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Ein alter Mafia-Gangster steht jetzt wegen des großen Flughafen-Raubs aus ‚Goodfellas‘ vor Gericht

Der inzwischen 80-jährige Vincent Asaro gehört schon lange zum New Yorker Bonanno-Clan und wurde jetzt wegen seiner angeblichen Beteiligung am berüchtigten Lufthansa-Raub angeklagt.
22.10.15

Vincent Asaro bei seiner Verhaftung | Foto: Reuters | Brendan McDermid

In Martin Scorseses 90er-Jahre-Gangsterfilm-Klassiker Goodfellas durchbricht das Mafia-Mitglied bzw. der Informant Henry Hill (gespielt von Ray Liotta) die vierte Wand und starrt direkt in die Kamera, als er gegen seine ehemaligen Kollegen aussagt.

„Wir mischten überall mit. Wir schmierten die Bullen, wir schmierten die Anwälte, wir schmierten die Richter. Darauf war Verlass, alle hielten die Hand auf. Mit Geld klappte einfach alles. Und jetzt ist alles vorbei."

Im echten Leben haben Hills Aussagen über seine Mitwirkung beim organisierten Verbrechen zu 50 Verurteilungen von hochrangigen Gangstern geführt—inklusive James „Jimmy the Gent" Burke (gespielt von Robert De Niro). Kein Gangster ist jedoch jemals für den Lufthansa-Raub von 1978, bei dem man am New Yorker JFK-Flughafen die damalige Rekordsumme von sechs Millionen Dollar erbeutete, vor Gericht gestellt worden.

Bis jetzt.

Am Montagmorgen feierte die amerikanische Gangster-Subkultur von Schmiergeldern, Auftragsmorden und halb ernst, halb scherzhaft gemeinten Drohungen in einem Gerichtssaal des New Yorker Stadtteils Brooklyn ihr Comeback. Der erste Verhandlungstag gegen den 80-jährigen Vincent Asaro, ein langjähriges Mitglied der berüchtigten Bonanno-Familie, sorgte für ein großes Spektakel—vor allem in einer Zeit, in der einem die Macht der Mafia eigentlich nur noch durch Wiederholungen alter _Sopranos_-Folgen oder durch Hollywood-Blockbuster ein Begriff ist.

Asaro, den man bereits mehrmals aufgrund von Mob-Aktivitäten verurteilt hatte, wurde letztes Jahr verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, einen Teil des 1978 erbeuteten Bargelds und der Juwelen direkt in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Außerdem steht er jetzt noch wegen des Mordes an einem Mann vor Gericht, den die Familie Ende der 60er Jahre für einen Informanten namens Paul Katz hielt und deswegen umbrachte.

Asaro selbst bestreitet alle Vorwürfe und plädiert auf nicht schuldig.

Laut Gaspare Valenti, einem Cousin Asaros und gleichzeitig FBI-Informanten, machte der Gangster selbst jahrelang ein Geheimnis aus seiner Beteiligung am Raubüberfall, während die Welt des organisierten Verbrechens um ihn herum zusammenbrach. Nachdem Valenti 2013 wegen diverser Vergehen verurteilt worden war, willigte er ein, ein Abhörgerät zu tragen und Asaro ein Geständnis zu entlocken. So wurde dann aufgezeichnet, wie Asaro wohl laut und deutlich sagte, dass James Burke die ganze Beute selbst behalten hätte und die anderen nicht das bekamen, was ihnen eigentlich zustand.

1978 hatte die Bonanno-Familie—eine der berüchtigten „Five Families"—im Einzugsgebiet des JFK-Flughafens das Sagen. Anscheinend gaben sie Vertretern der Lucchese-Familie ihren Segen—nahestehende und von Burke angeführte Gangster, die schließlich die am Raubüberfall beteiligten Menschen umbringen ließen, weil die mit ihrem plötzlichen Reichtum Burkes Meinung nach zu viel Aufmerksamkeit erregten (Burke selbst wurde in den 80ern wegen Spielmanipulation und Mordes verurteilt). Zum Zeitpunkt des Raubs war Asaro nur ein weit unten stehender Bonanno-Handlanger und als er seinen Teil der Beute überreicht bekam, gab er der Staatsanwaltschaft zufolge einen Aktenkoffer voller Gold und Diamanten direkt an Joseph Massino weiter—den ehemaligen Boss der Familie.

Die Staatsanwaltschaft sagt weiter, dass Asaros Anteil später für dessen immer stärker werdende Spielsucht draufging. Nachdem er in den darauffolgenden Jahren zu einem vollen Mitglied der Mafia geworden war, machte man Asaro aufgrund seiner „Spielsucht und Schulden" wieder zu einem Handlanger.

2013 war ein Großteil der Bonanno-Familie jedoch entweder hinter Gitter oder als Spitzel tätig und Asaro hatte seine Position als „Captain" wieder inne—er war inzwischen sogar zu einem Teil des sogenannten „Panels" geworden, das sich um die Angelegenheiten des Clans kümmerte. Als er im darauffolgenden Jahr verhaftet wurde, kassierte man die „Made Men", die ihn wieder zu einem wichtigen Teil der Mafia-Nahrungskette machten (darunter auch Asaros Sohn Jerome), gleich mit ein.

In ihrem Eröffnungs-Statement sprach die Generalbundesanwältin Lindsay K. Gerdes davon, dass Asaro schon seit Langem dafür bekannt sei, sich Geld von Leuten zu leihen und seine Schulden dann nie zu begleichen. Asaros Anwältin Diane Ferrone meinte zu dessen Verteidigung, dass die Behörden keine Beweise vorlegen könnten, die Asaro tatsächlich mit dem Verbrechen in Verbindung bringen, und dass man ihren Mandanten als unschuldig ansehen sollte, bis die Schuld tatsächlich bewiesen ist. Außerdem hielt sie die Geschworenen an, eine Entscheidung auf der Grundlage zu treffen, was die Regierung nicht aufzeigen kann.

Kurz darauf betrat Sal Vitale, ein ehemaliger Underboss der Bonanno-Familie und Massinos rechte Hand, in den Zeugenstand. Seine Stunden andauernde Aussage war dabei eine aufsehenerregende Einführung in die Mafia-Welt—er erklärte nämlich ausführlich, wie dort alles abläuft, wer wie umgebracht wird und natürlich auch wer davon profitiert.

„Geld geht nach oben, Befehle gehen nach unten", meinte er dabei.

Schließlich hing Vitale Asaro den Raubüberfall direkt an und sagte aus, dass er sich zusammen mit Massino in einem Auto befand, als Asaro ihnen den Aktenkoffer voller Gold und Diamanten aus den Lufthansa-Tresoren überreichte. Die wertvolle Ware wurde später anscheinend in Chinatown weiterverkauft.

Kurz nach der Jahrtausendwende wurde Vitale von den Behörden als Informant eingesetzt und später nach einer siebenjährigen Haftstrafe wieder freigelassen. Heute ist er Teil eines Zeugenschutzprogramms (gegenüber dem Gericht meinte er jedoch, dass er immer noch in Gefahr sei) und während seiner Aussage erwähnte er ganz nebenbei, dass er bei elf Morden seine Finger im Spiel gehabt hätte. Zu seinen weiteren Verbrechen zählen unter anderem Erpressung, Glücksspiel, Kreditbetrügereien und Einschüchterung.

In den kommenden Tagen sollen Joseph Massino und auch Valenti (der eigentlich erst alles ins Rollen brachte) vor Gericht aussagen. Asaro selbst wird wohl nicht in den Zeugenstand treten.

Selbst wenn sich diese alternden Gangster nur an die Überbleibsel der einst berüchtigten kriminellen Unterwelt hängen sollten, so wurde die Mafia-Maschinerie am Montag doch im Präsens erklärt. Die erschreckenden Morde und die Pläne zur Geldmacherei gehören nun nicht mehr zum Inhalt des Abfalleimers der Geschichte—zumindest so lange, wie Vincent Asaros Gerichtsverhandlung noch andauern wird.