Mark Allen Johnson fotografiert alles Verbotene

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Mark Allen Johnson fotografiert alles Verbotene

In Kriegsgebieten zu fotografieren und dann die SD-Karten sicher nach Hause zu bringen, klingt nach einer schweren Aufgabe. Doch Mark hat uns verraten, dass nichts schwerer wiegt, als die große Liebe zu verlieren.
18.9.15

Das dort auf dem Bett ist Mark Allen Johnson, mit einem Haufen brauner Päckchen neben sich, die mit großer Wahrscheinlichkeit Drogen enthalten. Denn das ist, was Mark macht. Er begibt sich in Gefahrensituationen, fotografiert alles und jeden und schafft es dann irgendwie, seine SD-Karten samt seinem Arsch sicher nach Hause zu bringen. Dieses besondere Talent hat den Fotografen und Producer zum Liebling von Medienunternehmen wie Discovery Channel, Maxim und Rolling Stone gemacht. Und jetzt auch von mir, obwohl er von mir kein Geld bekommen hat. Stattdessen habe ich ihn gefragt, warum er so besessen von Kriminalität ist, wie er das Vertrauen von Verbrechern gewinnt und wie es in seinem Inneren aussieht, wo er so viel Zeit mit Despoten, Drogenbossen und Killern verbringt. Wie wird man da nicht wahnsinnig? Seine Antworten waren allesamt aufschlussreich. Am spannendsten war aber die Erkenntnis, dass einem in die Brüche gehende Beziehungen manchmal mehr zusetzen können als Kriegsgebiete.

VICE: Hallo Mark, warum bist du so besessen von Kriminalität?
Mark Allen Johnson: Nun ja, ich hatte keine leichte Kindheit. Ich hatte lange Zeit das Tourette-Syndrom und lebte in der Pampa außerhalb von Seattle, weswegen ich sehr isoliert war. Weder die Schulen, die Behörden noch meine Eltern konnten mich wirklich verstehen. Ich war einfach der Aussätzige. Meine Familie ist ganz anders als ich. Es sind einfach nur arbeitsame Durchschnittsamerikaner, die nicht gerne Risiken eingehen, und an ihrer Seite habe ich mich immer furchtbar einsam gefühlt. Darum hatte ich als Kind auch vor fast allem Angst. Irgendwann dachte ich mir dann, dass es an der Zeit ist, den scheinbaren Gefahren nicht länger aus dem Weg zu gehen, sondern mich ihnen zu stellen. Und sobald ich anfing, Menschen, die mir Angst machten, auf die Pelle zu rücken, stellte ich fest, dass ich mit ihnen eine Menge Gemeinsamkeiten habe. Das war das erste Mal, dass ich mich mit einem anderen Menschen verbunden fühlte. Und dann wurde ich süchtig nach der Gefahr.

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Was war deine erste Geschichte?
Eine meiner ersten Geschichten war in einem Gefängnis. Damals war das mediale Interesse für Gefängnisse noch überschaubar, also gab es auch viel weniger Drehanfragen. Darum haben sie auch jemanden wie mich reingelassen. Dafür musste ich mir aber auch eine Menge an Fakten ausdenken, vor allem hinsichtlich meiner Arbeitserfahrung. Ich will aber an dieser Stelle unbedingt betonen, dass ich niemals Menschen, die ich interviewe, in irgendeiner Form Lügen auftische.

Lass uns darüber sprechen, wie du das Vertrauen von Leuten gewinnst. Was ist dein Geheimnis?
Ich sehe Journalismus so ähnlich wie die Herausforderung, eine Frau zu erobern. Du bist in einer Bar, gehst zu einer Dame rüber und fragst dich: „Wie kann ich die ins Bett kriegen?" Wenn du dich mit sensiblen Themen beschäftigst, musst du dich selbst fragen, was du sagen musst, um einen Fuß in die Tür zu bekommen. Was will mein Gegenüber? Wenn du dir nicht überlegst, was dein Gegenüber von deiner Geschichte hat, wird die Geschichte niemals zustande kommen.

