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Das denken junge Zürcher über die „Panama-Papers”

Wir sind raus gegangen und haben junge Leute gefragt, was sie zu einem der grössten Wirtschaftsskandale der Gegenwart denken.
6.4.16
Foto: VICE Media

Die Panama-Papers sind 11.5 Millionen Dokumente, die vor etwa einem Jahr der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurden. Der anonyme Absender forderte nichts weiter, als dass die Zeitung die Inhalte veröffentlichen soll. Mit der schieren Menge an Informationen überfordert, involvierte die Süddeutsche Zeitung weitere rund 100 Medienunternehmen, um die Unmenge an Inhalten zu analysieren.

Am Sonntag veröffentlichten diese Medien die ersten Ergebnisse aus den Analysen und wir wissen nun über die bisher geheimen Machenschaften einer Anwaltskanzlei auf Panama Bescheid: Mossack Fonseca. Diese Anwaltskanzlei sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Gangstern, Bankern, Staatsoberhäuptern, FIFA-Offiziellen, Drogenhändlern, Elite-Sportlern und mindestens einem Menschenhändler dabei geholfen zu haben, ihr Geld vor den Steuer- oder Justizbehörden zu verstecken. Als ein Ergebnis der Aufdeckungen hat etwa der isländische Premierminister Gunnlaugsson seine Amtsgeschäfte vorübergehend abgegeben. Bislang dürfte aber nur ein Bruchteil der Skandale, die sich aus den Panama-Papers ergeben, an die Öffentlichkeit gelangt sein.

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Wir haben junge Leute in Zürich gefragt, was sie über die Panama-Papers wissen und was sie über die Veröffentlichungen und die Machenschaften der Weltelite denken. Vielfach scheint—ob aus mangelndem Interesse oder mangelndem Verständnis—das Wissen und die Empörung gering zu sein. Viele der jungen Menschen scheinen lethargisch akzeptiert zu haben, was manche Mächtige dieser Welt abziehen. Das mag daran liegen, dass es sich bei den Panama-Papers auf den ersten Blick nur um einen riesigen Haufen langweiliger Akten handelt. Es gibt nicht wie etwa bei den Anschlägen in Brüssel Bilder, zu denen jeder einen scheinbar direkten Bezug hat. Darum ist es unter Umständen schwierig, einen Bezug zu den Machenschaften zu finden.

Dabei wäre es wichtig, dass uns die Panama-Papers nicht am Arsch vorbeigehen. Hierzu müssen wir uns alle möglichst im Detail darüber informieren, was hinter dem Rücken der Gesellschaft vor sich geht und die derzeitige Aufdeckung nicht einfach als Tat der Lügenpresse abhaken und vergessen.

Mario, 27, Koch

Alle Fotos von VICE Media

VICE: Was weisst du über die Panama-Papers?
Mario: Ich habe schon von den Panama Papers gehört, vor allem bezüglich Sport. Soweit ich weiss, hat jemand das Handeln der Briefkastenfirmen aufgedeckt. Ich habe mitbekommen, dass Platini, Blatter und Kollegen auch wieder mit drinhängen. Es gibt aber bestimmt noch einige mehr, die darin verwickelt sind.

Hat diese Affäre dein Vertrauen in den internationalen Sport geschwächt?
Ich war vorher schon eher kritisch eingestellt, gerade was etwa Fussballverträge und die Formel 1 angeht. Darum war ich nicht wirklich überrascht. Bei der jetzigen Affäre kommt eben einiges ans Licht, das schon lange so läuft. Vor allem, dass einige Leute etwa ihr Gehalt oder Ablösesummen an den Steuern vorbeischmuggeln.

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Wenn du viel Geld hättest, würdest du dir auch eine Briefkastenfirma einrichten, um dein Geld an den Steuern vorbei zu bewegen?
Ich glaube, dafür hätte ich zu viel Schiss. Ich wäre nicht Mann genug, alles auf diese Weise zu riskieren. Ich glaube aber auch, dass viele der jetzt Betroffenen falsch beraten werden. Also dass sie eigentlich gar nichts Schlimmes machen wollten. Das ist natürlich eine schlechte Ausrede aber ich denke, die Sportler sind eigentlich viel mehr darauf bedacht, ihren Sport zu machen, statt sich um ihr Geld zu kümmern.
Was ich auch glaube ist, dass diejenigen, die sich um das Geld der Sportler kümmern, diese ganzen Dinge abgezogen haben. Vielleicht haben die Sportler auch einfach den falschen Leuten vertraut. Diese Leute haben ihnen wohl etwas gesagt wie: „Wir bewegen uns in einer Grauzone, aber das kann man schon machen."

Was sollte man deiner Meinung nach jetzt tun?
Man sollte genau nachforschen, wer diese Sachen in Auftrag gegeben hat und herausfinden, inwiefern die Sportler, die dadurch geschädigt wurden, auch wirklich involviert sind oder waren. Für die Öffentlichkeit ist es wichtig, dass diese Affäre wirklich Konsequenzen hat.

Was glaubst du, wird effektiv getan?
Gar nichts.

Patrick, 31, Consultant

VICE: Was weisst du über die Panama-Papers?
Patrick: Ich habe von den sogenannten Panama-Papers gelesen. Ich weiss also nur das, was in den Zeitungen steht. Was davon wirklich wahr ist, kann ich nicht beurteilen.

Was denkst du über Involvierung der Schweiz in diesem Skandal?
Die Frage ist immer: Was heisst „involviert"? Diese Informationen, die in den Panama Papers zitiert werden, stammen aus einer Anfrage, die aus dem Ausland kam und wir Schweizer haben dann die entsprechenden Daten zur Verfügung gestellt. Egal wie sehr wir involviert waren, kann man anhand von dem, was bekannt ist, keine Kurzschlussantworten geben. Ich möchte da gar nicht zu sehr werten.

