​Neuer Name, alter Hass: In Frankfurt hat niemand Bock auf Pegida 2.0
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​Neuer Name, alter Hass: In Frankfurt hat niemand Bock auf Pegida 2.0

Die „Freien Bürger" mussten von ihrer eigenen Kundgebung fliehen.

Pegida hat es in Österreich nicht leicht. Nicht nur bleiben immer mehr Teilnehmer zu Hause, sondern auch der Sprecher Georg Nagel hat abgedankt. Auch in Deutschland kämpft die Organisation mit Uneinigkeiten.

Doch die Frankfurterin Heidi Mund hat trotzdem noch nicht genug. Nachdem die Organisatorin des Frankfurter Pegida-Ablegers „Fragida" sich mit dem Dresdner Dachverband zerstritten hatte (was zu Pegida-Hochzeiten kein seltener Vorgang war—die Dresdner distanzierten sich so routinemäßig von ihren regionalen Imitatoren, dass wir dazu extra ein Schaubild gemacht haben), rief sie kurzerhand die „Freien Bürger für Deutschland" ins Leben.

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Unter dem neuen Namen hatten die Islamgegner dann trotzdem Montag für Montag demonstriert—wobei jedes Mal weniger Teilnehmer auftauchten. Um dem ganzen neuen Schwung zu verleihen, verlegte man die Demo diesmal also kurzerhand auf den Samstagnachmittag. Möglicherweise hatte man auch gehofft, dass weniger Gegendemonstranten kommen würden, wenn man die Demo genau zu der Zeit veranstaltet, zu der die Eintracht spielt.

Alle Fotos: Ben Kilb

Richtig funktioniert hat beides nicht: Letztlich reichte der von den Organisatoren mitgebrachte Kuchen für die maximal 40 Rentner, rechtspopulistischen Szene-Größen und finster drein blickenden Kastenköpfe. Auf der anderen Seite haben sich um die 1.000 Gegendemonstranten versammelt (die Polizei sprach später von 350, die meisten Journalisten und ich haben aber deutlich mehr gesehen).

Die Kundgebung der Freien Bürger startet dann auch stilgerecht: Der erste Redner auf dem Frankfurter Roßmarkt trägt Jogginghosen, redet wie ein Jugendlicher aus einem Brennpunkt und nennt die meisten Asylbewerber „Parasiten". Er wirkt wie eine Mischung aus Halbstarkem und rechtem Hassprediger. Sein Auftritt war ein verzweifelter Versuch, für ein wenig Street-Credibility in Frankfurts bunter Innenstadt zu sorgen.

Links: der unbekannte Volkstribun. Rechts steht Christina Anderson.

Ich möchte dennoch unvoreingenommen über die Kundgebung berichten. Sie machen es einem aber nicht unbedingt leicht: Die Rednerin Christine Anderson (der bei einer der letzten Montagsdemos ein faustgroßer Stein gegen den Kopf geworfen wurde), bezeichnet junge Syrer als „feige Hunde"—weil die ihre Familien in dem Bürgerkriegsland zurückgelassen hätten.

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Michael Stürzenbergers Einfluss jedoch ist größer, ich höre genauer hin. Der Bundesvorsitzende der rechtspopulistischen Kleinpartei „Die Freiheit" aus München und Autor im islamfeindlichen Blog Politically Incorrect warnt vor einer muslimischen Invasion Deutschlands, die ein osmanischer Sultan angeblich bereits vor Jahrhunderten geplant habe. „75 Prozent der Asylbewerber sind Muslime, die uns terrorisieren wollen. Wollt ihr Bestandteil eines islamischen Großkalifats sein?", fragt er. Stürzenbergers gebrüllte Wollt-ihr-das-wollt-ihr-dies-Fragen und Gestiken erinnern an eine berühmte Rede im Berliner Sportpalast. Ich schaue mich im Feindeslager um.

Michael Stürzenberger in Fahrt

Die Gegendemonstranten haben sich rund um den Roßmarkt versammelt und rufen so laut „Halt die Fresse", dass Stürzenbergers Stimme nicht mal bis zum Sicherheitszaun reicht. Als ein paar Gegendemonstranten versuchen, die Polizeilinien zu durchbrechen, antworten die Sicherheitskräfte mit Tränengas, zwei Gegendemonstranten werden festgenommen.

Ein Freier Bürger schwenkt unterdessen weiterhin fröhlich seine Deutschlandfahne. Obwohl mir die anderen Journalisten wenig Hoffnung auf einen Interview-Erfolg mit ihm gemacht haben, spreche ich ihn an. Ich möchte wissen, warum Pegida-Demos im Osten weit mehr Menschen anziehen als in Frankfurt. „Weil man dort ein besseres Gespür für aufkommende Diktaturen hat", entgegnet der Mann auf Schwäbisch. In Frankfurt würden sich außerdem viele nicht zu Freien-Bürger-Demos trauen, weil sie Angst hätten, fügt er hinzu.

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Nachdem Michael Stürzenberger jede Moschee als Kaserne für muslimische Soldaten bezeichnet und vor „Hunderttausenden Eroberern aus Nordafrika" gewarnt hat, kommt Edgar Baumeister auf mich zu und möchte mir weismachen, dass hier keiner hetzt. Der baden-württembergische Vorsitzende der „Freiheit" erzählt mir, dass 90 Prozent der deutschen Bevölkerung Thilo Sarrazins Integrationsthesen zustimmten. Die Zahl der Teilnehmer sei deshalb so niedrig, weil viele Deutsche einfach keine Ahnung hätten. Daher sei es auch „lächerlich", dass seine Mitstreiter „Wir sind das Volk" skandierten.

Aber gerade, als ich mich darüber wundere, dass Baumeister sich so unbefangen mit mir unterhält, stürzt eine Wutbürgerin auf uns zu und behauptet, dass doch auch mein Chefredakteur Rechenschaft vor der Kanzlerin ablegen müsse [das stimmt, täglich, Anm. d. Red.]. Da ich ihr vorwerfe, die Wahrheit gepachtet zu haben, und mir mit einem anderen Verschwörungstheoretiker ein Wortgefecht liefere, ziehe ich die Blicke der übrigen Freien Bürger auf mich. Edgar Baumeister kann gerade noch deeskalieren. Dann ist die Kundgebung beendet.

Der heikelste Teil steht den Freien Bürgern allerdings noch bevor: Beim Versuch, die Absperrzone zu verlassen, werden einige von ihnen bespuckt. Der Fahrer des weißen Mercedes Sprinter, den die Bewegung für ihre Kundgebungen nutzt, verlässt den Roßmarkt mit quietschenden Reifen und überfährt bei seiner Flucht eine rote Ampel.

Auch wenn die Kundgebungen der Freien Bürger in Frankfurt nach wie vor auf großen Widerstand stoßen: Die Islamfeinde und ihre Gegner sind sich letztlich in einer Hinsicht einig: „Die Teilnehmer bei ihren Demos mögen weniger werden. Ihr Gedankengut aber schlummert in vielen deutschen Köpfen. Jene Kultur des Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfens", findet die Gegendemonstrantin Sabine (52). Solange die Freien Bürger und noch rechtere Gruppen demonstrierten, werde sie dagegen auf die Straße gehen, verspricht die Frankfurterin: „Und auch danach noch."

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