Du hast für den Discovery Channel eine Story über einen Typen produziert, der illegale Steroide produziert. Wenn wir deine Frauen-erobern-Metaphorik anwenden, wie hast du diese Geschichte eingetütet?
OK, eines vorweg, ich bin ein Verfechter der These, dass ein jeder seine Geschichte erzählen will. Beim Typen mit den Steroiden war der Schlüssel, viel Zeit mit ihm zu verbringen, ihn gut kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Ich habe das Thema Filmen von mir aus nie angebracht. Ganz im Gegenteil, nach einer Weile kam er auf mich zu und wollte wissen, was ich von ihm halte und ob ich ihn interessant finden würde.

Was hätte er von einer möglichen Geschichte gehabt?
Nun ja, was ich von Kriminellen gelernt habe, ist die Tatsache, dass sie sich in dem, was sie machen, für sehr gut halten. Das Problem ist, dass sie ihre Erfolge mit keinem teilen können. Genau das war der Schlüssel beim Steroiden-Produzenten. Er wollte unbedingt seine Geschichte loswerden, und das am liebsten gegenüber einem Typen, der ihn nicht verurteilen würde. Er wollte ein bisschen Fame, ein bisschen rumprahlen. Ich will ja nicht angeben, aber ich bin überzeugt davon, dass ich einen jeden dazu bringen kann, mir so ziemlich alles anzuvertrauen, wenn man mir genügend Zeit gibt.

Hast du nie Angst?
Ich habe immer Angst, aber am meisten Angst habe ich vor meinem eigenen Urteil, wenn ich mal scheitere. Ich musste vor Kurzem gleich ein paar Mal einen Rückzieher machen, weil ich gemerkt hatte, dass die Situation zu riskant geworden war. Und das war das Schlimmste für mich, denn am meisten fürchte ich mich vor meinem eigenen Urteil.

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Wie erholst du dich von deinen Erlebnissen?
Nur schlecht. Die Erlebnisse der letzten Jahre haben gewissermaßen mein Leben zerstört. Es ist fast so wie eine Drogenabhängigkeit. Nichts ist mehr für mich reizvoll oder interessant, wenn es nicht riskant ist.

Hört sich furchtbar an.
Ja, das ist es auch. Und noch was: Ich war in einer Beziehung mit der wohl tollsten Frau des Universums. Es gab nur einen Haken an der Sache: mich. Ich kann einfach nicht entspannen, ich kann mich einfach nicht an einen scheiß Strand legen und die Eier baumeln lassen, und genau diese Rastlosigkeit hat meine Beziehung zerschossen. Meine Ex-Freundin war immer für mich da. Dasselbe habe ich ihr auch gesagt, nur dass es bei mir nicht gestimmt hat. Ich brauchte immer den Kick, sei es in Form einer neuen Frau oder einer neuen Story. Ohne Herausforderungen im Leben, also wenn alles einwandfrei läuft, komme ich nicht klar. Ich suche immerzu nach neuen Herausforderungen und das schlaucht.

Bist du fündig geworden?
Leider nicht.

Würdest du beruflich zurückstecken, um deine Ex zurückzuerobern?
Das würde ich wohl, aber … Lass mich das so sagen: Ich hoffe, das klingt nicht komisch, aber alles, was ich habe, ist mein Selbstbewusstsein. Nur aufgrund meines Selbstbewusstseins schaffe ich es, das Vertrauen von Kriminellen zu gewinnen. Es war auch mein selbstbewusstes Auftreten, mit dem ich meine Ex erobern konnte. Wenn ich mein Selbstbewusstsein aufgebe, würde ich mein wichtigstes Erfolgsrezept aufgeben und ebenso den wichtigsten Teil von mir selbst. So sieht's leider aus.

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Wenn deine Ex dieses Interview lesen würde, was würdest du ihr sagen wollen?
Ich würde ihr sagen, … das Einzige, vor dem ich mich mehr als vor mir selbst gefürchtet habe, war der Gedanke, dir nicht genug Liebe entgegenzubringen. Und weil ich mich dieser Angst nicht gestellt habe, habe ich dich am Ende verloren.

Danke für deine sehr ehrlichen Antworten.
Kein Thema, wem vertraut man solche Sachen lieber an als einem Wildfremden?

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