und einen Kräutertee nippend in der Kantine sitzt, wirst du erneut gefragt, ob du wirklich darauf vorbereitet bist, für die gesamte Länge des Kurses dazubleiben und den Regeln ganz genau zu folgen. Eine etwas sensiblere Seele bekommt vielleicht den Eindruck, dass sie bei der Vipassana gar nicht erwünscht ist.

Die Regeln sind einfach: Du musst jeden Tag bis zu zehn Stunden meditieren. Du darfst nicht reden, du darfst nicht lesen, du darfst dein Telefon nicht benutzen, du darfst nicht rauchen, du darfst mit den anderen Teilnehmern keinen Augenkontakt aufnehmen, du darfst nicht masturbieren und du kannst nicht gehen, bis der Morgen des elften Tages anbricht. Außerdem wird von dir erwartet, dass du niemanden umbringst.

Unser Lehrmeister heißt Davide. Er sieht aus wie Buddha—rund und dicklich, ausgestattet mit diesem permanenten Lächeln, das sowohl heilige Leute als auch Leute, die high sind, so lieben. Er sieht sich um, mustert jeden genau, guckt, ob es Zweifler gibt, ein merkwürdiges Kopfschütteln, eine zitternde Oberlippe, und als er niemanden sieht, lächelt er und bittet uns, ihm unsere Telefone, Notizbücher und Geldbörsen auszuhändigen (meine Geldbörse behalte ich, erste Regel gebrochen), und dann kann die Vipassana beginnen.

Eine Vipassana-Meditation ist eine Art stilles Gefängnis, das du freiwillig betrittst. Während der Zeit dort lebst du das Leben eines Mönchs, was bedeutet, dass du nicht arbeitest, keinerlei Unterhaltung hast und deine Aufgaben auf Atmen, Schlucken und Pinkeln beschränkst.

Das übliche Minimum sind zehn Tage, aber ernsthaft Meditierende bleiben bis zu 90 Tage, was ich mir als größte Nahtoderfahrung vorstelle, die eine eigentlich noch lebende Person machen kann. Die Technik wurde vor mehr als 2.500 Jahren von Buddha selbst entwickelt, war aber bis in die 1950er verschwunden. In den 70ern sind dann in Kalifornien und Europa Vipassana-Zentren entstanden, die Leuten die Möglichkeit gegeben haben, ihr Leben zu ändern. John Frusciante hat sich zum Beispiel nach einer Vipassana vom Heroin verabschiedet.

Vor ungefähr einem halben Jahr habe ich angefangen, recht regelmäßig psychedelische Drogen zu nehmen. Teilweise, weil es Spaß gemacht hat, aber auch, weil ich davon therapeutisch profitiert habe. Als ich gehört habe, dass Meditation ähnliche Effekte hervorrufen kann, habe ich mir einen zehntägigen Kurs der stillen Meditation in Italien rausgesucht. Die Warteliste belegt die Beliebtheit dieser Meditationsart: Ich habe mich vor sieben Monaten angemeldet und vor Kurzem erst einen Platz bekommen. Nachdem ich endlich angenommen wurde, habe ich eine Abwesenheitsnotiz in meinem E-Mail-Account eingerichtet, eine letzte Ladung in die Laken geschossen und ein Flugzeug in die Toskana hin zur perfekten Stille betreten.

Der erste Tag einer Vipassana ist so trügerisch wie nur möglich, da du immer noch reden und Kontakte knüpfen darfst. Die Frauen und Männer—es sind ungefähr 80—setzen sich in einen großen Gemeinschaftsraum, reden und essen Suppe. Es gibt viel Gelächter. Hier und dort wird auch ein bisschen geflirtet. Am nächsten Tag ertönt um vier Uhr morgens ein lauter Gong und wir marschieren in vollständiger Dunkelheit in einen Meditationssaal. Männer und Frauen werden strikt getrennt. Wir bekommen nur mit, dass es Frauen gibt, wenn wir ihre sanften Schritte auf ihrer Seite des Hofes vernehmen oder der Klang eines Föns in der Stille eines weiteren bitterkalten toskanischen Morgens in der Ferne zu hören ist.

Ich werde mit fünf Typen in den 20ern in einen Raum gesteckt, die ich aufgrund eines Gefühls allesamt für Italiener halte. Ich bin mir jedoch nicht sicher, denn außer ihrem nächtlichen Schnarchen bekomme ich keine Laute von ihnen mit. Ich lerne sie durch ihren Geruch kennen, denn bei einer Vipassana trägst du meistens jeden Tag dieselbe Kleidung, in der du auch schläfst, weil es nachts ziemlich kalt ist. Und weil wir angehalten sind, Wasser zu sparen, besteht unser tägliches Waschen aus nicht viel mehr als ein paar Spritzern Wasser im Gesicht. Der Geruch ist manchmal warm, manchmal muffig und manchmal wie die schwammigen Füße eines nassen Hundes, der seine Nase den ganzen Tag in Kuhmist gesteckt hat.

Am Anfang ist der schwerste Teil der Vipassana-Meditation das Stillsitzen. Du bekommst ein Kissen und eine Decke und es wird von dir erwartet, dass du die ganze Zeit im Schneidersitz darauf sitzt; Stunde um Stunde, den ganzen Tag. Dein Rücken fängt an, wehzutun, deine Knie fühlen sich an, als würden sie brennen, und dein Steißbein—dieser Knochen, den es nur zu geben scheint, wenn du darauf fällst—fängt unter dir zu pochen an. Fast genauso anstrengend wie diese einseitige Pose ist die Zeit. Du sitzt dort mit schmerzendem Körper und wartest, dass die Minuten verrinnen, damit du deine Beine strecken und schnell eine Tasse Tee trinken kannst. Ich habe eine Uhr am Arm. Immer wenn ich meine Augen öffne und auf die Uhr sehe, hat sich nichts verändert. Ich gehe fest davon aus, dass sie kaputt ist. Ich nehme sie ab, nehme die Batterie raus, puste einmal fest, reibe die Batterie an meinem Arm und setze sie wieder ein und sehe, wie die Sekunden vergehen. Die Uhr funktioniert einwandfrei. Es ist die Zeit, die irgendwie kaputt ist.

Foto: Moyan Brenn | Flickr | CC BY 2.0

In dieser Nacht gehe ich zu Bett und schmuggle mein Telefon heraus in die Dunkelheit. Ich habe keinen Empfang. Ich schwöre mir, dass ich morgen, anstatt um vier Uhr morgens mit allen anderen in den Meditationsraum zu gehen, das Gelände verlasse, auf einen Hügel klettere und nach Handyempfang suche.

Am nächsten Morgen bin ich jedoch zu benebelt, um einen Fluchtplan zu schmieden. Der Gong erklingt und ehe ich mich versehe, sitze ich im Schneidersitz auf meinem Kissen, umgeben von all den anderen Meditierenden und höre den Anweisungen, meinem Atem zu folgen, zu. Ein weiterer Tag Folter erwartet mich.

Auf dem Platz neben mir sitzt ein älterer Mann. Er trägt einen leuchtend roten Hoodie mit einer Aufschrift auf dem Arm: Surf, Life, Love. Est. 1987.

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Um die Zeit totzuschlagen mache ich daraus einen Code, bei dem jeder Buchstabe seine numerische Position im Alphabet repräsentiert und umgekehrt. Surf ist also 19, 21, 18, 6. Und 1987 ist A, I, H, G. Ich mache das den ganzen Tag und obwohl die Zeit dadurch nicht schneller vergeht, wandle ich jede Zahl und jeden Buchstaben, den ich sehe, so um. Als es Abend wird, bin ich noch überzeugter als zuvor, dass ich abhauen werde. Für den nächsten Morgen nehme ich mir vor, mit meinem Handy auf die Spitze eines Hügels zu klettern, Freunde zu kontaktieren, dann zu gehen, Wein zu trinken, Mozzarella zu essen, zu reden, zu wichsen und etwas in Italien zu erleben.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich im Kampfmodus. Ich ziehe meinen Mantel an und während der Rest der öden Meditierenden in die Halle marschiert, verlasse ich den Weg und springe über den Zaun, den wir versprochen haben, nie zu überqueren. Ich renne durch das lange, nasse Gras in Richtung des Hügels. Das Erste, was mir auffällt, ist, wie nutzlos meine Beinchen geworden sind, nachdem ich zwei Tage nur im Schneidersitz dagesessen habe. Meine Knie machen ein Geräusch wie alte Türklinken. Meine Oberschenkel fangen nach ein paar Schritten an wehzutun. Und als ich endlich auf dem Hügel angekommen bin, ist der Empfang so schlecht, dass nur Whatsapp funktioniert. Ich schicke meinem Freund Andrea eine Nachricht:

Ich haue morgen ab. Kann ich bei dir bleiben?

Nachdem ich die Nachricht geschrieben habe, fühle ich mich erleichtert. Ich steige vom Hügel herab und gehe zurück ins Bett. Beim Frühstück trinke ich den Instant-Kaffee und esse den kalten Porridge mit dem Stolz eines Mannes, der weiß, dass es ab morgen nichts außer Cappuccino und Croissants geben wird. Und als später der Gong ertönt, gehe ich in Richtung Meditationsraum, steige die 49 Stufen (die habe ich auch gezählt) empor und nehme meinen Platz neben dem alten Mann im Hoodie mit Ruhe und Gelassenheit ein. Die Anweisungen beginnen: Konzentriert euch auf euren Atem. Ich denke mir, dass es keinen Sinn ergibt, sich etwas zu verweigern, das ich sowieso bald hinter mir lasse, also folge ich ihnen zum ersten Mal. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich auf meinen Atem. Ich konzentriere mich so sehr, dass ich fühle, wie mein Kopf sinkt.

Nur, dass es nicht wirklich mein Kopf ist, der sinkt. Es ist etwas in meinem Kopf. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass der Raum unfassbar ruhig geworden ist. Ich sage unfassbar, weil es bis jetzt bei jeder Sitzung mindestens zwei Huster und ein paar Nieser gab, eine Menge Geschlurfe und ein halbes Dutzend Räusperer. Aber jetzt ist der Raum so still wie ein Grab. Mein Kopf sinkt ein bisschen tiefer und all diese Lichter in meinem Schädel gehen an. Ich sehe Formen, wie Mandalas, dann schießende Raketen und einen Blitz, der so hell ist, dass ich meine Augen wieder öffnen muss. Ich verliere das Gleichgewicht, rutsche von meinem Kissen und falle auf den Typen in dem roten Hoodie neben mir.

„Sorry", sage ich reflexartig, er sieht mich mit ruhigen Augen an und legt den Finger an seine Lippen.

Bei der Vipassana darfst du im Falle eines Notfalls mit Davide reden, dem Lehrer, der den Kurs leitet. Ich gehe nach der Sitzung zu ihm in seinen kleinen Raum. Er sitzt auf einem großen, weißen, gepolsterten Thron. Du sitzt vor ihm auf dem Boden und fühlst dich sofort wie ein kleines Kind, das sich dem Weihnachtsmann in einem Einkaufszentrum nähert, nachdem es mit schwacher Blase 40 Minuten lang in der Schlange stand.

„Davide", sage ich", „ich war gerade auf einem unglaublichen Trip."

„Ma che?", sagt Davide.

„Ich habe halluziniert. Im Meditationsraum. Es war so stark, dass ich von meinem Kissen gefallen bin. Was bedeutet das?"

„Es bedeutet, dass es anfängt zu wirken", sagt Davide und schickt mich weg.

Wir machen Mittagspause. Das Mittagessen ist bei der Vipassana immer sehr einfach: Es ist vegan und hat wenig Geschmack, aber das Essen ist die einzige Zeit des Tages, in der du wirklich etwas zu tun hast, also ist die Vorfreude darauf sehr groß. Das Menü sieht jeden Tag nahezu gleich aus: Reis, Gemüse, Brühe und ein paar grüne Blätter, gefolgt von Früchten. Wir essen in vollkommener Stille. Gegenüber von mir sitzt ein Typ in einem Poncho, der eine Banane mit Messer und Gabel isst. Drei Plätze neben ihm hält jemand ein Salatblatt gegen das Licht und leckt daran. Mein Mund ist voller kalter Linsen. Ich schließe meine Augen und die Mandala-Formen tauchen wieder auf, schwimmen, fallen in die Ecken meines Sichtfeld wie Federn aus einem zerplatzten Kissen. Was auch immer ich getan habe, ich habe es geschafft, auf den Teil meines Gehirns zuzugreifen, den Neurochirurgen vielleicht, oder vielleicht auch nicht, „kostenlose Drogen" nennen.

Ich gehe zurück in den Meditationsraum und fange wieder an, meinem Atem zu folgen. Dieses Mal fühle ich, wie Strom durch meine Adern fließt. Dann fängt mein Bauch an zu rumoren und eine große Kugel aus Luft fängt an, sich von meinem Inneren über meinen Nacken aus meinem Kopf zu bewegen, wie ein riesiger, die Erde erschütternder Bohrer. Es ist, wie auf Ecstasy high zu werden, außer dass es keine Musik, kein Tanzen und keinen manischen Zigarettenkonsum gibt und ich nichts weiter mache, als meine Augen zu schließen und mich zu konzentrieren.

Ich beschließe zu bleiben. Das ist zu gut, um es zu verpassen. In dieser Nacht schleiche ich mich davon, während wir in die Schlafräume zurückgehen, steige wieder auf den kleinen Hügel und sende eine weitere Nachricht.

Fluchtplan abbrechen. Tutto bene.

Im Bett schließe ich meine Augen und bin bis zum nächsten Morgen auf einem Trip.

Der nächste Tag ist allerdings traurig. Der alte Mann mit dem roten Hoodie ist gegangen. Er sitzt nicht im Meditationsraum neben mir. Stattdessen ist dort nur ein Kissen und der sanfte Geruch von seinem Arsch, der sich die letzten drei Tage dagegen gepresst hat. Ich schließe meine Augen, konzentriere mich auf meinen Atem und warte, dass die Halluzinationen und der Dancefloor-Rausch in mir hochsteigen. Aber das passiert nicht. Ich kann mich nicht einmal konzentrieren. Aus irgendeinem Grund kann ich nur an Sex denken. Ich sitze dort im Meditationssaal und denke an jede einzelne Frau, mit der ich geschlafen habe, die mir einfällt, und stelle mir den Sex in Echtzeit vor. Ich muss meine Erektion unter einer Decke verstecken. Nach der Pause geht es weiter. Es gibt nichts, was ich tun kann, um die lebhafte Wiederkehr all der Sexszenen, die ich in meinem Leben hatte, abzustellen. Es ist nicht sehr verführerisch und das Meiste davon findet betrunken in Zimmern mit schäbigen Matratzen statt, in denen Poster mit Reiszwecken an den Wänden befestigt wurden.

Eine Zeichnung aus dem Notizbuch des Autor

Ein Freund von mir, der bereits Vipassanas hinter sich hat, hat mir gesagt, ich solle genau darauf aufpassen. Tatsächlich ist das der Hauptgrund, warum sie die Geschlechter trennen. Müßiggang ist aller Laster Anfang, nehme ich an, besonders wenn man zehn Tage aufeinander hockt.

Nach der Pause gehe ich wieder in den Saal. Dieses Mal nehme ich mir fest vor, nicht an Sex zu denken; ich will wieder halluzinieren. Diese Entschlossenheit ändert etwas, aber nicht so wie ich es gerne hätte. Jetzt denke ich darüber nach, Sex mit Männern zu haben. Mit haarigen Typen mit großen Bärten und viel Brusthaar. Und dann werden die Brusthaare zu Hundehaaren und ich sehe einen Hund, den Hund meines Nachbarn—er heißt Rascal, ein strubbeliger, gelber Köter—der über meine Brust klettert, und ehe ich mich versehe, hat Rascal seine lange Zunge ausgefahren und ich habe eine Erektion. Ich stehe auf, werfe meine Decke auf den Boden und stolpere aus dem Saal ins Tageslicht.

Es ist ein schöner Frühlingstag in der Toskana. Im Tal sieht man Bauern, die mit ihren Traktoren durch frischen Dung fahren und alte Frauen, die frische Minze am Ufer des Flusses pflücken. Über ihren Köpfen am Hang wird mir klar, dass die vier Tage intensiver Meditation mir entweder gezeigt haben, dass ich ein Sexfanatiker bin oder mich dazu gemacht haben.

Ich gehe zu Davide.

„Ja?", sagt er.

„Davide", sage ich, „etwas stimmt nicht. Gestern war ich voller Euphorie und heute bin ich in einer Welt voll düsterer sexueller Entzugserscheinungen gefangen."

„Deprivazione?", sagt er.

„Si", sage ich. „Es ist furchtbar."

„Das Gesetz der Vergänglichkeit", sagt Davide, „nichts bleibt für immer bestehen. Das ist die Lehre von Vipassana."

„Morgen wird es also nicht so sein?"

„Nichts bleibt für immer bestehen", sagt Davide und lächelt erneut.

„Danke", sage ich zu ihm und zu mir selbst sage ich 4, 1, 14, 11, 5. Ich frage mich, ob Davide recht hat und ob ich jemals wieder dazu übergehen kann, Buchstaben nicht mehr in Zahlen umzuwandeln oder davon zu fantasieren, alles mit einem Loch zu bumsen. Zum Abendessen gibt es Penne Pasta. Hunderte winzige, ölige Löcher, die mich anstarren. Ich esse sie natürlich mit einem Ständer.

Eine Zeichnung aus dem Notizbuch des Autors

Am fünften Tag geht noch jemand anderes. Einer der pummeligen Italiener aus meinem Zimmer. Ich komme von der morgendlichen Meditation wieder und sehe, dass sein Bett gemacht ist und seine Sachen weg sind. Sein Schnarchen war wie ein kleiner Zweitaktmotor auf einem Hügel. Er roch nach altem Gummi und Speckstein. Was wohl seine Name war? Ich werde ihn trotzdem vermissen.

Der Schneidersitz im Meditationssaal fühlt sich ungefähr so komfortabel an, wie Splitter zu entfernen, und die beunruhigenden sexuellen Fantasien halten an. Ich bin immerhin beruhigt, dass sie nicht länger Haustiere oder haarige Männer beinhalten. Die Halluzinationen kommen auch nicht wieder. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder am Anfang bin. An diesem Tag, nach dem Mittagessen, schleiche ich mich wieder auf den Hügel. Ich schicke eine weitere Nachricht:

Haue ab. Diesmal wirklich. Bis bald. Un bacio.

Ich steige vom Hügel herab und gehe zu Davide. Mittlerweile nennen wir uns beim Vornamen. Ich gehe in sein kleines Zimmer und sitze im Schneidersitz vor ihm, aber bevor ich anfangen kann zu sprechen, zeigt er auf mein Bein.

„Sieh", sagt er.

Ich ziehe mein Hosenbein hoch und sehe, wie sich eine kleine Zecke durch meine Haut wühlt. Der Hügel liegt in einem Wildgebiet. Es gibt Warnschilder, die ich längst in meinen Code übersetzt habe, dass man nicht durch das hohe Gras laufen soll. Davide reicht mit seiner Hand nach mir, klemmt die Zecke mit großem Geschick zwischen seinen Fingernägeln ein und zieht sie aus meiner Haut. Er hält sie in seiner Handfläche und zeigt sie mir. Die Zecke hat bestimmt ein Loch, sage ich zu mir selbst, aber ich empfinde kein sexuelles Verlangen für sie. Mit einer Bewegung hat Davide mich vor Borreliose bewahrt und meine wild ausufernden sexuellen Entzugserscheinungen geheilt.

„Was war deine Frage?", sagt Davide.

Ich sage nichts.

Nach alldem weiß ich, dass ich bleiben muss. Am sechsten und siebten Tag gehe ich zu jeder einzelnen Meditationssitzung—selbst zu den freiwilligen. Ich meditiere in der Freizeit, ich meditiere sogar, bevor ich ins Bett gehe. Ich behandle es wie einen Sport, Wettbewerbsmeditation—der Erste, der sich in einen flammenden Ball aus Licht verwandelt, gewinnt.

Es regnet während diesen beiden Tagen und vielleicht ist es das Wetter oder die Tatsache, dass die untere Hälfte unserer Körper durch die langsame Folter allmählich verrottet, aber die Leute fangen an, sich komisch zu verhalten. Ein italienischer Junge in meinem Zimmer fängt an, mit Dingen zu reden. Nachts legt er sich in sein Bett und sagt „ciao letto" und morgens, wenn er seine Schuhe anzieht, ermuntert er sie mit „andiamo". Ein anderer Typ kommt mit einer Jogginghose in den Meditationsraum, die er verkehrt herum trägt und aus der seine Arschbacken herausgucken. Die Tunnelbänder hängen über seinen Arsch wie eine Katze mit zwei Schwänzen. Und später am Tag fängt eine Frau am anderen Ende des Raumes an zu schnarchen. Ein Lehrer weckt sie auf, aber sie schläft immer wieder ein. Nichts hält sie mehr wach, nicht einmal der Schmerz in ihren Beinen, der Hunger oder die Erschöpfung durch das Nichtstun.

In dieser Nacht verlassen wir den Meditationssaal und laufen draußen auf dem Hügel herum, während wir darauf warten, wieder in unsere Schlafräume zurück zu laufen. Es ist eine sternenklare Nacht. Die Sterne leuchten so hell wie nur möglich. Einer schießt über den Himmel und hinterlässt eine lange Spur. Es ist die hellste Sternschnuppe, die ich je gesehen habe. Niemand sagt „Wow".

Am achten Tag stehe ich auf, bevor der Gong ertönt, und gehe in den leeren Meditationsraum, um mit dem Meditieren zu beginnen. Meine Beine fühlen sich an wie Kreide. Mein Arsch fühlt sich an, als hätte jemand mir einen wirklich kräftigen Tritt verpasst. Mein Rücken verkrampft sich schmerzhaft. Ich folge meinem Atem. Ich folge meinem Atem. Ich suche die kleinen Empfindungen, die meinen Körper durchströmen. Ich untersuche sie wie ein Chirurg, so wie die Anweisungen es dir sagen. Dann passiert etwas wirkliche Wunderbares und Unerwartetes. Kleine Wellen, die sich wie lange Seidenschals bewegen, fangen an, durch meine schmerzenden Gliedmaßen zu strömen. Mein Körper fühlt sich unglaublich leicht an. Ich kann meinen Arsch nicht mehr fühlen. Vielleicht ist er eins geworden mit dem flachen Kissen unter mir. Meine Schultern sacken weg und eine immense Kraft schießt aus meinem Magen in meinen Kopf und fällt dann auf mich zurück wie eimerweise samtiges Wasser. Ich fühle mich, als würde ich schweben, als hätte ich mich von meinen Knochen und meinem Fleisch entfernt. So geht das die nächste Stunde weiter und als der Gong zum Mittagessen ertönt, stehe ich nicht auf, ich strecke meine Beine nicht aus, ich sitze einfach da und weine.

Bhanga Nana ist der Begriff, den Vipassana-Lehrer nutzen, um die Loslösung vom Körper zu beschreiben. Es ist eine extrem kraftvolle Erfahrung, bei der du dich von jeglichem Schmerz befreist. Und das ist im Prinzip wie der neunte und zehnte Tag aussah: Ich befand mich in einer Art Dauerzustand der Überempfindung mit vielen, vielen Tränen.

Als Davide uns endlich das Zeichen gibt, dass wir wieder reden dürfen, gehen wir nach draußen auf den Abhang des Hügels und schauen uns gegenseitig an, als wären wir gerade aus dem Koma aufgewacht, bis endlich jemand den Mut hat und „buon giorno" sagt. Und weil wir nunmal umgeben von Italienern sind, bricht der ganze Hügel daraufhin in Geschnatter aus.

Es stellt sich heraus, dass einige Leute ziemlich wenig gefühlt haben. Der Typ, der mit den Sachen gesprochen hat, Raphael, sagt mir, dass er keine Visionen hatte, keine sanften Empfindungen—nur zehn Tage lang einen kaputten Hintern.

„Warum bist du dann nicht gegangen?", frage ich.

„Das Essen", sagt er, „und ein weiteres Zugticket wäre zu teuer gewesen".

Ungefähr zwei Stunden bevor wir zurückfahren, dürfen sich die Frauen und die Männer wiedersehen. Mehr als zwei Stunden hätten es auch nicht sein dürfen. Alle sind total geil und wäre mehr Zeit gewesen, hätte sich unsere stille, kleine Kloster-Kulisse vielleicht in eine riesige Orgie verwandelt.

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Die Toskana ist wunderschön. Vielleicht einer der schönsten Orte in Europa. Auf der Zugfahrt zum Flughafen fühlt es sich an, als würde ich den Garten Eden durchqueren, obwohl der einzige Garten Eden, den ich kenne, ein Blumenladen auf einem Kreisverkehr in Dublin ist, in dem Plastikrosen verkauft werden.

Im Flughafen sehe auf einen großen Bildschirm, auf dem Bilder vom Erdbeben in Nepal gezeigt werden. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Eine Frau kommt zu mir und fragt, ob es mir gut geht. „Hast du deinen Flug verpasst oder so?", fragt sie. Ich sehe zu ihr hinauf und sie hat Hasenzähne. Sie hängen über ihre Lippe wie zwei Bretter. Ich kann nicht anders, als daran zu denken, wie schwer es für sie gewesen sein muss, als sie aufgewachsen ist, und muss nur noch mehr heulen. Irgendwo in der Ferne höre ich einen Vater, der mit seiner Tochter schimpft. Die Tränen fließen weiter. Es ist, als würden sich die ganzen unerwiderten Erektionen als eine Art optische Ejakulation entladen. Oder wie die Leute in Vipassana es richtiger ausgedrückt hätten, als Wiedererwachen des Mitgefühls.

Zehn Tage lang stillzusitzen und das Meditieren zu lernen war, wie sich nach all dem Widerstand, der knappen Sache mit der Borreliose und den Schmerzen in Oberschenkeln, Knien und Hintern herausstellte, eine wunderbare Erfahrung. Zurück in der echten Welt hilft es dir, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Schmerz ist nur vorübergehend, Vergnügen ist nur vorübergehend und du bringst dir selbst nur Kummer, wenn du einem von beidem immer wieder hinterher rennst. Und auch wenn das wie eine einfache Faustregel klingt, macht es das nicht einfach, ihr zu folgen. Aber so lange eingesperrt und eingeschränkt zu sein und sich auf diese Weisheit zu konzentrieren, hat den Effekt, dass es deine eigene Weisheit wird. Es wird deins, genau wie dein Akzent oder dein Gang oder die Hasenzähne der Frau. Wenn also in deinem Leben Mist passiert, erinnert dich das an den Schmerz, den du während der Vipassana in deinen Beinen gespürt hast, und du weißt, dass du entscheidest, ob du dich deswegen stresst oder den Dingen ihren Lauf lässt.

Auf kurze Sicht denke ich, dass so etwas den Effekt hat, die Zeit zu verlangsamen. Wahrscheinlich weil du dir in den Tagen direkt nach einer Vipassana keinen unnötigen Stress wegen bestimmten Dingen machst, was dir eine Menge zusätzlicher Zeit einbringt. Es wird auch einfacher, Entscheidungen zu treffen. So dämlich das auch klingt, dein Körper sagt dir im Prinzip, was du machen musst, weil du es geschafft hast, dich auf dieser tiefen Ebene mit ihm zu verbinden.

Und was die abwegigen sexuellen Fantasien angeht, so kann ich nur sagen, dass der erste bärtige, schwule Mann, den ich gesehen habe, nichts bei mir ausgelöst hat und auch der zweite nicht. Das gleiche gilt für Rascal. Ich habe ihn auf den Kopf geküsst und basta.