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Hat diese Affäre dein Vertrauen in die Finanzmärkte, die Politik oder den internationalen Sport geschwächt?
Nein, im Moment weiss man noch nicht wirklich, was passiert ist und man kann niemanden dafür verurteilen, dass er einmal in einem Verwaltungsrat war.

Fühlst du dich als Steuerzahler hintergangen?
Nein.

Wenn du viel Geld hättest, würdest du dir auch eine Briefkastenfirma einrichten, um dein Geld an den Steuern vorbei zu bekommen?
Stand 2016 wahrscheinlich nicht mehr. Es gibt kein Gesetz, das verhindert, Steuern zu optimieren. Soweit ist Steueroptimierung als etwas völlig Legales. Wenn es irgendwann Gesetze gibt, die spezifische Wege zur Steueroptimierung verhindern, muss man sich natürlich an diese halten. Geldwäscherei zu betreiben ist verboten und da macht die Schweiz sehr viel, um die Geldwäscherei zu verhindern.

Was sollte man deiner Meinung nach jetzt machen?
Schauen, was effektiv passiert ist. Danach die Konsequenzen daraus ziehen und nicht einfach das Gefühl haben, mit irgendwelchen neuen Regulierungen könne man das Problem gleich lösen.

Edna, 20, Praktikantin in einer Videoproduktionsfirma

VICE: Was weisst du über die Panama-Papers?
Edna: Ich habe gestern im Büro von diesen Dokumenten gehört. Wir produzieren manchmal News-Videos und ein Kollege hat gemeint, wir könnten ein Video über die Panama-Papers machen. Man müsse sich einfach sehr gut informieren. Das habe ich aber nicht wirklich gemacht. Die Panama-Papers haben mit Steuerhinterziehung zu tun, oder?

Was denkst darüber, dass viele Firmen aus der Schweiz in diesen Skandal verwickelt sind?
Das ist doch typisch für die Schweiz.

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Hat diese Affäre dein Vertrauen in die Finanzmärkte und die Politik geschwächt?
Das mit den Finanzen ist derart komplex, dass viel hintenrum passiert. Die, die viel darüber wissen, nutzen eben aus, dass andere nichts darüber wissen. Meine Meinung hat sich insofern eigentlich nicht geändert.

Fühlst du dich als Steuerzahler hintergangen?
Ja, schon ziemlich.

Wenn du viel Geld hättest, würdest du dir auch eine Briefkastenfirma einrichten, um dein Geld an den Steuern vorbei zu bekommen?
Ich denke nicht. Ich weiss es zwar nicht, weil ich nicht in dieser Situation bin. Darum finde ich es schwierig, mich in diese Denkweise hineinzuversetzen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, soviel Geld zu haben.

Was sollte man deiner Meinung nach jetzt machen?
Man sollte etwas tun, das abschreckend wirkt. Die Schuldigen so hart bestrafen, dass es Signalwirkung hat und die Leute das dann vielleicht nicht mehr machen. Wenn die Strafen zu wenig abschreckend wirken, machen andere Firmen das vielleicht weiterhin. So ähnlich wie beim Doping.

Was wird deiner Meinung nach passieren?
Keine Ahnung.

Sarah, 32 Tätowiererin

VICE: Was weisst du über die Panama-Papers?
Sarah: Ich habe schon ein, zwei Berichte über die Panama Papers im Fernsehen gesehen. Es geht dabei darum, dass vor allem Leute, die eher viel Geld besitzen, sich Briefkasten-Firmen einrichten. In diese Firmen stecken sie ihr Geld. Dieses Geld wird aber nicht dort gelagert, sondern in andere Länder auf andere Bankkonten ausgelagert. Mit diesem Vorgehen wird die Spur dieses Geldes verwischt.
Wenn ich zum Beispiel so eine Briefkastenfirma hätte, wäre das nicht mein Geld, sondern es würde der Briefkastenfirma gehören und ich hätte einfach ein Bankkärtchen, mit dem ich von der Firma Geld abheben kann. Ich habe auch mitbekommen, dass viel von dem Geld schlussendlich auch in der Schweiz gelandet ist.

Was denkst du über die Rolle der Schweiz in diesem Skandal?
Surprise, Surprise—die verwundert mich nicht. Die Schweiz hatte schon immer die Fähigkeit, aus Situationen oder Gesetzeslücken Vorteile für sich zu ziehen. Hat diese Affäre dein Vertrauen in die Finanzmärkte und die Politik geschwächt?
Schockiert hat mich, dass das Ganze im Grunde legal ist. Wenn ich etwa Drogen verkaufen würde und mein Geld in Sicherheit bringen wollte, könnte ich dieses System ganz genauso nutzen. Fühlst du dich als Steuerzahlerin hintergangen?
Ja, klar. Wenn du viel Geld hättest, würdest du dir auch eine Briefkastenfirma einrichten?
So lange es legal ist? Selbstverständlich, ich bin doch nicht blöd. Was sollte man deiner Meinung nach jetzt machen?
Entweder man belässt solche Konstrukte im legalen Bereich, dann muss ich mir auch eine solche Firma zutun, oder man schliesst eben diese Lücken. Dafür muss international enger zusammengearbeitet und mehr Transparenz hergestellt werden. Mir ist aber auch klar, dass die Schweizer Banken darunter leiden würden. Das Ganze Ist ein heikles Thema, zum Glück bin ich keine Politikerin. Was wird deiner Meinung nach passieren?
Ich glaube, dass erstmal lange nichts passieren wird Folge Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland